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Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 7. Februar 2011, 10:41
von MatthiasC
Ein schöne Skizze des "Berufs" und gleichzeitig ein Portrait über Ulrich Blum:
http://www.zeit.de/2011/06/C-Spieleautor?page=all
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 7. Februar 2011, 19:56
von Flori
Hallo Matthias,
danke fürs Reinstellen!
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 8. Februar 2011, 09:25
von Gead
An dem Artikel selbst habe ich nichts auszusetzen: er ist prägnant und gut geschrieben. Man erfährt ein wenig über den Spieleautor im Allgemeinen (und natürlich Ulrich Blum im Besonderen). Das gefällt!
Was mir aber dagegen unangenehm aufgefallen ist, war die im Artikel zitierte Aussage des verantwortlichen Redakteurs bei Ravensburger für das Produktmanagement, Lothar Hemme: "Die Autoren liefern den Strukturbaum, wir machen die Produkte."
Mit anderen Worten ausgedrückt, wäre das was die Autoren in oft jahrelanger Entwicklung hervorbringen "nur" ein Skelett (der "Strukturbaum"), und das was die Verlage damit machen dann das Fleisch und die Haut drumherum ("die Produkte").
Was die formelle Ausgestaltung eines Prototypen anbetrifft, mag er damit Recht haben: die redaktionelle Bearbeitung ist sicher ein Qualitätskriterium für z. B. leicht verständliche Spielbarkeit; die Grafik ist für die Wahrnehmung des Spiels (und seiner zugrunde liegenden Spielidee) ein weiteres Verkaufskriterium.
Aber indem Herr Hemme solches behauptet, spricht er der Spielidee jegliche "Lebensfähigkeit" ab; degradiert sie eben zum bloßen, leblosen Gerüst. Das vorliegende Werk (und damit die "Nerven", der "Geist" und die "Seele" dessen) erkennt er mit dieser Aussage nicht an. - Gruß an den Haudegen Günter C.: Wenn du das hier liest, ich habe auch dazugelernt ;-) - Wäre der Prototyp des Autoren in Wahrheit nur ein "Strukturbaum", niemand hätte "so etwas" vorher spielen können, niemandem hätte das wohl, trotz fehlender (professioneller) Grafik, zuvor bereits Spaß gemacht. (Und damit auch Grüße an alle kleinen und großen Testspieler der vielen unveröffentlichten Prototypen oder später veröffentlichten Verlagsprodukte!)
Man lernt ja bekanntlich nie aus, und ich hoffe, dies gilt auch für die - neben den Spieleautoren - anderen "Spielmacher" seitens der Verlage von A(bacus) bis Z(och).
Strukturelle Grüße
Gead
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 8. Februar 2011, 11:24
von MatthiasC
Hallo Gead,
falls Lothar Hemme hier überhaupt wörtlich (und korrekt) zitiert wurde, diente die Erklärung sicherlich dazu, der Aritkelschreiberin und den Lesern den Unterschied zwischen Autor und Redaktion zu erklären. So unpassend finde ich diese Unterscheidung auch gar nicht. Eine gute redaktionelle Arbeit ist ein ganzer Haufen Arbeit.
Es scheint aber immer mehr die Tendenz zu geben, dass redaktionelle Vorarbeiten immer mehr auf die Autoren übergehen. Das habe ich auch schon mehrfach von Kollegen gehört: Prototypen, die bereits redaktionelle Inhalte enthalten - sei es grafisch oder inhaltlich - haben größere Chancen, veröffentlich zu werden. Ich werde Ende des Jahres auf vier Veröffentlichungen zurückblicken können und bei allen ist die Story des Prototyps auch die Story des fertigen Produkts. Erklären würde ich diese Entwicklung mit dem immensen Output der Branche seit einigen Jahren bei vermutlich gleichbleibender Personaldecke. Hier würden mich durchaus mal Zahlen von Redakteuren interessieren: wie viel Spiele bearbeitet ein Redakteur heute pro Jahr und wie viele waren es vor zehn Jahren?
Trotz dieser scheinbar widrigen Bedingungen: die Redakteure, die ich kenne, stehen mit viel Leidenschaft in ihrem Beruf. Wenn ich das Überstundenpensum manchmal mitbekomme, finde ich die Metapher völlig in Ordnung, dass hier eine Struktur zu einem fertigen Paket/Produkt geschnürt wird.
