Beitragvon Roman Pelek » 11. Januar 2001, 01:07
Hi,
In letzter Zeit ist ja wieder das Thema "Es gibt nix neues mehr auf dem Spielemarkt" hier im Forum sehr aktuell. Dazu habe ich mir ein paar grundsätzliche Gedanken gemacht, da ich finde, dass dazu zuviel Unangemessenes und vor allem "alte Zeiten" verklärendes fabriziert wurde.
Wie ich schon in der Mail an peer schrieb, halte ich den Spielemarkt wie so vieles andere generell für eher einem evolutionären Prozess unterworfen denn von Revolutionen gekennzeichnet. Insofern ist das Jammern um zuwenig Neues in meinen Augen ungerechtfertigt und alleinig darauf zurückzuführen, dass viele hier eben sehr viel spielen und regelmäßig Spiele kaufen, so dass die eben langsame Weiterentwicklung manchmal als Stillstand erscheinen mag.
Um dem Mythos von bahnbrechenden Neuerungen auf dem Spielemarkt früher mal ein bisschen den Wind aus den Segeln zu nehmen, hier mal ein kleiner Rückblick auf das Spiel "Siedler von Catan", das für viele einen Meilenstein und eine bahnbrechende Neuerung halten. Meines Erachtens ist dies nämlich ein Beispiel für Verklärung eines Spiels, dessen unbestreitbare Klassiker-Qualitäten nicht in der Revolution, sondern in der sehr gelungenen Verquickung bekannter Ideen und aktueller Modetrends für die breite Masse liegt.
Zum ersten zur Spielidee: Ender der Achtiger/Anfang der neunziger Jahre kamen bei Computerspielen Aufbaustrategiespiele wie Civilization groß in Mode, waren aber für Gelegenheitsspieler am PC oder eine direkte Umsetzung für Familienspiele viel zu komplex und auch zu kriegerisch. Und genau diese Umsetzung für Familien hat Klaus Teuber in SvC zum ersten Mal geleistet; ich weiss noch, wie ich zum ersten Mal vor der Schachtel stand und mir dachte: "Da hat will ja wohl einer mit ‚ner Billigversion der Computerspiele den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen". Hätten mich nicht Partien Siedler bei anderen von der Qualität der simplifizierten Version überzeugt, ich würde wahrscheinlich noch heute kein Brettspiel mehr anrühren, sondern nur komplexe Strategiespiele auf dem PC spielen.
Zu den "revolutionären" Spielelementen in Siedler: das Konzept der Hexagonalfelder war für komplexe Strategiespiele schon lange bekannt. Variablen Spielaufbau mit Hexfeldern fand man schon im vorher erschienenen "Kings & Things", ebenso verschiedene Landschaftsarten, die verschiedenes versorgen. Kartentausch und -handel sind gleichfalls keine neuen Ideen gewesen, und Häuschen und Stäbchen sowie Siegpunkte gab's auch früher - von Würfeln ganz zu schweigen ;-) So - wo ist z.B. hier die Revolution?
Und das hier geschilderte Beispiel kann man auf vieles übertragen. So ist die Kramerleiste auch nur eine neue Idee, kein neues Spiel gewesen - und heute findet man sie fast überall. Auch das IMHO sehr gute Java ist nur Tikal+Torres, eine recht dreiste und offensichtliche Weiterentwicklung, bei weitem keine Revolution. Das Plättchenanlegen wie bei "Carcassonne" oder "Leg das Rohr" ist irgendwann nur ein neues Spielelement gewesen, kein komplett neues Spiel. Auch El Grande hat als Neuerung (falls es überhaupt eine war - gab's das schon mal früher?) "nur" Würfelchen in Regionen und alte Ideen wie Kramerleiste, Kartenauswählen und Nicht-Im-Uhrzeigersinnziehen gab's auch schon vorher. Inkognito z.B. verbindet "Scotland Yard" mit den altbekannten "Logikrätseln" aus Denksportheftchen. "MäDn" ist eine primitive Variante des alten indischen Pachisi. Auch Mühle, Dame, Schach, Go gab's und gibt's alle in unzähligen Variationen und wurden über Jahrhunderte, Jahrtausende langsam weiterentwickelt. Das ist jetzt beileibe keine Kritik an den Klassikern des Spielegenres, sondern eine Zurechtrückung übertriebener Verklärung von "revolutionären Spielideen", wie es sie früher angeblich so zuhauf gab.
Als Fazit muss ich persönlich sagen: wer viele Spiele kauft und spielt, wird unweigerlich viele Variationen von bekannten Spielelementen im Schrank haben. Welche neuen Spiele dann so gut oder so andersartig sind, dass man sie sich auch noch kaufen muss, kann jeder selbst entscheiden - aber global darüber jammern, dass es ja nix Neues mehr gäbe, ist Zeichen einer überhöhten Erwartung von Vielspielern an den Spielemarkt und Verklärung früherer Zeiten.
Vielleicht tut da mal eine Neuheitenkaufpause not - ehrlich gesagt, auch ich habe sowas in Erwägung gezogen. Da ich persönlich aber häufig und gern spiele, wäre unweigerlich weniger Abwechslung die Folge. So spiele ich halt auch mal Spiele, die nicht absolute Klassiker sind oder nur eine halbwegs gelungene Variation alter Ideen - wenig Abwechslung ist mehr als gar keine ;-) Und ehrlich: bei dem Preis von Spielen haben sich die allermeisten nach 3 Partien schon mehr gelohnt als diverse CD's, Kinobesuche oder Kneipentouren.
Was denkt Ihr?
Ciao,
Roman