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"Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Das ehemalige spielbox-Spielerforum
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achim

"Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon achim » 15. April 2007, 19:59

Hallo,
in den 70iger Jahren haben es die Sittenwächter in Deutschland schon einmal geschaft, eine Spielregel ändern zu lassen. Die Rede ist von Risiko. Um eine Indizierung abzuwenden wurde aus "erobern" "befreien" und alle waren glücklich. Eben habe ich mir das neu erschienene Spiel "Risiko Express" von Parker etwas genauer angeschaut, und siehe da, aus "befreien" wurde wieder "erobern". Sowohl auf den Schachtelaufdruck als auch in der Spielregel steht "erobern". Parker geht wahrscheinlich davon aus, dass inzwischen jeder begriffen hat, dass fast alle Kriege, die unter dem Denkmantel der Befreiung geführt werden, in Wirklichkeit doch Eroberungskriege sind. Parker wollte halt kein "Fantasyspiel" herausbringen, sondern sich wieder mehr realen Begebenheiten widmen. Oder sehe ich das falsch? Kinder ab 8+ Jahren darf man eben nicht belügen! :wink:

Gruß
achim

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Wolf

Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Wolf » 15. April 2007, 22:31

Danke für den schönen Kommentar :D
Es stimmt schon, Befreiungskriege sind Fantasy.
Gruß
Wolf

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Peter Gustav Bartschat

Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 16. April 2007, 10:40

Wolf schrieb:
> Es stimmt schon, Befreiungskriege sind Fantasy.

Andererseits ist das Ergebnis eines erfolgreich geführten Eroberungskrieges ja eine eroberte Nation.

Wenn die eroberte Nation dann einen Krieg führt, um sich von den Eroberern zu befreien, dann scheint mir die "Befreiung" kein Deckmantel zu sein, sondern das tatsächliche Kriegsziel.

So geschehen zum Beispiel 1813 - 1815, als ein Bündnis der von Frankreich ganz oder teilweise eroberten Länder Österreich, Preussen, Rußland und Schweden gegen Frankreich zu Felde zog.

Werfen wir noch einen Blick auf die Rolle Englands in diesem Krieg: England, selbst nicht erobert, unterstützte das Bündnis im Kampf gegen Frankreich durch Truppen und Material, und zog selbst in Spanien gegen Frankreich zu Felde. Als der Krieg vorbei war, hat allerding keines der beteiligten Länder eines oder mehrere andere erobert, sondern die zuvor eroberten Länder erhielten ihre Souveränität zurück, und selbst Frankreich als Unterlegener behielt seine Souveränität.

(Man könnte also sagen, dass England den Auftrag erfüllt hat: Befreien Sie alle Länder von den französischen Armeen.)

Man nennt die Zeit zwischen 1813 und 1815 in Deutschland übrigens "Zeitalter der Befreiungskriege".

Tja, auch so was gibt´s in der Geschichte.

Mit einem lieben Gruß
Gustav

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Günter Cornett

Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Günter Cornett » 16. April 2007, 11:06

Peter Gustav Bartschat schrieb:
>
> Wolf schrieb:
> > Es stimmt schon, Befreiungskriege sind Fantasy.
>
> Andererseits ist das Ergebnis eines erfolgreich geführten
> Eroberungskrieges ja eine eroberte Nation.
>
> Wenn die eroberte Nation dann einen Krieg führt, um sich von
> den Eroberern zu befreien, dann scheint mir die "Befreiung"
> kein Deckmantel zu sein, sondern das tatsächliche Kriegsziel.
>
> So geschehen zum Beispiel 1813 - 1815, als ein Bündnis der
> von Frankreich ganz oder teilweise eroberten Länder
> Österreich, Preussen, Rußland und Schweden gegen Frankreich
> zu Felde zog.
>
> Werfen wir noch einen Blick auf die Rolle Englands in diesem
> Krieg: England, selbst nicht erobert, unterstützte das
> Bündnis im Kampf gegen Frankreich durch Truppen und Material,
> und zog selbst in Spanien gegen Frankreich zu Felde. Als der
> Krieg vorbei war, hat allerding keines der beteiligten Länder
> eines oder mehrere andere erobert, sondern die zuvor
> eroberten Länder erhielten ihre Souveränität zurück, und
> selbst Frankreich als Unterlegener behielt seine Souveränität.
>
> (Man könnte also sagen, dass England den Auftrag erfüllt hat:
> Befreien Sie alle Länder von den französischen Armeen.)

