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In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 02:14
von Michael Knopf
Als ehemaliges Jury-Mitglied und als Spielekritiker, der (hoffentlich) den aktuellen Jahrgang halbwegs überblickt, möchte ich nun doch auch ein paar Anmerkungen zur diesjährigen Liste und zur Diskussion darüber loswerden...
Es ist und war schon immer müßig, die Auswahlliste abzuklopfen nach dem Kriterium "Sind denn auch meine Lieblingsspiele drauf?" - was übrigens auch für Jury-Mitglieder gilt, die ja keineswegs jeden persönlichen Favoriten unterbringen und manchmal tränenden Auges Kompromisse schließen müssen. Die Liste kann auch keine Liste der "besten" Spiele sein, denn dieses Attribut hat je nach Zielgruppe eine ganz andere Bedeutung. Zumindest zu meiner Zeit hatte sie vielmehr die Aufgabe, aus dem gesamten Angebot jene Titel hervorzuheben, die in ihrem jeweiligen Segment aufgrund ihrer Qualität besonders empfehlenswert sind. Deshalb konnten und mussten zum Beispiel die "Macher" neben "David & Goliath" stehen, jeweils als aktuell herausragende Vertreter der Gattungen "Strategie-" und "Kartenspiel". Die Frage an die Liste lautet also nicht so sehr, welcher Einzeltitel vielleicht fehlt oder zu viel ist, sondern: Deckt sie das gesamte Angebot ab, berücksichtigt sie alle Bereiche und Spieler-Temperamente - oder führt sie durch eine eventuell einseitige Auswahl in die Irre? Kürzer: Wird sie dem Jahrgang gerecht?
In diesem Punkt fällt zumindest mir auf, dass die Liste länger ist als je zuvor - was zum einen für einen besonders reichen Jahrgang sprechen müsste und zum anderen die Möglichkeit böte, wirklich alle Bereiche zu berücksichtigen. Vor allem Letzteres aber kann ich nicht erkennen: Die Liste hat eine erhebliche Schlagseite in Richtung "einfach", mindestens acht der 13 Titel fallen unter diese Kategorie. Das wäre durchaus legitim, wenn auch das Angebot mehrheitlich in diese Richtung ginge, und mehr als das: Wenn in diesem Bereich auch die höchste Qualität angesiedelt wäre, also Originalität, Spielreiz, Atmosphäre und dergleichen mehr. Angesichts der Tendenz vergangener Jahre, Spiele immer komplexer und Anleitungen immer umfangreicher zu gestalten, was die vielzitierte Oma beim vielzitierten Weihnachtseinkauf zweifellos überforderte, wäre eine sanfte Korrektur durchaus im Interesse der Sache und eine Aufgabe der Jury gewesen. Die Voraussetzung aber, wie gesagt, ist immer Qualität; sofern einfache Spiele nur aus sozusagen politischen Gründen gekürt werden und das selbst dann, wenn sie eigentlich bloß schlicht sind und verwechselbar mit beliebigen anderen Titeln, geht die Liste am Markt vorbei und ist im obigen Sinne ungerecht, ungerecht gegenüber den Autoren und Verlagen und irreführend für den Konsumenten. Eine "Förderung des Kulturguts" findet dann ebenfalls nicht statt, denn Beliebigkeit und Verwechselbarkeit sind geradezu das Gegenteil von Kultur. Kultur hat mit Qualität und Originalität zu tun, nicht vorrangig mit Quote und schon gar nicht mit dem Wiederkäuen bereits vielfach verdauter Ideen.
Wer will, kann auf der SDJ-Homepage die Rede von Synes Ernst anlässlich der letztjährigen Preisverleihung finden - er beklagt darin einen Anspruch, der am Publikum vorbeigehe, und appelliert an die Verlage, eine "neue Art von Publikumsnähe" zu suchen. Und zur aktuellen Liste heißt es nun: "Die deutschen Hersteller bemühen sich, Spiele mit leichterem Einstieg auf den Markt zu bringen und dadurch wieder mehr Menschen für die Welt des Spiels zu begeistern." Das klingt so, als hätten die Verlage die Jury umgehend erhört - aber haben sie das wirklich? Oder hat nicht vielmehr die Jury teilweise recht willkürlich zu jenen Titeln gegriffen, die ihrer eigenen Forderung zu entsprechen scheinen, und einiges andere dabei einfach unter den Tisch fallen lassen? Ich kann mich dieses Eindrucks nicht ganz erwehren und bedauere es sehr, selbst wenn es in guter Absicht geschah.
