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Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

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Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon zuspieler » 2. Dezember 2017, 08:32

Für alle, die unser Format “Thema des Monats” noch nicht kennen, unter viewtopic.php?f=63&t=391131 gibt es mehr Informationen dazu.

-> Zum Schnelleinstieg in die Diskussion:
viewtopic.php?f=22&t=391592&p=432538#p432538 <-

Vor etwa vier Jahren startete Guido Heinecke, damals noch Chefredakteur von TricTrac Deutschland, heute Geschäftsführer Spiel des Jahres, eine Diskussion über den Spielejournalismus. Seitdem ist viel passiert.

Es gibt zahlreiche neue Blogs und YouTube-Kanäle, Tom Felber hat seine Kolumne in der gedruckten Ausgabe der NZZ verloren und veröffentlicht einen Großteil seiner Artikel nun im Netz, Udo Bartsch ist Chefredakteur der SPIEL DOCH! geworden, das ZDF startete die Unterhaltungssendung Das Spiel beginnt!, Hunter & Cron haben auf YouTube mehr als 22.000 Abonnenten und so weiter und so fort.

Aber haben sich auch die Darstellungsformen geändert? Peer Sylvester hat sich darüber in seinem Blog neulich Gedanken gemacht Er schreibt über den New Boardgame Journalism:

Peer Sylvester hat geschrieben:Abgeleitet war der von der neuen Bewegung im Computerspielbereich, wo es weniger darum gehen sollte, Polygone und Endgegner zu zählen, sondern sich bitteschön wieder mehr auf das Spielgefühl zu beschränken. Aber das war nicht alles!(*) – sehr, sehr schnell wurde der gewonnene Platz dazu genutzt das Spiel tatsächlich von kultureller Warte her zu besprechen. Das konnte eine Einordnung in das Genre sein, das konnte ein Beschäftigen mit der Gewalt in dem Spiel sein (etwa bei Egoschootern) oder auch eine generelle Beschäftigung mit dem Thema oder der Spielperspektive, die man einnimmt: Wen spiele ich da eigentlich und was macht das Spiel dadurch mit mir? (Das klingt jetzt durch die Verkürzung vielleicht schrecklich pädagogisch, klappt aber in der Praxis recht gut)

Das Problem ist jetzt, dass letzteres in vielen Brettspielrezensionen komplett fehlt.

Den kompletten Artikel findet ihr unter https://www.spielbar.com/wordpress/2017/11/26/16919. Ist es wirklich so, dass "letzteres in vielen Brettspielrezensionen komplett fehlt"? Und falls ja, ist das schlimm? Darüber wollen wir diesen Monat diskutieren.

Und für alle, die die damalige Diskussion nicht mitbekommen haben, hier erstmal etwas Lesestoff zum Einstieg. :D

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon zuspieler » 2. Dezember 2017, 08:35

Anmerkung: Alle Hervorhebungen waren nicht im Original-Artikel enthalten, sondern stammen von mir.

Guido Heinecke hat geschrieben:New Boardgame Journalism - nötig?
Artikel vom 21.11.13:


Seit März 2004 gibt es bei den Kollegen drüben in der digitalen Sparte - das sind die mit dem blinkenden Apparaten und den zuckenden Kontrollern - den Begriff des "New Games Journalism". Geprägt hat ihn der britische Spielejournalist Kieron Gillen - und damit eine neue Bewegung im Schreiben über Computerspiele geschaffen, http://gillen.cream.org/wordpress_html/ ... ournalism/. Oder wenigstens benannt.

Dieser neue Ansatz von Kulturjournalismus in digitalen Games hatte sein Vorbild in einem neuen Reportagestil mit subjektiven Duktus und starken literarischen Anleihen. Entstanden in den 60ern, warf diese neue Art zu schreiben die journalistischen Konventionen über Bord und nahm den Leser ganz persönlich an die Hand. Um eine lange Geschichte kurz zu fassen: Die Computerspiel-Journalisten griffen - vor allem online - diese Idee rasch auf und berichteten plötzlich nicht mehr über Zahlen und Daten in ihren Rezensionen, sondern versuchten durch Selbstreflexion der Seele eines Spiels auf den Grund zu gehen: Was passiert mit mir, wenn ich spiele? Welche Gefühle kommen auf, was fasziniert?

Insbesondere die Veteranen der Szene belächelten diese arroganten Fatzkes mit ihrem elitär-hippen und dabei doch beneidenswert intimen Geschichten. Heute, im Jahr 2013, stehen bei den Onlinemagazinen genau diejenigen ganz tief in den Herzen der Leser, die zu einem großen Teil ihre Art des New Games Journalism entwickelt haben: Polygon, Rockpapershotgun und hierzulande Superlevel.

Und wir?
Diese berechtigte Frage sei erlaubt. Überlegen wir mal: Was können wir, die Brettspiel-Journalisten, denn von den Kollegen mit den Konsolen und den Let'sPlay-Videos lernen? Braucht es nicht auch einen "New Boardgame Journalism"?

Auch bei uns überwiegt noch der klassische (und langatmige) Rezensions-Stil und traditioneller Branchenjournalismus. Die großen Magazine machen es vor: Spielbox, Fairplay. Das ist alles sehr solide und wird von mir hier in keinster Weise in ein schlechtes Licht gestellt. Und schaue ich mir den guten Sebastian vom Zuspieler-Medienimperium an, dann brauche ich keinem zu erklären, dass der Mann die Szene durch jede Menge richtig guter Geschichten bereichert hat.

Ich wünsche mir aber mehr Nähe. Ich meine: Es gibt so viele Rezensionsseiten im Internet, die vor allem eins sind: Engagiert. Wahnsinn, wie viel Zeit und Energie da in Freizeitprojekte gesteckt wird. Aber viele sind auch etwas anderes: Langweilig. Immer wieder kritisiere ich den berühmten 10-80-10-Stil vieler Seiten. Das sind zehn Prozent Einleitung, achtzig Prozent Regelparaphrase und zehn Prozent Bewertung. Am besten noch mit Punkten. Denn, liebe Autoren, ihr klaut den Lesern Zeit. Deswegen scrollen die alle zum letzten Absatz runter und überfliegen das Resümee. Habt Ihr dafür so viel Zeit beim Schreiben vergeuden wollen? Ich denke nicht.

Ich fasse mich mal an die eigene Nase, will mich allerdings nicht selbst auf einen Sockel stellen: Ich rezensiere nicht oft. Ja, nun wird das hier langsam mehr. Hat auch seine Gründe, wegen der Jury und so. Im Juni 2012 habe ich dazu eine Artikel geschrieben, der jetzt umso mehr gilt wie einst:

"Wenn ich etwas über Spiele schreibe, dann haben diese bereits das erste Ausschlusskriterium bestanden: Sie taugen was. Über schlechte Spiele schreibe ich nicht. Das bringt keinem etwas, kostet nur zu Zeit und wird obendrein eh nicht gelesen. Gute Verrisse sind eine ganz hohe Kunst, die mir auch nicht immer gelingen will, ich gebe es zu. In der heutigen Flut an Neuheiten, denke ich, ist ein schlechtes oder mittelmäßiges Spiel alleine durch Nichtbeachtung abgestraft."


So viel zur Motivation. Aber wie muss eine in meinen Augen gute Rezension aussehen? Ich zitiere wieder:
"Sie fußt auf der Auswertung der Interaktion, nicht nur der Betrachtung von Form und Inhalt. Ich orientiere mich in meinen Kritiken an der Kunst. Ein Spiel hat entsprechend schon materiell mehrere Ebenen, die es zu analysieren gilt: Ein Autor erfindet den formalen Mechanismus, ein Illustrator gibt dem Ganzen ästhetische Gestalt. Das will beschrieben werden.


