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Strategie und Taktik

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Gustav der Bär

Was sagt die Militärwissenschaft?

Beitragvon Gustav der Bär » 1. Mai 2002, 12:30

Ich bringe im folgenden zwei Auszüge aus der "Encyclpedia of Weapons and Military Technology" vonh Kenneth Macksey, erschienen 1993 bei Viking in London (ISBN 0-670-84411_X).

Die Artikel zu den Begriffen sind sehr umfangreich und mit vielen Beispielen versehen, hier beschränke ich mich nur auf Auszüge aus dem jeweils ersten Absatz, wo wir die Begriffsdefinitionen finden.

Die Übersetzungen sind von mir. Stilistische Freiheiten bei der Übersetzung bitte ich mir nachzusehen - ich denke, dass die meisten von euch genug Englisch können, um die Texte auch im Original zu verstehen und zu beurteilen, ob ich den Inhalt korrekt wiedergegeben habe.

"STRAGEGY, MILITARY. In simple terms of the art of war, strategy is the technique of planning campaigns by selecting the aims and solving the logistic problems connected with moving men and ressources to their battle positions, where, if a decision has not been reached through diplomacy, the are used tactically in battle.
Sun Tzu, c. 500 BC, was the first to record the prime importance ot strategy, along with logistics." (Seite 325)

(Militärische Strategie: In einfachen Begriffen der Kriegskunst ausgedrückt, versteht man unter Strategie die Vorgehensweise bei der Planung von Feldzügen, in dem man Ziele definiert und die logistischen Aufgaben löst, die entstehen, wenn Truppen und Material zu den Orten transportiert werden, wo sie - falls die Diplomatie bei ihrem Versuch, einen Konfikt friedfertig beizulegen, gescheitert ist - nach taktischen Gesichtspunkten zum Kampfeinsatz kommen.
Sun Tzu, ca. 500 v. Chr., war der erste, der die übergeordnete Bedeutung der Strategie - zusammen mit der der Logistik - erkannte.)

"TACTICS are the art of fighting a battle at sea, on land and in the air but subordinate to Strategy. For example, no matter how skilfully the German commanders in World War II won numerous tatctical victories, they could not compensate for Hitler´s inept strategic insights. (...) It will be seen that the best tacticians searched for the enemys weak spots in flank, rear or by overhead approach, while at the same time guarding against surprise and enemy countermeasures." (Seite 329)

(Taktik ist die Kunst, einen Kampf an Land, auf See oder in der Luft zu führen; sie ist aber der Bedeutung der Strategie nachgeordnet. Ein Beispiel: Unabhängig davon, wie begabt die Deutschen Militärs sich zeigten, als sie zahlreiche taktische Siege errangen, sie konnten doch niemals Hitlers absurde strategische "Einsichten" wettmachen. (...) Wir werden [an den später im Text genannten Beispielen] sehen, dass die besten Taktiker stets die Schwachstellen in Flanken oder Rückendeckung des Gegners oder ihre eigene Luftüberlegenheit zu nutzen wussten, während sie gleichzeitig Maßnahmen ergriffen, um sich gegen Unerwartetes oder Gegenangriffe zu schützen.)

Das älteste erhaltene Werk über Kriegskunst, auf das der Text der "Encyclopedia" im ersten Zitat eingeht, ist zur Zeit in mehreren deutschen Ausgaben erhältlich. Ich selbst besitze zwei davon, die sich teilweise stark voneinander unterscheiden - einserseits wohl, weil sie auf verschiedenen Handschriften beruhen, andererseits natürlich auch, weil bei jeder Übesetzung auch immer etwas vom Übersetzer mit einfliesst:

SunTsu: "Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft. Die Kunst der richtigen Strategie." Bauer Verlag, Freiburg 1997 (ISBN 3-7626-0541-6)

Sunzi: "Die Kunst des Krieges. Herausgegeben und mit einem Vorwort von James Clavell." Droemer, München 1999 (ISBN 3-426-27081-1)

Für meinen persönlichen Geschmack ist die Droemer-Ausgabe die bessere, weil der Übersetzer ganz deutlich mehr vom Militärwesen versteht und die richtigen Fachbegriffe benutzt, während man bei der Übesetzung vom Bauer-Verlag schon manchmal rätseln muss, was die komplizierten Umschreibungen wohl bedeuten mögen.

Auf Xuntheit!
Gustav der Bär
(Peter Gustav Bartschat)

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Volker L.

Re: Strategie und Taktik

Beitragvon Volker L. » 2. Mai 2002, 16:39

HBS schrieb:
>
> Michael Andersch schrieb:
> >
> > HBS schrieb:
> >
> > > Den Thread hatte ich gesehen, fand/finde aber, daß die
> > > damalige Diskussion einerseits recht kurz war und kaum
> > > konkretere Beispiele (abgesehen von den Siedlern, El Grande
> > > und Schach)
> >
> > Da hast Du allerdings recht. Besonders ausufernd war der
> > Thread damals nicht. Allerdings ist das aber auch ein Thema,
> > wo's vielleicht nicht so viel zu sagen gibt, weil es fast
> > eindeutig definiert ist?
>
> Einerseits gibt es zwar eindeutige Definitionen - danach ist
> mir auch klar, was Strategie und was Taktik ist, andererseits
> gibt es hier eben auch viele verschiedene Meinungen (Marten
> erwähnt ja die HvG-Threads... ähnlich war's bei den Puerto
> Rico-Diskussionen) - und dabei ist mir aufgefallen, das wir
> manchmal über grundlegend unterschiedliches unter dem
> gleichen Namen reden, deshalb meine Fragen... so als
> "Diskussionsanregung" eben.