Schöne Grüße allerseits -
Michael Knopf
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 09:14
von Don Alonso
Hallo Michael !
Es ist sicher immer schwer einen Mittelweg zu finden.
Und noch schwerer, jeden Bereich abzudecken.
Kleine Frage von mir:
Welches Spiel hättest du dazugewählt und welches wäre nicht dabei ?
Vielen Dank
Don Alonso
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 09:24
von sonne
Hallo Michael,
interessante Fragen die Du oben aufwirfst. Mein Kommentar dazu:
Deckt die Liste das gesamte Angebot adequat ab, berücksichtigt sie alle Bereiche und Spieler - Temperamente - oder führt sie durch eine eventuell einseitige Auswahl in die Irre? Kürzer: Wird sie dem Jahrgang gerecht?
Vermutlich nicht. So lobenswert es auch mir persönlich erscheint, daß man partout ein Signal setzten wollte, daß die SDJ Jury wieder mehr zum "einfachen" Spiel finden möchte, so wenig rühmlich scheint diese direktive umgesetzt worden zu sein. Auch ich hatte sofort den Eindruck beim Anblick der Liste, daß - um es positiv auszudrücken - "mit großer Konsequenz", nicht nur möglicherweise bei der späteren Auswahl des SDJ, sondern auch schon bei den Listenkandidaten das Signal zur Prämierung des "einfachen" Spiels gesetzt werden sollte. Die Konsequenz tritt so deutlich zutage, daß nicht nur viele Spiele, die im Bereich höherer Qualität angesiedelt scheinen, also hinsichtlich "Originalität, Spielreiz, Atmosphäre und dergleichen mehr" mangels offensichtlicher Einfachheit für eine Aufnahme in die Liste nicht in Frage kamen, sondern daß auch Spiele, die nach Meinung einiger im Forum doch eher wenig an Originalität, Spielreiz und Atmosphäre vermitteln dank ihrer Einfachheit in die Liste aufgenommen wurden. Hier liegt m.E. das Problem (obwohl alles recht subjektiv einzuschätzen bleibt). Es scheint, daß die Message an die Verlage: wenn ihr zukünftig so einen roten Pöppel drauf haben wollt, dann bitte nur noch bei einfacheren Spielen, unbedingt vermittelt werden sollte. Es ist also mehr eine politisch motivierte Liste, als eine die das Kulturgut Spiel optimal fördern soll, wie von Dir oben auch näher zum Kulturgut Spiel ausgeführt. Soweit meine Kritik.
Als eher Normalspieler, der in seinen Spielkreisen schon viele gute Spiele kaum ein zweites Mal auf den Spieltisch bekam, weil sich die Mitspieler zum ellenlangen durcharbeiten durch lange und/oder unklare und/oder widersprüchliche Spielanleitungen, zum Erfassen von und Umgehen mit Spielmaterial, das kaum auf dem Tisch platz findet und zum erarbeiten des Spiels selbst kaum mehr überwinden wollten, begrüße ich die grundsätzliche Hervorhebung und Förderung des einfacheren Spiels im Rahem des SDJ außerordentlich. Diese Ausrichtung dürfte auch in Einklang mit der breiten Masse sein, die ja eher keine Spielfreaks sind (Dein Beispiel mit der Oma an Weihnachten...).
