Beitragvon Bastl » 14. September 2002, 11:43
Hallo Martin,
jetzt fühle ich mich genötigt, auch noch meinen Senf dazuzugeben.
Weniger mit konkreten Spieletipps sondern mit ein paar allgemeinen Bemerkungen.
1. Was in den allerseltensten Fällen funktioniert, ist, sich ein superlanges, irrekomplexes Spiel zu kaufen, die Regeln zu lesen und dann den Versuch zu wagen, dieses Spiel den Mitspielern nahezubringen.
Dies klappt um so weniger, je weniger Erfahrung du mit solchen Spielen hast und je weniger Erfahrung deine MItspieler haben.
Wenn ich mir deine Ludographie anschaue und davon ausgehe, dass dies bei deinen Mitspielern entsprechend ist, dann sind viele der genannten Spiele zu hoch gegriffen. Sie sind auch dann zu hoch gegriffen, wenn du und deine Mitspieler enormes Sitzfleisch und extreme Aufnahmebereitschaft beweist.
Ein Spiel wie Britannia z.B. hat z.B. nur ca. 8 Seiten Regeln und mit 6 Stunden (die wir auch nach über 10 Jahren immer noch brauchen) ist moderat komplex, kompliziert und lang. In den meisten Fällen wird es nicht funktionieren, wenn einer die Regeln gelesen hat. Aller Voraussicht nach werdet ihr zu der Feststellung kommen, dass dieses Spiel vollkommen unausgewogen ist.
Oder ihr nehmt euch eines der besten Spielsystem überhaupt vor - 18xx.
Meiner Einschätzung nach dürfte es nahezu unmöglich sein, aus dem Stand heraus auch nur den Witz an 18xx zu verstehen. (Viele verstehen ihn sowieso nicht...) Ich denke nicht, dass ihr viel Spaß haben würdet!
2. Länge und Größe des Spielplans sind keine Kriterien für Komplexität eines Spiels.
Ein Szenario bei Advances Squad Leader kann auf einer Karte gespielt werden, die ein Drittel der Größe des El Grande Plans hat. Die Dauer dürfte der einer El Grande Partie entsprechen. Das zugehörige Regelwerk hingegen bedarf eines mehrsemestrigen Studiums.
3. Die Aussage "ich will Strategiespiele spielen" ist viel zu weit getroffen. Fass das doch mal deutlich enger.
a) Wieviele Spieler - 2 oder mehr? Variable Spielerzahl benötigt?
Einige der hier genannten Spiele sind reine 2-Personenspiele, andere funktionieren erst ab 5+ Spielern vernünftig (Civi, Junta), andere sollte man nur mit Vollbesetzung spielen (7 bei Diplomacy, 4 bei Britannia), andere funktionieren nur mit weniger als Maximalbesetzung (Titan niemals zu fünft oder sechst!)
b) Wielange dürfen die Regeln sein? Englisch oder deutsch? Je komplexer das Spiel, desto englischer die Regel, desto mieser die Übersetzung - wenn überhaupt verfügbar.
c) Wielange darf das Spiel dauern? Spiele wie World in Flames, Conquistador, Blood Royale sollte man nicht mal erwähnen, wenn nicht wenigstens ein Wochenende, besser ein verlängertes Wochenende zur Verfügung steht.
d) Welche Richtung - Kriegsspiel, Wirtschaftssimulation, Rennspiel, alles in einem (da würde mir dann nur noch Circus Maximus in der Kampagnenvariante einfallen :-) ) etc.
e) Spaßfaktor -jedes Spiel soll Spaß machen, der Weg dorthin ist aber oft sehr unterschiedlich. Junta und Dippy in einem Atemzug zu nennen, verfälscht jede Aussage. Die beide haben nur gemein, dass verhandelt, gelogen und verraten wird. Dippy ist dabei bierernst, Junta ein reiner Spaß (der mit den falschen Mitspielern mitunter in eine todernste Atmosphäre wandelt!), weswegen hier durchaus zu differenzieren ist.
f) Welcher Glücksfaktor erlaubt? 18xx und Dippy haben (außer den Mitspielern, der Sitzreihenfolge/Länderverteilung etc) praktisch keine Glücksmomente. In CoSims werden normalerweise Kämpfe durch Würfel entschieden, wobei sich bei einem guten Cosim auch bei Würfelpech der bessere Spieler meist durchsetzen kann. Andere Spiele kommen mit kompliziertem Regelwerk und langer Spieldauer daher, sind aber trotzdem glücksdominiert, z.B. Blackbeard oder Conquistador.
So, viel gelabert.
Worum es mir in erster Linie ging - ich halte es für sehr fragwürdig, deine Frage damit zu beantworten, dir möglichst viele verschiedene Spiele an den Kopf zu werfen.
Wenn mich ein Freund, dessen Spielvorlieben ich kenne, fragt, ob ein Spiel gut sei, dann kann ich beurteilen ob es etwas für ihn ist oder nicht - und kann mich dabei täuschen.
Wenn mich jemand fragt, den ich nicht kenne, dann muss ich mehr über seine Spieleinteressen und -vorlieben wissen, bevor ich mit Spieletiteln um mich werfe.
Fazit: Wenn du den Sprung von einfachen German Games zu komplexen Strategiespielen wagen willst, dann führt dich der beste Weg über Cons oder Spieleclubs, in denen solche Spiele gespielt werden.
Der andere Weg ist deutlich härter!
Bastl (beantwortet weitergehende Fragen dann gerne auch per Email)