Als viel wichtiger erachte ich allerdings ein Phänomen, das eigentlich aus der Kunst- und Literaturtheorie stammt: Ich nenne es die Rezeptionsästhetik des Spiels. Gemeint ist damit nicht der Gegenstand an sich, also das Spiel als Schachtel plus dessen Mechanismensystem, sondern das, was sich in mir als Spieler dabei entwickelt. Und das dehne ich zeitgleich aus auf die Stimmung am Spieltisch. Also: Wie wirkt das Spiel in seinem Ablauf und erzeugt damit Spaß oder Unlust bei seinen Rezipienten - Wie kommuniziert es mit uns Spielern?

Es geht darum, in einer Kritik möglichst plastisch zu beschreiben, was am Spiel Spaß macht, warum es Euch ebenfalls Spaß machen wird und – wenn der Rezensent ein erfahrener Veteran der Szene ist – in welchem Kontext zu anderen Werken des Autors oder ähnlichen Spielen es steht. Da steckt durchaus viel Leistung hinter, siehe die fachkundigen Texte in der Spielbox.

Wir schreiben über Spiele. Nicht über Aktienkurse. Es ist essentiell zu beschreiben, was das Spiel mit uns individuellen Menschen macht. Wir spielen zur Erholung, nicht um die Schrecken moderner Kriegsführung zu verstehen. Ihr Leser wollt wissen, ob es der Titel bringt, Euch Eurem Geschmack entsprechend zu unterhalten. Ich erzähle Euch, wie das bei uns war – so, wie ich es einem guten Freund erzählen würde. Und da will auch die Form unterhaltsam zu lesen sein."
So soll für mich der "New Boardgame Journalism" aussehen. Und schaue ich mir die Szene an, erkenne ich da durchaus Bewegung. Udo Bartsch brachte uns allen das Lachen beim Lesen wieder bei, Sarah Kestering nimmt uns mit zu ihren Spieletreffs in Skye und mit Daniela, Martin Klein kriecht vor lauter Subjektivität schon fast aus meinem Bildschirm hervor oder die Oldenburger Pöppelhelden holen tief Luft, um mit langem Atem und viel Charme aus ihrem Kreis lebendig zu erzählen. Matthias Nagy ist manchmal so wirr wie gut informiert, das Ehepaar Nos legt immer direkt ein paar Spielstrategien bei. Wir sehen: Es tut sich was.

Und wenn bei den PC-Spielen die Let's Play-Filme von jugendlichen Hobbygamern in fünfstelligen Zahlen abonniert werden, dann weiß ich, dass auch bei YouTube die Zukunft liegt. Will Wheatons Tabletop hat es vorgemacht. Die Briten von Shut Up & Sit Down sind super telegen. Ich warte auf die ersten wirklich sehenswerten Brettspiel-Partien, die Unterhaltung mit Information kombinieren. Statt monologisierender Menschen vor Spieleregalen.
Ich weiß selbst, dass solche Nahaufnahmen und rezeptionsästhetischen Analysen von Spielen und aus der Szene nicht einfach zu schreiben sind, manchmal nicht passen oder Autoren überfordern können. Das geht mir ja genauso, nicht immer gelingt es, dem eigenen Anspruch zu genügen. Auch ich hab Stories hier auf Tric Trac, auf die ich stolz bin, andere wiederum liegen zurecht inmitten von drei Jahren (und bald in die Tausender gehenden) Artikeln verschüttet. Die Tagesform spielt auch eine Rolle. Und mein Kaffeekonsum.

Aber: Wenn wir uns alle bemühen, tolle, persönliche Geschichten zu erzählen statt kalter Warentests und Nullachtfuffzehn-Reportagen, gewinnen doch alle. Oder?

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon zuspieler » 2. Dezember 2017, 08:38

Guido Heinecke hat geschrieben:Update 1 am 26.11.13:
Interessanterweise - und zum Glück - hat der Artikel relativ hohe Wellen geschlagen. Ich bin froh darüber, denn die wertvolle Diskussion unter anderem hier in den Kommentaren zeigt mir, dass ich damit einen offenen Nerv getroffen habe.

Zum Beispiel nehmen sich die Jungs und Mädels von Cliquenabend das Thema zu Herzen und kündigen eine Umstellung ihres Stils an, http://www.cliquenabend.de/news/510600- ... nline.html. Bravo!

Und mein lieber Kollege Michael Weber vom Reich der Spiele (wann habe ich ihn eigentlich das letzte mal gesehen?) hat sich zu all dem ganz eigene Gedanken gemacht, https://www.reich-der-spiele.de/special ... urnalismus. Er greift die Situation bei den Wurzeln: Auf den Resten der allmählich Verschwindenden Spielerezensionen in Tageszeitungen und Magazinen schießen regelmäßig Rezensionsseiten wie Pilze aus dem Boden. Und diese Seite von Hobby-Schreibern und Fans verändern auch den Spiele-Journalismus. Wie ich bereits schrieb, demokratisieren Blogs das einfach Publizieren. Ein Journalist ist man dann noch lange nicht. Das sagt Michael in seinem Artikel und ich gebe ihm Recht. Aber vielleicht hat auch nicht jeder solch einen Anspruch an sich und es soll eine Liebelei bleiben, ein Ausdruck der innigen Liebe zum Hobby.

Michael behauptet aber auch, dass ein "New Boardgame Journalism" in der Form, wie es bei den PC-Konsoleros üblich ist, für uns nicht passe. Man könne nicht einen emotionalen Ritt durchs Spielgefühl postulieren und dann die objektiven Details weglassen. Wenn also die Regel Mist ist. Oder der Mechanismus geklaut, die Plättchen zu dünn, das Gelb zu nah am Grün.

Generell fehle, so lese auf Reich-der-Spiele.de, den meisten das professionelle Handwerkszeug. Das mag stimmen, wer die oft zitierte "Flotte Schreibe" hat, der ist vermutlich damit auch in irgendeiner Form beruflich verbunden.
Ich will mein Traktat für einen neuen Weg der Spielerezensionen damit nicht über den Haufen werfen. Berndward Thole hat mal in den Achtziger Jahren einen ellenlangen Aufsatz geschrieben, wie eine Rezension auszusehen habe, wie sie Querverbindungen knüpfen soll, das Autorenwerk mit einbezieht und gar wissenschaftlich interdisziplinär arbeiten soll. Das war in den goldenen Tagen der Brettspielrezensionen. Heute muss das anders laufen.

Ich bin immer noch für eine neue Art, Rezensionen zu schreiben. Vielleicht nicht im Rahmen eines angefuckten Gonzo-Journalismus, sollte der Eindruck entstanden sein. Ich weiß auch, dass die Mehrheit der Vielspieler - also unsere Kundschaft - auf die harten Fakten steht. Trotzdem plädiere ich für eine andere Schreibe, für mehr Lockerheit, für Erzählen, Gefühle, auch für soziale Komponenten. Ich spiele, weil ich eine schöne Zeit mit Menschen verbringen will. Will ich einen über-elaborierten Mechanismus erleben, kann ich mir auch meine Armbanduhr anschauen.
Geistreich und stimmig muss eine Rezension sein, neue Pfade wagen. Warum wurde Udos Rezension von Ora et Labora in der Spielbox so gewürdigt? Er mischte übliche Konventionen mit einer völlig ungewohnten Sprache.
Vielleicht müssen wir alle unsere ganz eigene, moderne Form von Kulturjournalismus auch erst noch herausarbeiten. Jeder für sich, damit Vielfalt herrscht. Wir stehen noch am Anfang.


