Seite 1 von 1
Neuauflagen
Verfasst: 27. Juni 2007, 21:20
von JoelH
Kommt es mir nur so vor oder kommen aktuell gerade jede Menge Neuauflagen mit oder ohne neuen Namen auf den Markt?
Gibts ein Defizit an neuen Ideen, oder will man einfach bewährtes neu verkaufen, also kein Risiko eingehen?
Als Beispiel nehm ich mal die ganzen Kramer-Games die gerade neu im Alturien- bzw. Origogewand erscheinen, oder die Fürsten von Florenz, Euphrat&Tigris ....
J.
Re: Neuauflagen
Verfasst: 27. Juni 2007, 21:40
von Andreas Keirat
JoelH schrieb:
>
> Kommt es mir nur so vor oder kommen aktuell gerade jede Menge
> Neuauflagen mit oder ohne neuen Namen auf den Markt?
>
> Gibts ein Defizit an neuen Ideen, oder will man einfach
> bewährtes neu verkaufen, also kein Risiko eingehen?
>
> Als Beispiel nehm ich mal die ganzen Kramer-Games die gerade
> neu im Alturien- bzw. Origogewand erscheinen, oder die
> Fürsten von Florenz, Euphrat&Tigris ....
>
> J.
Moin!
Mal kurz in Stichworten (ohne Vollständigkeit)
Vorteile:
-Marktname hat in der Spieleszene schon einen gewissen Ruf
-Testspiele brauchen kaum noch stattfinden, das Spielsystem wurde vom alten Verlag ja bereits ausgiebig getestet
-Spielregel steht oder muß nur geringfügig angepaßt werden
-Spielungereimtheiten können durch Kritiken von Spielern und Schreibern schon vorab ausgebügelt werden.
-Grafiken können unter Umständen übernommen werden
-Potentielle Nachfrage kann z.B. bei eBay vorab eingeschränkt überprüft werden, wenn man die Preise der alten Version anschaut
-leichter Kooperation mit ausländischen Partnern möglich, weil diese leicht Informationen über das Spiel einholen können/nachlesen können.
Nachteile:
-Spieler mit der alten Version kaufen die neue eventuell nicht. Neue Anreize müßten dafür also geschaffen werden.
-Eventuell schlechtere Kritiken, weil das Spiel immer mit dem Original verglichen wird.
Ciao,
Andreas Keirat
www.spielphase.de
(dem gerade nicht mehr Nachteile einfallen wollen...)
Re: Neuauflagen
Verfasst: 27. Juni 2007, 21:58
von Bernd Eisen
Hallöchen!
Andreas hat ja bereits vor allem die Vorteile recht treffend ausgeführt.
Ich finde das Ganze eigentlich als keine gute Entwicklung.
Ständig wird geklagt, dass Spiele eine so kurze "Halbwertszeit" haben, fliegen sie doch meist sehr sehr schnell aus den Programmkatalogen...
Wollen die Verlage unbedingt große Autorennamen präsentieren (und stoßen diese nicht genug gute neue Spielideen mehr aus?)?
Hat man seinerzeit das Potenzial eines Spieles nicht richtig einschätzen können und merkt jetzt mit zunehmender "Internationalisierung" am Markt dass dieses oder jenes Spiel noch gefordert wird?
Will man jetzt Design- oder Grafikmängel ausmerzen?
Jede Neuauflage verhindert eine neue, vielleicht innovative Spielidee von einem noch unbekannten Autor...
Na ja - bin da wohl auch nicht ganz wertneutral in meiner Ansicht ;-)
Viele Grüße
Bernd
Re: Neuauflagen
Verfasst: 27. Juni 2007, 22:18
von JoelH
Bernd Eisen schrieb:
>
> Ich finde das Ganze eigentlich als keine gute Entwicklung.
Dies wollte ich unterschwellig mit dem Topic andeuten ;)
Re: Neuauflagen
Verfasst: 27. Juni 2007, 22:54
von Martin
Ich finde Neuauflagen gar nicht so schlecht. Z.B. Hase und Igel, Ricochet Robots und viele weitere tolle Spiele.
