Beitragvon Volker L. » 25. April 2003, 16:59
Um es nicht zusehr ausufern zu lassen (und da sich die
Diskussionstraenge noch nicht zuweit auseinader entwickelt haben)
antworte ich mal in einem Posting an Euch beide
Gerhard Passler schrieb:
>
> Hallo Volker!
>
> > Spielt Ihr grundsaetzlich nur 4-Personen-Partien?
>
> Ja, wir spielen meistens zu viert.
Das erklaert vieles. Dass der letzte gar keine Punkte bekommt,
ist ja trivial. Und wenn man fast immer in derselben Spielerzahl
spielt, ist es auch sinnvoll, fuer die wenigen Ausnahmen, wo man
mal einer mehr ist, keinen separaten Punktevergabeschluessel zu
verwenden.
> > Um es mal wie Radio Eriwan zu formulieren: Im Prinzip ja,
> > aber...
> > meiner Ansicht nach ist der Unterschied zwischen einem Sieg
> und
> > einem zweiten Platz deutlich kleiner als zwischen einem
> zweiten
> > und einem fuenften Platz.
>
> Einerseits hast Du zwar Recht, andererseits bin ich aber der
> Meinung, dass ein Sieg entsprechend honoriert werden sollte
> und deshalb halte ich die Punkteverteilung 10 - 5 - 2 - 0 - 0
> - ... für vollkommen in Ordnung.
> Ob jemand jetzt Vierter oder Sechster geworden ist, soll
> keine Rolle mehr spielen. Um es etwas krass und überspitzt
> auszudrücken, diese Spieler haben in diesem Spiel ganz
> einfach versagt und sollten dafür auch keine Belohnung,
> sprich Punkte, bekommen.
Nunja, mir wuerde so eine krasse Formulierung zu schroff
vorkommen, und bei regelmaessigen 6er-Partien faende ich es
auch ungerecht, schon dem Vierten nichts mehr gutzuschreiben.
> > Na gut. Dann wuerden (unabhaengig davon, ob wir die Plaetze
> > nach
> > obiger (meiner) Formel in Punkte umrechnen oder nicht) bei 2
> > 5-Personen-Partien, bei der Du einmal Sieger und einmal 4.
> > wirst
> > und ich zweimal 2. (die anderen belegen die Plaetze 1+5, 3+5,
> > 3+4)
> > wir beide uns jeweils als den erfolgreichsten Spieler des
> > Abends
> > betrachten.
>
> Punktemäßig hast Du Recht, vom Gefühl her bin ich jedoch der
> bessere Spieler, weil ich ja zumindest ein Spiel gewonnen
> habe. :-D
Auch von [i]meinem[/i] Gefuehl her wuerde ich mich in obigem
Beispiel als den erfolgreicheren Spieler betrachten.
Wuerde ich durch mathematische Gleichungen eine Formel
entwickeln, mit der die Spieler fuer Siege und Plaetze Punkte
bekommen (was ich nicht wirklich zu tun beabsichtige), und wuerde
sich dann durch Testrechnungen ergeben, dass ein Sieg plus ein
4. oder gar 5. Platz mehr wert sind als zwei 2. Plaetze, dann
wuerde ich mich mit der Ueberlegung "das stimmt so nicht" daran
setzen, die Grundgleichungen zu ueberarbeiten, weil es eben
meinem Empfinden zuwider liefe.
Roland G. Hülsmann schrieb:
>
> Volker L. schrieb:
>
> > Wieviel ist das, was man im Erfolgsfall gewinnt (vom zweiten
> > auf den ersten Platz vorruecken) wert im Vergleich zu dem,
> > was man im Versagensfall verliert (Rueckfall von Platz 2 auf
> > Platz 5).
>
> Darum geht es doch gar nicht. Es ist nichts schlimmes dabei,
> zu verlieren, auch wenn es mir Freude macht, auf den vorderen
> Rängen mitzuspielen. Es geht ausschließlich (naja: fast
> ausschließlich) um den Spielspaß!
