Beitragvon Heiko Kauffmann » 8. April 2005, 02:59
Hi Frank!
Ich fühle mich noch nicht ganz verstanden :wink: , desswegen noch ein paar Ergänzungen, lieber Frank. Na ja, diskutieren macht ja auch Spass.
Frank schrieb:
> ich finde halt nur, daß die mit pseudo-thematik versehenen
> deutschen sachen etwas schneller langweilig werden, weil sie
> dann, um deinen bedürfnissen zu folgen, irgendwie nicht
> abstrakt genug sind, um das zur reinen und reizvollen
> denksportaufgabe á la schach zu machen und daß die manchmal
> zu seichte oder arg aufgesetzt wirkende thematik etwas den
> blick davor verstellt, daß sie im vergleich (z.b. zu schach)
> doch wesentlich leichtgewichtiger sind. irgendwie nicht fisch
> und nicht fleisch :)
Ich hatte auch versucht zu verdeutlichen, dass meine Spielerischen Bedürfnisse nicht gänzlich abstrakter Art sind, sondern die Atmosphäre durch das Thema, die Illustrationen, dem Material... auch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Dabei darf das Thema (bei mir) auch abstrahiert sein. Oder wie du es sagen würdest, aufgesetzt.
Warum denn nur so schwarz - weiß. Zwischen Denksportaufgabe und einem Nachspielen eines historischen Themas gibt es doch noch einige Untergruppierungen, sowohl was den Anspruch, als auch die Mechanismenvielfalt betrifft. Es ist doch unerheblich ob eine Denksportaufgabe ein Thema hat und dadurch an Atmosphäre gewinnt (was mir besser gefällt), oder ein Abstraktes Spiel ohne drumherum bleibt. Ein Spiel muss nicht in eine Kategorie eingeordnet werden können. Das entscheidet jeder Spieler für sich. Ob Schach ein Leicht- oder Schwergewicht ist entscheidet immer der Gegner, oder? (Manche empfinden Schach übrigens nicht als Spiel, sondern als Arbeit :wink: )
> genau das ist doch der punkt. in letzter zeit schaffen es
> viele deutsche spiele eben nicht mehr, mich auch nur
> mittelfristig zu fesseln, weil man nach nur wenigen spielen
> merkt, daß das draufgepflanzte thema völlig austauschbar ist,
> dieses so manches mal schlicht und einfach nicht wirklich
> paßt und darunter doch nur wieder mechanismus 08/15 liegt.
Auch da gibt es für mich Differenzierungen die einen wichtigen Einfluss haben.
Z. B. die Spiele Razzia und Ra. (Hallo Droegi!) Beide haben (fast) die gleichen Mechanismen, beide Spielen sich Atmosphärisch völlig unterschiedlich. Also ist das Thema für mich hier nicht beliebig austauschbar. Ich würde in dem fall immer zu Ra greifen, weil mich das Thema und die Aufmachung mehr anspricht. Die Austauschbarkeit der Themen bei bestimmten auf das wesentliche konzentrierte Mechanismen ist ja unbestritten, aber das ändert für mich doch nichts an der Qualität und dem Spielspass des Machwerks. Nur wenn die Mechanismen wirklich nicht zum Thema passen ist dieses verfehlt wirkt, einverstanden. (z. B. lockerer, glücksbetonter Zocker-Mechanismus zum Thema 2. Weltkrieg)
> > Um jedoch den Mechanismus "rund" zu bekommen (z. B. viele
> > verschiedene Strategien, gleiche Bedingungen der Spieler,
> > angemessene Spieldauer, Spannungsbogen, interessante
> > Siegbedingungen...) müssen oft Abstriche bei der Stimmigkeit
> > des Themas gemacht werden. Das ist natürlich ein Dilemma. Es
> > kann nur in seltenen Glücksfällen gelingen, alles unter einen
> > Hut zu bekommen.
>
> vollste zustimmung und genau deshalb kommt es ja zu
> unerquicklichen situationen, in denen jemand (in einem
> anderen thread) in den saal brunzt, daß louis xiv doch
> eigentlich nur ein el grande in anderem gewand sei.
