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Qualität Rezensionen
Verfasst: 3. Februar 2007, 16:22
von Jingo
Das Thema 'Ertrinke in ungespielten Spielen' brachte mich auf dieses hier.
Ich erinnere mich gut (und gern) an eine Zeit vor ca. 5-10 Jahren, als ich mit Vergnügen Rezis über Spiele las und danach auch sicher beurteilen konnte, ob mir das Spiel gefallen würde (Fakt durch viele, viele Spiele erhärtet). Ich weiß, daß auch damals viele das nicht konnten, aber bei mir war es so.
Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Eigentlich drängt sich mir fast nie aufgrund einer Rezi ein Spiel auf und ich stelle mir die Frage, woran es wohl liegt. Ist die Qualität der Rezis schlechter geworden? Bin ich zu alt? Zu übersättigt?
Sicher ist eine gewisse Übersättigung nach vielen Jahren Spiel nicht auszuschließen, aber ich denke Rezis waren früher besser aufgebaut und auch länger. Die Beschreibung der Regeln war klarer, die Beurteilung begründeter und die 'Schreibe' lockerer. Auch wurden häufiger Spiele verdammt, die es verdient hatten, während heute auch klare Graupen noch ein ok erhalten (aber dieses Thema hatten wir erst kürzlich). Ich will auch nicht sagen, daß alle Schreiber betroffen sind: H. Heller, C. Klein und U.Bartsch (meistens) nehme ich aus und sicher habe ich noch den einen oder anderen vergessen.
Wie sehen andere das?
Re: Qualität Rezensionen
Verfasst: 3. Februar 2007, 18:48
von Björn Backes
Mit diesem Thema habe ich mich zuletzt auch intensiver auseinandergesetzt. Deshalb habe ich selber angefangen, Rezensionen zu schreiben und ausführlicher auf die Regeln und den Spielmechanismus einzugehen. Nachzulesen ist diea auf www.buchwurm.info
Dort gibt es noch keine echte Spielerubrik, aber mit immerhin schonmal 35 Spielekritiken (wer sucht der findet...) haben wir einen guten Anfang geleistet, und so soll es auch weitergehen. Ende März wird es dann hoffentlich auch endlich die Rubrik geben. Interessenten können ja mal reinschauen, von "Die Säulen der Erde" bis hin zu "Runebound" und "Doom" sind schon mal einihe Spiele dabei...
Re: Qualität Rezensionen
Verfasst: 4. Februar 2007, 00:45
von Stefan Bosse
> ich denke Rezis waren früher besser aufgebaut und auch länger.
> Die Beschreibung der Regeln war klarer, die Beurteilung begründeter
> und die 'Schreibe' lockerer.
Das kann man aber auch anders sehen. Ich zum Beispiel finde "Regelbeschreibungen" ziemlich absurd. Ich will wissen, wie das Spiel generell funktioniert. Details interessieren mich zuerst einmal nicht - dafür schaue ich bei Bedarf lieber in die echte Anleitung (zB. auf der Verlagshomepage).
Auch die generelle Länge einer Besprechung finde ich nicht grundsätzlich gut. Wenn ich ein Spiel überhaupt nicht kenne, nerven mich lange Exkurse über die exakte Verteilung von Karten an Mitspieler ziemlich, weil ich ja noch gar nicht weiß, wie und warum das wichtig ist. Ich ertappe mich zunehmend häufiger, wie ich direkt zum Fazit springe und nur das lese.
Ein gut begründetes Fazit ist mir natürlich auch wichtig, ohne Erklärung ist eine Wertung nutzlos.Insofern sollte das Fazit immer "sprechend" sein. Einfach eine ans Ende geklatschte Schulnote hilft mir nicht wirklich weiter. Nutzloses Beispiel: Die Kundenrezensionen auf spieleoffensive.de: Da steht dann eine "Fünf", daneben "Tolles Spiel, das ich oft gewinne." Aha.
Eigentlich stellt sich die Frage, welche Rezensions"typen" es grundsätzlich gibt. Da wäre sicherlich die klassische Lang-Rezension, in der das Spiel nicht nur beschrieben, sondern auch erklärt wird. Daneben hat sich jedoch - teilweise schleichend - die Kurzrezension breitgemacht, gleichwohl in unterschiedlichen Ausprägungen:
Nehmen wir mal siegpunkt. de. Hier hat Herr Knopf das Fazit zum Prinzip erhoben. Eigentlich sind die meisten seiner Besprechungen etwas zu groß geratene Fazits. Stilsicher, pointiert,,, (wir seufzen kurz und schauen wieder nach vorn).
Oder Hall9000.de. Durch die deutliche Trennung zwischen Beschreibung und Fazit stellen die Rezensionen hier oft eine gelungene Mischung dar. Längliche Regelbeschreibungen vorn, zusammenfassendes (gleichwohl sprechendes) Resümee am Ende. Wer will, liest nur letzteres.
