Ein Nachtrag zu meiner "Java - Erster Eindruck"-Kritik
Verfasst: 6. Dezember 2000, 01:31
Hallo,
da meine Java-Kritik so positiv aufgenommen wurde, möchte ich für diejenigen, die sich vielleicht noch überlegen, dieses Spiel zu Weihnachten zu erstehen, gerne nach einigen weiteren Partien nochmal ein paar Details und Veränderungen in bezug auf meinen Artikel im Spielearchiv anmerken.
Zum einen, was geblieben ist:
Java ist für mich (und meine Mitspieler) eine Verquickung der besten Mechanismen aus Tikal und Torres. Es ist homogener und dennoch vielseitiger und spannender als Tikal, was viele strategisch orientierte Spieler (wie ich) begrüßen dürften, dafür verzeiht es auch weniger Fehler als Tikal. Im Gegensatz zu Tikal liegt liegt die Vielfältigkeit der Möglichkeiten nicht in der recht hohen Zahl von 10 Aktionspunkten ("äh, wieviel Punkte habe ich schon verspielt?"), sondern ist rein durch die vielfältigen strategischen Möglichkeiten des dreidimensionalen Bauens bedingt - ein Punkt, den ich sehr schätze. Angenehm finde ich auch, dass der Spielplan durch die geringere Anzahl an Figuren überschaubarer ist. Halten wir fest: Entscheidungsprobleme liegen nicht mehr an Unübersichtlichkeit oder vielen Aktionspunkten, sondern rein an den vielen Möglichkeiten. Wobei Leute, die Probleme mit räumlichem Vorstellungsvermögen haben, dieses Spiel evtl. zu einem "Probier-Spiel" machen können, sprich: Teile setzen, zurücknehmen, neu setzen, zurücknehmen etc.
Im Vergleich zu Torres bietet dieses Spiel eine meines Erachtens deutlich schönere Optik und ein längeres Spielerlebnis. Während Torres ein vergleichsweise kurzes, aber sehr abstraktes strategisches Spiel mit gelungenen Aktionskarten ist, bietet Java ein atmosphärischeres, längeres Strategieerlebnis, dessen Komplexität durch den grösseren Spielplan etwas grösser ist. Sprich: Java ist vom "Gefühl" her ansprechender als Torres, aber bedingt durch die längere Spieldauer und den grösseren Plan auch anspruchsvoller. In bezug auf das Kriterium "Familienspiel" ein Unentschieden zwischen Torres und Java: was Torres durch Abstraktheit der Gestaltung und Thematik Gelegenheitsspieler abschrecken könnte, erreicht Java durch längere Spieldauer und vielfältigere Möglichkeiten. Wobei letztere spielerisch nicht negativ sind.
Zum Thema Bedenkzeit:
Ja, alle diese Spiele haben das Problem langer Bedenkzeiten, Torres dabei am wenigsten, Tikal und Java mehr. Java bietet für meinen Geschmack dabei mehr spielerische und strategische Möglichkeiten in der Bedenkzeit, was sie für mich weniger relevant erscheinen lässt. Bei Tikal war ich immer genervt, wenn Leute zehn verschiedene Wege ausprobieren und sich bei den Aktionspunkten verzählen, bei Java dagegen bin ich gedanklich immer mit Spass dabei, wenn ein anderer sich ausdenkt, wie er jemandem den Weg abschneidet, Städte splittet oder seine Figuren auf höhere Ebenen bugsiert und dabei gleichzeitig Landschaft und Möglichkeiten für andere verändert. Dadurch wirkt Java für mich flüssiger, auch wenn die Bedenkzeiten (wie sich nach einigen Partien bei uns nun herausstellte) nicht wirklich kürzer sind als bei Tikal, manchmal sogar länger - aber im Gegensatz zu Tikal fühlt man sich mehr "integriert" und von den Zügen anderer in seiner Planung betroffen.
Und da liegt für mich das Problem bei Tikal: es dauert lange, es verlangt langwierige strategische Entscheidungen, und es langweilt dafür zu sehr und bietet zugleich zuwenig Möglichkeiten. Es ist ein Familienspiel, das durch seine Unübersichtlichkeit und Bedenkzeiten keines mehr sein kann. Java dagegen bietet dagegen die strategische Tiefe, die man für einen solchen "Aufwand" verlangen kann. Zudem ist das Verbauen der Landschaftsteile optisch, haptisch und spielerisch unterhaltsamer als die Figurenzieherei bei Tikal. Java macht auch Spass, wenn man nicht die taktischen und strategischen Feinheiten durchschaut. Wobei auf Dauer ein strategisch geübter Spieler andere mit weniger Vorstellungsvermögen klar über den Tisch ziehen wird, so dass für einen "Crack" auf diesem Gebiet es nicht anzuraten ist, es mit Gelegenheitsspielern zu spielen, es sei denn, er hilft den anderen aktiv mit (so haben wir es gehandhabt).
