Beitragvon Andreas Epplée » 2. Juli 2001, 11:33
Na, da kann man ja einen "Roman" (Gruss an denselben und Dank an KMW für die Löschung des unseligen Threads) schreiben... Faszination trotz Misserfolg - und überhaupt: auch mal jemand, der nicht gleich mit dem Spiel fertig ist, weil es das Buch nicht genügend umsetzt etc. etc. Also zunächst mal: Glücksspiel und Toppspiel schliessen sich natürlich, wie so oft bei Knizia nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig. Es macht ja gerade die Qualität der Knizia-Spiele aus, dass man dem scheinbar omnipotenten Glücksfaktor so viel entgegensetzen kann. Nur dauert es manchmal ein wenig und kostet etwas mehr Beschäftigung als bei Spielen anderer Autoren, um die Möglichkeiten der "Gegenwehr" zu entdecken - dafür wird man dann durch endlosen Spielreiz belohnt ;-) Bei HdR handelt es sich eigentlich um eine gewaltige Patience zu mehreren, ein überdimensionales "Solitär-Spiel", wie H. Schrapers überspitzt-treffend sagte (Was auch dazu beiträgt, dass ein "Kenner" des Spiels oft in Gefahr gerät, die entsprechende Spielerunde zu dominieren...) Und genau das ist das Aufregende, Geniale und Einzigartige dieser Knizia-Gestaltung: dass und wie EIN Spieler-Geist aus mehreren Personen sozusagen gegen das Spiel arbeitet und versucht, alle zur Verfügung stehenden Mittel (und das sind reichlich viele) so einzusetzen, dass ein Übergewicht gegen die Mittel des Spieles (und das sind auch nicht wenige) entsteht. Und so finden wir dann im Kern (abstrahiert, deswegen umso beeindruckender) die Idee des Buches kongenial umgesetzt. Denn wie im Buch scheint es manchmal fast unmöglich (und manchmal ist es das auch), gegen die Übermacht zu gewinnen (Für das Spiel: auch Patiencen gehen nicht immer auf). Wie im Buch ist Gandalf immer dann nicht da, wenn man ihn am nötigsten braucht - im entscheidenden Moment dann aber meistens doch ;-) (Für das Spiel: versuchen, dass immer irgendjemand die nötigen Schilde hat, um in höchster Not eine rettende Gandalf-Karte zu erwerben - und nicht zu früh, nur wenns wirklich brennt!). Wie im Buch liegt die allgegenwärtige Bedrohung wie ein Schatten über allen Geschehnissen (welcher Spieleautor könnte das schiere Umdrehen eines Plättchens mit ähnlicher Spannung aufladen? - Wir verwenden übrigens einen Beutel, damit die Plättchen wirklich gemischt sind). Wie im Buch versucht die Gruppe möglichst, sich unsichtbar zu machen und ohne viel Aufsehen durchzukommen (Für das Spiel: die (negativen) Ereignisse der Leisten sollten soweit wie möglich gar nicht erst eintreten! Die Hauptstrategie ist nach unserer Erfahrung immer: die Hauptaktionsleiste so schnell wie möglich hinter sich bringen, wenn es gefährlich wird. Würfeln vermeiden! (Ring-Benutzung) - Ganz besonders wichtig ist das auf dem letzten, dem Mordor-Plan. Da kann man eigentlich nur noch rennen. Die Sonderkarte "Eowyn" zu kriegen, ist normalerweise schon aussichtslos, und erst recht, zu versuchen, dass jeder Spieler die von den späteren Ereignissen verlangten Lebensplättchen sammelt. Alle Kräfte, Ereignis-Verhinderungen, Würfel-Vermeidungen etc. (vorher) sammeln, jetzt einsetzen und den gesündesten Hobbit auf den Berg schicken. In unseren ersten Spielen war die Mordor-Ereignisleiste manchmal schon durch, bevor wir nachdenken konnten - da hilft nur Vorbereitung auf den vorhergehenden Plänen. - Sauron darf sich nicht oder kaum bewegen! Ein Schritt von Sauron ist soviel wie 2-5 Schritte der Hobbits - je nach Spielerzahl. Die Hobbits können zurück, Sauron nicht!) Wie im Buch haben alle Teilnehmer unterschiedliche Fähigkeiten, die jeweils bei unterschiedlichen Gelegenheiten wichtig werden (die im ersten Moment scheinbar nicht sonderlich entscheidenden Spezialeigenschaften der Hobbits können Sieg oder Niederlage bedeuten. Also auch hier versuchen, sie sooft wie möglich produktiv einzusetzen. Eine gesparte Energie hier kann woanders weiterhelfen - auch wenn man manchmal im Moment des Sparens noch nicht weiss, wo...). Wie im Buch muss mit Kräften, Nahrung etc. äusserst ökonomisch umgegangen werden. Jeder Bissen Lembas ist kostbar! (FdS: Nie mehr einsetzen (oder einsammeln), als unbedingt nötig.) Wie im Buch schaffen es nicht unbedingt alle (FdS: es lohnt sich, das Risiko unterschiedlich zu verteilen, und ein oder zwei Hobbits zu "sparen" - vorzugsweise mit passenden Eigenschaften - wenn gar nichts anderes hilft, jagt man in Mordor ein bis mehrere Mitspieler Sauron in den Rachen - wenn einer durchkommt, haben alle das Spiel gewonnen!!! Hört sich zuerst merkwürdig an, funktioniert aber tatsächlich. Allerdings nur, wenn der letzte Hobbit auch wirklich genügend "Spielraum" hat! Das Ziel besteht ja nicht darin, dass mein Hobbit gewinnt, sondern darin, den Ring zu vernichten - wie im Buch. Und wie im Buch (z.B. Sam Gamdschie nach Frodos Gefangennahme) gibt es immer wieder Spieler, die damit ihre Schwierigkeiten haben ;-) HdR ist aus diesem Grund wirklich die Inkarnation eines kooperativen Spieles.) Und schliesslich und zusammenfassend: wie im Buch muss man von Anfang an das (mögliche) Ende im Auge behalten.
Dann wird man sich als würdig erweisen, "Mittelerde zu retten" - und damit zum mindesten den Kosmos-Verlag befriedigen, der sich dann doch nicht enthalten konnte, dieses Spielziel den Profis in Aussicht zu stellen, auch wenn nach dem Vorhergesagten klar sein dürfte, dass es DARUM in diesem Spiel am allerwenigsten geht ;-) Wenn die Elemente des Spieles und ihre Einsatzmöglichkeiten bekannt sind, wird das Spiel gut durchschau- und (auch in der Profi-Version) gewinnbar - und siehe da: es handelt sich eigentlich um ein Familienspiel (ich habe schon Runden erlebt, in denen Kinder die Mechanismen besser verstanden haben als die langsam und um die Ecke denkenden Erwachsenen). Dieses könnte für den vielspielenden Vielspieler sogar langweilig werden - wären da nicht die phänomenale Grafik und Atmosphäre, die bewundernswert originell eingesetzten Mechanismen, besonders aber und vor allem die Unwägbarkeiten, Möglichkeiten und Einsichten der kooperativen Spielweise. Sehr viele spielerische Energie-Linien laufen hier zusammen und ergeben ein in jeder Hinsicht grosses Spiel.
Andreas