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Es ist mehr Quantität als Qualität?

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Dimi

Es ist mehr Quantität als Qualität?

Beitragvon Dimi » 14. Mai 2002, 01:18

Hallo zusammen!

Ich hatte heute ein interessantes Gespräch mit einem Besitzer eines Spiele-Ladens (seit ca. 5 Jahre dabei).

Hintergrund: Ich plane ernsthaft selber einen Laden zu eröffnen.

Ich bin der Meinung, dass es früher viel mehr "0815-Spiele" gab, und jetzt mehr die Qualität im Vordergrund steht.

Er meinte: Die heutige "Spiele-Gesellschaft" ist leider nicht mehr bereit umfangreiche Regeln zu lesen, somit gleicht sich Qualität mit Quantität aus.
Er meinte; Je einfacher die Regeln sind, umso mehr ist ein Markt dafür da.. Stichwort: Carcassone!

Wie seht Ihr das, wie sind Eure Erfahrungen in Euren Spiele-Gruppen?

Danke für Eure Meinungen schon im Voraus!

-Dimi-

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Braz

Re: Es ist mehr Quantität als Qualität?

Beitragvon Braz » 14. Mai 2002, 01:31

Also ich persönlich (!) bin da anderer Meinung. Siehe z.B. Verräter oder Meuterer, die sehr komplex sind - aber persönlich finde ich sie super.

In den Spielgruppen muß ich dir leider recht geben. Das alte Lied:
"Wie lange geht die Anleitung denn noch..."
"Oh Mann, noch`ne Regel, die kann ich mir ja nie alle merken"
"...ich bin schon nach der 1. Regel-Seite ausgestiegen..."
"Können wir nicht mal was leichteres spielen"

Hmmm mal sehen, was die Leute nun zu Amnesia oder Carrabande sagen : Was leichteres in Bezug auf Regelen gibt`s wohl kaum :)

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Gustav der Bär

Re: Es ist mehr Quantität als Qualität?

Beitragvon Gustav der Bär » 14. Mai 2002, 05:59

Ich denke, lieber Dimi, dass beides zugleich richtig ist.

> Ich bin der Meinung, dass es früher viel mehr "0815-Spiele"
> gab, und jetzt mehr die Qualität im Vordergrund steht.

Schon in den 70er und 80er Jahren habe ich gern gespielt, aber ich kann mich nicht erinnern, damals jedes Jahr aufs neue ein so reichhaltiges Angebot an verschiedenen Spielen gefunden zu haben, die mir alle gleichermaßen verlockend erschienen.

Es gab aber immer wieder mal etwas, das mich gereitzt hat. Ich vermute daher, dass die Autoren früher genau so gut waren, wie heute, dass den Verlagen aber oft der Mut fehlte, außergewöhnliche Konzepte zu produzieren.

Inzwischen ist es so, dass sich ein bestimmter Anteil an Spielen, die von den Spielern intensive Einarbeitung verlangen, immer wieder in den Neuerscheinungen findet und auch ihre Käufer finden.

> Er meinte: Die heutige "Spiele-Gesellschaft" ist leider nicht
> mehr bereit umfangreiche Regeln zu lesen, somit gleicht sich
> Qualität mit Quantität aus.
> Er meinte; Je einfacher die Regeln sind, umso mehr ist ein
> Markt dafür da.

Das ist sicher ebenfalls wahr - und wohl nicht mehr als eine Binsenweisheit. Die Mehrheit der Leute mag´s immer gern einfach und bequem, das war aber auch schon 1972 so wie 2002 (und 2002 v. Chr. wohl auch). Wenn man also eine wirkliche Massen-Auflage verkaufen will, tut man gut daran, die Regeln einfach und leicht zugänglich zu halten.

Was sehen wir also? Wir sehen, dass die Welt bei den Spielen genau so ist wie bei Büchern und Filmen
- Einige Leute lesen zum Vergnügen Marcel Proust, aber viele lesen lieber Heinz G. Konsalik.
- Einige Leute sehen zum Vergnügen Filme von Andrej Tarkowskij, aber viele sehen lieber Filme von Steven Spielberg.