Ums bei aller Relativierung und scheinbarer Widersprüchlichkeit auf den Punkt zu bringen:
Die Frage, ob man Torres oder Java spielt hängt bei uns mittlerweile nur von der zur Verfügung stehenden Spieldauer ab (Torres gut 1h, Java knapp 2h). Tikal kommt bei uns nicht mehr auf den Tisch. Wenn wir Java oder Torres in Familienrunden spielen, helfen wir den anderen Spielern (und das gerne, es macht bei diesen Spielen auch Spass, für andere mitzudenken). Wenn wir Java in Zukunft mit erfahrenen Mitspielern spielen, bei denen uns bekannt ist, dass einige gerne länger als andere nachdenken, werden wir eine Teeuhr benutzen (habt ihr Erfahrungen? Was ist am besten? 1min, 2min?). So haben wir heute (übrigens mit viel Spass) zu viert Java mit erfahrenen Spielern gespielt, meine Freundin und ich haben aus Rücksicht auf die anderen Spieler unsere Bedenkzeiten auch bei der Schlusswertung kurz gehalten und standen klar auf Platz 1 und 2, der nächste Spieler 10 Punkte dahinter, und der letzte Spieler an der Reihe wäre mit seinem ersten Vorschlag für den letzten Zug solide 5 Punkte hinter mir gelandet. Danach hat er das ganze nochmal überdacht und war einen Punkt hinter mir. Da ihm das nicht genug war, hat er es nochmal überdacht und fand schliesslich noch eine Lösung, die ihm ermöglichte, einen Punkt vor mir auf Platz 2 zu landen und mich auf Platz 3 abzudrängen. Dafür hat er aber auch 10 Minuten verwendet, während ich in unter einer Minute meinen letzten Zug absolviert hatte. Das ist natürlich eine Unfairness, die sich gerade auch beim letzten Zug des letzten Spielers zeigt - er kennt wirklich alle Punktestände und keiner hat mehr die Möglichkeit zu kontern. So kann der-/diejenige natürlich ohne Zeitlimit alles mögliche durchrechnen, um auf's optimale Ergebnis zukommen. Das sollte man bei erfahrenen Spieler durch den Zeitgeber vermeiden, da sonst das Spiel evtl. von der Mentalität der Spieler abhängt - wer die Chuzpe besitzt, die anderen länger warten zu lassen, hat grössere Chancen. Der enge Ausgang der Partie unter Spielern (von denen mir bekannt ist, dass sie realiter auf sehr ähnlich hohem Niveau spielen wohlgemerkt - hier wurde nix durch das Spiel nivelliert) beweist dennoch positiv die Ausgwogenheit des Spiels. Man kann viele Fehler durch konzentrierte Spielweise wieder ausgleichen, aber ein Fehler bleibt ein Fehler und verschafft einem Nachteile und wird nicht von selbst ausgeglichen! Wobei es auch verschiedene Spielweisen gibt - manche spielen mehr auf kurzfristige Siegpunkte, andere planen schon länger für die Schlusswertung, beides sind vertretbare und siegbringende Strategien - im richtigen Mass zur richtigen Zeit gespielt.
Meines Erachtens ist Java ein hervorragendes und (fast) perfekt ausbalanciertes Spiel, das aber in den richtigen Runden evtl. unter Verwendung einer Uhr gespielt werden muss und dessen Verwendung bekannter Mechanismen das schlechteste Spiel der Reihe "Tikal - Torres - Java", nämlich Tikal, überflüssig macht und die Preise, die Tikal eingeheimst hat, noch kritischer betrachten läßt. Wenn Tikal für Familien zu langwierig und für Strategen zu mau war, so ist Java wenigstens ein gelungenes anspruchsvolles Spiel, bei dem der Spass an der Sache auch eine Partie mit der Familie durch entsprechende Hilfestellungen lohnenswert macht. Ernsthaft gespielt benötigt es allerdings fast Turnierregeln, da Unfairness in Bedenkzeiten oder Regelhandhabung den Ausgang klar beeinflussen.