Warum diese Verkürzung, diese Fokussierung auf das Fazit, eingetreten ist, dürfte fast schon ein Kulturphilosophischer Exkurs werden. Kurze Artikel scheinen aber nicht nur in der Spielewelt um sich zu greifen (siehe Phänomene wie "Zeit-komapkt", eine Schrumpfzeitung für Pendler in engen Bussen). Ich selbst bin auch bekennender "Fazit-Leser". Daher bin ich eigentlich ganz zufrieden mit der aktuellen Situation. ;-)
Besten Gruß
Stefan
Re: Qualität Rezensionen
Verfasst: 4. Februar 2007, 11:56
von Thom
Hi Jingo,
ich bin mit den Rezensionen zufrieden, vor allem bei Hall9000, wo noch Abbildungen mit enthalten sind, was für mich persönlich schon Aussagekräftig genug ist. Wichtig für mich ist noch eine Materialaufstellung, dazu der grobe Spielablauf und am Ende ein nicht zu langes Fazit.
Die Spielregeln hole ich mir dann bei Gelegenheit mal auf der Verlagsseite, falls mir die Rezension Geschmack auf das Spiel gemacht hat.
Grüsse Thom
Re: Qualität Rezensionen
Verfasst: 10. Februar 2007, 02:19
von Roman Pelek
Hi Stefan,
Stefan Bosse schrieb:
>
> > ich denke Rezis waren früher besser aufgebaut und auch
> länger.
> > Die Beschreibung der Regeln war klarer, die Beurteilung
> begründeter
> > und die 'Schreibe' lockerer.
>
> Das kann man aber auch anders sehen. Ich zum Beispiel finde
> "Regelbeschreibungen" ziemlich absurd. Ich will wissen, wie
> das Spiel generell funktioniert. Details interessieren mich
> zuerst einmal nicht - dafür schaue ich bei Bedarf lieber in
> die echte Anleitung (zB. auf der Verlagshomepage).
Früher war es in der Tat wichtiger, das Regelwerk zu paraphrisieren. Heute kann sich's jeder runterladen.
> Auch die generelle Länge einer Besprechung finde ich nicht
> grundsätzlich gut. Wenn ich ein Spiel überhaupt nicht kenne,
> nerven mich lange Exkurse über die exakte Verteilung von
> Karten an Mitspieler ziemlich, weil ich ja noch gar nicht
> weiß, wie und warum das wichtig ist. Ich ertappe mich
> zunehmend häufiger, wie ich direkt zum Fazit springe und nur
> das lese.
Ernstgemeinte Frage: will mittlerweile, wo Spielinhalte für jeden öffentlich zugänglich sind, jemand wirklich etwas anderes als subjektive Fazits lesen?
> Nehmen wir mal siegpunkt. de. Hier hat Herr Knopf das Fazit
> zum Prinzip erhoben. Eigentlich sind die meisten seiner
> Besprechungen etwas zu groß geratene Fazits. Stilsicher,
> pointiert,,, (wir seufzen kurz und schauen wieder nach vorn).
Ja, aber wenn wir mal auf seine Lebzeiten zurückblicken, hat er sich ziemlich viele Pharisäervorwürfe dafür gefallen lassen müssen. Er hat Rezensionen persönlich gestaltet, teils unorthodoxe Meinungen vertreten und Experimente gemacht. Und das alles noch mit einer professionellen Ausbildung in journalistischer Richtung im Rücken.
Da seufze ich nicht nur kurz, sondern blicke manchmal irritiert um mich - und frage: wo ist eigentlich vorn?
> Oder Hall9000.de. Durch die deutliche Trennung zwischen
> Beschreibung und Fazit stellen die Rezensionen hier oft eine
> gelungene Mischung dar. Längliche Regelbeschreibungen vorn,
> zusammenfassendes (gleichwohl sprechendes) Resümee am Ende.
> Wer will, liest nur letzteres.
Hall9000 bedient das Informationsbefürnis sehr gut. Beantwortet jedoch nicht die Frage nach der aktuellen Rezensionskultur und ob es eine solche überhaupt gibt.
> Warum diese Verkürzung, diese Fokussierung auf das Fazit,
> eingetreten ist, dürfte fast schon ein Kulturphilosophischer
> Exkurs werden.
Vielleicht ist es eher eine Existenzfrage in Zeiten des Internets: braucht es Rezensionen und Rezensenten überhaupt jenseits der Amazon-Votings?
Coap,
Roman ("If we don't get to a higher place and find somebody / can help somebody, might be nobody no more", Tom Petty: "A higher place")
RE: Qualität Rezensionen
Verfasst: 10. Februar 2007, 10:30
von Marten Holst
Moin,
>> Das kann man aber auch anders sehen. Ich zum Beispiel finde
>> "Regelbeschreibungen" ziemlich absurd. Ich will wissen, wie
>> das Spiel generell funktioniert. Details interessieren mich
>> zuerst einmal nicht - dafür schaue ich bei Bedarf lieber in
>> die echte Anleitung (zB. auf der Verlagshomepage).
