Beitragvon Uli Schumacher » 23. Oktober 2002, 21:42
Hi, Christian & die anderen,
Ich habe diesen Job - sowohl auf der Messe als auch auf anderen Veranstaltungen jetzt ein paar mal gemacht. Meine Erfahrungen zeigen, dass es bei den größeren Verlagen beides gibt - Spieler und Gelegenheitsarbeiter.
Letztere können meist garnicht einschätzen, was relevant ist, was wie verstanden wird usw. Das ist, als ob man einem, der zwar lesen kann, aber stets nackt geht, Nadel, Faden, Stoff und Schnittmuster samt Anleitung in die Hand drückt....er weiß nicht, wozu. Lassen wir sie undiskuttiert...
Die Spieler haben meist dann Probleme, wenn sie ein Spiel erklären sollen, dass sie eigentlich nicht mögen, jedenfalls geht es mir so. Irgendwann mal gespielt, für blöd befunden, Regel (gerade deshalb) nie wieder angeguckt, und alles lange her.
Wenn ich ein Spiel gut finde, klappt es auch mit der Erklärung. Dabei muß es nicht unbedingt mein Liebling sein, es reicht, wenn ich weiß, zu welcher Zielgruppe es passt. Dann kann man es dieser Zielgruppe auch mit gutem Gewissen empfehlen und entsprechend rüberbringen.
Erfahrungsgemäß braucht man für jedes Spiel 2-3 Runden, bis die Erklärung sitzt, d.h. bis man sich die Fakten so zurechtsortiert hat, dass alles wesentliche ankommt. Am Donnerstag früh in Essen ist da manchmal noch ein bißchen Toleranz nötig - Regel lesen und erklären sind zweierlei, besonders, wenn man Nichtspieler am Tisch hat. Die Struktur einer Erklärung wächst erst mit den ersten Probeläufen.
Das bringt mich zum zweiten, aus meiner Sicht schwierigsten Problem - die Balance zwischen einfacher Erklärung und vollständiger Erklärung.
Ich versuche meist, etwa abzuchecken, wer mir da gegenübersitzt, aber es steht ja nicht jedem auf die Stirn geschrieben. Wenn ich den Eindruck habe, es mit sehr unerfahrenen Spielern zuntun zu haben, und meine 'Kunden' offensichtlich Schwierigkeiten haben, die Faktenmenge in kurzer Zeit aufzunehmen, vereinfache ich auch mal dreist eine Regel - meist steht dann promt ein Vielspieler daneben und schimpft. Er hat dann zwar recht - aber was habe ich davon, wenn die Spieler zwar alle Regeln zu hören bekommen, aber nicht aufnehmen können.
Super sind die Zuhörer, die vor der Erklärung genau sagen, was sie wollen - Spielidee, anspielen oder Detailtreue, und die dann aufmerksam zuhören ohne immer genau das dazwischenzufragen, was ohnehin 2 Sätze später gekommen wäre. Zwischenfragen sind o.k., wenn sie sich auf das Gesagte beziehen, nicht auf das noch zu Sagende. Spielelernen ist schon ein bißchen wie Schule, nicht nur ein guter Lehrer, sondern auch willige Schüler gehören dazu. Wenn ich meinen Psalm dann abgelassen habe (Tschuldigung, aber auch ein Spiel, dass Spaß macht, hat ab dem 50. mal etwas von Schallplatte mit Sprung) sind Fragen dran. Und wenn ich dann noch Zeit hab, die ersten Züge abzuwarten, ob Verständnissprobleme auftreten, läuft es meist auch super.
Dann war da noch die Sache mit dem Regellernen vorher. Als Eisenbahn noch erschwinglich war, habe ich immer auf der Fahrt gelernt. Neue Spiele - klar, muß man lernen. Das Problem entsteht meist eher bei den alten, die man vor einem oder zwei Jahren das letzte Mal gespielt hat. So ungefähr hat mans im Kopf, aber alle Details ganz sicher nicht. Da erklärt man dann schon mal mit der Regel in der Hand und liest auch mal nen Abschnitt komplett nach. Die meisten Spieler, die auf der Messe erklären, haben ja noch einen ganz profanen Beruf wie Mathelehrer oder Wirtschaftsassistent zum Broterwerb, und wenn man sich mal die Palette von Kosmos oder Amigo ansieht - da hat man schon einige Abende zu tun, um alle Neuheiten vorher durchzuspielen und zu lernen. Die alten bleiben ein bißchen auf der Strecke.
einige Zitate aus Deiner Meinung möchte ich direkt kommentieren :
>Es geht sicherlich nicht darum, daß der Erklärer das Spiel bis ins kleinste Detail >erläutert, oft ist dieses ja nicht notwendig, um es anzuspielen, oder sogar eine >komplette Partie zu spielen. Es reicht, um das Spiel kennenzulernen. Ich denke, >daß wie ich die meisten Spieler in unserer Runde sich die Spielregeln zuhause >sowieso noch mal zu Gemüte führen, bevor ein Spiel im Freundeskreis oder auf >dem Spieleabend auf den Tisch kommen soll.
Das ist nicht ganz einfach, da verschiedene Leute oft verschiedene Dinge als wesentlich empfinden und ihr Fehlen als Fehler.
Ich versuche eigenlich, alles zu erzählen (mit Ausnahmen, s.o.) und durch Struktur Kern- und Nebenregeln zu trennen. Aber gerade das wächst erst mit mehreren Erklärungen.
>Wie schon gesagt, sie werden schließlich dafür bezahlt !!!
Richtig, aber es ist schon ein Knochenjob, 9 Stunden stehen und reden, und weil es einfach gut lief und Spaß gemacht hat, habe ich mir in vier Tagen Summa summarum insgesamt 90 min richtige Pause gegönnt, sonst nur ein Schluck Cola und ein Hustenbonbon und weiter...
Trots meiner ausführlichen Verteidigung der Erklärer finde ich es echt schade, wenn mir ein Spiel völlig unmotiviert oder falsch erklärt wird. Und ich bin ein fürchterlicher Erklärungs-hörer, der ständig sinnlos zwischenfragt (Sonnenkönig, die Kurzregel ist völlig blöd, und ich habe nie verstanden, was der Erklärer wollte, weils auf der Kurzregel anders stand)
Und so richtig verstehe ich auch nicht, wieso die Verlage nicht genügend motivierte Leute finden.
Uli (die auf ihrer ganz profanen Arbeit am Montag früh 500 km von Essen pünktlich erschienen ist und dann aufgrund Augengröße und Stimmlage - sonorer Alt mit Neigung zum Flüstern - gefragt wurde, ob sie den ganzen Urlaub nur gesoffen und gebrüllt hätte, und letzteres sogar bestätigen mußte - nicht ist tötlicher für die Stimmlage als Ansagen "Dennis Müller sucht seine Mami. Dennis Müller sucht seine Mami. Dennis kann am Stand 3681 in Halle 500 abgeholt werden. ich wiederhole.....")