Martin
Re: Neuauflagen
Verfasst: 28. Juni 2007, 02:12
von Fluxx
Ich finde Neuauflagen auch nicht so schlecht - immer wieder passiert es, dass man bei Bekannten Spiele entdeckt, die man auch haben will und leider erfahren muss, dass es die nicht mehr gibt. Auch ist nicht jeder Spielefreak seit zig Jahren dabei. Stell dir den jungen Menschen vor, der jetzt plötzlich seine Leidenschaft zu Spielen entdeckt und auf diversen Internetseiten immer von 'gaaanz tollen Spielen' hört. Willst du dem dann sagen - 'tja eines der Spiele die ich in den letzten 10 Jahren am häufigsten gespielt habe ist Euphrat und Tigris - das bekommst du aber nur noch mit viel Glück bei eBay und da kostet es mindestens 50 Euro' - oder freust du dich nicht diesem Menschen sagen zu können - 'hey hier ist gerade ein tolles Spiel neu aufgelegt schau dir das doch mal an!'
Natürlich ist es schade wenn neue Autoren nicht zum Zuge kommen weil die Verlage nur 'recyclen' - aber man muss da differenzieren ob sie recyclen weil es für sie irgendwie einfacher ist oder sie unbedingt noch ein Spiel mit 'Kramer' auf dem Karton haben wollen oder...
Oder Recyclen sie ein Spiel weil es auch nach mehreren Jahren immer noch besser ist als das was sie von Jungautoren vorgelegt bekommen.
Ich denke bei den meisten Neuauflagen schauen die Verlage schon wie der Markt aussieht und ob sich eine Neuauflage lohnt - und dann finde ich es auch gut wenn Spiele nach denen Nachfrage besteht wieder verkauft werden.
Gruß
Fluxx
Re: Neuauflagen
Verfasst: 28. Juni 2007, 11:26
von Reinhard Staupe
Hallo Joel!
Grundsätzlich stimme ich zu, dass Neuauflagen nicht in zu großer Anzahl erscheinen sollten, denn in der Tat beweisen die Autoren Jahr für Jahr sehr nachdrücklich, dass es immer wieder tolle neue Ideen gibt.
Der Hauptgrund für eine Neuauflage (zumindest sollte er es sein) ist doch der, dass der Verlag von den überragenden inhaltlichen Qualitäten, also dem ursprünglichen Input des Autors, überzeugt ist und dass man dem Spiel eine wohlverdiente zweite Chance geben möchte, in neuem Gewand, mit womöglich anderem Thema, anderem Titel, anderer Schachtelgröße, anderer Illustration, anderem Material und nicht zuletzt mit anderem Endpreis. Es ist ja leider nun mal so, dass selbst wirklich herausragende Ideen häufig an irgendwelchen kleinen Details scheitern und nicht die Resonanz erhalten, sprich nicht die Verkaufszahlen erzielen, die sie verdienen.
Mal ein konkretes Beispiel. 1997 kam das wundervolle „Zum Kuckuck“ von Stefan Dorra bei FX Schmid auf den Markt. Für mich ist es eines der besten, ja genialsten Kartenspiele aller Zeiten. Trotz witziger Grafik war es schnell wieder vom Markt verschwunden. Vielleicht lag’s an der relativ großen FX-Schachtel, vielleicht auch daran, dass es letztlich nicht so ganz stimmig und eingängig war, dass man einen Kakadu zum Kuckuck machen muss, wenn man zu viele Kuckucksküken im Nest hat – man weiß es nicht ...
Das Spiel wurde dann bei den Berliner Spielkarten neu aufgelegt, in kleinerer Schachtel, niedrigerem Preis und mit anderem Titel und Thema: Land unter. Das neue Thema passte wesentlich besser zum Spielablauf und das Spiel kam auf die Auswahlliste. So weit so gut, aber das Optimum war noch immer nicht erreicht, denn so wirklich erstklassig war die neue Grafik nicht.