Guido Heinecke hat geschrieben:Update 2 am 27.11.13:
Auf Zuspieler.de formuliert Frank Noack seinen unten stehenden Kommentar genauer, viewtopic.php?f=22&t=391593. Die Szene braucht keinen neuen Journalismus, aber die Branche, schreibt er im Kern. Weil 17 Mio. Haushalte nach Orientierung lechzen, was man denn den Kindern, Freunden oder sich selbst schenke. Dazu fehle der Branche der Jedermanns-Spielejournalismus, der dem Wenigspieler den Spaß am Spiel vermittelt.

Zum einen ist es ja genau das, was ich auch sage: Interaktion, Gefühle, Spannung - das will doch der Wenigspieler genauso wie der Vielspieler. Er will einfach wissen, ob das Spiel subjektiv gut ist, weil er dem Rezensenten vertraut. Und langweilige Detailfragen und Regelgeblubber schreckten ab. Ja Frank, genau mein Reden.

Aber Spiele-Journalismus ist kein Spiele-Marketing. In unserem Interesse ist es nicht, dass Ihr die Spiele gut verkauft. Das hätten Händler, Verlage und Autoren vielleicht allzu gerne. Nur leider sollte der Anspruch einer Rezension ein anderer sein. Bernward Thole hat in seinem "Umrisse einer Spielekritik" (Homo Ludens, Band2, Seiten 15-42) Mitte der Neunziger Jahre definiert:
"Spielekritik ist die öffentliche Kommunikation über Spiele, die die Darstellung und Bewertung der Produktionen in diesem Bereich der Unterhaltungskultur zu ihrer Sache macht." Auch wenn vieles aus diesem Aufsatz in meinen Augen heute obsolet ist und völlig überzogene Forderungen stellt, so gebe ich ihm im Grundsatz Recht, wenn er Reich-Ranicki zitiert: "Der Kritiker soll sichten und ordnen, klären und werten, polemisieren und postulieren. (...) Zwei Ziele schweben ihm vor: Bessere Bücher und bessere Leser." In unserem Fall eben Spiele und Spieler.

Klartext: Es geht um Wertung, nicht Werbung.
Weiterführend dazu: An der Uni Konstanz hielt ich vor einem Jahr zusammen mit Steffen Bogen genau dazu ein Seminar. Wer es verpasst hat: Spielkritik - Wozu? Wozu nicht? In diesem Rahmen begann für mich das Nachdenken über neue Schreibformen.


Guido Heinecke hat geschrieben:Update 3 am 02.12.13:
Auch der von mir sehr geschätzte Peer Sylvester schreibt seinen Senf auf spielbar.com zum Thema, https://www.spielbar.com/wordpress/2013/11/30/14603. Er schießt sich auf die nebenbei entstandene Frage ein, wie man denn bitte am besten die Spiele-Uninformierten ins Boot holen kann. Denn auch Tric Trac - da hat er Recht - ist für die Szene. Seine Lösung: Viel mehr mal mit Videospielmagazinen verbrüdern.

Natürlich will ich den Hauptpunkt hier nicht verwässert sehen. Wenn wir uns Gedanken über einen "New Boardgame Journalism" machen, dann ist mir klar, dass wir hier für die Szene schreiben. Überhaupt, wer soll denn Rezipient solch einer neuen Schreibe sein? Mir geht es ehrlich gesagt nicht um eine Zielgruppe. Die wird sich nicht ändern durch subjektiv geprägtes, lebendigeres Schreiben. Mir geht es um die Sache an sich. Um die Art und Weise, wie man Rezensionen und Berichte anders schreiben könnte, weil sich eben die Zeiten in unserer Szene allein in den vergangenen 5 Jahren geändert haben. Es gibt mehr Spiele, nahezu alle Regeln liegen Monate vor dem Erscheinen auf Verlags-Servern als pdfs, immer mehr Blogs und Webseiten versprechen für einen Teil Eurer Aufmerksamkeit Informationen (und teilweise Unterhaltung). Peer erkennt richtig: "Mit interessanter Schreiben ist man zwar auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht am Ziel."

Viele wissen, dass ich gerne Gast beim Insert Moin-Podcast bin, https://superlevel.de/brettspiel/. Der läuft wochentags runde dreissig Minuten und alle Jubeljahre geht es auch um Brettspiele. Die Resonanz ist kolossal. Die Welten der Video- und Brettspieler sind enger verbunden als manche meinen. Fast alle Konsolencowboys da draussen würden sicherlich auch gerne ein Brettspiel anpacken, wenn man es ihnen nur ansprechend vorstellt. Denn auch die kennen sich nicht unbedingt aus, sind aber verspielt genug, gerne auch mal offline und analog zu zocken. Garantiert.


Update 4 am 03.12.13:
In die Diskussion passt doch wunderbar der Hinweis, dass Bernward Thole neulich nach 40 Jahren als Spielekritiker den Dienst quittierte. Tatsächlich würde mich seine Ansicht zum Thema sehr interessieren.
Und auch der Chef einer gewissen Hannoveraner Stoffhuhn-Redaktion und Deutschlands Rezensionspapst hat sich zu Wort gemeldet: Er macht nicht mit. Vielleicht nicht aktiv, aber kaum jemand ist sprach- und experimentierfreudiger in seinen Rezensionen als Udo Bartsch - vor allem in der Spielbox. Der ist einfach viel zu bescheiden und hat sicherlich mehr zu meinen Gedanken über all das hier beigetragen als er weiß. http://rezensionen-fuer-millionen.blogs ... nicht.html


Guido Heinecke hat geschrieben:Update 5 am 06.12.13:
Stefan Feld hat im Gespräch mit Jörg von Cliquenabend, https://vimeo.com/81114000, auch mal ganz persönlich die laufende Diskussion kommentiert. Natürlich lese er auch gerne "subjektive Begründungen" und "was gut oder weniger gut gelungen ist".

Ich sage: Darum geht es nicht, denn das macht ja im Prinzip jeder Rezensent. Die Begründung ist immer subjektiver Natur. Ich würde vielmehr gerne erfahren, was der Autor (des Textes!) emotional erfahren hat, nicht wie er den Mechanismus erfahren hat. Was hat für Spannung gesorgt, an was erinnert es mich, habe ich Erfahrung mit ähnlichen Spielen. Ich schaue nach innen: Was erzeugt das Spiel in mir? Vielleicht muss man den Begriff des Spielgefühls auch griffiger definieren. Umschreibt er das, was im Kopf passiert oder doch, was Hormone am Tisch mit mir machen? Ich persönlich spiele gerne lebhaft, unterhalte mich dabei und will den Menschen wahrnehmen.

Stefan Feld sagt weiter: "Das nebenher zu machen, ist nicht einfach. Es kostet Zeit." Aber ja. Es verlangt ja auch niemand, am Fließband zu texten. Qualität ist wichtiger als Quantität. Feld sieht das auch und verlangt - zurecht: "Die meisten in unserer Szene machen das als Hobby" und man müsse da Abstriche machen. Wie er das genau meint, ist Deutungssache. Wenn ich das als Aufruf verstehe, mal einen Gang runterzuschalten und mit mehr Mühe zu rezensieren, dann stehe ich da voll hinter ihm.

Und auch der irgendwie immer mit einer Meinung ausgestattete Herr darkpact meldet sich zu Wort, http://darkpact.tumblr.com/post/6906830 ... s-medaille. Er nimmt - und das finde ich sehr wichtig - der Aussage den Wind aus den Segeln, dass doch nur die professionellen Journalisten schreiben sollten. In den Kommentaren wurde dies gar als anmaßend bezeichnet. Natürlich schreibt jeder anders und die Qualität schwankt, aber gerade deswegen könnte es doch der allgemeinen Qualität nur gut tun, wenn auch die Hobbyschreiber sich mal auf neues Terrain wagen und so auch ihre Schreibe trainieren. Denn nicht jeder ist zum Henry Nannen geboren worden, da steckt auch Übung und Arbeit hinter. Warum also nicht im eigenen Blog immer mal wieder Komfortzone verlassen und einen neuen Schritt wagen?


