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[Angespielt] Burgen von Burgund

Kritiken und Rezensionen: Wie ist Spiel XY?
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Peterlerock
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[Angespielt] Burgen von Burgund

Beitragvon Peterlerock » 19. November 2015, 11:11

Wie immer (in besserem Layout) auch hier zu finden...

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Bild von http://www.heidelbaer.de

In Burgen von Burgund konkurrieren zwei bis vier Spieler um bunte sechseckige Plättchen, die nach und nach von begrenzten Depots in der Mitte auf den eigenen Spielplan gelegt werden können. Wann immer ein Spieler eine Sektion seines Plans mit passenden Plättchen gefüllt hat, bekommt er eine Wagenladung Siegespunkte.
Das ganze dauert in Vollbesetzung ungefähr anderthalb bis zwei Stunden, mit weniger Spielern entsprechend weniger, mit lästigen Grüblern entsprechend länger.
Es ist ein Eurogame in Reinform, das mittelalterliche Thema ist aufgesetzt und vernachlässigbar, Stefan Feld hätte das Spiel auch “Siegespunkteplättchen XXL” nennen können.

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Zentraler Mechanismus
Jeder Spieler würfelt seine zwei Würfel, die dann für vier verschiedene Aktionen ausgegeben werden dürfen:
  • Ein Plättchen von einem Depot der richtigen Augenzahl nehmen
  • Ein Plättchen auf ein eigenes Feld der passenden Augenzahl und Farbe legen
  • Waren der passenden Augenzahl für ein Silber verkaufen
  • Der “Trostpreis”: zwei Arbeiter nehmen

Der Mechanismus wird von drei Seiten aus modifiziert:
  • Die Arbeiter sind Würfelmodifikatoren, sie dienen dazu, Würfelergebnisse zu erzwingen: will man unbedingt ein Plättchen aus Depot 6, hat aber nur eine 3 und eine 4 gewürfelt, kann man zum Beispiel zwei Arbeiter ausgeben, um aus der 4 eine 6 zu machen.
  • Die Plättchen selbst haben allesamt Regeln, erlauben Zusatzaktionen (Gebäude, Burgen) oder verleihen Bonuspunkte (Tiere) und so weiter.
  • Bringt man passende Technologieplättchen ins Spiel, kann man von nun an die Grundregeln manipulieren, etwa so tun, als hätte man für braune Plättchen immer einen Arbeiter.
Ich liebe diesen Mechanismus und habe ihn in meine Top5 der schönsten Spielinhalte aufgenommen. Man kann mit jedem Würfelergebnis arbeiten, es ist völlig egal, ob man hoch oder niedrig würfelt, man ist eingeschränkt und daher zum Nachdenken angeregt, aber nicht zu eingeschränkt, dass es frustrierend wäre.
Nichts desto trotz bleibt aber natürlich ein gewisses Glückselement, man kann schon “passend” würfeln (und dadurch Arbeiter sparen).

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Interaktion
…gibt es in diesem Spiel nur sehr begrenzt, was aber nicht unbedingt als Kritik verstanden werden will. Man kann sich gegenseitig Plättchen vor der Nase wegkaufen, da die Depots äußerst begrenzt sind, insbesondere Technologien, Burgen und Minen, und für jede Plättchenart gibt es Bonussiegespunkte für denjenigen, der zuerst alle Felder der passenden Farbe belegt hat, was für eine Art Wettrennen sorgt. Das war’s, ansonsten spielt sich Burgen von Burgund wie ein Solitärspiel.

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Siegespunkte
Für so gut wie alles, was man in Burgen von Burgund tut, erhält man Siegespunkte, und zwar nicht zu knapp. Jedes meiner Spiele ging bisher ungefähr 220:180 aus, wir sprinteten in Riesenschritten über die Punkteleiste.
Das fühlt sich auf der einen Seite belohnend an, die Spieler dürfen sich vom ersten Spiel an äußerst clever fühlen: Welch brillianter Schachzug! Mit diesem Würfel und einem Arbeiter lege ich dieses Plättchen, dafür bekomme ich dann umsonst dieses hier, dann kaufe ich mit Silber dieses hier, platziere es mit meinem zweiten Würfel und darf dadurch das andere ebenfalls legen. Bämm! Zwei Gebiete voll! Und erster bei den Burgen! 42 Siegespunkte auf einen Schlag!
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Auf der anderen Seite fühlt sich aber irgendwie alles clever an, egal, was man tut – solange es in irgendeiner Form darauf abzielt, Teilgebiete mit Plättchen zu füllen. Das führt zu einer gewissen Beliebigkeit, insbesondere habe ich nach wie vor keine Ahnung, warum ich im einen Spiel gewonnen habe, und im anderen nicht. Ich nehme an, am Ende ist es doch eine Kombination aus “gutem Würfeln” und dem Wegschnappen von einigen wenigen, äußerst vorteilhaften Plättchen.