Schließlich und endlich hat das Spiel dann 2002 bei Amigo seine jetzige und damit wohl endgültige supersüße Einkleidung gefunden. Es passt alles, es verkauft sich, und hoffentlich bleibt es allezeit dort, wo es hingehört: in ganz vielen Verkaufsregalen!
Redaktionelle Verlagsarbeit heißt doch zuallererst, dass man nach guten Ideen Ausschau hält, seien sie nun alt oder taufrisch, dass man diese guten Ideen mit unendlich viel Zeit und Mühe und Kleinarbeit auf den Punkt bringt und Ihnen eine möglichst passende, ansprechende Einkleidung gibt. Und somit kann es doch nur positiv sein, für Autoren und Spieler gleichermaßen, wenn es eben nicht heißt „neu, neu und neu soll es sein“, sondern schlicht und einfach gut, oder möglichst noch besser als gut. In diesem Sinne sollte man Neuauflagen als Ausdruck beständigen Strebens nach Qualität auffassen. Es gelingt nicht immer, aber lohnenswert ist es allemal.
Viele Grüße,
Reinhard
Re: Neuauflagen
Verfasst: 29. Juni 2007, 10:17
von Martin M
Ich finde an den Neuauflagen auch nichts auszusetzen. Um zu verstehen, wie die Verlage handeln, muß man sich zunächst vor Augen führen, wie es kommt, daß Spiele aus dem Programm verschwinden: Der Verlag produziert zunächst eine Auflage von X Exemplaren. Je größer der Verlag und je bekannter der Autor, desto größer wird X sein. Diese Auflage, sofern das Spiel nicht SdJ geworden ist, wird über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren abverkauft. Ist die Auflage vergriffen, muß sich der Verlag entscheiden, ob er das Risiko aufnimmt, eine weitere Auflage zu produzieren oder ob er lieber seine Kapazitäten für ein anderes (evtl. neues) Spiel zu nutzt. Auf diese Weise verschwinden hochgepriesene, aber nicht unbedingt massentaugliche Spiele wie Euphrat und Tigris irgendwann aus dem Programm.
Stellt sich dann nach ein paar Jahren heraus, daß es doch noch eine Nachfrage nach dem Spiel gibt, muß der Verlag erneut entscheiden, ob er vielleicht lieber das alte Spiel neu auflegt oder ein neues produziert.
Nach einer gewissen Zeitspanne geht das Recht an einem Spiel übrigens wieder zurück an den Autor, der dann entscheiden kann, ob er es beim selben oder einem anderen Verlag noch einmal anbietet.
Am Beispiel der aktuellen Neuauflagen sehe ich aber eher die Tendenz, daß eher kleine, neue Verlage in den Markt einsteigen, indem sie Neuauflagen von erfolgreichen Spielen herausbringen, insbesondere in Fällen, wo die Rechte nicht mehr bei einem Verlag, sondern beim Autor liegen. Beispiele u.a. Argentum mit Seenot im Rettungsboot, Abacus mit Hase und Igel oder der neue kanadische Verlag, der Neuauflagen von Avalon Hill-Klassikern herausbringt. Diese Verlage sparen sich eine Menge Aufwand und Risiko, wenn sie bewährte Spiele neu auflegen. Sie erweitern damit das Angebot an Spielen auf dem Markt und nehmen auch nicht unbedingt aufstrebenden Jungautoren etwas weg - diese werden ohnehin eher zu den etablierten Verlagen gehen.
Meiner Meinung nach profitieren vor allem wir Spieler davon, wenn sich kleinere Verlage um die Neuauflage von Klassikern kümmern. Und wenn es mehr Verlage am Markt gibt, die vielleicht auch irgendwann Innovationen bringen, soll das ebenfalls nicht unser Schaden sein.
Die einzigen, die nicht profitieren, sind diejenigen, die Klassiker auf ebay zu Mondpreisen verkaufen.
Re: Neuauflagen
Verfasst: 1. Juli 2007, 10:36
von JoelH
Martin M schrieb:
>
> Ich finde an den Neuauflagen auch nichts auszusetzen.
Ich auch nicht, mir ist das nur gerade verstärkt aufgefallen.