>
> das stimmt sicherlich nur teilweise, aber exakt aufgrund der
> bauweise, die etlichen deutschen spielen zugrunde liegt,
> wirken sie eben irgendwann austauschbar, wenn man sie ein
> paar mal gespielt hat. ganz grob gesagt : hast´de ein
> mehrheitenspiel gespielt, kennst´de se alle und die thematik
> wirkt nur noch beliebig. zu 100% würde ich das zwar auch
> nicht unterschreiben wollen, aber es steckt doch mindestens
> ein körnchen drin.
Wie sagte mal jemand so schön hier im Forum: Jedes Spiel ist doch irgendwie anders. Und ich kenne wenige Mehrheitenspiele, die vom Spielgefühl her gleich sind. Und jedes hat für sich seine besonderen z. B. taktischen schmankerl. (wobei ich natürlich micht alle gut finde).
> > Je kürzer die Regel, je eher gibt's eine
> > Chance dafür, je Abstrakter meist das Spiel. Mir macht dies
> > weniger aus, denn mir ist es in erster Linie wichtig, das der
> > Mechanismus Stimmt, da darf das Thema auch abstrahiert oder
> > angepasst werden.
>
> wie oben schon gesagt, dafür sind sie nun wieder nicht
> abstrakt oder anspruchsvoll genug, um länger als 5 - 10
> partien (bei mir) zu halten.
Ja, ich seh's ja ein, du magst keine aufgesetzten Themen, die die Abstraktion verschleiern. Das ist für mich wie gesagt kein Qualitätsmangel.
> > Was du staubtrocken nennst, kann bei mir sehr viel wohlig
> > Atmosphäre erzeugen, weil ich mich auch gern in Abstraktionen
> > hineinversetze und daraus Fantasie entwickle. Ich bekomme
> > halt weniger vorgegeben. Deswegen mag ich ja auch unter
> > anderem die Holzhäuser bei Siedler lieber als die
> > Plastikversion, um mal ein kleines detail zu nennen.
>
> ich verweise auf das im vorigen absatz gesagte und wenn ich
> mir das so recht überlege, müßtest du dann doch eigentlich
> konsequenterweise auch die alten, amerikanischen
> counterschiebereien mögen :)
Die mag ich eigentlich gar nicht, wobei ich zugeben muß aufgrund dessen auch nicht viele zu kennen. Da guckste, was. Sie gefallen mir sowohl optisch, als auch vom Thema meist nicht. Und so rund und vielfältig sind die Mechanismen da auch nicht.
Ich meinte, wenn ich ein abstrakt zusammengesetztes Spiel mit einem, ich nenn's jetzt mal Themenansatz spiele, kann ich daraus schon wohlige Atmosphäre rausziehen und Fantasie entwickeln, die mich in dieser "Welt" Spielspass haben lässt.
> > Warum soll ein Spiel eigentlich langfristig haltbarer sein
> > wenn es ein Thema umsetzt und scheinbar komplexer ist? Die
> > Spieldauer alleine kann's ja nicht sein. Dies alles hat ja
> > noch nichts mit Vielschichtigkeit zu tun, weswegen z. B. ein
> > Spiel bei mir längerfristig gespielt werden könnte.
>
> leider bin ich kein designer, der dir diese frage auch nnur
> ansatzweise beantworten könnte, aber ich kann mir vorstellen,
> daß es wesentlich komplizierter ist, wenn man ein ganz
> bestimmtes thema zum spiel machen will, als umgekehrt. die
> mechnismen (und das ist ja bei einem echten themenspiel ganz
> gewiß nicht nur einer !), die das spiel rund machen und
> wirklich dazu passen, müssen dann nämlich sozusagen oft erst
> noch erfunden werden. ganz zu schweigen vom play testing in
> sachen ausgewogenheit, denn es ist mutmaßlich wesentlich
> leichter mechanismus a + b so gerade zu biegen, daß alle
> spiele die gleiche chance habe, als die mechnismen a bis h
> (inc. ihrer jeweiligen wechselwirkungen untereinander).
