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Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Allgemeine Spiele-Themen
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Weltherrscher
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Weltherrscher » 24. Oktober 2018, 14:35

Da stellt sich ja auch wieder die Frage der Objektivität, und der Zielgruppe. Man muss ein Spiel nicht zwangsweise bewerten, besser ist oft eine Einordnung. Geeignet für Familienspieler, Eurogamer, Kartenspielliebhaber, was auch immer. Und das selbst wenn es einem selbst nicht zusagt. Und auch wenn man selbst sowas schon zig mal gesehen hat, gibt es genug Leute für die es vielleicht völlig neu ist.
Man kann natürlich auch gnadenlos kritisieren und zerreißen, und sich in Referenzen verlieren, aber das dürfte den meisten Zielgruppen relativ wenig weiterhelfen. Literaturkritik gleitet auch gern ins abstruse ab, ist unterhaltsam, aber nicht unbedingt hilfreich. Dort werden auch gern persönliche Anymositäten, man denke an das Dreieck Walser, Grass, Reich Ranicki, ausgetragen. Bringt einen auch nicht wirklich weiter.

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HDScurox
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon HDScurox » 24. Oktober 2018, 21:09

@weltherrscher Das was du beschreibst, ist für mich Zielgruppen herbeireden. Wenn ich aber selbst nicht zur Zielgruppe gehöre, kann ich gar nicht beurteilen, ob das Spiel für andere Zielgruppen etwas ist. Hinzu kommt, dass Spielen noch viel subjektiver ist als Literatur. Man denke nur Mal darüber nach, von was es alles abhängt, ob ein Spiel mir Spaß macht. Meine persönliche Verfassung, meine Mitspieler, die Laune meiner Mitspieler, das Spiel selbst, die Gestaltung etc. pp. Da spielen so viele Faktoren mit, dass alleine daraus ersichtlich wird: Spielen und Spielspaß sind rein subjektive Parameter. Des Weiteren ergibt sich daraus: 1 Partie kann für ein Urteil nicht genug sein.
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Thygra
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Thygra » 26. Oktober 2018, 10:29

HDScurox hat geschrieben:Wenn ich aber selbst nicht zur Zielgruppe gehöre, kann ich gar nicht beurteilen, ob das Spiel für andere Zielgruppen etwas ist.

Es sei denn, du lässt das Spiel in der Zielgruppe spielen und schaust dabei zu.
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon widow_s_cruse » 27. Oktober 2018, 07:53

Hallo Alex,
HDScurox hat geschrieben: Wenn ich aber selbst nicht zur Zielgruppe gehöre, kann ich gar nicht beurteilen, ob das Spiel für andere Zielgruppen etwas ist.

Wieso ist es so schwer möglich, andere Zielgruppen gut zu kennen. Man muss dafür nur ein Interesse aufbringen können und sich dann mal vor die eigene Haustür begeben. Die Welt kann so interessant sein.
Liebe Grüße
Nils
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon SpieLama » 28. Oktober 2018, 07:08

Die Jury Spiel des Jahres veranstaltet 2019 erstmals einen Tag der Spielekritik. An diesem Tag sollen Blogger und Journalisten in Workshops (mit Experten) über Spielerzensionen sowie eventuelle problematische Verflechtungen mit der Branche diskutieren. Mehr Informationen sollen demnächst bekannt gegeben werden.

Ich finde diese Initiative gut und bin auf die Details gespannt.

Thygra hat geschrieben:
HDScurox hat geschrieben:Wenn ich aber selbst nicht zur Zielgruppe gehöre, kann ich gar nicht beurteilen, ob das Spiel für andere Zielgruppen etwas ist.

Es sei denn, du lässt das Spiel in der Zielgruppe spielen und schaust dabei zu.

Ich bin der Meinung, dass man durch das Zuschauen zwar bestimmte Dinge erfährt, letztendlich ein Spiel aber immer selbst spielen muss, um es beurteilen zu können.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon SpieLama » 28. Oktober 2018, 09:05

Ich habe mir nochmals in Ruhe den Artikel von Synes Ernst durchgelesen, https://www.spiel-des-jahres.com/de/bes ... re-spieler. Dabei ist mir folgender Absatz aufgefallen.

Synes Ernst hat geschrieben:Eine klare Linie wiederum kann nur verfolgen, wer nach allen Seiten gleiche Distanz hält und auf keinerlei Interessen, ausser auf jene seines Publikums, Rücksicht nimmt. [...] Kommt hinzu, dass im Spielebereich das Selbstverständnis weit verbreitet ist, wonach die Branche auf der einen und die Kritiker auf der anderen Seite ein gemeinsames Ziel zu verfolgen hätten – die Förderung des Spielens in der Gesellschaft. Die Nähe, die hier sichtbar wird, ist ein massives Risiko für eine unabhängige Spielkritik.