>
> Früher war es in der Tat wichtiger, das Regelwerk zu
> paraphrisieren. Heute kann sich's jeder runterladen.
Ist hier nicht genau einer der Balanceakte, den ein Printmedium zu gehen hat? Einerseits kann es die Existenz des Internets natürlich nicht ignorieren und weiter printmediumisieren wie bisher, andererseits aber bin ich nicht sicher, ob die Zielgruppe aus überwiegend (a) Internetnutzern, speziell solchen, die (b) derartige Service- und Suchmöglichkeiten wahrnehmen besteht. Wie also die einen informieren ohne die anderen zu langweilen?
> Ernstgemeinte Frage: will mittlerweile, wo Spielinhalte für
> jeden öffentlich zugänglich sind, jemand wirklich etwas
> anderes als subjektive Fazits lesen?
Je nun, als Gelegeneheitsschreibviech ich sollte vielleicht meine Meinung nicht herausstellen, sondern Ergebnisse abwarten, aber Kontextschaffung durch Kurzreferenz dessen "was los ist" ist selbstverständlich nötig und hilfreich - genau so, wie man in Netzpostings gerne Kontexte durch zitieren von Textstellen schafft, die auch jedem (ein Posting weiter oben) zugänglich sind. Reine Fazitartikel stelle ich mir interessant vor für Leute, die den n-ten Artikel zu einem Spiel lesen und sich denken "Jaja, langsam weiß ich das mit der grünen Fischkarte". Ein fast reines Fazit so zu gestalten, dass dennoch aller Reininformationsbedarf mit erfüllt wird, das wäre eine Kunstform, die auch nur ausgeübt werden sollte, wenn man die Myoadenylatdeaminase (sorry, das Wort befand sich in meinem Zwischenspeicher, ich kam versehentlich auf einfügen, und nun habe ich keine Lust, es da weg zu machen), wenn man die Kunstform beherrscht. Man sollte bei Ansprüchen an Handwerk und Dienstleistung nicht unbedingt alle (individuellen) Handwerker und Dienstleister an der Spitze messen und verwerfen, wenn sie diese nicht erreichen.
>> Oder Hall9000.de. Durch die deutliche Trennung zwischen
>> Beschreibung und Fazit stellen die Rezensionen hier oft eine
>> gelungene Mischung dar. Längliche Regelbeschreibungen vorn,
>> zusammenfassendes (gleichwohl sprechendes) Resümee am Ende.
>> Wer will, liest nur letzteres.
>
> Hall9000 bedient das Informationsbefürnis sehr gut.
> Beantwortet jedoch nicht die Frage nach der aktuellen
> Rezensionskultur und ob es eine solche überhaupt gibt.
>
>> Warum diese Verkürzung, diese Fokussierung auf das Fazit,
>> eingetreten ist, dürfte fast schon ein Kulturphilosophischer
>> Exkurs werden.
>
> Vielleicht ist es eher eine Existenzfrage in Zeiten des
> Internets: braucht es Rezensionen und Rezensenten überhaupt
> jenseits der Amazon-Votings?
>
> Coap,
> Roman ("If we don't get to a higher place and find somebody
> / can help somebody, might be nobody no more", Tom Petty:
> "A higher place")
RE: Qualität Rezensionen
Verfasst: 10. Februar 2007, 10:37
von Marten Holst
Sonnabend morgens, halb elf in Deutschland: die Fehlbedienungen des PCs häufen sich. Nun ein Absender, der so nicht gewollt war. ("Die haben das doch gar nicht gewollt" - Heinz-Rudolf Kunze, Madagaskar)
>>> Warum diese Verkürzung, diese Fokussierung auf das Fazit,
>>> eingetreten ist, dürfte fast schon ein Kulturphilosophischer
>>> Exkurs werden.
>>
>> Vielleicht ist es eher eine Existenzfrage in Zeiten des
>> Internets: braucht es Rezensionen und Rezensenten überhaupt
>> jenseits der Amazon-Votings?
Okay, Du provozierst. Gerade bei Amazon-Votings, die nur im seltensten Fall tauglich sind zu fazitieren, natürlich ein "ja". Aber auch sonst braucht es allgemein Rezensenten, denn einem Freunde vertraue ich, wenn er mir einen Tipp gibt, weil ich ihn kenne und einschätzen kann. Jemand, der kontinuierlich rezensiert, der ist für mich vielleicht nicht gleich ein Busenfreund mit Bierausgabegarantie, aber doch eine verlässliche Größe. Und jemand, der gut zusammenfassen kann, worum es geht, der ist jemand, der sein Handwerk beherrscht.
Tschüß
Marten