Beitragvon miXa » 12. Dezember 2007, 11:03
Das Spielprinzip ist deutlich von Twilight Struggle entlehnt. Wenn dir TS gefällt, wird dir auch 1960 liegen.
Insgesamt spielt sich 1960 leichter und flotter als TS. Kürzere Spieldauer, kaum topologische Überlegungen. Und tatsächlich ist es vom Spielgefühl nach ein paar Partien dann doch komplett anders als TS. Die Strategien aus TS lassen sich überhaupt nicht übertragen. Taktik spielt in 1960 oft eine größere Rolle als Strategie.
Zu Beginn steht man ein wenig hilflos da - viele Optionen, von denen man überhaupt nicht erkennen kann, was sie einem langfristig bringen sollen. Nach ein paar Partien sieht man klarer und stellt dann schnell fest, dass alles eigentlich ganz einfach und recht stimmig ist.
Die Ereignisse auf den Karten sind nicht so spielbestimmend wie in TS. Man kann also durchaus loslegen ohne die Karten in- und auswendig zu kennen. Das hat seinen Preis: den strategischen Tiefgang von TS erreicht 1960 bei weitem nicht. Im Gegensatz zu TS sind einmal gespielte Karten in der Regel aus dem Spiel und kommen nicht permanent wieder. Das "Verbrennen" von Karten spielt in 1960 eine geringere Rolle. Ausserdem hat man durch viele Karten, die von beiden nutzbar sind, keine zu TS vergleichbaren Notlagen. Wann welche Karten kommen ist nicht planbar, da es im Gegensatz zu TS keine Staffelung in Spielphasen gibt - alle Karten befinden von Beginn an in einem einzelnen, großen Stoß.
Teuer erkaufte Vorteile (Momentummarker, Vorsprung bei den Hauptthemen (issues)) fallen am Ende einer jeden Runde dem Schwund zum Opfer - langfristig lassen sich keine Bastionen aufbauen. "Sparen" ist nicht - Vorteile, die man hat, muss man sofort umsetzen. Taktik eben.
Die Übersicht geht in den ersten Partien in der Regel verloren - man hat nur eine vage Idee, wie der momentane Spielstand ist und verschätzt sich oft enorm. Bis man die neuralgischen Punkte und Schlüsselregionen kennt, vergeht schon einige Zeit, in der man einfach "aus dem Bauch heraus" spielen muss.
Das mag für den einen eine Schwäche des Spiels sein, für den anderen ist vielleicht gerade das der besondere Kick. 1960 läuft am Ende auf einen Show-down heraus (Auszählung der Stimmen), TS ist dagegen mehr eine Art "Tauziehen".
Spass machen mir beide Spiele. Beide Spiele befinden auf einem anspruchsvollen strategischen und taktischen Level, sind sehr originell und haben einen hohen Wiederspielwert. TS ziehe ich aber auf Dauer 1960 vor - TS ist deutlich vielschichtiger, strategischer, mehrdimensionaler und aufregender. 1960 ist demgegenüber kompakter, linearer und bietet weniger Freiräume und Überraschungsmomente ("weniger" ist allerdings nicht gleichzusetzen mit "wenig"!). Dafür spielt man es nach einiger Eingewöhnung auch schon mal in einer Stunde. Zudem ist die Einstiegshürde sehr viel geringer; die Regeln sind übersichtlich und gut strukturiert.
Überall ausverkauft? Erst gestern habe ich in Köln noch eines bei bravenewworld gesehen...
Gruß
Micha