Nur: die besondere Kunst besteht nun m.E. darin diese "einfacheren" Spiele auszuzeichenen, die trotz ihrer Einfachheit gewissen spielerischen Tiefgang, Orginalität, langfristigen Spielreiz usw. vermitteln. Dies dürfte eine Kunst sein, da Einfachheit zunächst mal per se diesen Werten entgegenzustehen scheint. Es dürfte wesentlich schwerer sein ein interessantes recht komplex daherkommendes Spiel zu produzieren, als eines das jedermann leicht zugänglich ist und dennoch seine interessanten Tiefen offenbart ohne in Spielarbeit auszuarten oder das lockere, spielerische, erholsame und unterhaltende Element vom Spieltisch zu vertreiben. Auch die Differenzierung dieser Spiele dürfte für eine Jury "kein Kinderspiel" sein. Aber sie sollte dafür qualifiziert sein. Es hat nun den Anschein, daß auf dieser Liste auch Spiele sind, die einfach nur einfach sind und deshalb darauf zu finden sind. Es ist nun zu fragen, wollte man solche Spiele wirklich mit unterstützen und war man sich aller anderen Spiele des Jahrgangs völlig gegenwärtig. Vielleicht verlangen wir einfach zu viel. Kann die Jury es überhaupt adequat schaffen, die eigenen Ziele bei einem solchen Spielwust durchzusetzten. Sagen wir mal es waren 100 Spiele die seit Essen und Nürnberg zu begutachten waren (korrigiert mich bitte). Um alle spielerischen Tiefen und Reize auszuloten, sollte jedes Spiel mehrmals (Wolfgang Ditt warf schon mal die Frage hier auf, wie oft man gespielt haben sollte bevor man rezensiert) vielleicht mindestens 3 bis 5 mal gespielt werden. Idealereweise mit unterscheidlichen Leuten. Ehrlich gesagt glaube ich kaum, das dies für die Jury zu bewältigen ist, außer es wird alles zur Beurteilung systematisch untereinander aufgeteilt. Da wird dann wohl mal nur die Anleitung überflogen und schwupps schon ist Medina, Die neuen Entdecker u.a. vielleicht schon rausgefallen. Passiert das bei sagen wir mal der Hälfte der Jurymitglieder, dann hat es ein gutes Spiel, das durch die die Grobbeurteilung fiel und gar nicht auf den Spieletisch kam erst mal schwer. Zumal, wenn es wie in jeder Gruppe, auch innerhalb der Jury Meinugsbildner geben sollte. Das sich dieses Problem ggf. beheben ließe: z.B. durch Zuhilfenahme von Umfrageergbenissen - wie dem von R. Pelek - ist noch eine andere Facette am ganzen.
Mein Fazit: Das letztlich prämierte Spiel des Jahres darf meines erachtens ruhig betont einfach sein, wenn es sich dennoch genügend positiv hervorhebt. Insofern halte ich eine politische Vorgabe für angebracht und ein vorbeigehen am Markt bzw. Spielejahrgang für wenig problematisch. Wenn jedoch eine Auswahlliste einige Spiele zu umfassen scheint, die nur der Vermittlung des politischen Zieles dienen und dies auch noch auf Kosten anderer sehr guter Spiele des Jahrgangs, dann sehe ich ähnlich wie Du Michael für die Verlage und Autoren ein schlechtes Signal für die Zukunft gesetzt.
Viele Grüße, sonne
PS: Was wären den Deine Tops für eine Auswahlliste gewesen, insbesondere an einfachem und gutem? Soweit Du Dich hierzu schon jetzt aus politischen Gründen äußern möchtest... (würde es verstehen wenn jetzt noch nicht).
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 09:53
von Hans-Georg Rausch (G´Ork)
Hallo again,
und vielen Dank an Michael - beschreibt es doch ziemlich genau das, was ich von der Liste erwarte, nur vielleicht ein bißchen klarer. Um diese Klarheit noch zu erhöhen, hier mal ein...
> ZITAT:
„...Phantastisch muss diese Welt sein, damit sie Menschen zum Spielen verführt. Herausfordernd muss das Spiel sein, damit Menschen erleben können, welche Möglichkeiten in ihnen stecken, intellektuell, sozial und emotional. Sinnlich müssen Spiele sein, ein Fest fürs Auge, reizvoll für die Hände. Solche Sinnlichkeit kann dem Brettspiel kein virtuelles Bildschirmspiel stehlen. Und es gibt nur wenige andere Kultur- und Freizeitmedien, die mit dem Spiel mithalten können, wenn es um die intensive Auseinandersetzung mit Wesen und Charakter anderer Menschen geht. Ein Kartenspiel beispielsweise, bei dem man seine ganze Persönlichkeit preisgibt, kann nie und nimmer von einem immer gleich ausschauenden Bildschirm ersetzt werden.
Spiele müssen "einmalig" sein.
Qualität heißt, Spiele so ausdenken, dass sie nicht von anderen Freizeitmedien ersetzt werden können. Qualität heißt, sie entsprechend redigieren (was heute leider immer noch zu wünschen übrig lässt), Qualität heißt, sie entsprechend gestalten und mit dem Material ausstatten, dass sie "einmalig" macht.