Mal abgesehen davon, dass die in England Herrschenden gegen die napoleonische Kontinentalsperre kämpften und somit um Handelsmärkte (um wirtschaftliche Freiheiten), ist es zum einen ein fundamentaler Unterschied, ob es heißt:

"Befreie alle Länder von den französischen Armeen."
oder:
"Befreie alle Länder."

Denn im zweiten Weltkrieg wurde auch ein großer Teil Frankreichs von den franzsösischen Armeen befreit. Aber mit Befreiung des Landes und der darin lebenden Menschen hatte das gar nichts zu tun.

Zum andern die Frage: Wie bzw. wovon befreit man Länder? Wer oder was wird da genau befreit?
Waren die Menschen in den von Napoleons Armeen befreiten Ländern freier als in den von seinen Truppen besetzten Ländern? (Stichwort: Bürgerechte)

> Man nennt die Zeit zwischen 1813 und 1815 in Deutschland
> übrigens "Zeitalter der Befreiungskriege".

Wie man wohl die derzeitige Zeit später nennen wird?

> Tja, auch so was gibt´s in der Geschichte.

Jo, Befreiungskriege gibt es tatsächlich. Aber dein Beispiel ist imho inhaltlich nicht wirklich passend, also gut für die Diskussion um den Begriff 'Befreiungskrieg'.

Gruß, Günter

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Marten Holst
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RE: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Marten Holst » 16. April 2007, 12:16

Moin,

ich meine, aber ohne Gewähr, denn ich besitze ein Befreiungsrisiko, dass mir das bereits vor einigen Jahren aufgefallen ist. Es spielt natürlich in die hier bereits kürzlich aufgetauchte Diskussion um Spielthemen (Guillotine etc.), die im PC-Spiele-Bereich ja etwas flamboyanter läuft, mit hinein, dass es überhaupt zu dieser Formulierung kam. Im Sinne des Spieles (selbsternannte Weltenretter retten Welt) ist es selbstverständlich ein kontextloser Eroberungskrieg, der allerdings im Zuge der Geschichtsschreibung nach Spielgewinn wohl wieder zum Befreiungskrieg wird.

Aber wie gesagt, ich meine zu erinnern, dass schon seit grob 10-15 Jahren wieder erobert wird.

Tschüß
Marten

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Martin M
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Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Martin M » 16. April 2007, 13:04

Schönes Thema, über den Befreiungsaspekt in Risiko habe ich mich auch lange Zeit amüsiert.
Den Umstand, daß aus politischer Korrektheit befreit statt erobert wurde, finde ich recht typisch für den damaligen Zeitgeist in Deutschland, der extrem verkrampft war mit dem eigenen Selbstverständnis als Volk und Nation. Alles, was auch nur in entferntestem Sinn mit Krieg, Imperialismus in Zusammenhang gebracht werden konnte, wurde sofort in die braune Ecke gestellt.
Ob dies gut oder schlecht war, will ich jetzt gar nicht weiter kommentieren, weil es mindestens einen eigenen Thread wert wäre und auch wesentlich kontroversere Diskussionen hervorrufen könnte; drollig an der Sache finde ich aber, daß aus einem imperialistischen Spiel durch die politisch korrekten Änderungen ein verlogenes imperialistisches Spiel wurde. Denn wenn bis zu sechs Spieler bzw. Nationen antreten, um miteinander konkurrierend die Welt zu "befreien", dann liegt der Schluß recht nahe, daß die Befreiung nur eine vorgeschobene propagandistische Worthülse ist, die das wahre Motiv, den Imperialismus, verschleiern soll. Eigentlich hätte ich von den damaligen politisch Korrekten erwartet, daß sie die Parallelen erkennen zu Systemen, die einen Überfall auf das Nachbarland als "Zurückschießen" seit dem Morgengrauen titulieren oder die DDR demokratisch nennen.