Viele Grüße,
Matthias Cramer
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 8. Februar 2011, 12:19
von Gead
Hallo Matthias,
danke für deine Antwort und die Bresche, in die du (für die Redakteure, die du kennst) springst. Das ist löblich.
Nichts liegt mir daher ferner, als das Engagement und die Leidenschaft der Redakteure auf Seiten der Verlage klein reden zu wollen. Sicherlich leistet so mancher (wenn nicht sogar jeder) Redakteur mehr, als er laut Arbeitsvertrag zu leisten verpflichtet wäre. Doch selbst wenn die zitierte Aussage (im ZEIT-Artikel) grundsätzlich falsch wiedergegeben worden sein sollte, so ist doch schon auffällig, dass die Leistungen des Autors eher in den Hintergrund gerückt werden zugunsten der Leistungen des Verlags.
Man darf eine solche Aussage treffen, um Unterschiede deutlich zu machen. Man sollte damit aber nicht bestehende Vorteile verstärken. Sonst kann es schnell passieren, dass die Nennung des Autoren auf der Schachtel zur (bald lästigen?) Randnotiz wird.
Viele (teilweise besorgte) Grüße
Gerhard Junker
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 8. Februar 2011, 12:22
von Gead
Es muss im letzten Absatz natürlich Vor"ur"teile anstatt Vorteile heißen ...
Editierbare Grüße
Gead
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 8. Februar 2011, 22:36
von Christof T.
Gead schrieb:
> Man darf eine solche Aussage treffen, um Unterschiede
> deutlich zu machen. Man sollte damit aber nicht bestehende
> Vorurteile verstärken. Sonst kann es schnell passieren, dass
> die Nennung des Autoren auf der Schachtel zur (bald
> lästigen?) Randnotiz wird.
Was sind denn die bestehenden Vorurteile? Ich habe nicht das Gefühl, dass die Verlage generell oder gar die Redakteure geneigt sind dem Autor seine Leistung abzusprechen.
Mittlerweile sind ja fast in allen Verlagen Redakteure am Werk, die früher Spielefans oder gar selbst -autoren waren und es heute immernoch sind. (Wie sollte man auch die ganze Arbeit schaffen, wenn man sich nicht dafür interessiert.)
Und die wissen ganz genau, was ein Autor tut und woher ein gutes Spiel kommt. Außerdem lässt sich nicht genau abschätzen wer welchen Anteil an einem Spiel eigentlich hat. Es gibt Spiele bei denen das was vom Autor kam ziemlich genau so umgesetzt wurde und auch Spiele, die mit dem eingereichten Prototypen nicht mehr viel gemein haben. Und der letztere Fall hat nicht selten zu einem wesentlich besseren Spiel geführt.
Ich persönlich kann diesen oft besorgten Unterton, dass die Verlage, die Autoren nicht wertschätzen und ihnen »böse« wollen nicht so recht nachvollziehen (zumindest bei den deutschen Verlagen). Der überwiegenden Mehrzahl der Redakteure und Verlage geht es doch darum ein gutes Spiel rauszubringen und das an möglichst viele Spieler zu bringen. Ich denke das deckt sich doch ziemlich genau mit dem was der Autor auch will.
Gruß
Christof
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 9. Februar 2011, 09:18
von Gead
Christof T. schrieb:
>
> Was sind denn die bestehenden Vorurteile? Ich habe nicht das
> Gefühl, dass die Verlage generell oder gar die Redakteure
> geneigt sind dem Autor seine Leistung abzusprechen.
Das Vorurteil eben, das Autoren nur den Strukturbaum liefern und das große Ganze aber vom Verlag kommt. Nur daran habe ich mich in dem ZEIT-Artikel gestört.
Ich schließe anhand dieser Aussage auch keineswegs auf alle Redakteure (und auf die jeweils dahinter stehenden Verlage). Wie könnte ich auch, habe ich persönlich noch mit längst nicht allen direkt zu tun gehabt. Und zumeist waren diese Erfahrungen auch positiv.
Ich verweise aber gerne auf die Verlagsübersicht (siehe hier: http://www.spieleautorenzunft.de/tl_files/files/Blickpunkt/Blickpunkt_Verlagsuebersicht%202010-06-07.pdf) auf den Seiten der Spiele-Autoren-Zunft, die zumindest aufzeigt, dass die "Wertschätzung" gegenüber den Autoren nicht überall gleich (gut) ist. Wie mit Autoren (und ihren Prototypen) verfahren wird, die es NICHT (oder noch nicht) zu einer oder mehrerer Veröffentlichungen geschafft haben - das steht dann nochmals auf einem ganz anderen Blatt. Ich denke (und weiß aus eigener Erfahrung), dass hier die Unterschiede zwischen den Verlagen (!) noch weitaus größer sind.