Der Spielejahrgang 1998/99 setzt auf solche Qualität. Die Verlage scheinen die Zeichen der Zeit erkannt zu haben, dass Qualität der Königspfad ist, auf dem das Brett- und Gesellschaftsspiel sicher in die Zukunft schreiten kann. Für dieses Engagement gebührt den Verantwortlichen in den Verlagen im Namen von Hunderttausenden von Spielerinnen und Spielern unser Dank. Wir hoffen natürlich, dass dies nur ein Anfang war und nicht bloß ein Strohfeuer.“
Zitat Ende. <
Nicht irgendwer hat das gesagt. Sondern Dr. Synes Ernst auf der Pressekonferenz zur Wahl des Spiel des Jahres, Berlin, Juli 1999. Und nun sagt mir, welcher Titel auf der Auswahlliste dieser selbstgestellten Forderung gerecht wird. Und falls euch das gelungen ist, dann sagt mir bitte auch noch, warum andere Spiele, die nicht auf der Liste stehen, dieser Forderung angeblich nicht gerecht werden. Ich weiß, das ist keine leichte Aufgabe, aber die soll es auch nicht sein, wenn ich mir die Polemisierung des Themas weiter unten so betrachte...
Mit spielerischen Grüßen
G´Ork
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 11:12
von Roman Pelek
Hi Sonne,
>Sagen wir mal es waren 100 Spiele die seit Essen und Nürnberg zu begutachten waren (korrigiert mich bitte).<
Mit allen Kleinverlagen und Kinderspielen kommt man schon an die 300. Alleine bei der Umfrage wurde für 196 Spiele abgestimmt. Also ne ganze Menge.
Ansonsten kann ich, wie Du, nur unterstützen, dass ein einfacherer Zugang zum Spielen m.E. für die breite Masse unerläßlich ist, wenn wir uns nicht in einen Elfenbeinturm aus komplexen Spielen zurückziehen wollen. Ausserdem ist ein großer Umsatz an einfachen Spielen auch notwendig für die Branche, um die Sahnehäubchen für Spieler überhaupt finanzieren zu können.
Natürlich kann man jetzt lange darüber streiten, ob die Auswahlliste wirklich die Favoriten der jeweiligen Gattungen berücksichtigt, ob nicht noch ein anspruchsvolles Spiel mehr drauf gehört hätte etc. Aber so stark, wie das Geschmackssache ist, sehe ich auch keine potentielle SdJ-Liste dieses Jahr, die nicht vom einen oder anderen Lager für Empörung gesorgt hätte.
Ciao,
Roman
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 14:00
von Michael Knopf
Hallo Sonne (und Don Alonso),
ich habe bewusst darauf verzichtet, bestimmte Titel anzuführen - erstens ist es nicht mein Job, eine "Alternativliste" aufzustellen, und zweitens würde das bloß vom eigentlichen Problem ablenken, auf das ich hinweisen wollte.
Nur ein Beispiel also, und keines aus dem Bereich der "Einfachen": "San Marco" oder "Capitol" sind, für sich genommen, zweifellos gute Spiele - sie sind aber ungefähr so innovativ und auf Dauer reizvoll wie die zehnte Millionärs-Show im Fernsehen: Irgendwohin irgendwas setzen und Mehrheiten erzielen... In einer Kritik kann man das ansprechen und trotzdem zu einem guten Gesamturteil kommen; auf der Liste sind solche Spiele ein seltsames Signal, weil sie das Herumreiten auf einem Erfolgsmuster belohnen. Zumindest einen der beiden Titel finde ich deshalb entbehrlich - wohingegen etwa "Evo", trotz seiner Materialmängel, wirklich mal was anderes gewesen wäre. "Medina" und die neuen "Entdecker" halte ich für Pflichtprogramm, zumal da die Jury damals schon die alten "Entdecker" versemmelt hat.
Unter dem Gesichtspunkt "einfach, aber gut" hätte ich mir "Africa" vorstellen können, das tatsächlich ein leicht zugängliches und stimmungsvolles Familienspiel ist; statt "Drachendelta" vielleicht, das taktisch tut, aber nur Lotterie ist und außerdem ziemlich langweilig. Aber nun wird's schon wieder subjektiv...
Gruß, Michael
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 14:30
von Rainer Fieseler
Hey, da sind wir in _allen_ Punkten einer Meinung!
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 16:51
von sonne
Hallo Michael,
ja ja, das mit den Mehrheitenspielen die 8.te und nachkauen von Erfolgsrezepten (und dafür auch noch belohnt zu werden) ist wirklich auch ein nettes Problem. Insofern ist's noch ganz löblich, daß Java nicht auf der Liste mitvertreten ist, auch wenn's ebenfalls ein interessantes Spiel ist. Vermutlich würde die Liste aber dann schon sehr schrumpfen, wenn man an die Orginalität besondere Ansprüche stellt.