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Ralf Arnemann
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Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Ralf Arnemann » 16. April 2007, 16:27

> Mal abgesehen davon, dass die in
> England Herrschenden gegen die
> napoleonische Kontinentalsperre
> kämpften ...
Das ist nun verkürzt bis ganz falsch.
Schließlich waren die Engländer schon eine Weile am Kämpfen, BEVOR die Kontinentalsperre kam.

Für die Kriegsführung der Engländer gab es die übliche Mischung mehrerer Motive. Dazu gehörten AUCH ökonomische. Dazu gehörte wohl nur sehr untergeordnet der Wunsch, den übrigen europäischen Völkern die Freiheit zu bringen. Aber sehr stark der Wunsch, selber frei zu bleiben.

> Denn im zweiten Weltkrieg wurde
> auch ein großer Teil Frankreichs
> von den franzsösischen Armeen
> befreit.
Also selbst die Nazis haben m. E. nicht in Anspruch genommen, Frankreich von der eigenen Armee "befreit" zu haben ...

Umgekehrt kann man schon sagen, daß Frankreich und andere Länder später von den Nazis befreit wurden.

> Wie bzw. wovon befreit man Länder?
Ich würde mal sagen: Von etwas Unangenehmen, wovon sich das Land (aus Schwäche) selber nicht befreien kann.

> aren die Menschen in den von
> Napoleons Armeen befreiten
> Ländern freier als in den von
> seinen Truppen besetzten Ländern?
In Summe: Ja.
Und so haben das die Zeitgenossen auch mit großer Mehrheit und deutlich empfunden.

Dein Verweis auf die Bürgerrechte ist korrekt - aber die waren im napoleonischen Regime eher theoretisch, für das Alltagsleben relevant war die Guillotine vor Ort.

> Wie man wohl die derzeitige Zeit
> später nennen wird?
Im meiner Jugend war das eine beliebte Quiz-Frage für Jugendbücher oder Schule. Und die offizielle Antwort war damals "Atomzeitalter".
Ich glaube nicht mehr, daß das so kommen wird ;-)

> Aber dein Beispiel ist imho
> inhaltlich nicht wirklich passend,
Als Historiker würde ich eher sagen: Es gibt wenig passendere Beispiele!

Es gibt viele Kriege, für die dieses Etikett in Anspruch genommen wurde, manche, für die es auch paßt.
Keines, bei dem es perfekt paßt.

Aber daß ein Krieg von so vielen Völkern als Befreiung benannt und empfunden wurde wie im Fall Napoleon - da wüßte ich keine Konkurrenz.

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Günter Cornett

Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Günter Cornett » 16. April 2007, 16:59

Ralf Arnemann schrieb:
>
> > Mal abgesehen davon, dass die in
> > England Herrschenden gegen die
> > napoleonische Kontinentalsperre
> > kämpften ...
> Das ist nun verkürzt bis ganz falsch.
> Schließlich waren die Engländer schon eine Weile am Kämpfen,
> BEVOR die Kontinentalsperre kam.

Jo, aber ich denke die war sicher stark die Ursache dafür, dass die Engländer die europäischen Herrscherhäuser unterstützten, die Völker eher nicht.

Oder hat es da so eine Große Einheit von Volk und Herrschern gegeben?

