Beitragvon Roman Pelek » 15. Oktober 2001, 03:24
Hi Ernst-Jürgen,
nachdem wir's nochmal gespielt haben, ein weiterer Kommentar:
>dem kann ich mich nach ebenfalls nur einer Partie zu viert nach den Grundregeln nur anschließen. Lief bei uns ziemlich genau so. Hat aber trotzdem Spaß gemacht. Das Spiel hat zwar knapp eine Stunde gedauert -wir haben einen dabei, der immer sehr lange überlegt-, kam uns aber letztlich doch ziemlich schnell vor, als plötzlich das Ende da war.<
Ja, es kommt einem schnell vor. Der Umstand ist darauf zurückzuführen, dass das Spiel einlädt, Routen längerfristig zu planen und seine Karten mit bedacht einzusetzen. Das ist positiv und macht Spass - umso frustrierender war es aber bei uns, dass dies keinerlei Früchte trug.
Und die Sonderaktionen bei den Bahnhöfen waren etwas merkwürdig, sofern eingesetzt: die Karte "Kartenraubzug" benachteiligte den einzigen Spieler, der eine längere Route planen wollte (er wurde von 7 auf 3 Karten "zurechtgestutzt"), die 4(!) Karten "Einspruch" hat kein Spieler vor Spielende bekommen, die 2 "Flugtickets" wären nur mit Glück erreichbar und dann kaum einsetzbar gewesen. Je länger ich darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher erscheint mir, dass die Ideen im Spiel ausreichend ausbalanciert sind. Es sprechen zu viele Argumente dagegen. Das Spiel benötigt m.E. eine längere Spielzeit, um seine Facetten und Ideen zu nutzen. Ich hätte nichts gegen 90 Minuten Spielzeit, sofern ich dann die Möglichkeiten nutzen könnte. Oder 45 Minuten mit weniger und weniger zufälligen Momenten. Die Regelpassage, dass man sich selbst eigene Aktionen und Grundaufbauten realisieren darf, soll und kann nicht die Ultima Ratio sein, wenn das Grundspiel so viele Probleme aufwirft.
Dazu kommen weitere Unstimmigkeiten: das Spielmaterial ist knapp, aber wenn man Strecken überbaut, bleiben die Karten darunter liegen. Die Kartenillustrationen (Waggon/Aktionspunkte) sind widersprüchlich. Die Erträge für Transporte sind unabhängig von Entfernung oder Aufwand. Der Glücksfaktor ist sehr hoch, aber die Bedenk- und Planzeit auch. Die Sonderaktionen sind unbalanciert: ein "Kartenraubzug" ist merklich stärker als ein "Kartenraub" - ohne Begründung oder Planbarkeit derselben. Manche Sonderaktionen sind kaum erreichbar. Die Diskrepanz zwischen den offerierten Möglichkeiten und den tatsächlich realisierbaren Spieltaktiken ist groß. Die Anmerkung, dass der Autor Wert lege auf Spiele mit einfachen Regeln und großer Spieltiefe widerspricht dem Spielerlebnis, bei dem Spieler ständig fragen, was denn nun was bedeute und dennoch wenig machen können.
Je länger ich mich mit dem Spiel beschäftige und je öfter ich es spiele, desto weniger Spass habe ich daran :-( Zu offenkundig sind die Mängel am Verlauf und den Mechanismen. Spass machen mir die Ideen und Möglichkeiten - aber nicht deren Realisierung. Ich habe das Gefühl, hier ein "Open Source"-Projekt vor mir zu haben, das Material, Ideen, Regeln zur freien Verfügung stellt. Als kreativer Pool reizt sowas - aber für das Spiel zwischendurch erscheint es mir unangebracht. Dies mag vielleicht das Kartenspiel des Jahres in den USA sein, aber wir sind hier andere Standards gewöhnt. Kein "Macht was draus", sondern ein "Spielt's einfach". Kein "Hellrail", sondern ein "Carcassonne". Kein "Packt möglichst viel Chaos und Elemente in 30 Minuten" sondern ein "Simpel, aber funktionierend über 45,60, 90 Minuten".
Wenn ich "amerikanisch" Spass haben will, spiele ich ein "Cosmic Encounter", oder kürzer, ein "Wyatt Earp" oder "Dia de los Muertos". Letztere beiden sind überschaubar, kurz und laden gar nicht erst zu Planung ein, da hat man einfach "Fun" am "Mal was ausprobieren" oder "Einfach mal spielen". "Frachtexpress" verführt zu Routenplanung und zeigt einem dann die "Rote Karte". Dabei wäre soviel mehr dringewesen. Und das hätte auch Franjos sehen müssen. Und die Passage, dass James Kyle nochmal, wiederholt, wieder etwas gegenüber dem ursprünglichen "Hellrail" verändert hat, hätte eher zu weiteren Testspielen reizen sollen denn zu Prosa über die Weiterentwicklung. Komplizierter oder anders ist nicht notwendigerweise komplexer, geschweige denn besser. So oder so: ich bin wenig glücklich mit "FrachtExpress", lasse mich aber gerne eines besseren belehren!
Ciao,
Roman