Beitragvon Ralf Abilgaard » 21. Februar 2001, 12:17
<Ich finde die Spielepreise haben sich negativ entwickelt, sie sind z. T. unsozial. Wenn es wirklich um Spielekultur geht, duerfen weite Bevoelkerungschichten nicht einfach ausgeschlossen werden. 60 DM soillte die absolute Schmerzgrenze sein,>
Ich finde die Spielepreise kaum überzogen, die Zeiten haben sich geändert und fünfzig Mark sind heute nicht mehr so viel wert, wie vor 20 Jahren. Ich kann mich erinnern, daß ich für mein erstes Scottland Yard 40 Mark ausgegeben habe, daß war für mich als Kind eine Menge Geld. Das ist aber 18 Jahre her. Damals haben meine Eltern den Liter Benzin noch unter einer Mark bekommen und der Zigarettenautomat konnte noch gar keine fünf Mark Stücke annehmen; ein Asterix Heft kostete DM 5,90 - lediglich die Lebensmittelpreise sind in der Zeit eher gefallen (oft auf Kosten der Qualität).
Die Spielepreise sind zum großen Teil absolut gerechtfertigt. Das Material ist oft viel besser geworden und auch die Ausstattung der meisten Spiele sieht viel besser aus. Ich hatte weiter unten bereits mal vorgerechnet, wie sich der Peis von "Tal der Könige" erklärt: Das Spiel enthält 165 hochwertige, lackierte Holzwürfel, d. H. jeder Würfel wird Dir für etwas mehr als siebzig Pfennig verkauft. Ich habe noch keinen Laden gefunden, in dem Du einen solchen Würfel zu diesem Preis bekommen könntest - selbst ein W6 aus Plaste (Massenprodukt) kostet zum Teil mehr! Obendrein enthält das Spiel noch einen Satz Folienstifte, die im Schreibwarenhandel ca. DM 10,- kosten. Zusätzlich bekommst Du noch eine Menge hochwertiges Spielmaterial, eine Schachtel und wie beim Buch mußt Du natürlich die geistige Leistung von Autor und Graphiker bezahlen. DM 119,-, beim ersten Lesen ein atemberaubender Preis, erklären sich somit ganz einfach.
Letzte Woche habe ich ein Hardcover Buch gekauft, da der Titel leider nicht als Taschenbuch erhältlich ist: DM 48,- und frage bitte nicht, was Fachbücher kosten :-( Hier kann man die geistige Leistung des Autors in etwa mit der in einem Spiel gleichsetzen - beim Spiel bekomme ich aber für DM 48,- meist den höheren Materialwert als beim Buch.
Weiterhin kann man ja auch mal eine Kosten-Nutzen Rechnung aufmachen:
Ich kaufe mir ein SvC Basisspiel für den empfohlenen Verkaufspreis von DM 59,95 (das war er jedenfalls noch bis letztes Jahr, Kosmos hat dieses Jahr die Preise kräftig erhöht). Dieses Spiel spiele ich mit meiner Familie - vier Personen - etwa 15 Mal (die meisten Siedler werden öfter gespielt), jede Partie dauert ca. eine Stunde. Dann haben sich vier Personen fünfzehn Stunden lang amüsiert und dafür DM 60,- bezahlt, das macht pro Person und Stunde genau eine Mark. Ich kenne sonst nur wenige Dinge, bei denen man heute noch eine Freizeitktivität für nur eine Mark die Stunde bekommt - selbst die meisten Sportarten sind teurer, wenn man den Kauf der Ausrüstung einrechnet.
Ich sehe auch nicht, daß weite Bevölkerungsschichten durch zu hohe Spielepreise ausgeschlossen werden. Es muß sich ja nicht jeder 160 Spiele zulegen, von denen er 30 noch nicht gespielt hat - eine solche Sammelwut können sich in der Tat nur wenige Bevölkerungsschichten leisten. Aber für ein Spiel ist meist noch Geld da, und meine Freunde mit denen ich spiele haben sich auch jeder ein Spiel zugelegt, mit den vier Stück kommen wir schon einige Monate weit oder sollten es zumindest, wenn wir nicht zu geil auf Neuheiten sind. Obendrein gibt es noch Flohmärkte und die Internetauktionshäuser, wo man auch preiswert an Spiele kommen kann.