> Für die Kriegsführung der Engländer gab es die übliche
> Mischung mehrerer Motive. Dazu gehörten AUCH ökonomische.
> Dazu gehörte wohl nur sehr untergeordnet der Wunsch, den
> übrigen europäischen Völkern die Freiheit zu bringen. Aber
> sehr stark der Wunsch, selber frei zu bleiben.
>
> > Denn im zweiten Weltkrieg wurde
> > auch ein großer Teil Frankreichs
> > von den franzsösischen Armeen
> > befreit.

Den Satz möchte ich nicht ohne den darauf folgenden Satz zitiert wissen:
"Aber mit Befreiung des Landes und der darin lebenden Menschen hatte das gar nichts zu tun." Ansonsten ist das Zitat sinnentstellend wiedergegeben, ein definitiv falsches Zitat.

Es geht ja darum, dass ich über die unterschiedliche Verwendung des Begriffs Befreiung schreibe (was ich auch schon vor dem zitierten Satz deutlich mache):

Befreiung - meint ein mehr an Befreiung
Befreiung von - meint ein Entfernen von etwas

> Also selbst die Nazis haben m. E. nicht in Anspruch genommen,
> Frankreich von der eigenen Armee "befreit" zu haben ...

Nein, das meine ich auch nicht.
"Befreie alle Länder von den französischen Armeen."
ist eben etwas ganz anderes als
"Befreie alle Länder."

Ersteres hat nicht mit Befreiung eigentlichen Sinn zu tun.

> Umgekehrt kann man schon sagen, daß Frankreich und andere
> Länder später von den Nazis befreit wurden.

Ja, und in diesem Fall ist sowohl Befreiung der Menschen als auch Entfernung der Nazis richtig.

> > Wie bzw. wovon befreit man Länder?
> Ich würde mal sagen: Von etwas Unangenehmen, wovon sich das
> Land (aus Schwäche) selber nicht befreien kann.

Das ist immer eine Frage der Sichtweise. In dem Risiko-Beispiel "Befreie alle Länder von den französischen Armeen." werden die französischen Armeen moralisch nicht besser oder schlechter bewertet als jede andere Armee. Es geht da nur um Entfernung der Armeen.

> > aren die Menschen in den von
> > Napoleons Armeen befreiten
> > Ländern freier als in den von
> > seinen Truppen besetzten Ländern?
> In Summe: Ja.

Na, ich weiß nicht. Ohne mich für Napoleon beistern zu wollen, war das Leben unter seiner Herrschaft wohl doch etwas angenehmer als unter den russischen Zaren.
Da kann man sicherlich nicht so einfach eine Summe bilden.

> Und so haben das die Zeitgenossen auch mit großer Mehrheit
> und deutlich empfunden.

Mag durchaus sein, ich weiß es nicht.
Hast du dafür Belege?


> Dein Verweis auf die Bürgerrechte ist korrekt - aber die
> waren im napoleonischen Regime eher theoretisch, für das
> Alltagsleben relevant war die Guillotine vor Ort.

Na, ich denke die Bürgerechte sind heute noch relevant.


> > Wie man wohl die derzeitige Zeit
> > später nennen wird?
> Im meiner Jugend war das eine beliebte Quiz-Frage für
> Jugendbücher oder Schule. Und die offizielle Antwort war
> damals "Atomzeitalter".
> Ich glaube nicht mehr, daß das so kommen wird ;-)

Ich auch nicht.

> > Aber dein Beispiel ist imho
> > inhaltlich nicht wirklich passend,
> Als Historiker würde ich eher sagen: Es gibt wenig passendere
> Beispiele!
>
> Es gibt viele Kriege, für die dieses Etikett in Anspruch
> genommen wurde, manche, für die es auch paßt.
> Keines, bei dem es perfekt paßt.