> Und riskante Manöver machen nun mal - zumindest mir - Spaß.
> Ich würde auch rislkant spielen, wenn ich die Chance sähe,
> vom 6. auf den 5. Platz zu kommen. Ich gehe - wohlgemerkt: im
> Spiel - oft lieber Risiken ein, als Besitzstände zu sichern
> und zu wahren. Ich will etwas bewegen und nicht verharren!
>
> > ... Aber nicht, wenn ich vorher Zweiter
> > bin, denn da stimmen fuer mein Empfinden die Relationen
> > zwischen dem potenziellen Gewinn, dem potenziellen Verlust
> und
> > den jeweiligen Wahrscheinlichkeiten nicht mehr.
>
> Derartige Gedanken bewegen mich selten. Ich experimentiere
> lieber, probiere aus ..., auch wenn ich dadurch vielleicht
> nicht ganz so oft gewinne ...
> Lieber eine Chance vermasseln, als damit zu leben, sie nicht
> genutzt zu haben.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir da jetzt aneinander
vorbeireden. Zunaechst mal ist (fuer mich) entscheidend, welche
Relation zwischen dem potenziellen Gewinn und dem potenziellen
Verlust bei einer solchen Gewaltaktion besteht. Und da ist fuer
mein Empfinden (Ihr beide moegt das vermutlich anders sehen)
der potenzielle Gewinn im Erfolgsfall (Vorruecken vom zweiten
auf den ersten Platz) deutlich kleiner als der potenzielle
Verlust im Versagensfall (Absturz vom zweiten auf den fuenften
Platz) [i]Wohlgemerkt: alle meine Beispiele beziehen sich auf
eine 5-Personen-Partie, bei einem Spiel mit 500 Teilnehmern
wuerde ich vermutlich auch den 5. Platz noch fuer so respaktabel
halten, dass ich fuer einen moeglichen Sieg einen sicheren
zweiten Platz riskieren wuerde, wenn im schlimmsten Fall der
5. Platz das Ergebnis meines Risikos waere[/i]
> > Aber die Grundeinstellung dahinter ist IMHO dieselbe: "Nur
> der
> > Sieg zaehlt, ein zweiter Platz ist nichts wert; es ist
> egal, ob
> > man Zweiter oder Fuenfter wird".
>
> Arrrghhh .... Du verstehst micht nicht! NEIN, so meine ich
> das nicht. Der Spielspaß zählt, nicht der erzielte Platz.
> Natürlich gewinne ich gerne, bin lieber Erster als Zweiter,
> lieber Zweiter als Dritter, ... etc. Aber der beim Spiel
> erzielte Platz ist mir nicht so wichtig, als daß ich nicht
> auch Risiken eingehe, bei denen ich denselben verlieren
> könnte.
Aber gehst Du beliebig hohe Risiken ein, nur um nochmal "action"
ins Spiel zu bringen?
Wieder das Beispiel mit dem derzeit zweitplatzierten.
Ganz simplifizierte Chancen:
[ol]
[*]Wirf einen W6. Bei "1" bis "5" rueckst Du auf den ersten
Platz vor, bei "6" faellst Du auf den letzten (fuenften) Platz
zurueck.
[*]Wirf einen W6. Bei "1" rueckst Du auf den ersten Platz vor,
bei "2" bis "6" faellst Du auf den letzten (fuenften) Platz
zurueck.
[*](Wirf einen W6. Bei "1" rueckst Du auf den ersten Platz vor,
bei "2" bis "5" faellst Du auf den letzten (fuenften) Platz
zurueck. Bei einer "6" faellst Du ebenfalls auf den letzten
Platz zurueck, zusaetzlich faellt der erste auf den zweiten
Platz zurueck, so dass der zuvor drittplatzierte gewinnt.)
[/ol]
Im ersten Fall wuerde ich mich vermutlich darauf einlassen, im
zweiten garantiert nicht. Und Du?
