Beitragvon Roman Pelek » 6. April 2001, 04:29
Hi Michael,
werden Spiele wirklich immer komplexer? Ich glaube, der Zenit ist mittlerweile überschritten. Wenn ich so die aktuellen Neuheiten anschaue, geht der Trend eher etwas weg von Fisch als auch Fleisch. Manchmal habe ich das Gefühl, da werden auf Teufel komm raus Spiele produziert, die das eine mit dem anderen verbinden wollen, aber genau an diesem Anspruch scheitern. Keine Ahnung, welchen Einfluss da Verlags- oder Marketingkonzepte haben - aber ich wäre im Moment fast dankbar für ein ehrliches simples 15-Minuten-Spiel oder ein richtig forderndes 2-2,5h Spiel (mehr muss nicht sein, dass bring ich auch meistnicht mit meinem Spielergruppen in Einklang). Erstaunlich ist vor allem die Tendenz zu Kartenbrettspielen, deren Verkaufspreis sich allein durch das Material legitimiert, aber deren Spielidee eigentlich mit einem Kartensatz zu 1,50DM zu realisieren wäre (z.B. Ulysses und die etwas älteren Weinhändler).
Nicht, dass dieser Trend nicht schöne Familienspiele hervorbrächte (Carcassonne, Capitol, Africa, m.E. auch San Marco), und manch taktisch bis strategische Besonderheit (Java, Medina) findet sich auch. Aber ich vermisse etwas die Spiele, die simpel, kurz aber gut sind oder "in die man sich richtig reinleben" kann (wie z.B. historische Szenarien mit strategischem Anspruch). Generell geht für mich der Trend eher weg von Strategie, hin zu Taktik, und selbst die erweckt oft genug nur den Anschein. Und weg von simplen, aber spassigen Spielideen zu "1 Brett, 50 Pöppel, 1 Satz Karten, 50DM".
Ich empfinde das gelegentlich als Verwässerung für den Breitengeschmack, man muss einem Spiel oder einer Spielidee auch manchmal ihre Ecken und Kanten lassen, auch wenn sie nicht allen Ansprüchen genügt. Auch dem Massengeschmack wird's irgendwann fade - und dann sind extravagante Ideen und Autoren dafür rar.
Im Gegensatz dazu, paradoxerweise, erweckt das SdJ mit Titeln wie El Grande oder Torres ab und an den Anschein, als seien komplexere oder taktisch/strategische Spiele auf dem Vormarsch. Nicht, dass es nicht rechtens wäre, solch wirklich sehr gute Spiele zu küren, es stellt sich nur die Frage, ob solche Spiele den Gelegenheitsspieler nicht überfordern oder abschrecken.
Mich persönlich faszinieren momentan am meisten ganz simple, aber durchdachte Kartenspiele oder richtig anspruchsvolle Spiele, die Brücke dazwischen bricht fast zusammen ob der übergewichtigen Spielelast. Da werden allzuoft Kartenspiele aufgemotzt oder anspruchsvolles verwässert, nur um auf 45-90Min. Spieldauer zu kommen, wenn entweder 30 oder 120 Minuten der Spielidee mehr Rechnung getragen hätten.
Um nicht vollends ins Blaue zu reden, hier meine persönlichen aktuellen Favoriten für die Genres:
Kurze, nette Spiele: Land Unter weit vorne, dann Wyatt Earp und dann... lange nix. Für viele Personen vielleicht noch Knatsch, ab und an mal Drachengold. Und Contra habe ich noch nicht ausgeschnitten, klingt aber vielversprechend.
Familienspiele: Africa, Capitol, etwas weiter weg: San Marco als El Grande für die Familie mal gut gelungen und nicht allzu verwässert.
Taktisch/Strategisch anspruchsvolleres: Medina/Java
Reine Strategie: nichts aktuelles für meinen Geschmack vorhanden
Ciao,
Roman