Die Fachgruppe Spiel Spieleverlage schreibt unter https://www.spieleverlage.com/wir-uber-uns/.
Spieleverlage e.V. hat geschrieben:Die Spieleverlage e.V. ist der Verbund der wichtigsten Spieleverlage im deutschsprachigen Raum und:
[...] fördert Spielen an Schulen umfassend
initiiert und fördert die Erschließung neuer Zielgruppen für die Sache des Spiels
fördert ideell das Netzwerk von großen und kleinen Publikumsveranstaltungen zum Thema Spiel

Die Jury Spiel des Jahres schreibt unter https://www.spiel-des-jahres.com/de/sinn-und-zweck.
Spiel des Jahres hat geschrieben:Die Auszeichnung ist aber nur Mittel zum Zweck: Mit ihr will der Verein Impulse für die Entwicklung wertvoller, entsprechend gestalteter neuer Spiele geben. Auf diese Weise sollen Akzente gesetzt und die Verbreitung von Gesellschafts- und Brettspielen gefördert werden.

Und in der Spiel-des-Jahres FAQ steht unter https://www.spiel-des-jahres.com/de/faq.
Spiel des Jahres hat geschrieben:Wofür verwendet der Verein seine Einnahmen?
Die Einnahmen dienen ausschließlich zur Finanzierung der Jury-Arbeit beziehungsweise der übergeordneten Aufgabe, das Spiel in Familie und Gesellschaft zu fördern.. Der Verein betreibt eine Geschäftsstelle in Kerpen und einen Internet-Auftritt, druckt Informations-Broschüren, finanziert Messe-Stände und weitere Aktivitäten zur Förderung des Kulturguts Spiel: jährlich wechselnde Förderprojekte wie zum Beispiel die Förderung der Arbeit von Ganztagesschulen, Förderung von Bibliotheken und Ludotheken, Förderung von Spieleveranstaltungen, Spielefesten, Ausstellungen, Publikationen, spielerische Aktionen sowie die Vergabe des Spielautoren-Stipendiums für Nachwuchsautoren usw. Zudem bezahlt der Verein auch Steuern.

Zumindest vom eigenen Selbstverständnis, das auf den jeweiligen Internetseiten veröffentlicht wird, scheinen also Verlage und Kritiker durchaus ein gemeinsames Ziel zu verfolgen: die Förderung des Spielens in der Gesellschaft.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Thygra » 28. Oktober 2018, 09:57

zuspieler hat geschrieben:Ich bin der Meinung, dass man durch das Zuschauen zwar bestimmte Dinge erfährt, letztendlich ein Spiel aber immer selbst spielen muss, um es beurteilen zu können.

Dieser Meinung bin ich auch, und das ist kein Widerspruch zu meinem Beitrag weiter oben.
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Weltherrscher » 29. Oktober 2018, 20:43

HDScurox hat geschrieben:@weltherrscher Das was du beschreibst, ist für mich Zielgruppen herbeireden. Wenn ich aber selbst nicht zur Zielgruppe gehöre, kann ich gar nicht beurteilen, ob das Spiel für andere Zielgruppen etwas ist. Hinzu kommt, dass Spielen noch viel subjektiver ist als Literatur. Man denke nur Mal darüber nach, von was es alles abhängt, ob ein Spiel mir Spaß macht. Meine persönliche Verfassung, meine Mitspieler, die Laune meiner Mitspieler, das Spiel selbst, die Gestaltung etc. pp. Da spielen so viele Faktoren mit, dass alleine daraus ersichtlich wird: Spielen und Spielspaß sind rein subjektive Parameter. Des Weiteren ergibt sich daraus: 1 Partie kann für ein Urteil nicht genug sein.


Ich kann deinem Eingangsatz logisch noch folgen, und teile auch unabhängig davon deine folgenden Ausführungen nicht. Ich halte den Ausgangsbeitrag über den wir hier diskutieren zum großen Teil für intellektuelles Geschwurbel, der eine elitäre Art von Spielkritik vertritt. Ich suche und finde auch gern kulturelle Verbindungen, aber nicht als Selbstzweck, um damit , der angeblich überlegenen, Buchkritik nachzukommen.
Ob ich ein Buch mag hängt auch von den Umständen ab, meinen Mitlesern usw... usf... Es fällt nur die Interaktion nicht so direkt aus.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Günter Cornett » 30. Oktober 2018, 04:57

SpieLama hat geschrieben:Zumindest vom eigenen Selbstverständnis, das auf den jeweiligen Internetseiten veröffentlicht wird, scheinen also Verlage und Kritiker durchaus ein gemeinsames Ziel zu verfolgen: die Förderung des Spielens in der Gesellschaft.