> Am Ende eines Spieleabends zählt für mich
> letztendlich, wieviel Spaß und Unterhaltung wir gemeinsam
> hatten. Und da ist es dann wirklich egal, ob ich ein Spiel
> gewinnen konnte oder nicht.
Jein.
Ich habe auch Spass, wenn ich verliere, weil der Andere (bzw.
die Anderen) mir strategisch ueberlegen war oder in einem
ziemlich ausgeglichenen Spiel das Glueckselement im Spiel zu
meinen Ungunsten Zuenglein an der Waage spielte.
Aber ich bin ziemlich frustriert, wenn ich verliere, weil mir das
Pech foermlich an den Fingern klebt, ich aergere mich, wenn ich
aufgrund von Fehlern (etwas uebersehen) oder Fehlentscheidungen
verliere (und zu letzteren gehoert auch das Eingehen von
[i]unnoetig hohen[i] Risiken - entweder zu geringe Erfolgschance
oder zu hoher Einsatz), und wenn ich durch eine fuer mein
Gefuehl grob unsinnige Aktion eines anderen Spielers am Sieg
gehindert werde (obiges Beispiel 2), bin ich in aehnlichem
Ausmass verstimmt, als wenn ich durch einen Koenigsmachereffekt
verliere (ein hinterer Spieler sagt "auf meine Position hat es
gar keinen Einfluss mehr, aber wir hatte in dieser Partie bislang
keine einzige Revolte, also rufe ich jetzt einfach mal eine aus")
Wobei mein Aerger noch begrenzt waere, wenn es Fall 2 ist (weil
der Andere immerhin den Erfolg seines Risikos erntet, auch wenn
ich seinen Sieg als unverdient empfinden wuerde, weil meiner
Meinung nach jemand, der ein solches Risiko (Fall 2) eingeht,
einen Misserfolg verdient), aber ich waere extrem sauer, wenn
ich wie im Fall 3 und einer gewuerfelten "6" Leidtragender des
Nebeneffekts seiner Harakiri-Aktion waere.
Nur so als Beispiel zum Thema "Spass haben/gewinnen"
Letzten Sonnabend war ein Freund bei mir, wir haben 4 Kosmos-2er
gespielt:
Sternenschiff Catan (seine erste Partie, ich hatte es nur gegen
mich selbst ausprobiert, wobei dieses wegen des Memory-Effekts
eines der eher wenigen Spiele ist, die sich gegen sich selbst
relativ schlecht spielen lassen), Babel (fuer uns beide die
jeweils zweite Partie, wobei er sich nicht mehr daran erinnern
konnte, dass wir das schonmal gespielt hatten) und zweimal
Caesar & Cleo (ungefaehr unsere 21. und 22. Partie). Der Abend
hat richtig Spass gemacht, obwohl er alle 4 Partien gewonnen
hat. Aber bis auf die zweite C&C, wo das Glueck so extrem fuer
ihn war (ich deckte staendig Orgien auf, waehrend er oft genau
die Patriziergruppe zur Abstimmung fuehrte, bei der er gerade
seinen Einfluss vergroessert hatte), dass es wirklich nur noch
frustrierend war, waren es alles knappe Ergebnisse, und ich denke
gerne an diesen Nachmittag/Abend zurueck.
> > Wobei es bei den in meinem Beispiel angegeben
> Erfolgsaussichten
> > vermutlich niemand im ersten Zug machen wuerde, aber wenn die
> > Chancen fuer einen grossen Vorsprung, keine Veraenderung oder
> > gewaltigen Rueckstand etwa 40:20:40 verteilt waeren, gaebe es
> > bestimmt genug Draufgaenger, die das probieren wuerden :-/
>
> Ich weiß nicht so recht. Bei einem sehr kurzen Spiel
> vielleicht ... obwohl ich mir eigentlich nie sonderlich
> Gedanken um derartige Wahrscheinlichkeiten mache.
Haeng Dich doch nicht staendig an den aus der Luft gegriffenen
Zahlenbeispielen fuer die Wahrscheinlichkeiten auf!
