Beitragvon Rainer Weuthen » 12. Februar 2002, 01:20
Toll daran ist, dass es endlich ein weiteres, gut aufgemachtes, deutschsprachiges CoSim gibt, welches sehr gute Regeln in verdaulichen Portionen bietet, sowie interessant genug für Einsteiger und Fortgeschrittene ist.
Aber:
Norden&Süden ist ein reinrassiges CoSim (wenn auch nicht mit mindestens 30 Seiten dichtbedrucktem Regelbüchlein, 1000 funktional-hässlichen Countern etc.), bei dem die historisch korrekte Wiedergabe über allem steht (sonst wäre es keine historische ConflictSimulation) und nicht ein normales "strategisches Brettspiel", das ist nur ein irreführender Oberbegriff.
Dies führt dazu, dass bei einer historisch so einwandfrei belegten ungleichwertigen Ausgangsposition (der Süden hatte nie eine Siegwahrscheinlichkeit) keine spielerischen Ausgleiche erfunden werden, um dem Fairniss-Charakter eines Brettspieles Tribut zu zollen.
Je mehr optionale Regeln genutzt werden, um so weniger Chancen hat der Süden. Falls dem Konföderierten nicht eine erhebliche Verkettung glücklicher Zufälle zugute kommt, ist er sofort in der Defensive und muß versuchen durchzuhalten - 40 Runden lang. Wenn der Norden die logische Offensivroute nimmt (übrigens die historische Route), fällt der Süden mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit früher.
Zur Dauer:
Niemals unter 2 Stunden (nur bei Grundregeln durch Einnahme Washingtons möglich), eher zwischen 3 und 6 Stunden bei moderatem Spieltempo (der Süden braucht einfach eine längere Bedenkzeit).
Stichwort aufgeblähtes Würfelspiel:
Halte ich für nicht vertretbar, da die strategischen und taktischen Anforderungen (besonders für den Konföderierten) eine hohe Spieldichte mit Tiefgang (insbesonders durch die optionalen Regeln) ermöglichen und erfordern.
Abgesehen von Schach und ähnlich strategischen Spielen mit hoher Übersichtlichkeit, habe ich mich (als Konföderierter) bei keinem anderen Spiel so lange konzentrieren müssen, um überhaupt eine Chance zu haben.
Dabei finde ich den Aufwand für die Würfeleien angemessen und regeltechnisch gut gelöst.
Die meisten CoSims basieren auf Würfel-Kämpfen, um den Zufallsfaktor im Krieg und vor allem bei der Planung ausreichend zu berücksichtigen.
Durch das Einheitenlimit (Obergrenzen, Verknappung, Bewegungssystem, strategische Notwendigkeiten) bleiben die Kämpfe übersichtlich und durch diverse optionale Regeln auch hart & schnell (zB. Moral).
Alles in allem, ein strategisch anspruchsvolles Spiel.
Trotzdem kann ich die Entäuschung sehr gut verstehen, ich war nämlich nach mehreren Partien ziemlich entäuscht, da sich die Wirklichkeit stark von den Aussagen der Packung und dem SPIEL-Messestand unterschied.
Aus dem exotischen, anspruchsvollen 2-Personenspiel für Jedermann, wurde ein CoSim für Spezialisten.
Da bleibt einem nichts anderes übrig, als die Regeln durch einen Satz historisch-unkorrekter optionaler Brettspielregeln zu "verbessern". Aber das ist ein anderes Thema.....
Gruß
Rainer