Also was die Zitate in deinem Beitrag (s.o.) betrifft, sehe ich schon einen Unterschied:
- Neue Zielgruppen erschließen
- Akzente setzen und Verbreitung von Gesellschafts- und Brettspielen fördern

Bei den Verlagen steht der Umsatz im Vordergrund, bei den - zitierten - Kritikern neben der Quantität auch die Qualität der Spiele. Natürlich ist den Verlagen auch um Qualität wichtig, aber - da marktabhängig - ist ein gutes Spiel, ein Spiel dass sich gut verkauft.

Daher beantworten viele (längst nicht alle) Kritiker die Frage, ob Monopoly ein gutes Spiel ist, schon etwas anders als viele Verleger. "Das ist ne MÄDN-Variante" ist auch ein tendenziell abwertendes Urteil durch Nennung eines der erfolgreichsten Spiele.

Ich meine, wir brauchen einen Spielejournalismus, der nicht in erster Linie den Markt erweitern will, sondern einen, der auch in der Lage ist, die vorhandene Vielfalt zu strukturieren, über Relevantes (? - was ist denn für wen relevant?) zu informieren, Titel einzuordnen. In den 80ern hatte man als Spieler noch einen recht guten Überblick über die verfügbaren Spiele, deren Zielgruppe man war. Ich denke, das ist heute nicht mehr so.

Eine klare Trennung zwischen den verschiedenen Gruppen der Branche, Verleger, Autoren, Händler, "Spiele-Journalisten"(nicht generelle Journalisten?) gibt es dabei nicht wirklich. Es gibt da nicht nur personelle Überschneidungen, sondern mitunter auch engere inhaltliche Gemeinsamkeiten Einzelner über die Gruppengrenzen hinweg als innerhalb einer dieser Gruppen. Von daher braucht es generell mehr Menschen mit eigenem Standpunkt, natürlich insbesondere unter den Journalisten.


Was die Zielgruppen-Diskussion betrifft, so meine ich, dass man nicht notwendigerweise zu einer Zielgruppe gehören muss, um eine Eignung beurteilen zu können. Wenn ich Kinder Malefiz spielen sehe , kann mir das Spiel durchaus Spaß machen, weil ich es durch sie aus einer anderen Perspektive erlebe.
Im alten spielbox-Forum über mehrere Jahre gesperrt wegen Ankündigung eines Links auf https://boardgamegeek.com/thread/701349 ... rong-cover

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon SpieLama » 30. Oktober 2018, 07:58

Auch im Computerspieljournalismus gibt es übrigens diese Diskussion. Im Rahmen der EGX Berlin 2018 kam es im EGMAX-Studio zu einer spannenden Diskussion: Lösen Influencer den klassischen Gaming-Journalismus ab? Dazu eingeladen waren neben Marco Risch (Nerdkultur), David Hain, Christian Liebert (Allyance) und Michael Graf (GameStar), die mit Moderator Michael Obermeier eine knappe Stunde über das Thema hitzig diskutiert haben.

https://www.youtube.com/watch?v=FbpS1UNmoq0

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Weltherrscher » 30. Oktober 2018, 13:28

Früher nannte man es Multiplikatoren, heute Influencer, wenn es auch nicht immer deckungsgleich ist. Da ist natürlich nicht immer Journalismus im Spiel, es erfüllt aber oft trotzdem den Zweck zu informieren. Man sollte generell kritisch rezipieren, nirgendwo hält sich jeder an ethische Standards.
Gerade im Computerspielbereich waren früher schon die Zeitungen mit Werbung verseucht, und manches Magazin war für seine durchgehenden Höchstwertungen bekannt. Heute ist diese Problematik vielleicht nicht mehr so bewusst. Auch die großen Tages und Wochenzeitungen haben gern mal Themenblöcke und Beilagen die versteckte Werbung sind. Heute kommt es halt auch öfter raus, hat aber vermutlich auch zugenommen.
Die Diskussionen im Journalismus generell dreht sich momentan eher um Geschäftsmodelle und weniger um ethische Standards. Wenn es um zweiteres geht, wird meist mit dem Buzzword Fakenews die Aufmerksamkeit auf andere gelenkt. Regionalzeitungen z.B. sind heute oft auch Postdienstleister usw..., und/oder gehören zu großen Konzern, damit wird aber nicht offen umgegangen.