Sagen wir einfach, die Chance, durch eine Hauruck-Aktion gleich
im ersten Zug einen uneinholbaren Vorsprung zu bekommen oder
sich einen uneinholbaren Rueckstand einzuhandeln, sind etwa
gleich gross. Es gibt leider Leute, die sich auf sowas einlassen
wuerden.
> Im
> Gegensatz zu vielen Spielern in diesem Forum bin ich kein
> Mathematiker. ;-) ... und wer Siedler gespielt hat, weiß
> z.B., daß die 6 und die 8 nur dann besonders häufig gewürfelt
> werden, wenn man entweder keine Siedlung an diesen Feldern
> hat oder der Räuber drauf steht. :grin:
Das liegt aber daran, dass Mr. Murphy wie immer mitspielt ;-)
Gerhard Passler schrieb:
>
> > Jein. Man sollte danach streben, so gut wie moeglich
> > abzuschneiden. Wenn man kurz vor Schluss Zweiter ist und
> > praktisch keine Chance mehr hat, den Fuehrenden zu
> ueberholen,
> > dann sollte man eben versuchen, den zweiten Platz zu sichern
> > und
> > nicht irgendwelchen Murks machen nach dem Motto "Gewinnen
> kann
> > ich nicht mehr, also ist's egal"
>
> 100 % Zustimmung. Ich habe mich vielleicht etwas ungeschickt
> ausgedrückt. Bis zu einem bestimmten Punkt im Spiel soll
> jeder versuchen zu gewinnen. Es soll nicht so sein, dass
> einer schon von vorneherein sagt: "Ist mir doch schnurzegal,
> was ich in diesem Spiel erreiche ...". Wenn nämlich noch ein
> Zweiter mit dieser Einstellung an das Spiel herangeht, dann
> ist der gesamte Spielspaß schon von vorneherein ade.
Dazu braucht es nicht unbedingt eines Zweiten, einer kann da
schon voellig ausreichen :-/
> > Angenommen, der Zweite hat kurz vor Schluss nur noch die
> > Chance,
> > mit einer Harakiri-Aktion den derzeit fuehrenden zu
> ueberholen.
> > Die Chance, dass es klappt, liegt bei 10%, weitere 10%
> dafuer,
> > dass sich nichts aendert und 80% dafuer, dass er sich dabei
> > total runiert und auf den 5. Platz zurueckfaellt. Wagt er nun
> > tatsaechlich dieses Vabanque-Spiel, dann wuerde ich das auch
> > schon als "krampfhaft übersteigerten Ehrgeiz" ansehen.
>
> Das würde ich noch nicht als krampfhaft übersteigerten
> Ehrgeiz ansehen. Das ist nämlich Charaktersache; bin ich ein
> Draufgänger-Typ, oder bin ich ein zurückhaltender,
> vorsichtiger Typ.
Also, es duerfte aus meinen obigen Ausfuehrungen ziemlich klar
geworden sein, dass ich zu letzterem Typ zaehle ;-)
Aber bei jemandem, der sich darauf einlaesst (oder auf das
Beispiel 2 weiter oben), unterstelle ich schon die Grundhaltung,
(die Roland entruestet von sich weist) "Nur der Sieg zaehlt, ein
zweiter Platz ist nichts wert; es ist egal, ob man Zweiter oder
Fuenfter wird", und [i]das[/i] geht IMHO schon stark in die
Richtung "krampfhaft übersteigerten Ehrgeiz" (auch wenn es
natuerlich noch wesentlich krassere Beispiele gibt, von denen
Du ja eins schon genannt hast:
> Unter "krampfhaft übersteigerten Ehrgeiz" verstehe ich
> vielmehr, wenn jemand, sollte er sich auf der Verliererstraße
> befinden, sehr nachtragend wird, zornig und ausfällig wird,
> womöglich den Spieltisch verlässt usw.)
Gruss, Volker (der gegen Ende dieses Postings Zweifel bekam, ob
es nicht doch besser gewesen waere, zweimal separat zu antworten)