Beitragvon Adam » 8. Juni 2001, 14:58
Das Spiel hat rund 50 individuelle Spielsteine, die Adelige und Kleriker des 12. Jh. darstellen sollen. Dazu kommen jeweils drei Anführer aus den Häusern Welfen und Staufer (na sowas), damit handelt es sich folglich im Kern um ein 2-Personen-Spiel. Ziel ist es (in einem der möglichen Szenarios) einen Haufen (Pulk) von Adligen zu sammeln, damit nach Aachen zu ziehen und sich zum dt. Kaiser krönen zu lassen.
Das erste Problem ist die Aufstellung: was bedeutet rotes Kreuz auf weißem Grund? Wohin kommt der Zähringer? Welches Wappen hat der Brabanter? Ist man damit fertig, kann man sich sagen: Geschichte: 2, Erdkunde: 3+, zusammen gut, setzen.
Das Sammeln, Ziehen und Kämpfen erinnert an Rheingold, nur das dort auf individuelle Eigenschaften der Spielsteine verzichtet wird.
Das Spiel ist unausgewogen, denn die Welfen sind a priori schwächer. Mit viel Glück bekommt man mächtige Adelige zugeteilt, aber im Mittel halten diese sich auf beiden Seiten die Waage. Im Konfliktfall geben meist die Herzöge den Ausschlag, also Pech für die Welfen.
Hat man sich als Welfe unter Verlust zweier der drei Herzöge eine halbwegs komfortable oder zumindest gleichwertige Position erkämpft, verbunden mit dem Entschluß seinen letzten Welfen-Herzog wie seinen Augapfel zu hüten, muß man zufallsgesteuert auf Pilgerfahrt gehen. Ein einfacher Würfelwurf, und der letzte Herzog stirbt auch. Einfach so. Ende des Spiels (weil man niemanden mehr zum krönen hat). Und das ganze nach 6h Dauer.
Genaugenommen handelt es sich um ein Konflikt-Simulations-Spiel (kurz: Cosim; vulgo: Kriegsspiel). Für ein Cosim ist es aber viel zu glücksabhängig, bietet gleichzeitig zuwenig taktische Möglichkeiten, und das Schlimmste, es läßt nicht die richtige Stimmung aufkommen.
Für ein Glücksspiel ist es einfach zu lang.
Aber es firmiert ja auch unter Geschichtsspiel. Geschichtsspiel? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Schließlich basiert jedes Spiel auf Wiederholbarkeit und Variation der Spielverläufe, und das sind zwei Eigenschaften, die der Geschichte sicher fehlen.
Im Übrigen: nachdem, was man so liest, sieht oder hört jeden Tag, kann man zu der Überzeugung gelangen, Deutsche Geschichte hat von 1933 bis 1945 stattgefunden, mehr muß man darüber nicht wissen (auaha, das wird Widerspruch geben, gell Gustav der Bär?).
Das einzige, was mich gehindert hat die Schachtel zu entsorgen, ist das Cover. Ich mag das Bild.
Alles in allem: ein "Spiel" von einem Geschichtslehrer für andere Geschichtslehrer. Vielleicht hätte Herr Kuhlmann mal mit einem Mathelehrer probespielen sollen.
Gruß
Adam