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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Florian-SpieLama » 5. November 2018, 11:44

Ich bin irgendwie zu doof dazu.
Wo/wie kann ich mir den Podcast denn anhören? Bei mir sind da nur die schriftliche Einleitung und die Kommentare.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon SpieLama » 6. November 2018, 00:19

Florian-SpieLama hat geschrieben:Ich bin irgendwie zu doof dazu.
Wo/wie kann ich mir den Podcast denn anhören? Bei mir sind da nur die schriftliche Einleitung und die Kommentare.

Mit welchem Browser besucht du die Seite? Hast Du Werbe- oder Scriptblocker aktiviert? Normalerweise solltest Du den Player direkt auf der Seit sehen (siehe Foto).

podcast.jpg
podcast.jpg (255.41 KiB) 1063 mal betrachtet

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon hgzwopjp » 6. November 2018, 00:50

SpieLama hat geschrieben:Normalerweise solltest Du den Player direkt auf der Seit sehen (siehe Foto).


Normalerweise sollte er das nicht, aber sobald er Scripte und Iframes von cdn.podlove.com freischaltet...

PS: Die Gravatare werden vom im FF eingebauten Tracking-Schutz erledigt...

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Florian-SpieLama » 6. November 2018, 16:52

Funktioniert jetzt. Dankeschön.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon Michael Weber » 6. November 2018, 17:57

Öhm ...

HDScurox hat geschrieben:@weltherrscher Das was du beschreibst, ist für mich Zielgruppen herbeireden.

Ist nicht das Wesen einer Rezension, ein Werk in den Kontext aller anderen Werke zu bringen und dabei selbstverständlich die Zielgruppe zu definieren?

Die wird ja nicht (beser: soll nicht) herbeigeredet, indem es heißt: Mir gefällt es nicht, aber irgendein Depp wird es schon mögen. Sondern anhand des Designs, der Regeln und der Erfahrungen wird deutlich: Das richtet sich an oder ist was für Spieler XYZ oder für Kinder oder für Familien oder für ... Das ist keine Wertung, sondern eine Einordnung. Von Herbeireden kann dabei doch gar nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Das muss eine Rezension für mich leisten.

HDScurox hat geschrieben:Spielen und Spielspaß sind rein subjektive Parameter.

Ja, so wie das Lesen und der dabei empfundene Spaß mit einem Buch ...

Aber genau darüber hinaus soll nach Meinung von Synes die Rezension gehen. Sie soll sich eben nicht allein mit dem subjektiven Gefühl des erfahrenen Spaßes befassen, sondern eine Einordnung und ein Bemessen der Qualität des Spiels bieten. Wenn ein Mechanismus Mist ist, muss man das schreiben. Wenn er vielen Spielern trotzdem Spaß macht, haben wir Konsalik. Wenn er gut ist und vielen keinen Spaß macht, haben vielleicht Thomas Mann oder so etwas. Es geht dabei aber nicht darum, ob ich Konsalik mag, sondern dass Thomas Mann kulturell wichtiger sein könnte, weil ...

Viele Rezensionen fußen dagegen nur auf "mag ich" oder "hat bei uns nicht gezündet". Ja, das wäre der subjektive Spaß gewesen. Eine Rezension muss aber mehr leisten. Und genau das fordert er.

Abgesehen davon ist die vielfältige Verwicklung von Interessen ein Problem in der Spieleszene, dem sich viele nicht stellen mögen. Speziell einige der Medien nicht. (Es geht mir in diesem Punkt nur um das Ob, nicht das Wie - und ich darf das sagen.)

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon SpieLama » 9. November 2018, 08:27

Peer hat auf Abenteuer Brettspiele den (meiner Meinung nach) sehr guten Artikel "Die Sehnsucht nach der perfekten Brettspiel-Rezension – Ansprüche, Probleme, Lösungen" veröffentlicht. Ihr findet den Artikel unter https://www.abenteuer-brettspiele.de/br ... -rezension. Peer schreibt unter anderem.

abenteuer-brettspiele.de hat geschrieben:Etwas schwer tue ich mich mit der Aussage, dass er [Synes Ernst] “keine Wischiwaschi-Aussagen, sondern ein eindeutiges Urteil, so subjektiv es auch ist” will. Ich habe lieber etwas objektivere Aussagen in einer Rezension. Ich bevorzuge Begründungen, warum man etwas nicht so gut bzw. toll findet. [...] Die Kombination von objektiver Einordnung und subjektivem Spielerlebnis ist nicht einfach, aber machbar. Auf diese Weise kann man zeigen, für wen das Spiel was ist und für wen nicht.