> wenn man sich dann noch vor augen führt, daß so manches
> themenbasierte nicht-german-game deutlich mehr direkte
> interaktion zwischen den spielern bietet (was übrigens nach
> meiner bescheidenen ansicht auch eines der kleinen
> problemchen der deutschen spiele der letzten jahre ist - man
> spielt oft mehr nebeneinander, als mit- oder gegeneinander),
> könnte ich mir schon vorstellen, daß der ganze
> entwicklungsprozeß deutlich holpriger verläuft und daß
> mechnismenbasierte spiele ganz banal gesagt schneller und
> einfacher zu machen sind.
Hier täusch dich mal nicht. Ich denke beide Ansätze stehen gleichberechtigt nebeneinander. Und ein Mechanismus, um in deinem Beispiel zu bleiben a + b zu entwickeln, der genügend Vielschichtigkeit, Spannungsbogen, Ausgewogenheit ... hat und der womöglich noch innovativ ist, was einem modernen Autoren schon die Schweisperlen auf die Stirn treiben kann, weil wiedermal alles mögliche und unmögliche miteinander gleichgesetzt wird und er alles verwirft was auch nur im Ansatz was mit Mehrheiten oder Hexfeldern zu tun haben könnte, ist oft schwieriger zu entwickeln als ein Thema nachzuspielen, bei dem die einzelnen Abfolgen durch einen Mechanismenfundus (z. B. Kamfsysteme, Zugmechanismen, Wertungen...) nachempfunden werden kann. Das a bis h ensteht auch häufig, weil das Thema komplettiert werden muss und dadurch komplex wir(k)d. Das hierbei gänzlich neue Mechanismen erfunden werden ist auch nicht so häufig, oder?
Aber da streiten sich schon lange die Geister welcher Ansatz der bessere ist. Ich finde beide stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Freiheit der Themenzurechtbiegerei gönnt sich der eine, den Mut zur Spielmechanischen Lücke, der andere. Wie schon gesagt, in absoluten Glücksfällen passt eben alles zusammen.
> nicht umsonst ist kommt es in themenbsierten spielen so
> manches mal zu unausgewogenheiten, die auch ganz schön nerven
> können, ganz zu schweigen von regellücken, die aufgrund der
> höheren komplexität scheinbar leider unvermeidlich sind. wenn
> aber all diese dinge in eingermaßen gutem verhältnis
> zueinander stehen, wird man dafür mit einem spiel belohnt,
> das oft auch 10, 20 oder sogar 30 jahre nach erscheinen noch
> spaß macht.
Unterschreib! Das sehe ich genauso.
> ich müßte ernsthaft überlegen, bei welchen
> deutschen spiel das der fall ist...
Die sind halt meist nicht auf so eine Komplexität ausgelegt.
> >Genau so geht es mir bei
> > Louis, das zwar etwas Abstrakter daherkommt aber das
> > Ränkespiel am Hof wird auch hier gut eingefangen. Wenn es
> > jedoch um Gummibärchen gehen würde; wer's mag, bitte. Ich
> > würd' mich für die viel schönere Louis-Atmosphäre
> > entscheiden.
>
> wie war das doch noch mit dem reiz am abstrakten, denn da
> müßte es doch egal sein ? :)
Siehe oben. Ist es eben nicht. Stichworte: Atmosphäre, Fantasie, Material, Illustration, Themengeschmack...
> und selbstverständlich ist die frage erlaubt, ob man nicht
> *mindestens* genauso gut unterhalten ist, wenn man an einem
> abend 2 - 4 deutsche leichtgewichte spielt (+ kommunikation),
> als nur 1 ausländischen klopper. ich würde das sogar bejahen,
> aber dieser eine klopper kommt eben jahr für jahr für jahr
> wieder ein paar mal auf den tisch, während die 2 - 4
> deutschen leichtgewichte oft nach nur einem halben jahr nur
> noch gähnen erzeugen können und gegen die nächste reihe
> ausgetauscht werden müssen.