Guido Heinecke hat geschrieben:Update 6 am 09.01.14:
Huhu, die Idee lebt noch! Ich bin sehr froh, dass sich auch Kathrin und Peter Nos über die Thematik ihre eigenen Gedanken gemacht haben. Und dies in mehreren Thesen ausbreiten, die sie gedanklich offen für uns ausformulieren. Den wirklich lesenswerten Artikel findet Ihr hier, https://das-spielen.de/index.php/neuer- ... -internet/.

Generell stimme ich den Argumenten dort zu: Bloggen ist eine flexible, liberale Art zu Schreiben und jeder packt Texte wohl anders an. Schreiben kann sicherlich jeder. Nur will das nicht jeder lesen. Dazu muss man tatsächlich kein ausgebildeter Journalist sein - was zählt, das ist die Lust und Freude am Erzählen. Und interessantes Schreiben, das kann eben nicht jeder. Wie Kathrin und Peter schreiben, sind Klicks und Kommentare das wichtigste Feedback.
Aber warum soll so ein New Boardgame Journalism nix für Tageszeitungen, Amazon-Rezis oder Unter-dem-Weihnachtsbaum-Spieler sein, die flotte Kaufempfehlungen wollen? Das wären nämlich starre Regelparaphrasen auch nicht. Was die Menschen doch interessiert, das ist das Beschreiben des Spielspaß, der Emotionen am Tisch. Der Mechanismus ist kein Kaufgrund für Normalspieler. Ein Spiel soll unterhalten. Der Erfolg von Wil Wheatons Tabletop liegt meiner Ansicht nach darin begründet, dass die Zuschauer sich wünschen, Spaß und Spannung aus der Sendung am heimischen Tisch mit den eigenen Freunden zu replizieren.

Auch Vielspieler und Kenner dürften sich an flotten Geschichten rund ums besprochene Spiel erfreuen. Sie sind meistens breiter gebildet im Hobby und stehen bei der Lektüre in einem inneren Monolog mit dem Autor. Sie kennen Knizia, Workerplacement und Ludonaute. Aber sie wissen auch, wo sie sich die Regel-pdfs auf die heimische platte saugen können. Es stimmt, hier muss Substanz rein, Ablauf, Hürden und Spielbarkeit wollen ausgebreitet werden. Über den Inhalt wollen wir nicht zanken. Aber die Form, die gewählte Sprache, die darf auch hier lebendig und wohlformuliert sein, anstatt nur aus Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätzen zu bestehen. Ein Weg zu kreativerem Schreiben ist da sicherlich der größere Fokus auf subjektive Empfindungen - die Essenz von Kulturkritik.


Guido Heinecke hat geschrieben:Update 7 am 23.01.14
Die Herren vom Bretterwisser-Podcast haben mich neulich eingeladen und wir diskutieren über den aktuellen Stand der Dinge. Da formuliere ich auch noch mal eine zentrale These aus: Wer Spiele als Kulturgut fördern will, muss sie auch als solche besprechen. Reinhören lohnt sich, um meinen Gedankengängen folgen zu können. http://bretterwisser.de/bretterwisser-007/


Guido Heinecke hat geschrieben:Update 8 am 29.04.14:
Nicht ich krame das Thema wieder hoch, sondern Deutschlandradio Kultur. Schön wäre es ja schon gewesen, wenn die Kollegen mal übers Tellerchen der Videospiele hinausblicken, aber tatsächlich widmete sich am Samstag vor zwei Wochen das Format "Breitband" des Senders unter anderem auch dem "New Game Journalism". In vier Leveln hangeln sich die Gesprächspartner von virtuellen Realitäten, Onlinegames und Indiestudios zum Thema "Waschmaschinentest vs. Reisebericht". Und da gibt es ein paar ganz erhellende Einsichten, die ich durchaus auch für den "New Boardgame Journalism" postulieren würde:

  • Tatsächlich wird hierzulande einem punktebasierten Bewertungssystem ein größerer Wert beigemessen als anderswo. Vielleicht hat das kulturelle Hintergründe. Wir wollen quantifizieren und kategorisieren. Da helfen halt Prozentangaben und "4 von 5 Sternen" manch einem mehr. Aber: Bloße Zahlenwerte spiegeln ein Spielgefühl eben nicht so leicht wieder. Sie entsprechen aber dem Mainstream.
  • Nüchterne Zahlen schließen im Grunde Neulinge aus und orientieren sich stark an denjenigen Lesern, die mit diesem System aufgewachsen sind. Bei den PC-Spielen gab es schon vor 20 Jahren Zahlenbewertungen und vielleicht noch ne Kommentarbox. Hat sich aus diesem Geiste auch die Brettspiel-Rezensions-Systematik entwickelt?
  • Für Videospiele wie auch unsere Brettspiele gilt: Technische Bewertungen und Inhaltsangaben betonen die Attribute eines technischen Produkts - was ein Spiel, das Mechanismen, Themen und Funktionen hat, ebenso sein kann - während subjektivere Berichte das kulturelle Medium hervorhebt. Das muss nicht unbedingt abgedrehter Feuilleton-Stil sein.
  • Die Diskussion fordert für PC-Spiele mehr Reiseberichte und weniger Kaufempfehlungen. Hier fühle ich mich bestärkt: Auch wenn Brettspiele längst nicht so stark in Richtung interaktivem Film oder Helden-Odyssee gehen, so haben sie doch auch eine Erzählung im Kern. Die Reise dorthin kann manchmal lohnenswert zu erzählen sein.
  • Deutschlandradio Kultur am 19.04.14: Breitband - Versus-Spielespezial (via WildersWelt)


Guido Heinecke hat geschrieben:Update 9 am 21.05.14:
Ihr seht, die Gedankengänge in dieser Sache sind noch nicht zur Tür heraus. Das ist auch ganz gut, denn vielleicht passiert ja dadurch etwas. In Nürnberg lud der Kollege Wenzel Ende Januar zum Interview; neben mir als den Lostreter der munteren Mini-Revolution den geschätzten Synes Ernst, der seine ganz eigene Sicht der Dinge in diesem Zusammenhang beschreibt. Und wir sehen: Die Idee, lebhafte und den Leser mitnehmende Spiele-Besprechungen zu schreiben, ist gar nicht sooo neu.

Jetzt ist das Video da und ich möchte euch dazu einladen, mal eine knappe halbe Stunde im Kanal von Zuspieler zu verbringen. Zugegeben: Wir vergaloppieren uns manchmal in Richtungen, die nicht ganz den Fragen entsprechen, aber daran sieht man, wie die Ideen nur so hervorsprudeln. https://www.youtube.com/watch?v=Jb3rbdO5s7g

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon ErichZann » 3. Dezember 2017, 01:33

Also im Grunde ja interessant aber...way to much text...da erstickt man die Diskussion ja schon bevor sie beginnt...
Nazi Punks Fuck Off!!

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon zuspieler » 3. Dezember 2017, 07:57

ErichZann hat geschrieben:Also im Grunde ja interessant aber...way to much text...da erstickt man die Diskussion ja schon bevor sie beginnt...

Da hast Du Recht. Ich werde die Tage nochmals einen "richtigen" (und kürzeren) Aufschlag machen. Der lange Text von Guido sollte den Stand der damaligen Diskussion dokumentieren. Da die deutsche TricTrac-Seite inzwischen nicht mehr existiert, habe ich - mit dem Einverständnis von Guido - den Text an dieser Stelle deshalb nochmals veröffentlicht.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon zuspieler » 4. Dezember 2017, 07:59

Wie versprochen, kommt hier hier der Schnelleinstieg ins Thema.