Nach meiner Erfahrung besonders einfach und besonders gut finde ich auch: Gerüchteküche (vielleicht wegen der wenig ansehnlichen Grafik eher unterschätzt) und auch Hyle 7. (Konnte es nicht lassen und auch meinen diesbezüglichen Senf dazuzugeben).
Noch immer grüble ich manchmal, ob man nicht einen besseren Konkurrenzpreis zum SDJ versuchen sollte zu etablieren, aber dann macht vielleicht das Spielen auch weniger Spaß, wenn man immer so bewertend beim Spielen denken muß...Außerdem müßte man dann schon einiges anderes anpacken, damit sich der Aufwand lohnt.
Gruß sonne
Hallo Roman,
danke für Deine Ergänzung. Puh das sind ja wirklich viele Spiele gewesen in diesem Jahrgang. Du hast natürlich recht, daß es immer welche geben würde, die sich unwohl mit einer Auswahlliste fühlen werden. So gesehen bringt mir Dein Umfrageergebnis mehr, auch wenn damit "nur" quantitativ erfaßt wird, wie die Spiele insgesamt mehrheitlich gesehen werden. Ein Wenigspieler, der aufgrund der Umfrageergebnisse dann zu Roads&Boats greifen würde, hätte wohl erst ein mal ein kleines Problem (zumindest zeitlicher Natur). Aber ein Wenigspieler schaut wohl auch kaum bei Spielbox-online rein...
Gruß sonne
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 18:49
von Roman Pelek
Hi Michael,
>"Medina" und die neuen "Entdecker" halte ich für Pflichtprogramm, zumal da die Jury damals schon die alten "Entdecker" versemmelt hat.<
Wenn Du weiter oben propagierst, dass zu viele Spiele auf der Liste sind, die altes aufwärmen, kann ich nicht nachvollziehen, warum die "Entdecker" Deiner Meinung drauf sein sollen, da sie "nur" ein überarbeitetes Spiel sind ;-) Bzw. steigst Du dann natürlich auch wieder in "politische" Fragen ein, ob man denn ein Spiel draufnehmen soll, weil man ein altes "versemmelt" hat... (btw: Für die meisten SdJ-Käufer dürfte sowieso fast jedes Spiel "neuartig" sein, diese ganzen Parallelen fallen wirklich nur denjenigen auf, die die vielen Spiele intensiv spielen).
Insofern sehe ich die "Entdecker" nicht als "Pflichtprogramm", aber man hätte sie aufgrund der Qualität und o.g. Erwägungen draufnehmen können. Aber Du kannst Dir sicher selbst ausmalen, was das für ein "Halleluja" in der Spieleszene gegeben hätte. Da hätten wieder einige verbale Kreuzigungen von anderer Seite stattgefunden a la "Das kann man doch nicht machen", "politsche Entscheidungen", "Versäumnisse ausbügeln" und "Die Jury und ihre Lieblingsautoren"... Naja, wie immer: Ansichtssache :)
Ciao,
Roman
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 20:15
von Wolfgang Ditt
Hallo Michael und alle anderen Leser,
mit ein bisschen Abstand von der Verkündung der Auswahlliste ist mir klar geworden, wie gut die Liste strukturiert ist, nur erkennt man es auf den ersten Blick nicht. Dies liegt sicherlich daran, dass man geneigt ist, vom einzelnen Spiel auszugehen. Man vermisst ein Spiel oder mag ein Spiel auf der Liste nicht und ist somit erst einmal bereit, Kritik zu äußern.
Wir, d. h. meine Frau und ich, schauen auch besonders nach der Nominierungsliste für Kinder. Sie ist durch die Altersangabe klar gegliedert: ein Spiel ab 4 Jahre, eines ab 5 und eines ab 6. Sie sind, zumindest bestätigt durch das Urteil der Kinder, die es bei uns gespielt haben, Höhepunkte. Hinzu kommt die uterschiedliche Größe und Preis der SPiele: Klondike als großes SPiel, Rüsselbande in der Mitte und Im Märchenwald als preiswertes Kinderspiel. Es wird schwer sein, die gute Auswahl im nächsten Jahr zu überbieten.