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Einstiegsfreundlichkeit
Burgen von Burgund ist im Nullkommanix erklärt, weil die Grundregeln sehr simpel sind. Wenn niemand in der Runde das Spiel kennt, würde ich empfehlen, eines der vielen verfügbaren “Erklärvideos” auf Youtube anzuschauen, die Spielregel ist zwar gut strukturiert und eindeutig, aber Stefan Feld ist Physiker, und das merkt man leider auch an den Formulierungen und Definitionen.

Das Spielmaterial selbst enthält keinen Text, damit es sich in beliebigen Sprachen verkaufen lässt, und die Piktogramme sind teilweise etwas ungeschickt und schwammig. Sie dienen bestenfalls als Gedächtnisstütze, wenn man die Regeln ohnehin schon kennt. Hier hilft es ungemein, zu Beginn die acht Gebäudearten stumpf auswendig zu lernen, und in jedem Spielzug die gerade verfügbaren Technologien nachzuschlagen und allen Spielern laut zu erklären. Es wäre nicht dumm gewesen, eine Übersicht auf der letzten Seite der Spielregel aufzudrucken, aber die Regel ist kurz genug, dass man die passende Seite schnell findet.

Ansonsten ist das Spiel hervorragend aufgebaut. Alles läuft sehr intuitiv ab, die nötigen Informationen sind an der richtigen Stelle auf dem Spielplan aufgedruckt, und es spielt sich auch mit Einsteigern ausgesprochen flüssig.
Das kann man gar nicht genug hervorheben, Burgen von Burgund ist von der Autorenseite her hervorragend strukturiert, und trotz der Vielzahl an Regeln und Material nicht verwirrend.

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Material
Jetzt kommen wir zum negativen Teil, das Spiel ist optisch und haptisch wirklich schäbig.”Das sieht aus wie ein Prototyp”, sagte jemand in meiner Spielrunde. “Von wann ist das Spiel? Aus den Neunzigern?”, fragte ein anderer. Heutzutage sind wir einfach Besseres gewohnt.

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Bild von BGG

Das fängt beim Material an: die Spielpläne und Plättchen wirken einfach nur billig, sie sind aus sehr dünner Pappe, und an den Plättchen bleiben überall Reste der Stanzform.
Auch die Illustrationen finde ich grausig. Schon die Aufmachung der Box ist eher abschreckend, und beim gesamten Spielmaterial mangelt es an Kontrast, viele Plättchen sind einfach nur braun in braun, und die Spielerboards sind mit Buntstiften handgemalt, eine seltsame Designentscheidung:
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Auch die Gebäude und Technologien sind recht uneindeutig. Dass das eine ein Wohnhaus sein soll und das andere eine Schreinerei, sieht man den Plättchen nun wirklich nicht an.

Insgesamt wirkt die Aufmachung lieblos und schludrig. Wäre das Spiel an sich nicht so großartig, wäre das Spielmaterial für mich ein absolutes K.o.-Kriterium.

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Fazit – tl;dr
Burgen von Burgund ist eines der besten Spiele, das mir jemals untergekommen ist. Ich vergebe eine 9/10. Es hat genau die richtige Mischung von “einfach zu lernen, schwierig zu meistern”, und ist in jeder Hinsicht hervorragend durchdacht.
Wäre es vom Spielmaterial her nicht so abstoßend hässlich, würde ich die volle Punktzahl vergeben.

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Sascha 36

Re: Angespielt - Burgen von Burgund

Beitragvon Sascha 36 » 19. November 2015, 19:17

Schöne Rezension von einem großartigen Spiel.
Wenn dir Bubu gefällt dann teste doch mal La Granja an, da ist der Mechanismus den du so gerne magst auch wieder vorhanden und toll umgesetzt.
Zu Harald Lieske und seiner Grafik will ich nicht viel sagen, das Material und die Wertigkeit hat mich da mehr gestört.
Hier kannst du schauen was Harald Lieske noch alles gemacht hat und wahrscheinlich hast du schon das ein oder andere von ihm gespielt.
http://www.haraldlieske.de/pages/Spielografie.html

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Peterlerock
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Re: Angespielt - Burgen von Burgund

Beitragvon Peterlerock » 19. November 2015, 21:21

Dankeschön!

Ich möchte den Illustrator jetzt auch nicht niedermachen, aber hier gefallen mir die Arbeiten einfach überhaupt nicht.
La Granja kommt auf die Watchlist, danke dafür!


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