Ciao,
Roman
da meine Java-Kritik so positiv aufgenommen wurde, möchte ich für diejenigen, die sich vielleicht noch überlegen, dieses Spiel zu Weihnachten zu erstehen, gerne nach einigen weiteren Partien nochmal ein paar Details und Veränderungen in bezug auf meinen Artikel im Spielearchiv anmerken.
Zum einen, was geblieben ist:
Java ist für mich (und meine Mitspieler) eine Verquickung der besten Mechanismen aus Tikal und Torres. Es ist homogener und dennoch vielseitiger und spannender als Tikal, was viele strategisch orientierte Spieler (wie ich) begrüßen dürften, dafür verzeiht es auch weniger Fehler als Tikal. Im Gegensatz zu Tikal liegt liegt die Vielfältigkeit der Möglichkeiten nicht in der recht hohen Zahl von 10 Aktionspunkten ("äh, wieviel Punkte habe ich schon verspielt?"), sondern ist rein durch die vielfältigen strategischen Möglichkeiten des dreidimensionalen Bauens bedingt - ein Punkt, den ich sehr schätze. Angenehm finde ich auch, dass der Spielplan durch die geringere Anzahl an Figuren überschaubarer ist. Halten wir fest: Entscheidungsprobleme liegen nicht mehr an Unübersichtlichkeit oder vielen Aktionspunkten, sondern rein an den vielen Möglichkeiten. Wobei Leute, die Probleme mit räumlichem Vorstellungsvermögen haben, dieses Spiel evtl. zu einem "Probier-Spiel" machen können, sprich: Teile setzen, zurücknehmen, neu setzen, zurücknehmen etc.
Im Vergleich zu Torres bietet dieses Spiel eine meines Erachtens deutlich schönere Optik und ein längeres Spielerlebnis. Während Torres ein vergleichsweise kurzes, aber sehr abstraktes strategisches Spiel mit gelungenen Aktionskarten ist, bietet Java ein atmosphärischeres, längeres Strategieerlebnis, dessen Komplexität durch den grösseren Spielplan etwas grösser ist. Sprich: Java ist vom "Gefühl" her ansprechender als Torres, aber bedingt durch die längere Spieldauer und den grösseren Plan auch anspruchsvoller. In bezug auf das Kriterium "Familienspiel" ein Unentschieden zwischen Torres und Java: was Torres durch Abstraktheit der Gestaltung und Thematik Gelegenheitsspieler abschrecken könnte, erreicht Java durch längere Spieldauer und vielfältigere Möglichkeiten. Wobei letztere spielerisch nicht negativ sind.
Zum Thema Bedenkzeit:
Ja, alle diese Spiele haben das Problem langer Bedenkzeiten, Torres dabei am wenigsten, Tikal und Java mehr. Java bietet für meinen Geschmack dabei mehr spielerische und strategische Möglichkeiten in der Bedenkzeit, was sie für mich weniger relevant erscheinen lässt. Bei Tikal war ich immer genervt, wenn Leute zehn verschiedene Wege ausprobieren und sich bei den Aktionspunkten verzählen, bei Java dagegen bin ich gedanklich immer mit Spass dabei, wenn ein anderer sich ausdenkt, wie er jemandem den Weg abschneidet, Städte splittet oder seine Figuren auf höhere Ebenen bugsiert und dabei gleichzeitig Landschaft und Möglichkeiten für andere verändert. Dadurch wirkt Java für mich flüssiger, auch wenn die Bedenkzeiten (wie sich nach einigen Partien bei uns nun herausstellte) nicht wirklich kürzer sind als bei Tikal, manchmal sogar länger - aber im Gegensatz zu Tikal fühlt man sich mehr "integriert" und von den Zügen anderer in seiner Planung betroffen.
Und da liegt für mich das Problem bei Tikal: es dauert lange, es verlangt langwierige strategische Entscheidungen, und es langweilt dafür zu sehr und bietet zugleich zuwenig Möglichkeiten. Es ist ein Familienspiel, das durch seine Unübersichtlichkeit und Bedenkzeiten keines mehr sein kann. Java dagegen bietet dagegen die strategische Tiefe, die man für einen solchen "Aufwand" verlangen kann. Zudem ist das Verbauen der Landschaftsteile optisch, haptisch und spielerisch unterhaltsamer als die Figurenzieherei bei Tikal. Java macht auch Spass, wenn man nicht die taktischen und strategischen Feinheiten durchschaut. Wobei auf Dauer ein strategisch geübter Spieler andere mit weniger Vorstellungsvermögen klar über den Tisch ziehen wird, so dass für einen "Crack" auf diesem Gebiet es nicht anzuraten ist, es mit Gelegenheitsspielern zu spielen, es sei denn, er hilft den anderen aktiv mit (so haben wir es gehandhabt).