Diese klare Struktur brachte mich darauf, wie auch die Auswahlliste gebaut ist. Ich nehme einmal kurz die beiden Kartenspiele heraus, dazu unten mehr. Ich betrachte Alter auch als ein Maß der Komplexität und im Alter ist die Liste, ohne Kartenspiel, klar gegliedert: 2 Spiele ab 7, 2 Spiele ab 8,4 Spiele ab 10 und 2 ab 12. (9 und 11 Jahre fehlen, weil es kaum Spiele mit einer solchen Altersangabe gibt).
Schauen wir uns die Gruppen an: ab 7 Jahre Hexenrennen und Zapp Zerapp. Hexenrennen ist ein unhaltsames Wettlaufspiel. Seine Originalität, diese wurde mehrfach als Kriterium erwähnt, besteht darin, dass man je näher man dem Gesamtziel kommt, je mehr dem Glück ausgeliefert ist. Folge: die Mitspieler freuen sich, um nach einer eventuellen Aufholjagd in der selben Falle zu sitzen. Zapp Zerapp hingegen hat einen meines Wissens völlig neuen Motor: den Rüttel-mich-Gehörtest.
Ab 8 Jahre sind es Cartagena, das gerade junge Spieler an taktischen Denken heranführt und Drachendelta, das einen Großteil aus Bluff besteht. Es ist eines der schwierigsten Dinge, die man Kindern für Spiele beizubringen versucht.
Ab 10 kommt dann die größere Auswah: Capitol, Carcassone, San Marco und Royal Turf. Royal Turf ist für Zocker, San Marco hat die Kuchenregel bis zum Exzess getrieben (meines Wissens auch neu) und Capitol eigenwillige Bauregeln. Carcassonne steht eh neben jedweder Diskussion.
Auch ab 12 gibt es eine klare Kategorisierung: Babel vertritt das Zwei-Personenspiel. Die Händler von Genua verteten das komplexe Spiel in Stile der Macher. Schließlich bleibt das Amulett, ein einzigartiges Spiel mit einfachen Regeln, aber vielen Ausnahmen, den Zaubersprüchen und damit in der Tradition von Cosmic Encounter.
Noch zu den Kartenspielen: Ebbe und Flut ist anders und durch seine Aufmachung ein Vertreter des abstrakten Zweipersonenspiels, diesmal mit einem Kartenziehglücksfaktor. Und Land unter ist das Kartenspiel für mehr Personen.
Gliedert man die Lsite so, wird sie durchschaubar. Den Ansatz und die ausgewählten Spiele kann man kritisieren, Willkür oder Unfähigkeit, nicht von Michael, sondern anderen geäußert, sind aber meines Erachtens ungerechtfertigte Vorwürfe.
Noch ein Wort zu deinen angesprochenen Spielen, Michael. Man hätte sie nehmen können, aber es mag ein Übergewicht bei den komplexen Spielen entstehen, wenn Medina und Die neuen Entdecker andere Spiele mit geringerer Altersangabe ersetzt hätten.
Wolfgang
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 21:19
von hannes
Hallo Wolfgang
Du schreibst :
>***Noch ein Wort zu deinen angesprochenen Spielen, Michael. Man hätte sie nehmen können, aber es mag ein Übergewicht bei den komplexen Spielen entstehen, wenn Medina und Die neuen Entdecker andere Spiele mit geringerer Altersangabe ersetzt hätten.***
Ich meine : nur nicht den komplexen Teufel auf die Site malen. Medina und die neuen Entdecker haben beide die Altersangabe ab 10 Jahren. Soooo komplex können die ja auch nicht sein. Übrigens, unser (!) heiss geliebtes Africa spielt sich auch erst ab 10 Jahren.
Zahlenspielereien liebe auch ich. Passt mal auf :
Ich habe die Durchschnittsalter (ab x J.) aller Spiele auf der Auswahlliste [OHNE Sonderpreis Kinderspiele] der letzten paar Jahre ausgerechnet :
1998 : 11.0 Jahre
1999 : 10.7 Jahre
2000 : 10.9 Jahre
2001 : 9.7 Jahre
Ein plötzlicher Abfall der Altersgrenze also. Wo führt das noch hin ?
Ciao
hannes (eher perplex als komplex)
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 23:09
von Markus Barnick
heißt wahrscheinlich, daß das SDJ doch dem KMW-Forum angepaßt wird -> wir werden älter und je älter wir werden, desto weniger blicken wir bei komplexen Spielen durch und brauchen einfachere ;-)
Oder Spiele, bei denen wir eher schon mit den Kids spieln können (weil die "Erwachsenen" eh keine Zeit haben).