Es gibt also einen Markt für die Qualität und es gibt einen Markt für die - sagen wir - "leichte Muse."

Aber: Proust UND Konsalik werden gelesen, Tarkowskij UND Spielberg werden gesehen!

Daran sollte man, ehe man zu einem pessimistischen Urteil über Verlage, Käufer oder gar die Welt im allgemeinen kommt, auch denken: "Qualität" und "leichte Muse" sind nicht unbedingt Widersprüche. Ein Spiel kann, wie ein Buch oder ein Film, gleichzeitig qualitativ hochstehend und leicht zugänglich sein.

> Stichwort: Carcassone!

Genau das richtige Stichwort, denke ich, um das letzt Genannte zu belegen (bloß, dass viele Spieler mit der "Carcassonne"-Schachtel noch jemanden mitkaufen sollten, der die Bauern-Punkte für sie berechnet, dann dazu muss man tatsächlich schon mal zwei oder drei Minuten nachdenken).

> Hintergrund: Ich plane ernsthaft selber einen Laden zu
> eröffnen.

Dazu wünsche ich dir auf jeden Fall einen riesen Haufen Glück und Erfolg, Kunden für einfache Spiele (für den Umsatz) und Kunden für komplizierte Spiele (für den Spaß an Verkaufsgesprächen).

Auf Xuntheit!
Gustav der Bär
(Peter Gustav Bartschat)

(Smilies bei Bedarf bitte in gewünschter Menge selbst einfügen)

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Hanno Schwede
Kennerspieler
Beiträge: 392

Re: Es ist mehr Quantität als Qualität?

Beitragvon Hanno Schwede » 14. Mai 2002, 08:08

Hallo Dimi

ich arbeite seid 3 Jahren in einem Gesellschaftsspielfachgeschäft und aus dieser Erfahrung heraus kann ich ein paar Worte dazu sagen.

Wenn Du die Spiele spielst, die Du anbietest und dabei an Deine zukünftigen Kunden denkst, die Du sehr schnell kennenlernen wirst, wirst Du sehr schnell ausmachen können was sich später gut verkauft.
Ein Spiel mit etwas komplizierten Regeln kann man mit Beratung auch so verkaufen, das es später gespielt wird, man muss "nur" die faszination eben dieses Spieles herüberbringen. Im letzten Jahr haben wir viele FvF und Urland an unseren spielerischen Mittelstand verkauft, die ja nach dem Studium der Regeln auch nicht zur leichtesten Kost gehören, sich dann aber relativ flüssig spielen lassen. Dieses Jahr werden wir uns wohl einen Stapel Puerto Rico hinlegen....
Allerdings für die breite Masse sind es dann eher die Spiele die schnell zu erlernen sind, Carcasonne, Wer wird Millionär, Anno Domini, Villa Paletti, Metro, Rasende Roboter (schade das es die nicht mehr gibt)....

Viel kann man über Aktionen machen die man zusätzlich zur Beratung anbietet, bei uns im Laden haben wir momentan 3 Termine die fest für Spielen mit Kunden einplanen, dabei ist allerdings nur ein Gesellschaftsspieltermin, gstern hatten wir 6 Runden die verschiedene Spiele gespielt haben. (leider wurde Puerto Rico nicht gespielt). Die anderen beiden Termine beschäftigen sich mit Magic und Tabletop.

So ich glaube das sollte es jetzt gewesen sein, wenn Du noch weitergehende Fragen hast, kannst Du mich ja mal privat anmailen.

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Hanno

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peer

Re: Es ist mehr Quantität als Qualität?