  • Guido hat sich 2013 gewünscht, dass sich der Brettspiele-Journalismus ändert. Krass verkürzt lautete sein Wunsch: In Rezensionen sollten weniger Regeln nacherzählt und mehr das Spielgefühl und Erlebnis vermittelt werden.

  • Peer Sylvester hat das Thema vor wenigen Wochen aufgegriffen, https://www.spielbar.com/wordpress/2017/11/26/16919. Krass verkürzt lautet sein Fazit: Es habe sich nichts geändert. Das sei schade, denn in Rezensionen sollten Spiele auch in den kulturellen Kontext eingeordnet werden. Nicht immer, aber zumindest dort, wo es passe. Er schreibt: "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, wenn wir dahin wollen, wo Computerspiele längst sind."
Hier meine ersten Gedanken zum Thema. (Ich habe noch viel mehr Gedanken dazu, aber ich halte es am Anfang bewusst kurz und knapp.)

  1. Es ist gut und wichtig, diese Diskussion immer wieder zu führen und sich und seine Arbeit regelmäßig zu hinterfragen. Das ist jedoch eine Diskussion, die die wenigsten Leser/Zuschauer/Nutzer interessiert. Das sieht man auch daran, dass unter dem Artikel von Peer bisher kein einziger Kommentar veröffentlicht wurde.

  2. Es erscheinen immer mehr Rezensionen im Internet. Das tut dem Spielejournalismus gut. Es gibt inzwischen neben den Rezensionen auch ganz neue Formate. „Spiel Doch mal!“ veröffentlicht auf YouTube zum Beispiel Interviews mit Autoren, Verlagsvorstellungen oder Ratespiele, https://www.youtube.com/channel/UC2_7lZ ... f-yw44ljOw. Das ist großartig, scheint aber leider nur sehr wenige Zuschauer zu interessieren, zumindest wenn man sich die Zugriffszahlen anschaut und diese zum Beispiel mit den Zugriffszahlen von Brettspielblog.net vergleicht, https://www.youtube.com/user/Brettspielblog. Benjamin veröffentlicht auf seinem Kanal vor allem Let’s Plays (auch ein vergleichsweise neues Format), Vorschauen und Rezensionen.*

  3. Meine These: Es gab den neuen Spielejournalismus schon immer und gibt ihn auch heute noch. Er drängt sich einem jedoch nicht auf, sondern man muss ihn suchen. Das der neue Spielejournalismus sich nicht überall durchgesetzt hat, liegt weniger an den Bloggern/Journalisten, sondern eher daran, dass er von den Nutzern/Lesern/Zuschauern oft nicht gewünscht wird. Das muss man als Blogger/Journalist akzeptieren. Schließlich muss der Wurm dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.
Frage in die Runde: Welche Texte/Videos/Podcasts lest/schaut/hört ihr gerne und warum? Und würdet ihr euch gerne andere Beiträge wünschen?

* Das Beispiel Brettspieblog.net dient nur zur Veranschaulichung und nicht als Kritik. Auch wir veröffentlichen auf SpieLama eher klassische Rezensionen, die einen vergleichsweise langen Regelteil haben.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Rei » 4. Dezember 2017, 08:18

Den Begriff New Game Journalism kannte ich bisher gar nicht und wußte gar nicht, dass es aus der Videospielecke kommt. Ich kann mich da aber auch nach cht erinnern, dass in Zeitschriften in den 90er jemals nur Zahlen aufgezählt wurden, sondern schon immer geschrieben wurde, ob das Gameplay funktioniert, was man da überhaupt macht, ob einen das Spiel abholt usw. Grafikblender und schlechte Adaption von erfolgreichen Spielen gab es schon immer und wurden meistens auch so erwähnt.

Den New Boardgame Journalism Begriff hatte ich vor ein paar Jahren zum ersten mal gehört und gedacht, dass sich die "Neuen" damit von den alten Hasen unterscheiden wollen.

Die Frage sollte eher lauten, wie wichtig sind Revelerklärungen für Brettspieltexte (Tests, Reviews, Ersteindrücke)? Kann man es auf das Wichtigste beschränken oder sollte es ausführlicher sein?

Für mich muss aus dem Text zumindest herauskommen, um welche grundlegende Spielmechanik (=Genre?) es sich handelt. Ist es ein Arbeitereinsetzspiel oder was anderes? Gibt es einen besonderen Kniff? Ist es (sind die Regeln) mit dem Thema verbunden?

Eine Nacherzählung was diese Aktion oder jene Aktion im Detail macht und wofür das Symbol steht, brauche ich persönlich nicht, dafür sind die Regeln da. Eher ob es sich intuitiv erschließt oder man dauernd in den Regeln schauen muss.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon widow_s_cruse » 4. Dezember 2017, 09:05

Hallo Sebastian,

für diese Diskussion habe ich das Bedürfnis, zunächst einmal grundsätzlich zu klären - wer ist "wir" und was ist "Journalismus".
Ich habe mich schon oft genug in die Diskussion eingemischt, weil ich im Namen der Brettspielgruppe Spieleempfehlungen in regionalen Magazinen veröffentliche. Eine regelmäßige Reaktion war, DAS zähle nicht zum relevanten Interesse.

Ich würde auch gerne erörtern, welche Ziele der Journalismus verfolgt, welche Form eine Anerkennung gewehrt wird, welche Bedürfnisse beim Leser eigentlich vorliegen?

Ich hatte im anderen Forum mal wieder das Thema Kulturgut Gesellschaftsspiel angeschnitten. Darauf verwiesen, dass Printmedien Spieleempfehlungen immer wieder im Wirtschaftsteil als Kaufempfehlung veröffentlicht werden und keinen Platz im Kulturteil als Unterhaltungsempfehlung zugestanden wird. Ich verstehe diese Zuordnung auf ein Leserbedürfnis beruhend. Auch das regelmäßige Verlangen des Empfängers nach negativen Kritiken, beruht auf dem Bedürfnis für eine selektierende Kaufentscheidung bei der Titelwahl.

Was will der "Journalismus" eigentlich sein, Förderer des Handels oder der Unterhaltung?
Zuletzt geändert von widow_s_cruse am 4. Dezember 2017, 11:16, insgesamt 2-mal geändert.
Liebe Grüße
Nils
83043 brettspielgruppe aiblinger zockerbande facebook

Guido Heinecke
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Guido Heinecke » 4. Dezember 2017, 10:24

Hallo Nils,
ich gebe zu, in dieser Angelegenheit mittlerweile ein wenig angerostet zu sein. Der NBJ begleitete mich jahrelang und irgendwie wollte ich auf Tric Trac auch stets eine gewisse Vorbildfunktion erfüllen. Wie gute Eltern, eben nicht nur predigen, sondern aktiv vorleben. Ich mag Spielejournalismus, der mich unterhält. Der gekonnt geschrieben ist. Der aber auch das Spiel abseits einer bloßen Konsum-Mentalität behandelt.