Ums bei aller Relativierung und scheinbarer Widersprüchlichkeit auf den Punkt zu bringen:
Die Frage, ob man Torres oder Java spielt hängt bei uns mittlerweile nur von der zur Verfügung stehenden Spieldauer ab (Torres gut 1h, Java knapp 2h). Tikal kommt bei uns nicht mehr auf den Tisch. Wenn wir Java oder Torres in Familienrunden spielen, helfen wir den anderen Spielern (und das gerne, es macht bei diesen Spielen auch Spass, für andere mitzudenken). Wenn wir Java in Zukunft mit erfahrenen Mitspielern spielen, bei denen uns bekannt ist, dass einige gerne länger als andere nachdenken, werden wir eine Teeuhr benutzen (habt ihr Erfahrungen? Was ist am besten? 1min, 2min?). So haben wir heute (übrigens mit viel Spass) zu viert Java mit erfahrenen Spielern gespielt, meine Freundin und ich haben aus Rücksicht auf die anderen Spieler unsere Bedenkzeiten auch bei der Schlusswertung kurz gehalten und standen klar auf Platz 1 und 2, der nächste Spieler 10 Punkte dahinter, und der letzte Spieler an der Reihe wäre mit seinem ersten Vorschlag für den letzten Zug solide 5 Punkte hinter mir gelandet. Danach hat er das ganze nochmal überdacht und war einen Punkt hinter mir. Da ihm das nicht genug war, hat er es nochmal überdacht und fand schliesslich noch eine Lösung, die ihm ermöglichte, einen Punkt vor mir auf Platz 2 zu landen und mich auf Platz 3 abzudrängen. Dafür hat er aber auch 10 Minuten verwendet, während ich in unter einer Minute meinen letzten Zug absolviert hatte. Das ist natürlich eine Unfairness, die sich gerade auch beim letzten Zug des letzten Spielers zeigt - er kennt wirklich alle Punktestände und keiner hat mehr die Möglichkeit zu kontern. So kann der-/diejenige natürlich ohne Zeitlimit alles mögliche durchrechnen, um auf's optimale Ergebnis zukommen. Das sollte man bei erfahrenen Spieler durch den Zeitgeber vermeiden, da sonst das Spiel evtl. von der Mentalität der Spieler abhängt - wer die Chuzpe besitzt, die anderen länger warten zu lassen, hat grössere Chancen. Der enge Ausgang der Partie unter Spielern (von denen mir bekannt ist, dass sie realiter auf sehr ähnlich hohem Niveau spielen wohlgemerkt - hier wurde nix durch das Spiel nivelliert) beweist dennoch positiv die Ausgwogenheit des Spiels. Man kann viele Fehler durch konzentrierte Spielweise wieder ausgleichen, aber ein Fehler bleibt ein Fehler und verschafft einem Nachteile und wird nicht von selbst ausgeglichen! Wobei es auch verschiedene Spielweisen gibt - manche spielen mehr auf kurzfristige Siegpunkte, andere planen schon länger für die Schlusswertung, beides sind vertretbare und siegbringende Strategien - im richtigen Mass zur richtigen Zeit gespielt.
Meines Erachtens ist Java ein hervorragendes und (fast) perfekt ausbalanciertes Spiel, das aber in den richtigen Runden evtl. unter Verwendung einer Uhr gespielt werden muss und dessen Verwendung bekannter Mechanismen das schlechteste Spiel der Reihe "Tikal - Torres - Java", nämlich Tikal, überflüssig macht und die Preise, die Tikal eingeheimst hat, noch kritischer betrachten läßt. Wenn Tikal für Familien zu langwierig und für Strategen zu mau war, so ist Java wenigstens ein gelungenes anspruchsvolles Spiel, bei dem der Spass an der Sache auch eine Partie mit der Familie durch entsprechende Hilfestellungen lohnenswert macht. Ernsthaft gespielt benötigt es allerdings fast Turnierregeln, da Unfairness in Bedenkzeiten oder Regelhandhabung den Ausgang klar beeinflussen.
Ciao,
Roman