Beitragvon Reinhard Staupe » 31. Mai 2001, 12:27
Hallo G'Ork!
Ich habe die Diskussion um die diesjährige Auswahlliste hier im Forum mit Interesse verfolgt, so natürlich auch Deine Kritik daran. Deinen harschen Worten folgend habe ich nun mal einen Blick auf die AFS-Seite geworfen. Zu dem Spiel „Land unter“, das von mir redaktionell betreut wurde, schreibst Du: „ZUM KUCKUCK mit einer neuen Thematik und einer noch schlimmeren Grafik. In unseren Kreisen wird das Auftauchen des Spiels beinahe als reine Frechheit bezeichnet, die weitere Kommentare überflüssig macht.“
Hm, ich finde nicht, daß weitere Kommentare überflüssig sind, ganz im Gegenteil, denn ich verstehe in keinster Weise, was genau Du als Frechheit auffaßt. Ein bißchen detaillierter und substantieller wäre vielleicht nicht schlecht, denn so ist es, sorry, diesbezüglich nur heiße Luft.
Was begründet denn die „Frechheit“, Deiner Meinung nach:
- Die Grafik?
- Die Tatsache, daß es das Spiel schon einmal gab?
- Spielreiz/Originalität?
Die Grafik ist wohl, wie immer, Geschmackssache. Ich kenne eine Vielzahl von Spielern, die die neue Gestaltung mögen, andere wiederum rümpfen die Nase ein wenig. So ist das ja oft. Wer will darüber richten?! Und vor allem: kann das ein Grund für eine Nicht-Aufnahme in die Auswahlliste sein? Wenn die Grafik eine falsche Erwartungshaltung beim Käufer weckt oder spieltechnische Mängel verursacht, dann gewiß, aber nicht aus subjektiver Empfindung heraus!
Ob man ein altes Spiel in neuem Gewand für die Auswahlliste berücksichtigen soll oder nicht, ist letztlich eine Frage, die sich die Jury selbst stellen muß; wenn es die Vereinsstatuten zulassen - warum nicht?! Gerade die diesjährige Liste wäre doch ein Argument eben genau dafür. Ich finde „Medina“ exzellent, und es war einer meiner Favoriten für den Hauptpreis. Nun will ich zunächst mal hoffen, daß das Spiel lange bei HIG im Programm bleibt, aber wenn es irgendwann, irgendwo erneut veröffentlicht werden sollte - warum dann keine zweite Chance für die Auswahlliste? Daß „Zum Kuckuck“ seinerzeit nicht berücksichtigt wurde, war für mich genauso eine Überraschung wie „Medina“ jetzt; oder „Intrige“ seinerzeit oder „Ra“. Ich halte, und das sage ich als Spieler und nicht als Redakteur!, „Zum Kuckuck/Land unter“ für eines der gelungensten Kartenspiele überhaupt; auch als Autorenkollege ziehe ich vor Stefan Dorras Komposition den Hut. Die Kuckuck-Grafik fand ich seinerzeit witzig; das Thema vielleicht ein wenig unglücklich. Nun hat das Ganze ein neues Thema, das, und daran sollte kein Zweifel bestehen, die Spielmechanik sinnvoll einbettet, zumindest nachvollziehbarer als ich-mache-einen-Kakadu-zum-Kuckuck-wenn-ich-zu-viele-Kuckucke-im-Nest-habe.
Gerade in puncto Innovation, was von Dir in bezug auf die Liste ja bemängelt wird, ist „Land unter“ schwerlich beizukommen. Die zufällige Kartenverteilung, das Glücksmoment beim Mischen und Geben also, wird, und das ist fast einzigartig, vollkommen ausgeschaltet. Bekommst Du viele gute Spielwerte (hohe und niedrige) auf die Hand, so mußt Du mit wenigen Rettungsringen Vorlieb nehmen, da sich diese auf den mittleren Zahlen befinden. Erhältst Du hingegen ein schwaches Kartenblatt, dann kannst Du zumindest bei den Rettungsringen aus dem Vollem schöpfen. Das an sich ist bereits ein überaus schönes, ausgleichendes Element, aber damit nicht genug. Die Weitergabe der kompletten Kartenhand nach Rundenende nivelliert das Ganze dann ein zweites Mal: jeder muß mit jedem Ausgangsblatt einmal sein Können und seine Intuition unter Beweis stellen. Für mich ist das Originalität at it's best.
Nun, bleibt noch die Frage nach dem Spielreiz. Letztlich muß auch hier, wie bei der Grafik, jeder seinen ganz persönlichen Schluß ziehen. Allerdings ist der Schadenfreude-Faktor wohl kaum zu überbieten. Einfachste Regeln, schneller Zugang, flotter Rhythmus, taktische Elemente, ja sogar ein Hauch von Strategie - was will man mehr?!
Um das ganz deutlich zu sagen: Ich will hier keine Lanze für „Land unter“ brechen - das Spiel spricht hoffentlich für sich selbst - aber wenn Du so lapidar von „Frechheit“ sprichst, dann sollte das begründet sein. Alles andere ist inakzeptabel.
Ach ja, eines noch, am Rande. Bei „Babel“ schreibst Du: „Wenn man es zwanzig Mal gespielt hat, ist der Wiederspielreiz dahin.“ Also wenn ein Spiel wirklich zwanzigmal mit Freude auf den Tisch kommt, noch dazu in unser schnelllebigen Zeit, die ständig nach Neuem verlangt, dann hat es seinen Platz, auf welcher Auswahlliste auch immer, mehr als verdient.
Viele Grüße,
Reinhard Staupe