Beitragvon Ralf Rechmann » 16. August 2001, 08:39
Anmerkung: Ich habe diesen Text geschrieben, bevor ich im Forum gesehen habe, daß die Diskussion um die Wertungen schon im vollen Gange ist. Trotzdem wollte ich mein Posting im Nachhinein nicht auf den aktuellsten Stand zusammenkürzen, da dann sicher einiges verloren gegangen währe. Schon geklärte Details deshalb einfach überlesen...
Vorweg muß ich schicken, daß ich begeisterter Brett- und Computerspieler bin. Während letzteres inzwischen zu meinem Beruf geworden ist, bleibt das Brettspiel ein regelmäßiges und intensives Hobby. So ist die Diskussion um das richtige Wertungssystem und die Aussagekraft genau dieser Wertungen auch im Markt der PC Spielemagazine (ob online oder print) ein ewiges Thema, das immer dann wieder dann hochkocht, wenn unerwartete Wertungen publiziert werden.
Im Fall der spielbox mit den beiden "10er" Wertungen in der aktuellen Ausgabe ist es nicht viel anders: Da wird in zwei Fällen die Höchstwertung für Spielreiz gegeben und ich als Leser frage mich nach dem "warum". Die Spielkritik selbst bringt keine Infos dazu, da die eben von einem anderen Autor verfaßt wurde und der / die AutorIn nur auf seine / ihre Sicht der Dinge eingeht. Als Leser fühle ich mich an dieser Stelle arg alleine gelassen. Ich sehe die "10" von KMW und denke mir dabei, "ihm hat das Spiel wohl extrem gut gefallen", weiß aber nicht wieso. Eventuell würde ich mich mit der eigenen Meinung ja der "10" anschließen, aber ich kenne das Spiel ja nicht und muß mich also auf die gedruckten Infos der Spielkritik verlassen, die aber nur zu einer leicht überdurchschnittlichen "7" kommt. Dem Michael Knopf hat das Spiel sogar noch schlechter gefallen, was ich in die "6" hinein interpretiere. Eine Begründung fehlt auch hier.
Dann schaue ich mir die Wertungen der einzelnen Kritiker zum Spiel Capitol genauer an und wundere mich über die doch extremen Unterschiede. Nicola Balkenhol, gleichzeitig Autorin der Spielkritik, vergibt die Höchstwertung "10" für die Spielregel und liefert im Text auch gleich die Erklärung dazu: "umfassend, übersichtlich und gut verständlich". Aber anscheinend fanden die anderen Kritiker das nicht so, liegen deren Wertungen (mit einer Ausnahme "9") doch um die "7" oder "8", was ja auch eine noch gute Note ist. Bei der Bewertung des Materials werden die Unterschiede noch größer: Dreimal die "5" und im Gegensatz dazu einmal die "9" lassen mich mit der Schulter zucken - nicht weil es mir egal ist, sondern weil ich ratlos bin. Das Material des Spiels an sich sollte ja bei allen Kritikern gleich gewesen sein. Und ob die Farben "in einer schaurigen Kombination gehalten" sind und die Wertungsskala "völlig unbrauchbar" (beides Zitate aus Spielkritik) ist, muß Kritiker Geissler mit seiner "9er" Wertung auch aufgefallen sein, oder nicht?
Das führt direkt zum nächsten Punkt: Die Bewertungen von weiteren Kritikern mittels reiner Zahlenwertung gibt zwar ein Plus an Informationen, wie ich diese Infos aber interpretiere bleibt mein Problem. Als Lösung (neben aller Kritik soll die Diskussion ja auch zu was führen) schlage ich vor, daß Extremnoten oder Ausreißer aus dem Wertungsgefüge wenigstens mit einem kurzen Satz begründet werden. Allerdings kann man diese Info erst bei dem Kritiker einfordern, wenn schon alle Wertungen vergeben worden sind, da sich erst dann das Gesamtbild ergibt. Ob das dann noch möglich ist kann ich nicht beurteilen. Damit währe dann auch klar gewesen, warum Kritiker Weigand eine "10" in der Kritik zum Spiel "Auf falscher Fährte" vergibt, während sich der Rest auf um den Durchschnitt schwankende "5" bis "7" in Sachen Spielreiz einigen kann.
Ein weiteres Problem ist, daß ich die meisten Kritiker nicht so recht einschätzen kann. Obwohl ich die spielbox jetzt seit 1993 im Abo habe, weiß ich eigentlich nur, daß die "Heß-Wertungen" meist kritischer und somit geringer ausfallen als die übrigen Wertungen. Das habe ich aber nur durch einen Hinweis hier im Forum bemerkt und dann versucht dieses an einigen Spielkritiken zu verifizieren. Ob es tatsächlich aber über die Jahre hinweg stimmt, weiß ich nicht - ich habe auch keine große Motivation das nachzuprüfen. Eine einfache Lösung könnte hier für Abhilfe schaffen: In jeder spielbox auf einer halben Seite die aktuell beliebtesten Spiele eines jeden Kritikers mit einer Begründung dazu in Satzlänge auflisten. Das Argument, es sei kein Platz mehr dafür im Heft, lasse ich nicht gelten. Man kann die "Lotto" Seite mit den großformatigen Spielabbildungen wesentlich kompakter layouten, indem man nur die Spielschachteln ohne das Spielmaterial in Frontalansicht ablichtet.
Die Pöppel Revue geht in ihren Spielkritiken ja einen ganz anderen Weg. Der Text sagt alles, Noten gibt es nicht, im letzten Absatz ist das Fazit des Kritikers zu finden und mehrere Kritiker kommen bei einem Spiel nicht zu Wort. Das hat natürlich den Nachteil, das ich "auf Gedeih und Verderb" der (immer subjektiven) Meinung des Kritikers ausgeliefert bin. Ob ich mit dem Kritiker übereinstimme muß ich zwischen den Zeilen aus der Spielkritik herauslesen und überlegen, ob ich die selben Wertungsmaßstäbe ansetze, um zu den selben Urteil zu kommen. Deshalb lese ich beide Referenzblätter der Brettspielfans und informiere mich ferner - auch hier im Forum - über potentielle Kauf-Kandidaten. Denn erst die Vielfalt der Meinungen läßt mich zu einer Kaufentscheidung kommen. (Besser währe natürlich, die Spiele direkt im Laden zu testen, aber das funktioniert nach meinen Erfahrungen leider mehr schlecht als recht.) Bleibt die Frage, ob die spielbox ihren Lesern eine Kaufentscheidung an die Hand geben oder "nur" über die Welt der Brett- und Kartenspiele informieren will. Erstes ist ein hoher Anspruch, den man sicher mit ein paar Detailverbesserungen näher kommen kann, letzteres aber ein Ziel, mit dem ich mich als Leser nicht zufrieden geben will.
Mit nachdenklichen Grüßen an diesem schwülen Sommermorgen in Hamburg,
Ralf Rechmann