Peer beschäftigt sich in seinem Artikel außerdem nicht nur mit den Rezensenten, sondern auch den Rezipienten.
abenteuer-brettspiele.de hat geschrieben:Viele Brettspieler wünschen sich Rezensionen, die ihren Geschmack/ihre Meinung treffen. Ist das nicht der Fall, wird die Rezension gern kritisiert. Hier müssen meiner Meinung nach nicht nur die Rezensenten dazulernen, sondern auch die Spieler. Es muss einem klar werden, dass andere Menschen Dinge anders sehen und anders beurteilen.

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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon widow_s_cruse » 9. November 2018, 09:27

Hallo Sebastian,
SpieLama hat geschrieben:Peer beschäftigt sich in seinem Artikel außerdem nicht nur mit den Rezensenten, sondern auch den Rezipienten.

Auch ich habe hohe Erwartungen an meinen Leser. Er muss in der Lage sein, sich über das von mir Erfahrene selbst eine Meinung zu bilden. Auf den bequemen bis zu unfähigen Leser, der von mir Vorgekautes erwartet, lege ich keinen Wert und der geht bei mir für seine Bestätigung der negative Kaufentscheidung oft leer aus. Als Schreiber für Printmedien sind meine Möglichkeiten der Infomationsausdehnung streng begrenzt. Für eine Selbstdarstellung mit meiner eigenen Meinung (Kritik) ist mir der eingeräumte Platz zu schade, wo ich so viel über das Spiel-Empfinden mitzuteilen habe und dazu auch gerne bereit bin.
Natürlich gelten solche begrenzenden Regeln Online weniger. Dort können sich "Kritiker" vollends ausleben. Aber so manches Mal würde ich mir doch wünschen, dass der "Kritker" die Lesekapazität des Angesprochenen als wertvolle Ressource betrachtet, bevor er zur 15 Wiederholung und Darstellung seiner Beanstandung ansetzt.
Liebe Grüße
Nils
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Re: Thema des Monats: Brauchen wir einen neuen Spielejournalismus?

Beitragvon SpieLama » 11. November 2018, 14:06

SpieLama hat geschrieben:Die Jury Spiel des Jahres veranstaltet 2019 erstmals einen Tag der Spielekritik. An diesem Tag sollen Blogger und Journalisten in Workshops (mit Experten) über Spielerzensionen sowie eventuelle problematische Verflechtungen mit der Branche diskutieren. Mehr Informationen sollen demnächst bekannt gegeben werden.

Ich finde diese Initiative gut und bin auf die Details gespannt.

Hier kommen die Details.

Spiel des Jahres hat geschrieben:Spielekritiken findet man an vielen verschiedenen Orten: In Zeitungen, in Fachmagazinen, im Radio und im Internet. Die einen rezensieren Brettspiele im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit, die anderen verstehen dies als Hobby und publizieren ihre Spielkritiken ihn einem Blog, einem Podcast oder auf YouTube.

Wo steht die deutschsprachige Spielekritik? Darüber wird auf dem „Tag der Brettspielkritik“ im Juni 2019 diskutiert. Veranstalter ist der Verein Spiel des Jahres, ein Zusammenschluss von Spielekritikerinnen und -kritikern, der 40 Jahre alt wird.

Der Kulturjournalist Stefan Gohlisch (Neue Presse) wird zum Thema Kulturkritik und Feuilleton referieren, Daniel Wüllner (Süddeutsche Zeitung) wird nach journalistischer Qualität und Zielgruppen fragen, und Nicola Balkenhol (Deutschlandradio), Steffen Bogen (Professor für Kunstgeschichte), Synes Ernst (ehemaliger Vereinsvorsitzender "Spiel des Jahres") sowie Manuel Fritsch (Insert Moin) werden in einer Podiumsdiskussion den Blick über den Tellerrand wagen, unter anderem auf die Literatur- und die Computerspielkritik.

In Arbeitsgruppen geht es um die Praxis der geschriebenen Spielekritik, hier beteiligen sich die Chefredakteure der Fairplay, von Spiel doch! und der spielbox, sowie der gesendeten Spielekritik.

Anmelden können sich Blogger und Journalisten unter https://www.spiel-des-jahres.com/de/anmeldung-tdb. Hier auch noch das komplette Programm.

TagderBrettspielkritik2019.pdf
Quelle: Spiel des Jahres
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