Beitragvon Frank Jaeger (AMIGO) » 6. November 2003, 11:15
Ich kann natuerlich nur von uns ausgehen und nicht fuer die Mitbewerber sprechen, aber das ist sicher ueberall aehnlich:
Unsere Spiele muessen sich mit der Erstauflage rechnen. Das heisst, wenn die erste Auflage verkauft ist, sind die Kosten eingefahren und eine gewisser Erloes erzielt. Natuerlich waere es gut, wenn wir eine zweite (dritte... xte) Auflage produzieren und verkaufen koennen, aber das kann man vorher nie sagen (Beispiel: Gespensterjagd erlebte 5 (!) Auflagen, RoboRally 4, Piratenbucht 2, Wizard so etwa 25). Natuerlich werden jetzt viele aufschreien *RoboRally ist ja auch viel besser als Piratenbucht* - diese *Spieleexperten*, die alles so viel besser wissen als die Redaktionen der Verlage, haben natuerlich Recht (ich fange diese Diskussion gar nicht erst an). Statt dessen erklaere ich mal, was bei uns vor sich geht:
Da wird naemlich ein Spiel getestet, und nicht nur auf die Guete des Spiels, sondern auch auf die aktuelle Spielelandschaft (Wie in einem Posting vorher gesagt wurde, kommt es naemlich stark auf den Zeitpunkt an) und auf die Zielgruppe. Auch wenn ich jetzt einigen Leuten ziemlich weh tun muss: Es gibt Spiele, die gar nicht fuer die grossen *Spieleexperten* (siehe oben) gedacht sind!
Beispiel: Schussfahrt. Zugegeben, lief nicht so umwerfend. War der Versuch, ein einfaches Spiel fuer Oma mit Enkel zu produzieren. Kam auf Messen exzellent an, hat aber leider nicht das geleistet, was wir erhofft hatten.
Oder Schnapp, Land, Fluss: Muesst ihr gar nicht kaufen, ist fuer Kinder und junge Familien. Die 4. Auflage laeuft demnaechst, daher: Ziel erreicht.
Also versucht man, fuer verschiedene Zielgruppen Spiele zu entwickeln. Eiszeit ist auch so ein Beispiel, wo Stefan Brueck mal eine andere Kaeuferschicht im Auge hatte - oder meint ihr ernsthaft, das Ottonormalfamilie mit Puerto Rico wirklich gluecklich wird? Prompt faellt das Spiel bei einigen mit Pauken und Trompeten durch. In Essen habe ich dagegen auch zahlreiche positive Stimmen gehoert, allerdings nicht von den *Spieleexperten* (ich will da nicht drauf rumhacken, aber irgendwie muss ich es ja ausdruecken, oder?).
Tja, und dann kommt man an den Punkt, wo das Spiel unter Beobachtung steht. Und wisst ihr, wann das ist? Na, so wenige Monate, bevor die Erstauflage voraussehbar ausverkauft sein wird. Das kann schon nach zwei, drei Monaten der Fall sein. Und ich denke, das ist bei Bakerstreet und Richelieu zum Beispiel so.
Redaktionen muessen also bei der Beurteilung von Spielen die Zielgruppe und das darauf resultierende Verkaufspotential mit einkalkulieren. Ich denke, die Fairness gebietet, das immer im Hinterkopf mit ein zu beziehen. Ob es nachher klappt, oder ob ein Verlag alles richtig oder alles falsch gemacht hat, das entscheidet nachher sowieso der Kaeufer, und natuerlich ist hier immer Raum fuer Diskussion. Aber *Flopps* wird es immer geben, aus verschiedenen Gruenden, und es wird auch immer positive Ueberraschungen geben. Ersteres ist kein Grund, Redakteure zu feuern oder Marketingleute auszutauschen, genausowenig wie bei Erfolg Denkmaeler errichtet werden.
Puuh, sorry fuer das lange Posting ;-)
Frank.
P.S: Die wilden Fussballkerle ist ausverkauft, die zweite Auflage wird sehnsuechtig erwartet, wir kommen mit der Produktion nicht hinterher. Das ist eine Ueberraschung, denn Sportspiele sind eigentlich immer schwierig. Na, wer haette das erwartet?