Beitragvon Volker L. » 11. Oktober 2002, 15:10
Gustav der Bär schrieb:
>
> Peter Steinert schrieb:
> > Sollte ein Spielekritiker nicht bestrebt sein, persönliche
> > Vorlieben hinter eine möglichst objektive Betrachtung des
> > Spiels als solches zu stellen?
>
> Keineswegs, lieber Peter.
>
> Persönliche Vorlieben zurück zu stellen, ist eine
> Anforderung, die benotende Lehrer, Schiedsrichter bei
> Wettkämpfen und Richter erfüllen müssen.
>
> Wer Kritiken schreibt, muss sich in dieser Hinsicht keine
> Zügel anlegen: Er darf über das Spiel schreiben, was immer er
> dabei empfunden hat, und er darf die Note verteilen, die er
> allein für richtig hält.
Das sehe ich ein wenig anders. Im Allgemeinen wird ein Kritiker
fuer seine Arbeit bezahlt, und zwar (indirekt ueber den Verleger)
von den Lesern. Daher sollte die Kritik als Dienstleistung an den
Lesern verstanden werden, d.h., sie sollte so abgefasst sein,
dass der Leser Nutzen daraus zieht (und normalerweise ist das,
dass der Leser eine Entscheidungshilfe fuer den Kauf des Spiels
oder Buches bzw. Besuch des Kinofilms oder Theaterstuecks
erhaelt). Es mag Leser geben, die Kritiken nur des Unterhaltungswertes
wegen lesen und gar nicht erwarten, Informationen zu bekommen
(den Eindruck habe ich bei Dir, Gus), aber das duerfte IMHO
eher eine Minderheit sein.
Ein Kritiker sollte sich daher um Objektivitaet [i]bemuehen[/i],
wobei sowohl dem Kritiker als auch dem Leser klar sein sollte,
dass voellige Objektivitaet ein unerreichbares Ideal bleibt.
Man muss auch noch zwischen 2 Faellen unterscheiden:[ol]
[*]Das Produkt (Film, Buch, Spiel...) wird von mehreren Kritikern
beurteilt, jeder gibt seine Note und eine kurze Begruendung an.
Dann ist Objektivitaet in der Einzelkritik nicht mehr so wichtig,
sie wird durch die Verschiedenheit der Beurteilungen ausreichend
erzielt (hinreichend unterschiedliche Geschmaecker der einzelnen
Kritiker vorausgesetzt).
[*]5 Kritiker sollen 20 Objekte (Filme, Spiele...) beurteilen und
teilen die Arbeit so auf, dass jeder 4 Stueck bearbeitet, d.h.,
zu jedem liegt nur eine Kritik vor. Dann sollte sich jeder davon
staerker um Objektivitaet bemuehen, aussserdem sollte dann bei
der Verteilung (durch die Gruppe oder den Chefredakteur) eine
sinnvolle Vorauswahl getroffen werden, d.h., ein Kritiker sollte
nicht ausgerechnet einen Vertreter eines bestimmten Genres
beurteilen, wenn ihm dieses Genre ganz allgemein nicht liegt.
[/ol]
Brigitte schrieb:
>
> da Frau Hess sagt,dass ihr der Spieltyp eh nicht gefällt,
> finde ich es nur korrekt, die schlechte Note zu geben. Es hat
> für sie nicht diesen Spielreiz.
Geben mehrere Kritiker Noten ab, ist dies voellig korrekt. Wird
jedes Objekt nur von einem Kritiker beurteilt, sollte man
Vertreter des ungeliebten Typs einem Kollegen ueberlassen.
> Hat man mehrere Besprechungen eines Kritikers gelesen, weiß
> man, wie der Kritiker zu bestimmten Dingen steht. Man lernt
> seinen Spielgeschmack kennen, und kann dann oft aus einer
> Rezension herauslesen, ob einem selbst das Spiel gefällt.
Jein. Das kommt auf die Ausfuehrlichkeit und Begruendung an.
Ich habe schon Rezensionen gelesen, da konnte ich anhand dessen,
was dem Kritiker alles nicht gefiel, erkennen, dass es mir
sehr wohl gefallen wuerde.
Aber wenn z.B. ein Landnahmespiel a la Risiko/Shogun beurteilt
wird und die Quintessenz der Rezension lautet "das Spiel bekommt
nur 3 von 10 moeglichen Punkten, weil Eroberungsspiele sowieso
schlecht und obendrein unmoralisch sind", hilft mir das Wissen
um die Abneigung des Rezensenten auch nicht weiter...
Gruss, Volker (der kein Spielbox-Leser ist, aber die Kinozeitschrift
"cinema" abonniert hat und vor ein paar Jahren mal auf einen
eklatanten Fall von "der Film ist schlecht, weil dieses Genre
ueberhaupt mies ist - Filme mit dem Thema braucht die Welt nicht"
gestossen ist :-/ )