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Antiquity: Spieleindrücke gesucht

Kritiken und Rezensionen: Wie ist Spiel XY?
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Frank B.

Antiquity: Spieleindrücke gesucht

Beitragvon Frank B. » 22. Oktober 2004, 20:01

Hallo Essen-Besucher,

kann schon jemand was zum neuen Spiel "Antiquity" von Splotter Spellen sagen? Vom äußeren Eindruck her sieht's ja super aus, aber ich scheue mich noch, 70,-€ dafür hinzublättern. Vielleicht helfen mir eure Meinungen ja weiter.

F.

Ralf R

Re: Antiquity - Ersteindruck nach einer Partie

Beitragvon Ralf R » 25. Oktober 2004, 02:46

Hi,

als alter Roads&Boats Fan bin ich natürlich vorbelastet und dementsprechend war die Erwartung an Antiquity recht hoch, weil in den Vorschauen und auch am Messestand der Vergleich zu Roads&Boats allgegenwärtig war. Beide Spiele haben massenweise Counter, einen variablen Spielplan, den gleichen grossen Karton, spielen auch preislich in der selben Liga, man baut hier und auch dort eine Zivilisation auf, Glückfaktoren gibt es fast überhaupt nicht, Vorausplanung ist absolutes Muss, komplexes Warenwirtschaftssystem, Planungsfehler werden hart bestraft, umfangreiches aber eingängiges Regelwerk...

Genug der Gemeinsamkeiten? Wer also das alles bei Roads&Boats schon faszinierend fand, der wird auch Antiquity mögen. Ich selbst schätze nach einer Partie Antiquity in 2er-Besetzung noch Roads&Boats höherwertig ein - das kann sich aber noch ändern, weil die Einstiegshürde bei Antiquity enorm ist: Man hat die Spielregel gelesen und bis auf kleine Details auch verstanden, sieht das Spielmaterial vor sich, aber weiss nicht so recht, wie man am besten mit dem Aufbau seiner Zivilisation anfängt. Es gibt zwar grundlegende Tipps zur Strategie im Regelheft, aber ein paar Denkfehler in den ersten Zügen und man kann die Partie fast abbrechen, da die ständig wachsende Hungersnot und die Verschmutzung der Gebiete übermächtig werden. Kein Wunder, dass die Regel empfiehlt, diese "in den ersten Spielen auszulassen, um das Spiel einfacher beherrschbar zu machen." Glaubt mir, dieser Satz steht da absolut zu Recht! Da wir uns aber dachten, dass damit entscheidende Spielelemente fehlen und die ersten Partien zu eigentlich verfälschten Strategien führen, haben wir mit allen Regeln gespielt und sind gnadenlos untergegangen. Zitat Regelheft: "Wenn man sofort ein volles Spiel beginnt, kann es passieren, dass alle verlieren." Oh, ja!

Also erstmal zurück zum Spielmaterial: Etliche Counter in verschiedenen Grössen und Farben, die teilweise auf das Spielbrett gestapelt werden (Grasmarker + Verschmutzung + Ware + Holzklötzchen ist aber das höchste). Da die Hexfelder der Landschaft zwar ausreichend gross für die Counter, aber doch immer noch recht klein sind, sollte man ein wenig Fingerspitzengefühl oder besser noch eine Pinzette mitbringen. Generell ist es weit mehr Pappe als noch bei Roads&Boats und an Holzelementen gibt es "nur" die bekannten kleinen Holzklötzchen, die bei Antiquity die Bevölkerung darstellen. Da der Counteraufdruck recht filigran ist, kann man bei Unaufmerksamkeit schon mal ein "Wood" mit einem "Grain" verwechseln (was für die Spielablauf fatal ist) wenn man nur auf die grüne Counterfarbe achtet - eine gewisse Grundkonzentration sollte man also schon mitbringen, aber unkonzentriert hat man bei Antiquity eh keine Chance!