Das Argument "Der Leser will doch nur Kaufempfehlungen und kein Geschwurbel" (so interpretiere ich das mal für mich) mag nicht mal falsch sein. Ich selbst habe doch die Erfahrung gemacht, dass damals bei mir diejenigen Artikel deutlich öfter angeklickt wurden, in denen die heißen News zu lesen waren, die man sonstwo noch nicht fand. Und tolle Geschichten über Menschen, Hintergründe, Zusammenhänge - wo es sich toll erzählen lässt - fanden kaum Anklang. Woran liegt das?
Womöglich ist die Sicht, Spiele unter kulturkritischen Aspekten auseinanderzunehmen, zu akademisch für viele. Oft hört und lese ich "So ein Quatsch, wir wollen doch nur Spielen". Ich kann verstehen, warum mancher so denkt. Es ist 2017. Der Alltag ist voll und die Welt kompliziert. Da reicht das Spiel zu Unterhaltung. Wer sich selbst und seine Wahrnehmung aber derart reduziert, der nimmt sich vielleicht selbst etwas und degradiert das Kulturgut Spiel (ich spüre Augenrollen, dennoch ist es so). Wie Bücher, Filme und Musik sind Spiele Werke des menschlichen Schaffens. Na klar sollen sie unterhalten, sie sind nicht aus reinem Selbstzweck entstanden. Das bestreitet doch keiner. Die Kritik am Werk klopft es aber nicht bloß auf seinen Unterhaltungswert und Materialqualität ab, sie versucht zu deuten und zu verstehen. Ich weiß, dass das nicht für alle Spiele gilt, aber manche können in einem Kontext gesetzt werden, vielleicht spürt man eine Message durchscheinen. Nicht immer geht es um Parabeln, die im Spiel verborgen sind, wie bei "Les Poilus" oder vor einigen Jahren bei "My Village" (alte Leser erinnern sich vielleicht an meine Rezis dazu). Das neue Twilight Imperium ist nicht einfach nur ein sauteures Spiel, es ist ein soziales Konstrukt, das wie ein Netz parallel zum 4X-Ausbreiten wächst. Ein guter Spielekritiker weiß solche Dinge herauszuarbeiten und aufzuzeigen. Ich folge hier stark der Rezeptionsästhetik der Literatur oder der Kunstwissenschaften - denn Spiele setzen sich noch enger in ein Verhältnis mit ihren Spielern als Buch und Bild, denn wir gestalten hier diese Beziehung viel aktiver.

Notwendig für eine Kaufentscheidung ist das nicht. Ich glaube aber, dass eine Spielerezension, die diese interessanten (=emotionalen, sozialen, kulturreferenziellen) Kriterien hervorholt, wertvoller für den Leser ist als eine Regelparaphrase. Und wenn die Leser dies wissen, rollen sie auch beim Schlagwort "Kulturgut Spiel" seltener mit den Augen, sondern nicken verstehend, weil sie merken, das Spiele endlich aus dem Kinderzimmer gekommen sind. Wollen wir das Spiel also als ernstzunehmende Form der Erwachsenenunterhaltung fördern, müssen wir es eben auch so behandeln.

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Rei
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Rei » 4. Dezember 2017, 11:04

Das Jahr ist glaube ich egal. Auch in 100 Jahren wollen Menschen vor allem unterhalten werden beim Spielen, aber auch beim Lesen und bei Filme.

Das Gleiche gilt finde ich auch für akademische Texte. Texte mit ellenlängen Sätzen, Fachbegriffen und viel Geschwurbel liest kaum einer gerne. Da finde ich Schulbücher ganz schlimm (1 Satz über 5 Zeilen, wenn nicht gar noch mehr, ist einfach unleserlich).

Wichtig für eine Kaufentscheidung ist, ob das Spiel Spaß macht. Das kann ich für mich vielleicht persönlich schon nach dem Regellesen in etwa einschätzen (Spiele mit vielen kleinen Regelfitzelchen haben es bei mir mittlerweile sehr schwer), aber wenn jemand begeistert oder enttäuscht ist von einem Spiel und kann dies textlich über bringen, dann ist das für mich viel wert.

Bei Time Stories war ich skeptisch, ob die Wiederholungen nicht nervend werden. Es gab auch ein paar kritische Stimmen, aber die meisten fanden das Erlebnis großartig, weswegen es auch bei mir im Spielschrank gelandet ist.

Hintergrundgeschichten und Reportagen haben es ja leider oft schwer Leser zu finden. Leider und auch ich lese sie nur, wenn sie für mich interessant erscheinen. Meistens kratzen sie ja auch nur an der Oberfläche.

Von der Spielbox wäre ein kritischer Bericht von Asmodee interessant, der auch tiefgründig geht. Warum Spielbox? Weil so ein Bericht wohl viel Recherche kosten wird und man damit auch einem Bigplayer unangenehm werden könnte. Sebastian würde ich es aber auch zutrauen.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Der bumsfidele Bergdoktor » 4. Dezember 2017, 14:10

Vielleicht sollte der deutsche Brettspieljournalismus auch einmal unterscheiden zwischen E- und U-Brettspiel. Wir hochgebildeten Akademiker befassen uns dann mit den anspruchsvolleren Publikationen im Feuilleton der ZEIT, und der Pöbel hält sich an die Amazon-Sternchen.
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon peer » 4. Dezember 2017, 14:14

Ich möchte jetzt natürlich nicht meinen Artikel wiederholen, aber ein paar Gedanken:
Einmal glaube ich nicht, dass sich "Unterhaltung" und "Tiefergehendes" ausschließen muss. ES muss nur gut gemacht sein! Ich will einfach mal wieder auf Shutupandsitdown hinweisen, die ähnliches oft machen (als Beispiel einmal die Istanbul-Rezi) und die damit unglaublich erfolgreich sind.

Dann: Vielleicht hat eine Amazon-Rezi zu einem Buch mehr Leser als die Feulleton-Besprechung desselben Buches in der FAZ. Aber es werden eben auch unterschiedliche Käufer angesprochen. Beide Rezis haben ihre Berechtigung - wenn es nur eine gäbe, würde die andere Gruppierung eben nicht für das Buch (bzw. das Spiel) gewonnen. Hinzu kommt was Guido sagt: Wer Spiele auf "Hauptsache Spaß, alles andere egal" reduziert, der verzichtet eben auch auf Spiele wie The Grizzled, Fog of Love oder This war of mine. Kann man natürlich machen. Aber dann darf man sich eben auch nicht beschweren, wenn man keine Spielpartner findet, weil potentielle Mitspieler spielen als Kinderkram ansehen.

Und außerdem beschwert man sich gerne, dass Spielerezensionen aus Zeitungen rausfliegen (wo sie eben auch neue Spieler ködern) - das sehe ich aber als direkte Folge davon, dass die Beschäftigung mit Spielen sich auf die Frage "Macht es Spaß oder nicht?" beschränkt (und da kann man irgendwann zwischen Pie Face und Pandemic Legacy eben schwer differenzieren). Bei Büchern oder Filmen geht es ja auch nicht nur um die Frage "Macht das Lesen denn Spaß? Ist der Film langeweilig?"

Natürlich: Eine lange geschwurbelte Facharbeit zum spielerischen Hintergrund eines Spieles möchte ich auch nicht lesen.
Aber einen gut geschriebenen, flockigen Text eben schon. Wenn sich ein Rezensent z.B. mit der Frage auseinandersetzt warum wir Ganster spielen, wenn das schlimmste, was wir machen, das gegenseitige Karten klauen ist, dann kann das unterhalten und mir eine Menge Spielgefühl vermitteln. Und Spielgefühl hilft mir einzuschätzen, ob das Spiel mir gefallen könnte. Natürlich könnte ich die Regel lesen - aber dazu brauche ich keine Rezension und sonderlich aufregend finde ich das auch nicht (ich mache das praktisch nie - genau dazu gibt es ja Rezensionen!).

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon zuspieler » 7. Dezember 2017, 08:16

Rei hat geschrieben:Die Frage sollte eher lauten, wie wichtig sind Regelerklärungen für Brettspieltexte (Tests, Reviews, Ersteindrücke)? Kann man es auf das Wichtigste beschränken oder sollte es ausführlicher sein?

Meines Erachtens kann man diese Frage nicht pauschal beantworten. Es kommt auf das Medium und die Zielgruppe an. In der SpielRegel gilt meines Erachtens jedoch: Weniger ist mehr und es reicht, sich auf das Wichtigste zu beschränken.

widow_s_cruse hat geschrieben:für diese Diskussion habe ich das Bedürfnis, zunächst einmal grundsätzlich zu klären - wer ist "wir" und was ist "Journalismus".

