Beitragvon Homer » 24. April 2005, 12:08
Hallo Attila,
also ich kann das Gesagte meiner Vorredner so nicht stehen lassen.
Leider machen wir alle ja immer wieder die Erfahrung, dass Spiele zerredet werden. Augenscheinlich liegt das daran, dass es mittlerweile einfach zu viele Spiele gibt. Nach meiner Einschätzung ist dieses ganze Gerede deshalb einfach eine Folge der Übersättigung. Viel zu häufig kommen Spieler auf den Plan, die aufbauend auf standardisierten Schlagworten (Königsmacher, Regellücke, etc.) Spiele bewerten, die sie vielleicht ein oder zweimal angetestet haben. Dies geschieht sowhohl hier bei uns als auch in den USA. Mehr Zeit bleibt dem ambitionierten „Profispieler“ ja auch nicht, will er in seinem Leben wirklich eine überragende Anzahl aller am Markt erhältlichen Exponate antesten. Leider kommt dabei häufig eine entscheidende Komponente viel zu kurz, die zumindest ich für überragend halte. DER SPAß ! Der kann nämlich auch eintreten, wenn ein Spiel an einer Stelle mal nicht soooo historisch logisch ist oder es ein Mitspieler in 1 von 3 Partien tatsächlich zufällig mal in der Hand hat, wer von zwei anderen Spielern gewinnt. Es wäre nun aber sehr schade, wenn auch MD zerredet wird, bevor es eine Chance hat, am breiten Markt Fuß zu fassen. Viele Leute machen doch – gerade in diesem Forum – Ihre Kaufentscheidung von den hier geschriebenen Eindrücken abhängig. Deshalb folgt hier dann auch meine subjektive Stellungnahme. Ich möchte aber noch anmerken, dass ich mit meiner Einleitung niemanden persönlich angreifen wollte oder will oder gar konkrete Stiche gegen meine Vorredner vorbringen wollte. Am Ende soll natürlich jeder seine Meinung vorbringen können.
Also wir haben das Spiel bis heute 3 mal in verschiedenen Besetzungen (männlich und weiblich) gespielt (max. 4 Spieler). Dabei waren vom Gelegenheitsspieler bis zum CoSim-Spieler verschiedene Spielerarten vertreten. Es handelte sich insbesondere nicht um eingefahrene Spielgruppen. Die Spieler kannten sich vorher teilweise gar nicht. Alle Beteiligten sind überdies ohne konkrete Erwartungen an das Spiel herangegangen (ganz wichtig!) und waren am Ende allesamt angetan. Wir hatten also viel Spaß in allen Partien.
Dabei darf ich eingangs sagen, wer Probleme hat mit dem AoR-System (Motto: AoR ist ja gar kein Handelsspiel), mit Würfelspielen nicht zurecht kommt (meine überragende Strategieanlage kommt durch dieses Spiel nicht zur Geltung) oder auf genaue historische Simulationen steht, der sollte besser zu anderen Spielen greifen. Rezensionisten, die mit diesen Erwartungen an dieses Spiel herangehen, werden niemals eine gute Bewertung abgeben können! Ich frage mich aber auch, ob der Autor vor dem Release ein Statement abgegeben hat, dieses oder jenes Konzept oder eine historische Simulation bieten zu wollen, so dass man ihn daran nun messen soll (Achtung: Ironie!). Deshalb noch einmal: Man darf das Spiel einfach nur so nehmen, wie es ist und losspielen. Dann wird man auch nicht enttäuscht.
Also spiele ich mein „merkantile Empire“, was immer ich mir auch darunter vorstelle. Bei uns nahm jeder einfach seine Spielfarbe, seinen vorgegebenen Startort und 60$ Startkapital. Punkt. Damit lässt sich auch gut leben. Man stellt irgendwann fest, dass sich mit dem Startorten die verschiedenen Strategien herausbilden. So will der Spieler in Mexiko schnell expandieren, um seinen Profit über neue Gebiete zu erhöhen. Die 2er Gebiete um ihn herum erschweren ein schnelles Fortkommen, also braucht er den Telegraphen und WestHo, um schnell in den Westen Nordamerikas zu kommen. Die 10$ Rabatt über die Manifest Destiny Karte (taucht drei mal auf im Spiel) sind dagegen schwer zu erlangen. Ferner sollte er auch die Seeverbindung von Kuba nach Mexiko nicht unbeachtet lassen. Öl und Goldgebiete in Mexiko sind anfangs zweitrangig und erst mal wohl auch nicht gefährdet.
Von Louisiana aus machst Du Dir am besten einen Freund im Osten, in dem Du Dich mit dem anderen „Südstaatler“ wegen der Gebiete einigst und dann Deine Wagenkolonnen nach Westen schickst, bevor die Indianer kommen. Wer als erstes in Oregon landet, streckt die Hand immerhin auch nach Alaska aus! Auch hier ist der Telegraph Pflicht.