Siehe oben. Es gibt eben für mich genug Unterschiede und es gibt einige deutsche Spiele die ich immer wieder spielen kann weil sie in jedem Spiel anders sind und neue Situationen mit sich bringen.
> > Da bieten deutsche Spiele, und dafür sind sie ja bekannt,
> > ganz ganz viel wohlschmeckenden Kuchen.
>
> das sehe ich auch so, aber immer nur apfelkuchen, der mal
> mehr und mal weniger streußeln zu bieten hat und mal mehr und
> mal weniger sahne ?
Mein Backbuch hat schon ein paar mehr Kuchsorten und zwischendrin auch mal ein Plätzchen, eine Torte oder ein Muffin... :smile:
> > Der kommerzielle Siegeszug hat wohl eher etwas mit dem
> > wohlschmeckenden Kuchen (s. o.) zu tun. Wenn man ein Spiel
> > auf das Wesentliche konzentriert, wie es bei deutschen
> > Spielen oft der Fall ist, reduziert sich natürlich auch die
> > Spielzeit. Dies hat aber nichts mit einem Trend zu tun, der
> > dem Gefühl der Gehetztheit nachgibt. Es ist schlicht und
> > ergreifend eine Qualität.
>
> selbstverständlich auch, aber die gewichtung würde ich da
> definitiv anders setzen. das leben verlief nun mal vor 20
> oder 25 jahren deutlich ruhiger und gemütlicher, als es das
> heute der fall ist und die lust (und wohl auch fähigkeit) der
> leute, sich 3 - 6 stunden auf eine sache zu konzentrieren und
> sich mit regeln auseinanderzusetzen, die sagen wir mal 15 -
> 20 seiten haben, statt 2 - 5, hat leider abgenommen.
Jo, leider. :-|
> > Denn gerade den "German
> > Games" kann man "deutsche un-kreativität" wahrlich nicht
> > vorwerfen.
>
> doch ! wenn ich mir so angucke, was die italiener, franzosen
> oder amis gerade für ein nettes, kleines feuerwerk zünden :)
> da nehmen die doch einfach die schönen elemente der deutschen
> spielkultur und mischen sie mit eignen ideen, ein paar
> spritzern mehr kreativität und es kommt doch tatsächlich was
> wirklich gutes dabei raus. und wir sitzen hier rum und
> wiederkäuen die ewig gleichen mechanismen mit wechselnden
> themen. ist also eine echte frechheit, daß die jetzt einfach
> so anfangen, das besser zu machen, als wir :smile:
Wie war das noch mit der Geschmacksfrage? Das ich dem Wiederkäuen nicht ganz zustimme steht ja oben schon hinreichend.
> > Nun gut, wir sind wohl scheinbar unterschiedliche
> > Spielernaturen.
>
> da bin ich mir gar nicht so sicher, denn ich glaube fast, in
> deine äußerungen eine potentrielle affinität zu beinharten
> und recht abstrakt gehaltenen cosims interpretieren zu können
> :wink:
Leider hält sich diese Affinität sehr potentiell im Verborgenen. Mal schaun, vielleicht lukt sie ja nochmal raus, ich glaubs ja nicht. :wink:
Fazit: Es ist eben für mich und viele andere kein Qualitätsmängel, dass die Themen abstrahiert werden. Das wichtigste ist, die Spiele funktionieren und nehmen einen mit auf ihre ganz spezielle Reise.
Ich wünsche uns jedenfalls in Zukunft viele, viele Glücksgriffe.
Gruß Heiko (unter meinen Favoriten sind übrigens Spiele wie: Die Siedler von Catan mit Seefahrer, El Grande, Euphrat und Tigris, Puerto Rico, Die Fürsten von Florenz, Tadsch Mahal, Vinci, Löwenherz (alt), Die Händler, Medina, Barbarossa, Blokus, Elfenland, Mamma Mia...um nur einige zu nennen)