Wir sind für mich in diesem Fall alle Spiele-Blogger und -Journalisten sowie alle Menschen, die deren Beiträge lesen/sehen/hören, wohlwissend, dass dies eine Verallgemeinerung ist. Journalismus ist für mich in diesem Zusammenhang jeder verspielte Beitrag von einem Blogger/Journalisten. Die Diskussion über den Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten finde ich übrigens inzwischen müßig.

widow_s_cruse hat geschrieben:Was will der "Journalismus" eigentlich sein, Förderer des Handels oder der Unterhaltung?

Für mich trägt Journalismus zur öffentlichen Meinungsbildung bei. Er ist weder Förderer des Handels noch der Verlage. Wäre er das, würde es sich nicht mehr um Journalismus handeln, sondern um ein Marketinginstrument. Natürlich steigert eine positive Rezension eventuell auch die Verkäufe des rezensierten Spiels. Das ist jedoch nur ein Nebeneffekt, der dem Journalismus egal sein sollte.

Ist der Journalismus ein Förderer der Unterhaltung? Das kommt drauf an :-). Jeder Journalist/Blogger wünscht sich wahrscheinlich, dass seine Beiträge gelesen/gesehen/gehört werden. Deswegen formuliert man idealerweise so, dass es der Zielgruppe gefällt, mal unterhaltsam, mal eher sachlich. Damit steht für mich zumindest fest, dass sich Journalismus und Unterhaltung nicht ausschließen. Ganz im Gegenteil: Im Idealfall befruchten sie sich sogar gegenseitig. Die "Heute Show" im ZDF ist ein gutes Beispiel dafür. Sie ist Journalismus und Unterhaltung zugleich.

Guido Heinecke hat geschrieben:Ich glaube aber, dass eine Spielerezension, die diese interessanten (=emotionalen, sozialen, kulturreferenziellen) Kriterien hervorholt, wertvoller für den Leser ist als eine Regelparaphrase. Und wenn die Leser dies wissen, rollen sie auch beim Schlagwort "Kulturgut Spiel" seltener mit den Augen, sondern nicken verstehend, weil sie merken, das Spiele endlich aus dem Kinderzimmer gekommen sind. Wollen wir das Spiel also als ernstzunehmende Form der Erwachsenenunterhaltung fördern, müssen wir es eben auch so behandeln.

Auch ich wünsche mir, dass solch eine Rezension interessanter für die Leser wäre. Meines Erachtens ist es dem Leser jedoch schnurzpiepegal, ob eine Rezension zum Beispiel kulturreferenzielle Kriterien erwähnt oder nicht. Frage in die Runde: Sind einige von uns Journalisten/Bloggern (und ich schließe mich da ausdrücklich mit ein) zu verbissen? "Kämpfen" wir in unseren Rezensionen zu sehr für das "Kulturgut Spiel" und vergessen dabei, dass es sich für die meisten Leser eben doch "nur" um ein Spiel handelt?

peer hat geschrieben:Wer Spiele auf "Hauptsache Spaß, alles andere egal" reduziert, der verzichtet eben auch auf Spiele wie The Grizzled, Fog of Love oder This war of mine. Kann man natürlich machen. Aber dann darf man sich eben auch nicht beschweren, wenn man keine Spielpartner findet, weil potentielle Mitspieler spielen als Kinderkram ansehen.

Aber auch diese Spiele können doch als "Spiele" (und damit nicht als "Kulturgut") rezensiert werden. Die Frage bei einer Rezension über solche Spiele lautet meines Erachtens: Wie sehr muss ich auf die "kulturelle Geschichte" beziehungsweise den "kulturellen Hintergrund" des Spiels eingehen?

Der bumsfidele Bergdoktor hat geschrieben:Vielleicht sollte der deutsche Brettspieljournalismus auch einmal unterscheiden zwischen E- und U-Brettspiel. Wir hochgebildeten Akademiker befassen uns dann mit den anspruchsvolleren Publikationen im Feuilleton der ZEIT, und der Pöbel hält sich an die Amazon-Sternchen.

Was meinst Du mit E- und U-Brettspiel? Wenn ein Nutzer auf Amazon ein Spiel mit einem Stern bewertet, ist das für mich keine Rezension. Wenn er seine Bewertung in den Kommentaren begründet, kann es jedoch eine Rezension sein. Wie bereits oben geschrieben finde ich: Jede Rezension sollte sich an das Medium und die Zielgruppe anpassen. In der Zeit schreibe ich eher feuilletonistischer, in der Bild eher kürzer, in der SPIEL DOCH! eher unterhaltsamer. Jeder (Leser) muss selbst entscheiden, welcher Rezensionsstil ihm besser gefällt. Übrigens: Nur weil ein Text in "anspruchsvolleren" Publikationen wie der Zeit erscheint, macht ihn das nicht zu einem besseren Text. Ganz im Gegenteil: Es ist viel schwerer, einen kurzen unterhaltsamen Text zu schreiben als einen langen Artikel mit zig Nebensätzen.

peer hat geschrieben:Und außerdem beschwert man sich gerne, dass Spielerezensionen aus Zeitungen rausfliegen (wo sie eben auch neue Spieler ködern) - das sehe ich aber als direkte Folge davon, dass die Beschäftigung mit Spielen sich auf die Frage "Macht es Spaß oder nicht?" beschränkt (und da kann man irgendwann zwischen Pie Face und Pandemic Legacy eben schwer differenzieren). Bei Büchern oder Filmen geht es ja auch nicht nur um die Frage "Macht das Lesen denn Spaß? Ist der Film langeweilig?"

Oder ist es eine Folge davon, dass die "falschen" Spiele veröffentlicht werden? Also Spiele, die aus journalistischer Sicht nicht interessant sind? Ich zitiere mich selbst aus der Diskussion über Tabu-Themen, viewtopic.php?f=22&t=391368#p431910.

zuspieler hat geschrieben:Leider thematisieren Spiele in der Regel weder Gesellschaftskritik noch anstößige Themen. Das bedeutet, dass zwar alle möglichen Institutionen wie zum Beispiel die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ), der Verein Spiel des Jahres oder das Spielearchiv in Nürnberg immer wieder vom Kulturgut Spiel sprechen, es defacto aber gar nicht existiert. Oder um es mit einer Buchmetapher zu sagen: Spiele sind keine Hochliteratur, sondern lediglich Trivialliteratur. Siehe dazu auch die Erläuterungen in der Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Trivialliteratur.

Wikipedia hat geschrieben:[...] Trivialliteratur widmet sich meist großen Themen wie Liebe, Tod, Abenteuer, Verbrechen, Familie oder Krieg, behandelt diese aber in einer vereinfachenden, klischeehaften und oftmals die Vorstellung einer „heilen Welt“ verklärenden Weise. Triviale Texte sind in Sprache, Verständlichkeit und Emotionalität so strukturiert, dass sie den Erwartungen einer möglichst großen Leserschaft gerecht werden (indem sie dieser eine oftmals schöne, durchweg gerechte Welt mit klaren Unterscheidungen zwischen Gut und Böse vermitteln). Wesentliches Merkmal der Trivialliteratur ist – anders als die eher auf kritische Reflexion gängiger Vorstellungen und etablierter Denkweisenden setzende Hochliteratur – den Erwartungshorizont des Lesers nicht zu durchbrechen, was einer Bestätigung (Affirmation) seiner bestehender Meinungen, Gesellschaftsbilder usw. gleichkommt. [...]