Eine weitere Diskussion dieser Begriffsfrage findt sich in dem Thread:
http://spielbox.de/phorum4/read.php4?f=1&i=14267&t=14206

Gruss, Volker (der den rest dieses Threads auch erst noch lesen muss)

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Volker L.

Re: Strategie und Taktik

Beitragvon Volker L. » 2. Mai 2002, 16:59

Attila schrieb:
>
> Hiho,
>
> Interessanter Artikel !
> Aber Schach als Taktikspiel hinzustellen ...
>
> Na wenn es im Schach nicht auf Strategie ankommt, in welchem
> Spiel denn dann ? :-)

Hallo, Atti!
Ich kann dem, was Du weiter oben als Erwiederung an Wolfgang
geschrieben hast, fast uneingeschraenkt zustimmen. Allerdings
gibt es in meinen Augen noch ein weiteres Kriterium: die
Berechenbarkeit. Je mehr ich alle Parameter kenne, ergo genau
die Ueberlegungen meines Gegners nachvollziehen bzw. vorherberechnen
kann, desto mehr ist es Taktik, fundamentale Unberechenbarkeit
(z.B. Wuerfel) treiben es mehr Richtung Strategie (sofern der
Zufall nicht zu gross wird, sonst wird es ein Gluecksspiel).

Und da im Schach alle Parameter vollstaendig bekannt sind, wuerde
ich es ebenfalls als 100%iges Taktikspiel bezeichnen.

Noch ein Beispiel: Ein (Eroberungs-)Spiel, bei dem alle Spieler
offen ihre Figuren auf dem Feld haben und zusaetzlich auf der
Hand Aktionskarten halten, mit denen die eigenen oder fremden
Figuren beeinflusst werden, man neue Figuren bekommt etc.
Schon durch die Anwesenheit mehrerer Spieler (Verhandlungen) ist
es kein reines Taktikspiel mehr, weil nicht alle Parameter
bekannt und berechenbar sind, aber die Karten koennen einen
grossen Unterschied machen:
Hat jeder seine Karten verborgen (und ist der Vorrat so gross,
dass ich nicht durch Ausschluss meiner eigenen und der bereits
gespielten deduzieren kann, welche die anderen haben), dann ist
es eher Richtung Strategie (ich definiere meine Ziele - Gebiet
X erobern und halten, kann aber nicht genau einschaetzen, ob ich
es schaffe oder wieviel ich dafuer aufwenden muss), sind die
Karten dagegen offen, so dass ich momentan exakt weiss, ob und
wie die Gegner reagieren koennen, dann geht es eher in Richtung
Taktik.

Gruss, Volker (der heute viel nachzulesen hat und in einigen
Threads das machen muss, was er sonst gerne an anderen kritisiert:
in einem Thread Antworten schreiben, bevor er ihn vollstaendig
gelesen hat :-/ )

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Otto

Was sagt die Mathematik bzw Spieltheorie?

Beitragvon Otto » 3. Mai 2002, 16:30

Auszug aus "Glück, Logik und Bluff" von Jörg Bewersdorff, Vieweg 1998, S.98:

Definition Strategie:

Eine Strategie stellt eine für einen Spieler vollständige Handlungsanweisung dar, die für jede Situation, wo der betreffende Spieler ziehen muss, einen Zug vorsieht.

Bewersdorff zitiert von Neumann und Morgenstern, die Begründer der Spieltheorie, S.237:

"Wir wollen uns jetzt vorstellen, daß jeder Spieler ... die Entscheidung über jeden Zug nicht erst dann trifft, wenn die Notwendigkeit dafür vorliegt, sondern daß er sich über sein Vorgehen bei allen möglichen Situationen vorher schlüssig wird; d.h. daß der Spieler ... mit einem vollständigen Plan zu spielen beginnt: einem Plan, der angibt, welche Wahl er zu treffen hat in allen möglichen Situationen, für jede nur mögliche wirkliche Information, die er in diesem Augenblick ... besitzen kann. Einen derartigen Plan nennen wir STRATEGIE.


auf den Begriff "Taktik" wird in diesem Buch nicht eingegangen.

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Otto

Was sagt die Mathematik bzw. Spieltheorie?

Beitragvon Otto » 3. Mai 2002, 16:33

Auszug aus "Glück, Logik und Bluff" von Jörg Bewersdorff, Vieweg 1998, S.98:

Definition Strategie:

Eine Strategie stellt eine für einen Spieler vollständige Handlungsanweisung dar, die für jede Situation, wo der betreffende Spieler ziehen muss, einen Zug vorsieht.

Bewersdorff zitiert von Neumann und Morgenstern, die Begründer der Spieltheorie, S.237:

"Wir wollen uns jetzt vorstellen, daß jeder Spieler ... die Entscheidung über jeden Zug nicht erst dann trifft, wenn die Notwendigkeit dafür vorliegt, sondern daß er sich über sein Vorgehen bei allen möglichen Situationen vorher schlüssig wird; d.h. daß der Spieler ... mit einem vollständigen Plan zu spielen beginnt: einem Plan, der angibt, welche Wahl er zu treffen hat in allen möglichen Situationen, für jede nur mögliche wirkliche Information, die er in diesem Augenblick ... besitzen kann. Einen derartigen Plan nennen wir STRATEGIE.


auf den Begriff "Taktik" wird in diesem Buch nicht eingegangen.


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