Außerdem gibt es in nahezu jeder Stadt mindestens eine Stelle, bei der man sich Spiele ausleihen kann. Wenn die Kosten-Nutzen Rechnung bei einem Spiel nicht aufgeht oder ich es mir nicht leisten kann, leihe ich mir das Spiel eben.
Und wenn man ein wenig über den Tellerrand schaut, dann merkt man, wie preiswert Spiele in Deutschland sind. Für ein gewöhnliches "Das verrückte Layrinth" muß man in Frankreich um die 200 Franc auf den Ladentisch blättern und in anderen Ländern sieht das änhlich aus! Weiter unten hat hier jemand Spiele mit Lebensmitteln verglichen und dieser Vergleich hinkt eigentlich nicht einmal:
Der Kunde will möglichst wenig bezahlen. Wenn er dabei noch gute Qualität bekommt nimmt er diese aber er ist auch mit minderwertiger Ware zufrieden - Hauptsache billg. Dieses Denken ist sehr kurzfristig, wobei man an den Thread weiter unten zu den Fachhändlern anknüpfen kann. Im Lebensmittelbereich ist der Wandel fast vollständig vollzogen. Es gibt fast nur noch Discounter und große Ketten, die die kleinen verdrängt haben. Diese bieten Ihre Ware zum Teil unter Einkaufspreis an um längerfristig noch weniger Konkurrenz zu haben. Auf Qualität legte der Kunde weit weniger Wert als auf den Preis und mit diesen Dumpingpreisen konnten die meisten kleinen Lebensmittelläden nicht mehr leben. Qualität zu fairem Preis findet man fast nur noch in Bioläden, in denen man meist auch noch richtig bedient wird. Erst durch eine Katastrophe wird dies der breiten Öffentlichkeit bewußt.
Beim Spielehandel verlagert sich der Umsatz auf Discounter und Internet, aber auch bei den Herstellern ist die Vielfalt immer geringer geworden. Leider kann ich mir keine Spielekatastrophe vorstellen, die die Gesundheit bedroht, aber mein Horroszenario sieht so aus: Es gibt nur noch Ravensburger, Schmidt und Hasbro, welche ihren Einheitsbrei über anonyme Kaufhäuser vertreiben. Lediglich in kleinen Kooperativen werden Spiele in geringer Auflage fair gehandelt, damit alle auch davon leben können.
Ich will wirklich nicht wieder als der Marketingstratege der dt. Brettspielindustrie erscheinen, aber wir sollten unser Umfeld etwas genauer beobachten. Man kann sich über billige Angebote ja freuen, muß aber auch die Konsequenzen bedenken. Obendrein scheint es der Gesellschaft schon zu gut zu gehen. Unser Spieleverein mit immerhin 1000 Mitgliedern sucht händeringend nach Leuten, die ein wenig Arbeit in den Verein stecken. Etwa 20 Personen organisieren die Ausleihe, Anschaffung von Spielen und die Vereinsarbeit (Beschaffen von Zuschüssen, Organisation des Programms, Freizeiten,etc.). Die restlichen Mitglieder lassen sich in der Ausleihe bedienen. Bei einer Umfrage im Verein kam heraus, daß ein Großteil der Mitglieder lieber einen höheren Beitrag zahlen würde, damit Leute für die Dienstleistung fest angestellt werden können. Als wir die Höhe eines solchen Mitgliesbeitrages ausrechneten, sagten dann alle ganz schnell wieder nein dazu - neue Mitarbeiter haben wir trotzdem keine:-(
Gruß,
Ralf (den die ganze Diskussion zum Entwurf eines Brettspiels angeregt hat - wird aber unter DM 60 nicht zu haben sein :-) )