Beitragvon Tom » 1. Februar 2006, 14:48
Eigentlich ist ja schon viel gesagt worden, aber:
Gabi Goldschmidt schrieb:
>
> Ich habe den Eindruck, einige Spieler haben die Erwartung,
> nach einmaligem Lesen muss man eine Regel verstanden haben
Das hat, glaube ich, keiner behauptet.
> und in der Lage sein, seinen Mitspielern den kompletten
> Inhalt referieren zu können, egal wie komplex das Spiel ist.
Wird niemals funktionieren. Wir sind alle keine Pädagogen, die nach dem Einprägen der Spielregel ein Referat ausarbeiten, welches hieb- und stichfest ist. Die Zeit, die wir dafür veranschlagen müßten wäre wahrscheinlich in der Ausarbeitungsphase zigmal so lang wie drei mal das Spiel zu spielen. Die für das Referieren benötigte Zeit mal nicht mit eingerechnet.
Und dann kommen sowieso noch Nachfragen der Mitspieler. Diese Aufgabe des "Referierens" sollte eine gute Spielregel erfüllen. Und dafür sind die Verlage bzw. Autoren verantwortlich.
> Diese Erwartungshaltung habe ich bei einem komplexen Spiel eben so
> wenig, wie bei einem komplexen technischen Gerät.
Mit einem komplexen, technischen Gerät mußt auch erst mal DU persönlich klarkommen! Versuche nach der erfolgreichen Bedienung Deines Gerätes die dann mal einem anderen zu erklären.
> Eben so wenig wie ich die Anleitung zu meinem Videorecorder beim ersten
> Lesen komplett verstanden und behalten habe, genau so wenig kann ich
> das bei der Regel zu "Caylus" oder "Antiquity" sagen.
:-) Das kann von Person zu Person differieren. Technik- und Spielefreaks sind Ottonormalverbraucher in Ihrer jeweiligen Disziplin überlegen. Aber darum geht nicht. Es geht um Herrn Müller von nebenan, der sich vorgenommen hat, ein gutes Spiel zu kaufen und sich die Mühe zu machen die Spielregel zu lesen und dieses Spiel dann seiner Frau und seinen Kinder zu erklären. Und Herr Müller hat für dieses Spiel nicht wenig Geld gezahlt!
Carsten Wesel schrieb:
> Gutes Beispiel.
> Wenn ich glaube meine Kamera so weit zu kennen, hole ich mir die Anleitung
> mal wieder raus und versuche ein paar neue Funktionen zu lernen, die ich
> vorher zwar schon gelesen hatte, aber nicht vollständig realisiert hatte.
Wir wollen aber alle noch am selben Abend "ein paar gute Fotos schießen". Anders ausgedrückt: Woher wissen wir denn, ob wir ein Spiel gut genug kennen.
Wie dem auch sei: es gibt genug Beispiele für sehr gut umgesetzte Anleitungen oder auch für weniger gute.
"Meine Erwartungshaltung an eine Regel"
Wenn ich ein Spiel für gutes Geld kaufe. erwarte ich eine in allen Punkten gut ausgearbeitete Spielanleitung. Und zwar mit Anleitungen für Proberunden, Kurzspielregel und einem ausführlichem Almanach.
Von klein nach groß. Soll heißen: von einfach bis komplex.
Erst sollte der Spielablauf im Grundsätzlichen beschrieben werden. Lieber ein paar Zeilen mehr als zuwenig. Und zwar in einfachen Worten. In der Schule haben wir auch nicht mit Latein angefangen. Dann eine Einführung in die Spielmechanismen anhand von Proberunden bzw. -spielen. Wer das nicht mag braucht es ja nicht zu machen. Man wird aber erstaunt sein, wie oft dies genutzt werden würde.
Die so erlernte Fähigkeiten sollten auf einer Kurzspielregel, die jedem Spieler ausgehändigt wird, skizziert sein. So kann man während des Spieles mal einen Blick darauf werfen ohne den Spielfluß zu unterbrechen.
Für tiefergehende Fragen gibt es dann den Almanach, der neben der heute leider üblichen Spielregel (Einleitung, Ziel des Spieles, Materialaufzählung, Spielphasen oder -stufen und Spielschluß inkl. Abrechnungsalgorithmen) auch Fragen für Sonderfälle erläutert.
Liebe Spieleautoren und Verlage:
Wer sich teilweise so viel Zeit für die Spieleentwicklung nimmt, sollte sich für Spielanleitungen genausoviel nehmen. Und nicht nur "Testspielrunden" veranstalten, sondern die Spielregel an "wildfremde" Leute verschicken, mit der Bitte um Stellungnahme.
Aber vielleicht kann oder will man ja nicht ein breiteres Publikum ansprechen. Die "Siedler" hätten sich jedenfalls ohne ordentliche Regel nicht so gut verkauft.
MfG, Tom
P.S. Wobei ich jetzt "Die Siedler" nicht als Maßstab für ein komplexes Spiel sehe. Es hat nur Massen ermutigt,sich mit dem Spiel auseinanderzusetzen. Und das in einer Zeit, wo Monopoly und Risiko noch als kompliziert galten.