Beitragvon Frank » 15. Mai 2004, 13:03
Bernd T. schrieb:
>
Was mir aber auffiel, ist die
> Nähe zu San Juan.
>
> Beide Spiele sind vom Spielgefühl ähnlich.
das kann man wohl sagen und sie haben (bei aller vorhandenen qualität) eine betrübliche gemeinsamkeit, die hier selten erwähnt wurde, die sie aber leider mit so vielen spielen der letzten jahre teilen (namentlich erwähnt seien hier z.b. carcasonne, alhambra oder dos rios) : es sind im prinzip solo-spiele, bei denen es fast keine oder bestenfalls nur indirekte interaktion zwischen den spielern gibt.
ganz abgesehen davon finde ich übrigens, daß die ähnlichkeiten zwischen alhambra und st. petersburg sogar noch größer sind, als die von san juan und st. pertersburg.
wie es dazu gekommen ist, daß gerade in den vergangenen jahren so viele spiele erschienen sind, die praktisch keine interaktion bieten und ausgesprochen konfliktarm sind, ist mir nicht wirklich klar, aber ich kann mutmaßen...
theorie 1 :
immer häufiger steht wohl der rein mechanische aspekt am anfang einer spielentwicklung und das thema wird erst hinterher draufgepfropft, was denn teilweise auch etwas an den haaren herbeigezogen wirkt. ohne je ein eigenes spiel entwickelt zu haben, würde ich aber mal vermuten, daß es einfacher sein dürfte, reine mechanismen zu entwickeln, in denen jeder mitspieler vor sich hinspielt, als prototypen, bei denen ein hohes maß an interaktion zwischen den spielern stattfinden soll. bei einem themen-ansatz hingegen, würde ich mir durchaus vorstellen können, daß fast zwanghaft von anfang an mehr interaktion ins spiel kommt. ich will beispielsweise unbedingt ein spiel über südamerikanische diktaturen machen, also muß ich wohl ein spiel machen, bei dem viel geschachert, gelogen, betrogen und bestochen wird oder bei dem sogar noch unerfreulichere aspekte des ganzen dargestellt werden :) will ich aber ein spiel machen, bei dem *irgendwelche* karten eingekauft werden können, die nach *irgendeinem* system gebaut/ausgelegt werden müssen, damit am ende *irgendwelche* punkte gezählt werden, dann mache ich das so und bemale die karten am ende mit verschiedenen bananensorten oder mehr oder weniger lustigen südamerikanischen typen (um bei der im beispiel erwähnten thematik zu bleiben...) oder ersetze diese eben nach belieben durch russische adlige, bauwerke oder handwerker oder durch spanisch anmutende architektur oder durch irgendwelche burgen oder durch wirtschaftlich relevante kolonialbauten. das ganze wird dann in der regel mit einer (zugegebenemaßen) stimmungsvollen grafik versehen und voilá, wir haben zwar einen spielerisch zwar etwas sterilen vertreter der zunft (im sinne von : *gemeinsam* spielen, was ja eigentlich irgendwo der sinn eines spielabends sein sollte), aber wenisgtens einen der gut aussieht. wenn mich einer fragen sollte, nicht so toll ! aber mit der kreativität war es in deutschland ja schon immer so eine sache und wahrscheinlich ist es, wie z.b. mit dem fußball, d.h. taktik, aufstellungen, systeme etc. etc. stehen hierzulande im vordergrund und für das inhaltlich schöne sind inzwischen leute aus anderen ländern zuständig :-D ich persönlich würde mir jedenfalls wünschen, daß mal wieder mehr spiele rauskommen, die nicht so starr und mechanisch wirken und bei denen es am spieltisch auch mal richtig abgeht, was uns aber schon zu den nächsten punkten führt...
theorie 2 :
wir leben ohnehin schon in weltpolitisch konfliktreichen zeiten (oder zumindest kommt einem das dank weltumspannender kommunikation so vor, weil man alles, aber auch wirklich alles, in sekundenschnelle erfährt...). könnte es sein, daß autoren und potentielles publikum deshalb dieser tage unbewußt konfliktärmere spiele entwickeln/bevorzugen ? schon der blick in eine beliebige ausgabe der tagesschau der letzten 10 jahre, hinterläßt einen mit dem gefühl, daß die echten konflikte da draußen (psychologisch) bedrohlich nahe gerückt sind. nicht auszuschließen, daß die spieler deshalb z.z. lieber allein vor sich hin basteln, als sich mehr oder weniger konfliktreich mit den mitspielern auseinanderzusetzen.