Wenn es so ist wie Matthias Cramer weiter oben ausführt, dass die Autoren mehr und mehr redaktionelle Vorarbeit leisten - was sicherlich auch an der wachsenden Erfahrung liegen kann, von Autoren, die bereits auf mehrere Verlagsveröffentlichungen zurückblicken können -, dann ist so eine Aussage, wie die von Herrn Hemme, umso kritischer zu bewerten. Wenn der Autor das Thema liefert, dies in Bildern auszudrücken versteht, diese an den richtigen Stellen im Spiel platziert, mit den passenden Spielmechanismen übersetzt, dazu noch den späteren Titel vorweg nimmt und zu alledem noch mit ansprechender Grafik zu gefallen weiß - ist das dann tatsächlich nur ein "Strukturbaum"?
Hier mag aber auch noch die jeweilige Firmenphilosophie und damit verbunden das -image eine Rolle spielen. Bei einigen v. a. den traditionsreichen Verlagen dominiert zweifelsohne das äußere Erscheinungsbild. Und Ravensburger hat eben einen sehr großen Wiedererkennungs- und damit Marktwert. Deren Markencharakter ist stark genug - die können es sich (noch) leisten, so aufzutreten. Das ändert aber an der Sache nichts, dass eben solche Aussagen (= Vorurteile) dem Anliegen der Autorenschaft (und aller sonst an der Entstehung eines Spiels Beteiligten), nämlich auf leistungsgerechte Darstellung (bzw. Namensnennung) und Vergütung, nicht dienlich sind.
Vorurteilsfreie Grüße
Gead
PS: Ich habe auch nichts gegen "ein gutes Spiel" und, dass "das an möglichst viele Spieler zu bringen". Und das sogar in allergrößter Bescheidenheit. Wohl dem Autor, der nicht mehr "will". Und über grenzlos altruistische Autoren freut sich sicher jeder (!) Verlag. Wer wollte ihnen das auch verübeln?
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 9. Februar 2011, 10:47
von Thygra
Lieber Gead,
ich glaube, du hast hier einfach nur etwas in den falschen Hals bekommen. Das Wort "Strukturbaum" diente nur dazu, den Lesern ohne jegliche Kenntnisse der Spielebranche möglichst anschaulich zu erklären, im welchen Verhältnis die Arbeit von Autor und Verlag anzusehen ist. Und für die Zielgruppe des Artikels finde ich den Vergleich durchaus passend gewählt!
Ohne den Baum bricht das komplette Spiel in sich zusammen, der Baum ist das unverzichtbare Fundament des Spiels. Aber was bringt den Baum zum Blühen? Das sind die Illustrationen, Form und Farbe der Spielfiguren, der Titel des Spiels und die Schachtelgröße, der Grafiksatz, die Formulierung der finalen Anleitung etc. Und für all diese Dinge sorgt der Verlag, der zudem auch noch das komplette wirtschaftliche Risiko trägt.
Also, bleib cool und verbeiß nicht in dieses eine Wort, wenn die gesamte Aussage im Kontext betrachtet eine durchaus gute Erklärung der Zusammenhänge bietet! ;-)
Gruß,
André
Re: Die Zeit online: der Spielmacher
Verfasst: 10. Februar 2011, 09:13
von Gead
Lieber André,
die 8-) steht mir ausgezeichnet. Danke für den Tipp! Und deine Interpretation sollte eigentlich der ZEIT-Redaktion weitergeleitet werden, so dass sie den Artikel zumindest online entsprechend ändert:
"Die Autoren liefern den Strukturbaum, wir bringen ihn zum Blühen."
Wunderbares Bild, fast nichts daran auszusetzen. Trotz alledem kann es nicht schaden, wenn man mal (in dem Fall ich) etwas in den falschen Hals bekommt. So kann man wenigstens Argumente austauschen und angeregt darüber diskutieren. Wenn am Ende (trotz oder wegen des Diskutierens) dann alles in bester Ordnung ist - umso besser!
Blühende Grüße
Gead