Der andere Südstaatler sammelt Tabak! Immerhin wird der definitiv über eine Destiny Karte gewertet und bringt bei 3 Gebieten schon richtig Geld. Ich habe mal einen guten Schnitt mit dieser Position gemacht, ohne selbst nach Westen zu kommen. Dafür war ich über Kuba nach Mexiko gekommen und hatte Steamships entwickelt, so dass ich als erster in Südamerika war. Hat gut gerockt. Vor allem lassen die anderen Dich dann erst mal in Ruhe.
Der Norden hat am Anfang wenig zu befürchten. Das könnte sich höchstens im 5-Spieler Spiel ändern, wenn Kanada an der Grenze lauert. Aber was solls. Die Gebiete im Norden sind reichlich vorhanden. Auch dann sollte es keine wirklichen Probleme geben. Eisenbahn schadet hier übrigens nicht
Gute Rohstoffe am Anfang sind Produce, Tabak, Rinder und Textilien. Hinterher wird Eisen auch wichtig. Am Ende entscheiden aber Öl, Touristen und Computer, wer die richtig großen Fortschritte kaufen kann.
Die Fortschritte sind mit Bedacht und nach Spielsituation zu wählen. Immerhin gibt es hier keine Boni für spätere Erwerbabsichten wie etwa bei AoR. Durch die hohen Preise der zweiten und dritten Stufe, muß man sich schon festlegen, ob man lieber „Safety Net“ oder die „Fliegerei“ angeht. Diese Entscheidungsdichte ist äußerst spannend. Auch hier ist aber vor allem die Bezeichnung der einzelnen Punkte nicht ganz so ernst zu nehmen. Daß der Zirkus mich berechtigt, mir Karten zu kaufen? Na und! Zirkus ist bunt, laut und verrückt. Genau dieser Zustand wird durch weitere Karten ausgelöst. Also wir hatten da kein Problem mit. Und das andere Bezeichnungen, wie „Storytelling“ oder „Turnpike“ zum Schmunzeln anregen. Was soll´s. In den US-Reviews wurde ja auch bemängelt, dass die Wissenschaftler, die Du zum Auswürfeln Deiner Erfindungen benötigst, „Pioniere“ heißen. Zu allem Überfluß werden die dann auch noch mit Bibermützen und Henrystutzen abgebildet. Sieht niedlich aus – fanden zumindest unsere weiblichen Spieler. Trägt dem Spielerfolg aber auch nicht zum Abriß bei. Also einfach cool bleiben und weiter spielen. Auch ein Wissenschaftler wird doch nicht um weißen Kittel geboren.
Der Spielteil mit den Erfindungen ist übrigens durch die Bank gut angekommen. Klar, hat schon was von KNIFFEL. Aber irgendwie auch wieder nur im Ansatz. Es gibt Anführer, die einem Stufen geben, ohne zu würfeln. Und ich kann jedem nur anraten, schnell die „Unity“ zu entwickeln. Die Spieler, die sich hier am besten einigen konnten, hatten am Ende auch meist die Nase vorn. Ein toller Effekt, der das Spiel kommunikativ macht.
Beachten sollte man auch das Pöppellimit, sonst fehlen einem am Ende die Pioniere, die man dringend braucht, um die Wahrscheinlichkeiten zu verbessern. Und bitte: Unterschätze nicht Computer und Internet! Jeder feste Pöppel, der geschlagen wird, reduziert meinen Profit um 5$. Jeder neue erhöht ihn um 5$. Mit Internet entferne ich bis zu 5 Pöppel, OHNE DAß ich 5 $ verliere und durch Computer erhalte ich für neue Gebiete 10$. Das rockt, wenn mir diese Kombo gelingt!
Und ganz wichtig: Wir lagen in allen Spielen Punkte mäßig immer dich zusammen. Die zwei Punkte für die meisten Städte können also mal sehr wichtig werden. Die Entscheidung, ob man auf Städte geht, muß man aber früh treffen, um die Ressourcen nicht zu sehr zu splitten. Die Erfindung der Elektrizität hilft einem dann natürlich auch nicht immer, weil mehr als eine Stadt pro Runde darfst Du ja eh nicht erhalten (die Regel spricht hier bewusst nicht von KAUFEN!).
Also Atti, ans Buffet Marsch Marsch. Laß Dir den Spaß nicht nehmen. Wenn Du einfach nur Spaß suchst, wirst Du den sicher in diesem Spiel finden.
Übrigens mal historisch: In unserer letzten Partie, wurde der letzte Indianer-Spielsstein (Sioux) am Great Plateau (Dakota - Little Big Horn) in der 2. Epoche vom Norden geschlagen. Und der Civil War wurde tatsächlich vom Norden gegen den Süden gespielt. Witziger Zufall.
Wenn Du übrigens auf dem GHS-Con in Braunfels Ende Mai bist, können wir gerne mal eine Partie organisieren.
Ansonsten Dir und allen anderen viel Spaß mit diesem Spiel.
Gruß
Homer