Sämtliches Spielmaterial ist auf "alt, gebraucht, antiquiert" aufgemacht und mit Schrecken wollte ich schon einen Faltknick auf den Hexfelder glatt streichen, der aber nur reine Optik war. Und die Counter sind auch nicht alle falsch gestanzt, sondern sollen so einen schiefen weissen Rand haben. Was im Gesamteindruck optisch nett anzusehen ist, hat auf den Spielablauf aber keinerlei Einfluss und hemmt eher noch ein wenig den Spielfluss, weil man eben genau schauen muss, was das jetzt für eine Warenart mit feinen schwarzen Strichen auf diesem grünen Counter dort ist. Aber mit ausreichend Konzentration bei der Sache ist auch das kein echtes Problem... Ob das Material alleine 70 Euro wert ist, muss jeder für sich beanworten - ein wenig mehr Holz und sowas wie Glasperlen bei Roads&Boats hätte ich doch schon erwartet.

Zum Spiel selbst: Das Gelände wird aus einer Auswahl von 16 Kartenteilen je nach Spieleranzahl (2 bis 4) zusammengesetzt und bildet deshalb jedesmal eine neue Spiellandschaft in der Verteilung der Berge, Wiesen, Wälder und Wasserflächen. Auf diesem Gelände bauen alle Spieler ihre Gebäude und das wird schnell recht eng, da jeder Bauernhof mit seinen bewirtschafteten Feldern genauso wie jede ausgebeutete Mine und leergefischte Wasserfläche ein verschmutzes und damit unbrauchbares Land zurücklässt. Also baut man so schnell wie möglich in die Fläche. Das geht aber nur über neue Städte und als Wegposten dazwischen mit Gasthöfen, da man nur im Einflussbereich um diese beiden das Land kontrolliert und bearbeiten kann. Um neue Städte zu bauen, braucht es aber verschiedenste Waren und die bekommt man nur über Produktionsgebäude, die wieder erstmal gebaut werden wollen und Landfläche verbrauchen. Dazu kommt noch die Bevölkerung, denn ohne eigene Leute kann man keine neuen Produktionsgebäude bauen und die sind gebunden, solange Waren Runde für Runde abgearbeitet werden.

Ausreichend komplex verzahnt? Aber es geht noch weiter: Neue Bevölkerung bekommt man über Häuser, die man gegen Waren in den eigenen Städten ansiedeln kann. Diese Städte bringen jeweils eine eigene Minikarte mit, die man neben Häuser mit vielerlei anderen Spezialgebäuden bebauen kann. Spezialgebäude von Lagerhalle über Brauerei, Krankenhaus bis Universität und noch etliche mehr belegen unterschiedlich viel Platz in den Städten, wollen mit Waren gekauft werden, mit Bevölkerung besetzt werden und geben dann nützliche Sonderfunktionen. Welche Gebäude man braucht, wann und in welcher Reihenfolge und wie man seine Zivilisation über Runde und Runde am leben und laufen hält, das macht das Spiel so vielschichtig, komplex und schwierig für den Spieleinstieg.

Da man seine Sigebedingung erst im Laufe des Spiels aus mehreren Möglichkeiten selbst wählt, steht man am Anfang der ersten Partien recht ratlos und fast schon überfordert vor den vielfältigen Möglichkeiten und ist bemüht, alles zu beachten, keinen Denkfehler in seinen Planungen zu machen und dabei noch besser als seine Mitspieler zu sein, die sich unaufhaltsam ebenfalls auf dem Spielplan ausdehnen. Locker und leicht spielt sich Antiquity deshalb nicht und ich kann es auch nur der Zielgruppe empfehlen, die diese harten Wirtschaftsspiele mit komplexen Zusammenhängen sich erspielen können und dazu sind schon ein paar "Probepartien" nötig. Gelegenheitsspieler, die nach Puerto Rico eine neue Herausforderung suchen, werden wohl überfordert und frustriert werden. Ein Fazit kann ich deshalb nach nur einer Partie nicht ziehen, da ich das Spiel selbst noch nicht komplett erfasst habe in seinen Möglichkeiten - der Daumen des Spielefreaks zeigt aber eindeutig nach oben!

Thx/Bye
Ralf R


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