Der Aufstand der Sandinisten in Nikaragua

> Aber daß ein Krieg von so vielen Völkern als Befreiung
> benannt und empfunden wurde wie im Fall Napoleon - da wüßte
> ich keine Konkurrenz.

1945 nicht?

Die Frage ist auch, ob die Völker die Befreiungskriege als Befreiung empfunden haben oder eben nur die herrschenden Schichten. Was überliefert wird, hängt doch immer auch sehr davon ab, wer die Geschichte (auf)schreibt.

Gruß, Günter

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achim

(OT) Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon achim » 16. April 2007, 21:24

Günter Cornett schrieb:

> Was überliefert wird, hängt doch immer auch sehr davon
> ab, wer die Geschichte (auf)schreibt.

Wie wahr, wie wahr!

gruß
achim

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Martin M
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Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Martin M » 17. April 2007, 09:25

Günter Cornett schrieb:
>
>
> Zum andern die Frage: Wie bzw. wovon befreit man Länder?
> Wer oder was wird da genau befreit?
> Waren die Menschen in den von Napoleons Armeen befreiten
> Ländern freier als in den von seinen Truppen besetzten
> Ländern? (Stichwort: Bürgerechte)

Ich denke, daß es zwei "Befreiungsmotive" gibt: Befreiung von einer Fremdherrschaft oder Befreiung von einem inländischen (Unrechts-)Regime. Bei ersterem, wie z.B. bei den Napoleonischen Kriegen wird wahrscheinlich größerer Konsens herrschen, daß eine Befreiung stattgefunden hat als bei zweiterem. Daß z.B. Deutschland im Zweiten Weltkrieg durch die Alliierten von den Nazis befreit wurde, gilt heute als Konsens - aber wurde es damals von den Betroffenen auch so empfunden, oder ist es nur deshalb Konsens, weil es so in den Geschichtsbüchern steht, die ja unter Aufsicht der Alliierten geschrieben wurden? Haben sich z.B. die Ostdeutschen, die von den Sowjets "befreit" wurden, genauso befreit gefühlt wie die Westdeutschen?

Weiteres Beispiel: Die baltischen Länder hatten im 2. Weltkrieg das Pech, gleich zweimal von Fremdherrschaft "befreit" worden zu sein, einmal von den Nazis und einmal von den Sowjets. Wirklich glücklich waren sie aber über keine der Befreiungen.

Und: Wurde eigentlich der Irak durch die Amerikaner und Briten befreit? Immerhin war das Land vorher souverän, nun steht es unter Fremdherrschaft. Hat die Mehrheit der Bevölkerung nun das Gefühl, freier zu sein?

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Ralf Arnemann
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ziemlich OT: Befreiungskriege

Beitragvon Ralf Arnemann » 17. April 2007, 10:53

> dass die Engländer die europäischen
> Herrscherhäuser unterstützten, die
> Völker eher nicht.
Kann man so nicht sagen.
Sie haben unterstützt, wer ihnen halt gegen Napoleon halt.

> Oder hat es da so eine Große Einheit
> von Volk und Herrschern gegeben?
Wenn es um solche außenpolitischen Fragen ging - meistens ja.

> "Aber mit Befreiung des Landes und der
> darin lebenden Menschen hatte das gar
> nichts zu tun."
Selbstverständlich. Ich habe diesen Satz nur deswegen nicht zitiert, weil dich dem voll zustimme und nichts zuzufügen habe.

> Befreiung - meint ein mehr an Befreiung
> Befreiung von - meint ein Entfernen von
> etwas
Guter Punkt. Das Pikante hier ist ja der Umstand, daß das positive Image der ersten Interpretation gerne benutzt wird, auch wenn es nur um die zweite geht.
Siehe eben das Risiko-Neusprech: Es ist ja nicht so, daß es für irgendeine fiktive Risiko-Region von Vorteil wäre, von Farbe X "befreit" und dafür von Farbe Y besetzt zu sein. Das war einfach nur pseudo-PC-Dummfasel.

