Beitragvon Kathrin Nos » 24. März 2006, 17:46
Hallo,
zum Thema Regel vorlesen oder Regel frei erklären möchte ich meine Meinung hier auch gerne abgeben.
Vorweg: Ich erkläre gerne Spielregeln. Zum Hobby Spielen gehört für mich die Regellektüre dazu - am besten vor dem eigentlichen Spieletermin, also allein ohne die Mitspieler. Wenn ich dann ein Spiel erkläre, lege ich viel Wert darauf, während des Spiels nochmal Details aufzugreifen, an die evt. jemand nicht mehr gedacht hat.
Wenn ich die Spielregel lese, verschaffe ich mir zunächst einen Überblick über das Material und dessen Benennung. Damit lerne ich das "Vokabular", um die Spielregel zu verstehen. Dann lese ich den Ablauf von vorne bis hinten durch. Hierbei finde ich es gut, wenn die Erklärung auf gleichbleibendem Detailgrad bleibt. Ich kann für mich selbst ja das Tempo bestimmen, in dem ich all die wichtigen Details aufnehme. Häufig (je nach Komplexität des Spiels) lese ich die Regel nach dem Verständnis des grundlegenden Mechanismus, gleich ein zweites Mal durch, damit sich die Details festigen. Im Kopf läuft das wie ein Puzzle ab: Ich lese so lange, bis ich das Gefühl habe, ein rundes Ganzes zu haben.
Genau diese Vorgehensweise kann aber nicht greifen, wenn mir jemand die Spielregel vorliest, weil dieser typischerweise ein anderes Tempo vorlegt als ich bräuchte. Das führt zwangsläufig dazu, dass ich mehrfach nachfragen muss - genau so geht es meinen Mitspielern.
Wenn der Vorleser die Regel überdies nicht verinnerlicht hat, fällt es ihm schwer, diese Fragen zu beantworten - er weiss ja im schlimmsten Fall (= liest die Regel beim Vorlesen selbst das erste Mal) nicht, an welcher Stelle diese Information steht. Er kann auch nicht beurteilen, ob die Beantwortung der Frage an dieser Stelle wichtig ist, oder ob sie sich von selbst im weiteren Erklärungsverlauf ergibt.
Man muss also beim Vorlesen denselben hohen Grad an Aufmerksamkeit während der ganzen Zeit halten - und sich zudem vom Verständnis her an das Tempo des Vorlesenden anpassen. Das kann ziemlich anstrengend sein.
Aus diesem Grund wird niemand von uns eine Regel vorgelesen bekommen. Wenn die Situation da ist, dass ein Spiel auf den Tisch kommt ohne die Möglichkeit, die Regel in Ruhe vorher zu lesen, wird sich einer von uns die Zeit des Regellesens einfach nehmen, die Regel komplett durchlesen und erst dann anfangen zu erklären. Typischer Anwendungsfall: Spielemesse - dieses Verfahren ziehen wir auch gegenüber einer Erklärung durch einen Standmitarbeiter vor, den wir nicht kennen und der nicht der Autor ist.
Nun zum Regelerklären: Für mich ist das wichtigste überhaupt, zuerst in groben Zügen zu erklären, worum es geht und wie man das Spiel gewinnt. Meist geht das nach dem Schema "wir spielen in [Setting], und versuchen in [x Runden, oder bis das und das eintritt, oder wie immer man die Spielende-Bedingung knackig erklären kann] [die meisten Siegpunkte, oder was auch immer] zu erreichen". Auch die Information, ob das Spiel rundenbasiert, durch reihum stattfindende Züge, durch irgendwie festgelegte Reihenfolge, oder wie auch immer, abläuft, ist sehr wichtig (ebenfalls wieviele Runden etc.) und steht daher bei mir am Anfang der Erklärung. Bevor es ins Detail geht, sollten auch die Hauptmechanismen erwähnt werden - geht es um Versteigerungen? Oder um Aktionspunkte? Oder um das Sammeln von Karten? ...
Erst wenn diese grundsätzlichen Informationen da sind, beginne ich ins Detail zu gehen. Nun werden die einzelnen Phasen genauer erläutert. Wenn man vorher die wichtigen Eckpunkte gut herausgestellt hat, kann man sich mit der Erklärung daran orientieren, so dass während des Erklärens erstens immer klar ist, welcher Aspekt nun im Detail erklärt wird, und zweitens abzusehen ist, welche Punkte noch fehlen, die noch im Detail erklärt werden müssen. Mit der Einleitung gibt man also im Idealfall auch einen Leitfaden durch die bevorstehenden Stationen der Details.
Je nachdem, wie gut ich ein Spiel kenne, blättere ich zum Abschluss nochmal die Spielregel durch, um sicherzustellen, dass ich kein wichtiges Detail vergessen habe.
Wenn ich ein Spiel gut kenne und weiss, dass bestimmte Informationen erst später benötigt werden, lagere ich sie durchaus auch aus. Beispiel: Wie genau das Auswürfeln des Königs bei Um Krone und Kragen funktioniert, ist wirklich erst am Ende wichtig - bis dahin reicht die Information, dass es das Ziel ist, 7 gleiche Zahlen zu würfeln, wozu man am besten genügend oft auf Persönlichkeiten würfeln sollte, die einem mehr Würfel geben. Wenn dann das Spielprinzip verstanden wurde und der Spielfluss rund läuft, kann man allmählich die Zusatzinformationen geben - am besten also, wenn allmählich der eine oder andere Spieler 5 bis 6 Würfel hat. Natürlich hat man vorher darauf hingewiesen, dass später noch Infos kommen, und dass das "Ziel: Möglichst viele Würfel ergattern" bis dahin als Info ausreicht.
Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob meine Mitspieler mit meiner Erklärmethode wirklich zufrieden sind - das Ganze klappt mal mehr, mal weniger gut und hängt auch von meiner Spielerfahrung mit dem zu erklärenden Spiel ab.
Soviel als kleiner "Essay" ;) von mir - danke an diejenigen, die ihn bis zum Schluss durchgelesen haben :)
Alles Gute und ein schönes und verspieltes Wochenende wünscht
Kathrin.