Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 8. Februar 2005, 19:39
Peter Steinert schrieb:
> Bei der Menge an Neuheiten (und der unergründlichen
> Jury-Wege) ist es ohnehin fraglich, ob es sich für einen
> Verlag noch lohnt, mit einem bestimmten Spiel auf den Titel
> zu spekulieren. Das war zu Beginn der SdJ-Zeit sicher anders.
Ich bezweifle ernsthaft, dass es irgend einen Velag gibt, dessen Jahreskalkulation den Gewinn des ersten Platzes bei einem Wettbewerb beinhaltet. Und ich bezweifle ebenso ernsthaft, dass es irgenwann in der Vergangenheit einen Zeitpunkt gab, in dem das anders war.
Für ein Unternehmen ist es wichtig, kontinuierlich Gewinn zu erwirtschaften, und das über Jahre hinweg. Nicht, EINMAL einen Wettbewerb zu gewinnen. Das ist eher etwas für hübsche junge Mädels, die sich halbtot hungern, weil das beste, was sie sich vom Leben erhoffen, die Wahl zur Weinkönigin in Bacharach (oder so was ähnliches) ist.
Einen Preis zu gewinnen, ist eine hübsche Sache - weil es immer schöner ist, gelobt als getadelt zu werden - aber in einem Universum, dessen zukünftige Entwicklung überwiegend von Unwägbarkeiten bestimmt wird, fährt längerfristig der besser, der Chancen zu nutzen und Risiken zu verteilen versteht: Mehrere Spiele, von denen viele einen passablen Gewinn abwerfen und wenige einen tolerierbaren Verlust einfahren, sind insgesamt für das Konzept eines Verlages viel mehr wert, als ein einziges, das VIELLEICHT irgend wann mal irgend einen Preis gewinnt.
Stellen wir uns mal kurz vor, dass das anders sei: Zwanzig Verlage konzentrieren sich jeder darauf, im bevorstehenden Jahr das "Spiel des Jahres" herauszubringen. Wie sie es auch drehen und wenden: Nur einer kann das Ziel erreichen. Mit 95 % Wahrscheinlichkeit wird folglich jeder Verlag sein Ziel verfehlen und Verlust erwirtschaften.
Wenn dir ein Verlag gehörte, und du würdest feststellen, dass deine Manager eine Strategie verfolgen, die mit 95 % Wahrscheinlichkeit den Verlust deiner Investition bedeutet, was würdest du denen erzählen?
Vielleicht: "Mein Herren, wenn wir nicht versuchen, die mögliche Entscheidung einer von uns nicht zu beeiflussenden Jury vorauszusehen, sondern auf das achten, was sich derzeit am Markt verkaufen lässt, dann können wir und alle 19 Konkurrenten mit uns in diesem Jahr Gewinn machen. Darum habe ich mich entschlossen, das zu tun. Sie aber bitte ich, Ihre Strategie zukünftig in den Dienst meiner größten Konkurrenten zu stellen, und - ehe ich´s vergesse - das hier sind die Briefe, der Ihnen das ab morgen ermöglichen."
Mit einem lieben Gruß
Gustav