> Ohne mich für Napoleon beistern zu
> wollen, war das Leben unter seiner
> Herrschaft wohl doch etwas angenehmer
> als unter den russischen Zaren.
Richtig. M. W. haben die Russen auch nur von "Vaterland" etc. geredet, als sie die Grand Armée aus ihrem Land trieben, nicht von "Befreiung". Den Begriff hätte der Zar seinen Leuten erst einmal erklären müssen ...

Die Befreiung bezieht sich in erster Linie auf die iberische Halbinsel, die deutschsprachigen Gebiete, und abgeschwächt für Benelux und Italien.

> Hast du dafür Belege?
Nicht hier als Zitate verlinkt, war auch im Studium kein Schwerpunkt von mir - aber es gibt eine Fülle von zeitgenössischen Texten, die diese Befreiungsidee darstellen.

> Na, ich denke die Bürgerechte sind
> heute noch relevant.
Selbstverständlich.
Aber auch heute stehen die BÜrgerrechte in diversen Verfassungen irgendwelcher Diktaturen - und spielen in der Praxis keine Rolle.
Mein Hinweis auf die Guilliotine war nicht nur symbolisch. Die standen auch real auf den Marktplätzen der napoleonisch besetzten Länder und wurden auch regelmäßig benutzt. Und da war den Betroffenen der Code civil kein Trost.

> 1945 nicht?
Ja, auch. Aber da kam halt die Befreiung im wesentlich von außen, mit nur symbolischer Beteiligung der unterdrückten Völker, und da kam halt gleich eine Reihe Völker vom Regen in die Traufe und mußten bis 1990 auf die echte Befreiung warten.

> Die Frage ist auch, ob die Völker die
> Befreiungskriege als Befreiung
> empfunden haben oder eben nur die
> herrschenden Schichten.
Zumindestens für die Kernbereiche Spanien und Deutschland kann man eindeutig sagen, daß die Befreiung von "unten" gewünscht und maßgeblich getragen wurde.

Das spanische Beispiel ist besonders krass. Da hatten sich die führenden Schichten in Madrid eigentlich mit den Franzosen arrangiert und der Einsetzung eines Napoleoniden als König zugestimmt.
Und dann kam spontan der Aufstand im Land draußen - und zwar richtig heftig (die Spanier sind da schon ziemlich eigen).
Da gibt es haufenweise Beispiele, wo irgendwelche Stadträte der Zentrale den Gehorsam aufkündigen und auf eigene Faust den Krieg erklären. Ganz formell: "Stadt X erklärt dem Kaiserreich Frankreich hiermit den Krieg". Bote abgeschickt und dann bewaffnen sich die Bürger und greifen alles an, was an französischen Truppen in Sichtweite ist.

In Deutschland lief das natürlich alles etwas sortierter, aber eigentlich analog.

> Was überliefert wird, hängt doch immer
> auch sehr davon ab, wer die Geschichte
> (auf)schreibt.
Richtig.
Wobei der Witz hier ist: Die offizielle Geschichtsschreibung mußte hinterher die eigentlich zögernde Haltung der Könige umlügen in große Kriegsbegeisterung.
Es durfte halt nicht gesagt werden, daß die Befreiungskriege eigentlich vom Volk gewollt, geführt und gewonnen wurden - und der König etwas hilflos hinterhertrottelte.

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Günter Cornett

Re: ziemlich OT: Befreiungskriege

Beitragvon Günter Cornett » 17. April 2007, 11:58

Ralf Arnemann schrieb:
>
> > "Aber mit Befreiung des Landes und der
> > darin lebenden Menschen hatte das gar
> > nichts zu tun."
> Selbstverständlich. Ich habe diesen Satz nur deswegen nicht
> zitiert, weil dich dem voll zustimme und nichts zuzufügen habe.

Jo, ist mir schon klar. Aber er gehört zum andern, der ohne ihn inhaltlich völlig falsch ist.

