Beitragvon Günter Cornett » 2. Januar 2009, 12:49
Daniel R. schrieb:
>
> Heute deshalb, weil noch vor 20-30 Jahren ein Spiel
> veröffentlicht wurde, weil es gut war. Dieser Grund reichte
> aus. So machen es Kleinverlage immer noch.
Das ist mir zu platt. 'Früher' waren die Spiele nicht unbedingt 'besser' und Kleinverlagsspiele sind nicht unbedingt 'besser' als die großer Verlage.
Bei der Bewertung von Spielen gibt es imho drei wesentliche Faktoren:
1.
Der 'objektive' Faktor, das Handwerkliche.
Dazu gehören zum einen Verständlichkeit der Spielanleitung, aber auch Spannungsbogen, Handlungsmöglichkeiten (im Verhältnis zum Aufwand)
2.
Zielgruppe
Zum Beispiel: Vielspieler vs. Wenigspieler
3. Persönlicher Geschmack
Von daher ist es schwierig Spiele miteinander danach zu vergleichen, ob sie gut oder schlecht sind, auch wenn über manche Spiele Aussagen wie 'super Spiel' oder 'grottenschlecht' durchaus angebracht und allgemein nachvollziehbar sind.
Die Spiele von Kleinverlagen sind sicher nicht pauschal besser oder schlechter als die von Großen sondern haben im wesentlichen unterschiedliche Zielgruppen.
Bei Kleinverlagen besteht die Gefahr, dass die Zielgruppe sich auf den veröffentlichenden Autor (und ggfs dessen Familie) beschränkt. Bei großen Verlagen besteht die 'Gefahr' dass Spiele unter Marketing-Gesichtspunkten (nicht) entwickelt werden, sich auf das Thema beschränken. Die Sudoku-Welle ist dafür ein gutes Beispiel:
"Jörg Mutz von der Agentur Jeschenko, die für Hasbro arbeitet, erklärt, warum so viele Sudoku-Brettspiele erscheinen: "Das Spiel ist lizenzfrei, man benötigt keinen Autor oder eine aufwändige Redaktionsarbeit." http://www.reich-der-spiele.de/specials/Essen2005-Sudoku.php
Allerdings heisst das weder, dass es solche einseitige Marketing-Orientierung früher nicht gegeben hätte, noch, dass eine Orientierung am Markt immer mit der Vernachlässigung des eigentlichen Spiels einhergehen muss.
Spiele zu Bonanza und Flipper gab es schon in den Siebzigern. Andreas hat sich dem aufopferungsvoll angenommen und wird sicherlich bestätigen, dass es heute schon auch bessere Spiele gibt: http://sunsite.informatik.rwth-aachen.de/cgi-bin/luding/GameName.py?f=00w^E4X&gamename=flipper
Bei vielen Spielen denke ich: vor zwanzig oder dreißig Jahren, wäre es der Knaller gewesen, heute ist es nur Durchschnitt.
Ein Spiel wie 'Frank Schätzing Der Schwarm' hätte man vor 30 Jahren sicherlich als einfachen Rundlauf konzipiert und nicht so viel Arbeit hineingesteckt: http://www.reich-der-spiele.de/specials/Der-Schwarm-Kramer.php
> [i]Heute[/i] wird aber eine Veröffentlichung getrieben von
> (scheinbar und dies ist ein persönlicher Eindruck) beinahe
> überwiegend Marketingfaktoren (bei Grossverlagen!).
Ja, das war schon immer so, seit es Handel gibt.
> Wenn ein Film erfolgreich im Kino äuft, dann muss das
> Franchise-System ausgeschlachtet werden. Bspw. Ratatouille
> von Disney (2007).
> Da wird irgendein unausgegorenes Spiel auf den Markt
> geworfen, hauptsache, es steht Ratatouille drauf, dann wird
> es auch verkauft.
> Spieleklassiker wie Monopoly oder Uno erhalten dann auch eine
> "Ratatouille"-Editon,
ja, das ist billig
> egal ob das der Markt nachfragt oder nicht.