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 31. Mai 2001, 23:37
von fritz gruber / kosmos
Lieber Herr Pelek,
ich glaube, die Jury SdJ hat sich in den vergangenen sechs Jahren nicht verdächtig gemacht, Klaus Teuber juryintern als "Lieblingsautoren" zu hätscheln. Und daß die "Siedler von Catan" 1995 zum Spiel des Jahres gewählt wurden, dürfte wohl auch weniger einem ludoerotischen Verhältnis seitens der Jury gegenüber Klaus Teuber zuzuschreiben sein, sondern viel mehr der unignorierbaren Klasse dieses Spiels.
Auch glaube ich nicht, daß eine, wenn auch verspätete, Anerkennung der Qualitäten der "Neuen Entdecker" zu religiösen Eruptionen in Form von "Halleluja"-Schreien geführt hätte; zumindest war derlei nicht zu hören, als das altbekannte "Elfen Roads" als "Elfenland" neu auf den Markt und in den Genuß des Hauptpreises kam; ebenso wenig, als das frühere "Versäumnis" namens "Airlines" (Abacus)in Form von "Union Pacific" schließlich anno 1999 doch noch zu verdienten Nominierungsehren kam. - Zu nennen wäre da, aktuell, auch noch "Land unter", dem ich einen Platz auf der aktuellen Auswahlliste von Herzen gönne (weil es ein Klasse-Kartenspiel ist), daß sich aber von der vor wenigen Jahren erschienenen Version lediglich durch Thema- und Grafikänderung unterscheidet.
Halleluja.
Fritz Gruber
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 1. Juni 2001, 01:56
von Michael Knopf
Hallo Roman,
zur Präzision des Begriffs "Pflichtprogramm": Ich meine damit natürlich nicht, dass die Jury als Kollektiv eine wie auch immer geartete Pflicht zu irgendwas hätte (es sei denn zur kompetenten und unabhängigen Arbeit), auch nicht zur Korrektur etwaiger Fehler in der Vergangenheit.
Ich wurde gefragt, was ich persönlich anders gemacht hätte, und das war meine Antwort - ich hätte es gewissermaßen als meine Kritiker-Pflicht betrachtet, für Spiele einzutreten, die ich als herausragend erachte; ob ich Erfolg gehabt hätte, ist eine ganz andere Frage. Und ob Jury-Mitglieder das versucht haben und unterlegen sind, weiß ich ohnehin nicht.
Gruß, Michael
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 1. Juni 2001, 14:40
von Roman Pelek
Hallo Herr Gruber,
>ich glaube, die Jury SdJ hat sich in den vergangenen sechs Jahren nicht verdächtig gemacht, Klaus Teuber juryintern als "Lieblingsautoren" zu hätscheln. Und daß die "Siedler von Catan" 1995 zum Spiel des Jahres gewählt wurden, dürfte wohl auch weniger einem ludoerotischen Verhältnis seitens der Jury gegenüber Klaus Teuber zuzuschreiben sein, sondern viel mehr der unignorierbaren Klasse dieses Spiels.<
Schöner Kommentar - aber um mal kurz auf den Inhalt einzugehen: ich sehe die Sache ähnlich, aber sicherlich gibt's auch Stimmen und Meinungen, die das anders sehen würden oder einen Zusammenhang konstruieren würde, der sich über die Klasse von Klaus Teubers Spielen erhebt. Immerhin gehört Klaus Teuber in der Gesamtheit der jüngeren Spielegeschichte und des SdJs zu den am meisten gewürdigten Autoren. Das ruft natürlich auch immer Kritiker auf den Plan, die das mit der Klasse (generell) doch ganz, ganz anders sehen.
Insofern war mein Kommentar auch mehr ein Gedankenspiel, was passieren könnte, wenn, und nicht ein Abbild meiner eigenen Auffassung. Eher eines der Möglichkeiten an Auffassungen bzw. aufgrund einiger so gearteter Äusserungen auch hier im Forum.