> > Befreiung - meint ein mehr an Befreiung
> > Befreiung von - meint ein Entfernen von
> > etwas
> Guter Punkt. Das Pikante hier ist ja der Umstand, daß das
> positive Image der ersten Interpretation gerne benutzt wird,
> auch wenn es nur um die zweite geht.

Ja, wenn ich men Fahrrad vom Schmutz befreie, klingt das sehr gut fürs Fahrrad. Aber es geht eben um meine Interessen, nicht um die meines Fahrrades [das vielleicht lieber ein bisschen schmuddelig wär - weswegen ich ihm diese Freiheit nur zu gern lasse ;-)].
Dürfte das Fahrrad seinen Reiter frei wählen, würde es vermutlich doch jemanden wählen, der sein ohne schon speichenknackendes Schwergewicht nicht noch regelmäßig durch Spielepakete erhöhen würde. Aber es hat eben jeder so seine Funktion, die einen oben, die anderen unten. :grin:

Und wenn es gegen böse Autos :razz: geht (nicht nur gegen französische), dann herrscht völlige Übereinstimmung zwischen meinem Fahrrad und mir. :smile:

> Siehe eben das Risiko-Neusprech: Es ist ja nicht so, daß es
> für irgendeine fiktive Risiko-Region von Vorteil wäre, von
> Farbe X "befreit" und dafür von Farbe Y besetzt zu sein. Das
> war einfach nur pseudo-PC-Dummfasel.

Aber doch irgendwie gut: Was im Spiel so ein offensichtlicher Widerspruch ist, ergibt ja auch einen Lerneffekt, der einem hilft, die kriegsverherrlichende Rhetorik in der Politik zu erkennen.


> > Ohne mich für Napoleon beistern zu
> > wollen, war das Leben unter seiner
> > Herrschaft wohl doch etwas angenehmer
> > als unter den russischen Zaren.
> Richtig. M. W. haben die Russen auch nur von "Vaterland" etc.
> geredet, als sie die Grand Armée aus ihrem Land trieben,
> nicht von "Befreiung". Den Begriff hätte der Zar seinen
> Leuten erst einmal erklären müssen ...

Jo, es ist eben immer ungefährlicher, irgendwie anti-fremdländisch (Befreiung von) zu argumentieren als mit Befreiung (an sich).

Wer gegen Islam und Terrorismus kämpft, nimmt leichter Freiheitseinschränkungen in Kauf, als jemand der positiv für seine Freiheitsrechte kämpft.

Gruß, Günter

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Günter Cornett

Re: "Erobern sie die Welt in 20 Minuten"

Beitragvon Günter Cornett » 17. April 2007, 12:11

Martin M schrieb:
>
> Ich denke, daß es zwei "Befreiungsmotive" gibt: Befreiung von
> einer Fremdherrschaft oder Befreiung von einem inländischen
> (Unrechts-)Regime.
...
> Haben sich z.B. die Ostdeutschen, die von
> den Sowjets "befreit" wurden, genauso befreit gefühlt wie die
> Westdeutschen?

Und wieviel Westdeutsche haben das zunächst als Niederlage empfunden, bevor sie lernten, die Freiheit zu schätzen?

> Und: Wurde eigentlich der Irak durch die Amerikaner und
> Briten befreit? Immerhin war das Land vorher souverän, nun
> steht es unter Fremdherrschaft. Hat die Mehrheit der
> Bevölkerung nun das Gefühl, freier zu sein?

Jo, das sind die richtigen Fragen. Wenn das Wachpersonal wechselt, wird das Leben im Käfig dann freier?

Gerade in Bezug auf den Irak ist sicherlich auch ein drittes Befreiungsmotiv wichtig: Befreiung von Ideologien. Und dafür ist Militär zumeist ein schlechtes Mittel.

Gruß, Günter


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