Weil der Markt das nachfragt. Gerade das ist der springende Punkt.
Die Frage ist: erhält der Käufer, was er kaufen möchte?
Unter diesem Gesichtspunkt ist 'Frank Schätzing Der Schwarm', das ich unter spielerischen gesichtspunkten für durchaus nominierungswürdig halte' imho kritisierenswerter als ein Ratatouille-Uno:
1. in der Schachtel ist kein Frank Schätzing drin. Warum steht das dann drauf?
2. es ist spieltechnisch mehr ein Eisenbahnspiel.
3. Mir fehlt ein kooperatives Element, gemeinsam gegen die Gefahr
Es ist zwar nicht völlig vom Thema entfernt, aber für mich keine besonders gelungene Literaturumsetzung. Dann den Namen Frank Schätzing groß drauf zu schreiben, quasi in den Spieletitel zu integrieren, und die Namen der Autoren klein drunter ist für mich eine Marketinglüge, die die Leistung des Spieleautors unnötig schmälert.
Michael Kiesling, Wolfgang Kramer
Das Spiel zu
Frank Schätzings Der Schwarm
wäre ehrlicher gewesen.
> Wer spielt heute noch das Ratatouille-Brettspiel?
> Eben, da kann sich kaum noch jemand daran erinnern.
Wer ist jemand, wer ist niemand?
Ein Ratatouille-Uno ist als Spiel kein neues Kunstwerk.
Es ist Konsumgut. Erinnerst du dich daran, was du vor zwei Jahren gegessen hast?
Alleridngs Kinder, die vom Film begeistert sind und dann das Ratatouille-Uno geschenkt bekommen, werden sich vermutlich ein leben lang daran erinnern.
> Dass das Marketing immer mehr zu sagen hat als die
> inhaltliche Redaktion sieht man auch am
> Dominion-Cover-Wechsel oder an der neuen Namensfindung von
> "Snow Tails". Beide Massnahmen haben mit dem Spiel an sich
> nichts zu tun, nur mit dessen Vermarktung und der Optimierung
> bis zum "geht-nicht-mehr".
Bei Dominion geht es auch um ein angemessenes Verhältnis von Design und Inhalt. Natürlich kann man auch komplett auf die Schachtel verzichten und sich das Spielmaterial beim Verlag mit der Milchkanne abholen. Zumindest die Grafiker könnte man einsparen und Spiele nur noch in ungestalteten Schachteln verkaufen, auf der sich lediglich ein informativer Text befindet. Ist es das, was du befürwortest?
> > Kannst du mir eine Zeit nennen, bei der
> > komplexe Werke massenweise an Familien verkauft wurden?
>
> Früher (also vor ca. 30-40 Jahren) wurde Schach sicher öfters
> verkauft als heute noch.
Prozentual zu anderen Spielen. Vor 1995 wurde jedes Jahr mehr als millionenmal so viel Schachspiele wie 'Siedler von Catan'-Exemplare verkauft. Dann hat Klaus Teuber diesen Verkaufserfolg eines großartigen abstrakten Spiels durch ein mieses Marketing-Konzept zerstört? :)
> Das ist zugegebenermassen eine Spekulation von mir.
Was willst du damit sagen?
Früher wurden mehr Bibeln verkauft, heute nur noch Bild-Zeitungen? Ist das die Alternative?
> > Also: Hat sich *wirklich* was geändert?
>
> Ja, das durch das Marketing und dessen Einfluss auf die
> Produktgestaltung.
Ich denke, dass die Spiele in den letzten 30 Jahren generell interessanter geworden sind, sowohl bei Großverlagen als auch bei Kleinverlagen, sowohl für Vielspieler als auch für Wenigspieler.
Die Kritik am 'Marketing statt Inhalt' ist in vielen Fällen berechtigt, aber eine pauschale Verurteilung von Marketingmaßnahmen ist für eine solche Kritik nicht hilfreich.
Gruß, Günter ('ludum sanum in schachtel sano' sag ich mal in schlechtem Latein.)