theorie 3 :
frauen :-D ja was denn, was denn, die sind doch sowieso schon an fast allem schuld (*duck vor fliegenden gegenständen*) und nun sollen die auch noch für die (vielleicht und von mir unbewiesene ) vorherrschende, leichte sterilität der spiele veranwortlich sein ? Frechheit und macho hoch 7 oder so ? vielleicht, das mögen andere beurteilen, aber es gibt da ein paar kleinere veränderungen, die mir in den letzten tagen durch den kopf gingen. wenn ich mich recht erinnere, waren unsere spielrunden vor 20 jahren ausgesprochen männlich dominiert, d.h. im wesentliche typen mit brillen, karierten hemden und aktenköfferchen (o.k., nicht ganz, aber es waren wirklich wenig frauen). wenn ich mir meine heutigen spielrunden so ansehe, sind es praktisch 50% (oder mehr) und brettspiele sind längst keine männliche domäne mehr, was die spieler betrifft. und das beste ist, daß die meisten unserer mitspielenden frauen, freundinnen, töchter, mütter oder was auch immer tatsächlich eher spiele mögen, bei denen es etwas friedlicher zugeht und das sind nun mal oft spiele wie die 4 oben erwähnten. der einzige widerspruch dazu wäre allerdings, daß auch unsere spielenden frauen spiele bevorzugen, bei denen viel geredet wird und dazu gehören die genannten allerdings eher nicht. aber egal, könnte es also vielleicht doch sein, daß auch die deutlich höhere frauenquote in den letzten jahren zu spielen, bei denen jeder für sich spielt und die ohne erwähnenswerte konflikte abgehen, beigetragen hat ? nehmen spielentwickler auf den höheren frauenanteil bewußt oder unbewußt rücksicht oder stand beispielsweise bei st. petersburg eher im vordergrund einen erfolgreichen mechanismus leicht zu kopieren und zu varieren (eine anzahl karten liegt in der auslage bereit, kann gekauft werden und nach irgendeinem system eingebaut werden, um geld oder siegpunkte zu ergattern) ?
kleiner nachtrag : ich habe für diese 3. theorie übrigens ganz bewußt mal meinen 7. sinn, den frauenversteher-sinn, ausgeschaltet, der sonst immer an ist, ich schwöre es ! der funktioniert zwar auch nach all den jahren noch immer nicht so gut, wie ich mir das eigentlich wünsche und meine frau muß ab und zu mal auf das gehäuse hauen, damit die funktionsstörung beseitigt ist, aber er ist normalerweise da, also no offense und das war vieleicht nur eine wirre theorie :-)
so gerne ich die oben erwähnten 4 spiele auf unseren spieltischen habe liegen sehen und auch so manche partie wirklich genossen habe, so große zweifel habe ich an der "haltbarkeit" fast interaktionsloser spiele. carcasonne spielen wir mittlerweile praktisch gar nicht mehr, alhambra auch kaum noch und ich befürchte, daß san juan und st. petersburg schon mittelfristig das gleiche schicksal erfahren könnten. auf dauer halten sich bei uns (und mutmaßlich nciht nur bei uns) eben nur spiele, die hochgradig kommunikativ sind oder so hübsch gemein sind, daß man sie einfach immer wieder spielen muß und sei es nur, um die letzte partie heimzuzahlen :-D irgendwie ist spielerische kommunikation doch das salz in der suppe oder nicht ? oder bin ich da einfach nur altmodisch ? würde mich mal interessieren, was andere darüber denken...
> welches Spiel
> gefällt euch besser?
und um auch die eigentlich gestellte frage denn auch noch zu beantworten :-) mir persönlich gefällt st. peterburg etwas besser, weil es subjektiv undurchschaubarer und einen tick komplexer ist und (natürlich) ein klitzekleines bischen mehr ärgerpotential bietet. noch besser gefällt mir aber z.b. ZUG UM ZUG, das zwar definitiv nicht komplexer ist, aber bei dem man sich sehr schön ärgern kann...
frank (der das gesagt im nachhinein vielleicht doch besser in einem eigenen beitrag hätte anbrigen sollen ?)