Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 29. Oktober 2004, 07:55
Mein persönlicher Eindruck ist - allerdings über die Jahre hinweg, nicht speziell auf die jüngst in Essen präsentieren Spiele bezogen - dass Regelhefte eher besser als schlechter werden.
Das mag von verschiedenen Faktoren abhängen, z.B. davon, dass Autoren und Redakteure voneinander lernen und besonders gut aufgebaute und durchdachte Regeln (ich nenne hier, stellvertretend für manche andere, mal den "Kosmos-Stil" und den "Alea-Stil") zu Vobildern genommen werden.
Auch mag sich mancher, der sich häufig mit Regelfragen und Beschwerden aus Spielerkreisen herumzuschlagen hatte, irgendwann sagen: "Das passiert mir nicht noch mal!".
Diese Entwicklung hat dann natürlich auch wiederum eine Kehrseite: Der Anspruch an Verständlichkeit, Eindeutigkeit und leichte Zugänglichkeit von Spielregeln steigt, und Regelpassagen, die eine - nennen wir sie mal so - "aktive Missverständnis-Bereitschaft" vom Leser erfordern, um überhaupt Anlass zu Fragen zu geben, werden unverdient zu Kritikpunkten. ("In der Regel steht, dass ich etwas nur auf Feld X tun darf, es steht aber nirgends, ob ich das auch auf anderen Feldern tun darf.")
So ist es durchaus möglich, dass sich die Klagen über Regeln häufen, ohne dass die Regeln insgesamt gesehen deswegen schlechter sein müssen als zuvor.
Unabhängig davon gibt es sie natürlich wirklich, die Regelhefte voller Lücken und Widersprüche, die schnell und fehlerhaft gemachten Übersetzungen: Die Budgets für Mitarbeiter, deren Tätigkeit sich nicht unmittelbar in Umsatzzahlen niederschlägt, sind knapper geworden, und wie Zeitungen heute häufig keine Korrektoren mehr haben, so wird das in vielen Fällen auch bei Spieleverlagen sein. Dazu kommt eine Menge von neu gegründeten Klein- und Selbstverlagen, bei denen Autor, Redakteur, Vertriebsleiter und Verteter oft in einer Person vereint sind - und da es keinen Lehrberuf "Spielregelautor" gibt, muss diese eine Person dann ihre Lektionen im Regelformulieren in aller Öffentlichkeit und anhand konkret verkaufter Produkte lernen.
Schmunzeln musste ich übrigens, als ich in Bruno Faiduttis Spielanleitung zu "Die dunklen Lande" folgende Passage las: "Sollten Sie beim Spielen auf ungeklärte Sonderfälle stoßen, einigen Sie sich bitte in Ihrer Spielrunde auf Ihre bevorzugte Lösung."
Diese Option, scheint es manchmal, ist etwas in Vergessenheit geraten.
Mit einem lieben Gruß
Gustav