>Auch glaube ich nicht, daß eine, wenn auch verspätete, Anerkennung der Qualitäten der "Neuen Entdecker" zu religiösen Eruptionen in Form von "Halleluja"-Schreien geführt hätte; zumindest war derlei nicht zu hören, als das altbekannte "Elfen Roads" als "Elfenland" neu auf den Markt und in den Genuß des Hauptpreises kam; ebenso wenig, als das frühere "Versäumnis" namens "Airlines" (Abacus)in Form von "Union Pacific" schließlich anno 1999 doch noch zu verdienten Nominierungsehren kam. - Zu nennen wäre da, aktuell, auch noch "Land unter", dem ich einen Platz auf der aktuellen Auswahlliste von Herzen gönne (weil es ein Klasse-Kartenspiel ist), daß sich aber von der vor wenigen Jahren erschienenen Version lediglich durch Thema- und Grafikänderung unterscheidet.<
_Sehr_ schön dargelegt, dass solche Neuauflagen in der Auswahl/Nominierung ein sehr häufiges Phänomen das SdJ betreffend sind und nicht einer spontanen Laune oder "Willkür" dieses Jahr heraus erwachsen. Aber anscheinend wissen das nicht alle, und der Name "Neue Entdecker" und der Bekanntheitsgrad von Klaus' alten "Entdeckern" hätten sicherlich solche Stimmen auch vermehrt laut werden lassen.
Wie gesagt, von der Beurteilung der spielerischen Qualität aus vielen Mündern her hätte ich mir die "Neuen Entdecker" auch durchaus auf der Liste vorstellen können - ich kann mir aber auch genügend Argumente dagegen vorstellen. Mein eigentlicher Ansatzpunkt in der ganzen Diskussion ist mehr der, dass es mich etwas perplex macht, wie viel über "böse" Neuauflagen (ist jetzt natürlich ironisch gemeint) auf der Liste schwadroniert wird, um im nächsten Atemzug das nächste in dieser Hinsicht "kritische" Spiel herbeizuzaubern. Da hatte Michael Knopfs Äusserung nur gerade die Vorlage geliefert, um das mal generell anzusprechen.
Wenn ein Spiel in einer Neuauflage gelungen ist und noch nicht gewürdigt wurde, finde ich es nicht falsch, dies zu tun, wenn man es für sinnvoll hält. Es macht mir nur stutzig, wie viele sich hier dabei in Widersprüche verstricken, wenn sie dagegen argumentieren. Deswegen auch sehr schön, Alan R. Moons überarbeitete Neuauflagen nochmal ins Gedächtnis zu rufen. Es ist nämlich wirklich ein weitverbreitetes Phänomen.
>Halleluja.<
Exakt :-) In diesem humorvolleren Sinne,
ciao,
Roman
re: In Sachen Auswahlliste
Verfasst: 1. Juni 2001, 14:50
von Roman Pelek
Hi Michael,
>zur Präzision des Begriffs "Pflichtprogramm": Ich meine damit natürlich nicht, dass die Jury als Kollektiv eine wie auch immer geartete Pflicht zu irgendwas hätte (es sei denn zur kompetenten und unabhängigen Arbeit), auch nicht zur Korrektur etwaiger Fehler in der Vergangenheit.<
Ist schon klar. Es war nur ein so schöner Aufhänger, das mal gedanklich durchzuspielen, was passiert wäre, wenn die Mehrheit der Jury dieses Jahr eine solche Meinung vertreten hätte :-)
>Ich wurde gefragt, was ich persönlich anders gemacht hätte, und das war meine Antwort - ich hätte es<
Dito, offensichtlich!
>gewissermaßen als meine Kritiker-Pflicht betrachtet, für Spiele einzutreten, die ich als herausragend erachte; ob ich Erfolg gehabt hätte, ist eine ganz andere Frage. Und ob Jury-Mitglieder das versucht haben und unterlegen sind, weiß ich ohnehin nicht.<
Wie gesagt, um diese Aspekte ging's mir gar nicht bzw. ich habe sie auch so verstanden, wie Du sie verstanden haben wolltest. Es war nur eine so schöne Steilvorlage, das mal generell mit den Neuauflagen und den kritischen Stimmen dazu hier aufs Korn zu nehmen. Da ging's gar nicht um Deine Meinung im speziellen, oder dass gemeint war, dass man das nicht so sehen könnte/wollte/müsste.
Ich bin froh, dass Fritz Gruber das Thema nochmal so schön eloquent aufgriff und aufgezeigt hat, dass es quasi müßig ist, sich dieses Jahr über Neuauflagen auf der Liste zu echauffieren, da die Jury dies schon immer so gehandhabt hat.
>Gruß, Michael<
Ciao,
Roman