Beitragvon peer » 14. Mai 2002, 11:00

Hi,

ich denke in erster Linie gibt es einfach MEHR Spiele als früher. Damit auch mehr Auswahl und damit auch mehr einfache Spiele.
Das es Insidern so scheinen mag, dass die Spiele früher komplexer waren, und das heute niemand (?) mehr lange Regeln lesen mag, liegt imho ganz einfach daran, dass es früher weniger Spieler gab und weniger Spiele die die gespielt haben. Natürlich ist (bzw. war) es was besonderes wenn man sich einmal im Monat zu 18xx oder Empires in Arms getroffen hat - und sonst nicht. Heutzutage spiele ich immer noch 18xx aber die Zeiten dazwischen fülle ich mit "German Games" auf - so fällts nicht mehr auf. Genauso wenig wie die "Freaks", die es immer noch gibt (und mindestens noch genauso zahlreich) auffallen, einfach weil es mehr Spieler gibt.
Lange Anleitungen mochte glaube ich noch nie irgendjemand lesen...
ciao,
Peer

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Gerald Rüscher

Schattendasein von Spieleläden

Beitragvon Gerald Rüscher » 14. Mai 2002, 11:28

Dimi schrieb:

> Hintergrund: Ich plane ernsthaft selber einen [Spiele]Laden zu eröffnen.

Frage: Hast du genug Startkapital? Rücklagen? Kaufmännische Grundkenntnisse?Einen Job in den du halbwegs sicher zurück kannst? Bei Günther Jauch gewonnen? Lebst du in einer Stadt die groß und jung genug ist, um eine halbwegs ordentliche Kundenschaft bieten zu können?

Falls nein: Lass den Scheiss! Ehrlich! Tu's dir nicht an!

Ernsthaft: Spiele sind trotz allem ein Nischenprodukt. Um damit seinen Lebensinhalt gestalten zu können braucht man ne Menge Glück, Idealismus und nen langen Atem. Denk dran: Von Probespielern und Fachsimpeleien wirst du nicht leben können.

Gruß,
Jerry


PS: Ich empfehle Dork Tower Volume I von John Kovalic zum Thema "Leiden eines Spieleladenbesitzers" (siehe Link)

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Peter

Re: Qualität?

Beitragvon Peter » 14. Mai 2002, 17:24

Stichwort Quantität: Sind nicht gerade die Spiele besonders gut, die mit einfachen Regeln eine Vielzahl von taktischen Möglichkeiten und von unterschiedlichen Spielverläufen bieten?

Grüsse aus Delft Peter.

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Marc

Re: Es ist mehr Quantität als Qualität?

Beitragvon Marc » 14. Mai 2002, 18:04

Hy!
Bin seit 2 Jahren als Ladenbesitzer dabei ( und lebe ! )( noch!?! ).

Qualität/Quantität:
Der Gesellschaftsspielemarkt ist in den letzten 20 Jahren spätestens seit 95 ( DSvC ) vom Volumen her deutlich gewachsen. Also gibt es auch einen größeren Markt für komplexe Spiele. Die Relation ist aber immernoch gleich geblieben.
Auf ein Puerto Rico verkaufe ich 10 Carcassonne. Das wird auch so bleiben.
Aber: es wird immer extremer. D.h. auch der Trend zur "Einfachheit".
Sehr frustrierend, welche Spiele schon zu schwierig sind...kürzlich habe ich z.B.
einer Kundin GEOMAG ( o.k. kein klassisches Spiel, nur ein Beispiel ) für einen 10-jährigen empfohlen. Sie lehnte ab...zu schwierig...für einen 10-jährigen..

Laden:
Es ist ein Abenteuer... überlege es dir zehnmal..
Der Markt für die Freaks ( komplexe Spiele ) ist relativ klein und schon vergeben
( auch die ganzen Versender... ). Im Massenmarkt stehst du in direkter Konkurenz
zu Kaufhäusern und Ketten...
Brettpiele allein geht imho gar nicht. Du brauchst z.B. Fantasyspiele ( Tabletops, Magic ) odeer Holzspielzeug dazu.
Könnte dir jetzt auch Stunden erzählen...

Spieleladenbesitzer ist aber wirklich ein ganz wildes Pferd!

Viele Grüße!

Marc
MF
Viele Grüße auch an die Spieleburg in Lübeck ( Hanno )!


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