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon ErichZann » 7. Dezember 2017, 09:03

Also deinem letzten Punkt mit der Trivialliteratur kann ich so nicht zustimmen, da es glaube ich die falsche Herangehensweise ist. Beim Kulturgut Spiel geht es um den Akt des Spielens ansich und nicht um das Thema des Spiels.
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Peterlerock » 7. Dezember 2017, 11:23

Durch die ellenlangen Zitate im Eingang kommt es mir so vor, als wäre eigentlich schon alles gesagt. ;)
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon zuspieler » 10. Dezember 2017, 12:58

ErichZann hat geschrieben:Also deinem letzten Punkt mit der Trivialliteratur kann ich so nicht zustimmen, da es glaube ich die falsche Herangehensweise ist. Beim Kulturgut Spiel geht es um den Akt des Spielens ansich und nicht um das Thema des Spiels.

Ist das so? Ich glaube das Problem ist, dass viele vom Kulturgut Spiel sprechen, es jedoch noch nie [list=][/list]klar definiert wurde, was darunter zu verstehen ist. Die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) schreibt dazu auf ihrer Homepage unter https://www.spieleautorenzunft.de/kulturgut-spiel.html:
SAZ hat geschrieben:Gute Spiele sind Inspiration, Salz und Pfeffer in unserem Leben. Sie entführen uns in andere Welten, verzaubern mit Spannung, Faszination und Emotionen, beleben unsere Kommunikation, schaffen gemeinsame Erlebnisse und vermitteln immer wieder etwas Neues. Spiele haben also viele Gemeinsamkeiten mit anderen medialen Kulturwerken.

Welchen Wert haben Spiele für die Gesellschaft oder für die Weiterentwicklung einer Kultur? Das ist womöglich noch gar nicht ausreichend genug erforscht. Johan Huizingas Homo Ludens ist allenfalls noch in Fachkreisen bekannt. Er vertrat dort 1938 die These, "dass Kultur anfänglich gespielt wird, dass Kultur in Form von Spiel entsteht." Fest steht, dass im Spiel Fähigkeiten trainiert werden können, die auch außerhalb der häuslichen Grenzen einsetzbar sind. Fest steht, dass das Spielen den Horizont erweitern kann, indem es in neue Welten führt; den bzw. die Spieler Abenteuer erleben und sie „Dinge“ gemeinsam ausprobieren lässt; schlicht ein geeignetes Mittel gegen Isolation ist. Spiele sind ein Stück Freiheit. Und selbst dann, wenn diese Freiheit nur innerhalb der eigenen vier Wände bestehen sollte. [...]

Bei der SAZ ist also ausdrücklich von "guten Spielen" die Rede, was auch immer darunter zu verstehen ist. Auf der "Spiel des Jahres"-Seite steht unter http://spieldesjahres.com/de/sinn-und-zweck.

Spiel des Jahres hat geschrieben:Die Spiele, die den begehrten Titel "Spiel des Jahres" tragen, sollen in erster Linie die Botschaft des Vereins in die Öffentlichkeit tragen. Das heißt, sie sollen möglichst viele Menschen vom Wert des Kultur- und Freizeitmediums Spiel überzeugen. Bis heute noch erfüllen eine ganze Reihe von altbekannten Spielen diese Aufgabe. Generationen von Kindern sind beispielsweise mit "Mensch ärgere Dich nicht!" spiel-sozialisiert worden. "Spiel des Jahres" ist es gelungen, diesen Klassiker-Kanon mit einigen Titeln - so zum Beispiel "Die Siedler von Catan" - zu bereichern. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, wie der Verein die Spielkultur im deutschsprachigen Europa sowohl mitprägt als auch am Leben erhält.

Da die Jury jedes Jahr drei Spiele nominiert und nur wenige weitere auf die Empfehlungsliste setzt, heißt das für mich, dass die Jury der Meinung ist, dass eben nicht alle Spiele gleich geeignet sind, "Menschem vom Wert des Kulturmediums Spiel zu überzeugen".

Das und die Aussage der SAZ sprechen somit eigentlich gegen die These, dass der "Akt des Spielens" alleine schon ein Kulturgut ist. Wir können das Thema gerne vertiefen, falls wir das tun, müssten wir aber wahrscheinlich erstmal einige Begrifflichkeiten klären. Was ist Kultur? Was ist ein Kulturgut? Was ist ein Spiel? Was ist Spielkultur? ...

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon ErichZann » 10. Dezember 2017, 14:02

Gut, ich würde in meiner Definition von Kulturgut spielen eher die soziale Komponente in den Vordergrund stellen und nicht das Thema oder das Spiel ansich. Menschen spielen und das womöglich schon seit der Steinzeit...ob es jetzt Würfeln abends in der Kneipe ist oder ein in der Regionalkultur verankertes Kartenspiel wie Doppelkopf oder Gaigel...ich sehe das "spielen" ansich als Kulturgut und halte eine Definition die sich auf die Art der Spiele festlegt als unzureichend...und damit den Vergleich mit Literatur oder Filmen als unzureichend, aber das ist ja auch nur meine Sicht der Dinge.
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Christian Beiersdorf » 12. Dezember 2017, 10:24

Die Frage nach der Definition von „Kulturgut Spiel" ist spannend und sollte vor allem nicht mit engen Scheuklappen gesehen werden. Gehen wir mal vom allgemeinen Kulturbegriff aus: Kultur ist ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten der Menschen leiten. Kulturleistungen sind aber auch alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik, der Landwirtschaft oder der bildenden Kunst. Dazu gehören aber auch geistige Gebilde wie Musik, Sprachen, Moral, Religion, Recht, Wirtschaft und Wissenschaften … und eben auch Spiele.

Wenn wir wissen, dass Menschen seit Jahrtausenden spielen, dann hat Spielen eine kulturhistorische Dimension, nehmen wir z.B. das 3.400 Jahre alte Brettspiel SENET aus dem alten Ägypten. Zu fast jedem Spiel gehören Regeln und Gewohnheiten, aber ggf. auch spezielle Gestaltungen und Materialien – und das reicht in der Neuzeit bis hin zum Computerspiel. Und um den Bogen noch weiter zu spannen: Auch das freie Spiel gehört selbstverständlich dazu.

Theoretisch unumstritten ist, dass Spielen an sich daher mit Recht das Prädikat Kulturgut trägt. Aber es gbt natürlich auch einzelne Spiele, die sich als – meist historische – Klassiker dieses Prädikat verdient haben. Ob das nun z.B. Schach, Mühle, Dame, Backgammon, Go oder Skat ist. Unsere modernen Brett- und Kartenspiele, auch Kinder-Aktionsspiele sowie digitale Spiele sind eher variantenreiche Spielarten einer immer facettenreicheren Spielkultur, bei der es dann einzelne Spiele schwer haben, einen historischen Klassikerstatus zu erwerben. In Deutschland würde ich hier z.B. Mensch-ärgere-dich-nicht sehen.

Zurück zum Spielejournalismus. Wenn die oben zitierte Aussage der SAZ richtig ist, dass gute Spiele Inspiration, Salz und Pfeffer in unserem Leben sind, dann spiegelt sich dass in den Medien gar nicht oder nur unzureichend wieder. Dafür zu begeistern, anstatt Regeln zu erläutern, wäre in der Tat eine Aufgabe für einen „neuen" Spielejournalismus.

Ein gutes Beispiel dafür war der Beitrag von Udo Bartsch in der Spielbox 1/2012 "Und das Volk nannte es Spielreiz". Er bekam dafür 2013 von der SAZ einen Sonderpreis im Rahmen des ALEX-Medienpreis. In der Begründung der Jury hieß es: „In satirisch überspitzter Bibeltext‐Manier wird hier das komplexe Aufbau‐Spiel „Ora et Labora“ von Uwe Rosenberg präzise erläutert. Mit einer Mischung aus Lakonik und sakraler Schwelgerei schafft es Bartsch, den Leser lachen, staunen und begreifen zu lassen. Ein derart dichter, geschliffener und gleichzeitig leichtfüßiger Text, der einfach Spaß macht, ist im Genre der Spiele‐Rezension eine Besonderheit mit Vorbildcharakter."


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