Nachdem Supermassive Games die Entwicklung von Little Nightmares III übernommen hat, warteten viele Fans der Spieleserie auf Reanimal, den neuesten Titel von Tarsier Studios. Doch auch wenn der Alptraum des Wartens am 13. Februar 2026 ein Ende nimmt, geht er wortwörtlich weiter. Der neue Titel ist für die PS5, Xbox Series X/S, PC und die Nintendo Switch 2 erhältlich.
Mit 81 von 100 Punkten der Fachpresse sowie 7,5 von 10 Punkten der Nutzerrezensionen auf Metacritic ergibt sich ein sehr positives und weitgehend unumstrittenes Bild des neuen Titels. Vergleiche zu Little Nightmares III bieten sich aufgrund des ähnlichen Spielprinzips natürlich an. Nicht zuletzt, da beide mit einem Startpreis von 39,99 Euro ins Rennen gehen. Der dritte Teil der Little-Nightmares-Reihe konnte mit dem neuen Studio gerade einmal 5,8 von 10 Punkten bei den Nutzern erzielen. Und das, obwohl letzterer zweifellos auch in manchen Aspekten noch etwas von dem Koop-Titel lernen könnte. Warum Reanimal die Spieler im Schnitt trotz der deutlich kürzeren Spielzeit mehr überzeugt, erfahrt ihr im Test.

Das Boot ist euer primäres Fortbewegungsmittel zwischen den verschiedenen Inselbereichen. Damit könnt ihr dem Gefühl der linearen Levelführung ein Stück weit entkommen.
Die Welt von Reanimal – eine Einführung
Das schwedische Studio, das mit „Little Nightmares I und II“ das Genre des atmosphärischen Horror-Plattformers neu definiert hat, kehrt mit einem etwas anderen Nachfolger zurück. Dieser greift nicht nur die bewährten Stärken auf, sondern hebt sie in eine noch tiefere, kooperationsfähige Dimension. Entwickelt mit der Unreal Engine 5 und von THQ Nordic veröffentlicht, ist Reanimal ein Horror-Adventure-Spiel, in dem „Bruder” und „Schwester” in eine verdorbene Version ihrer Heimatinsel geschickt werden. Ihr Ziel ist es, ihre vermissten Freunde zu retten und dem Grauen zu entkommen. Was als einfaches Rettungsabenteuer beginnt, entpuppt sich jedoch als psychologisch zermürbende Reise durch Kindheitstrauma, Verlust und die zerbrechliche Hoffnung auf Erlösung. Schon das Einstiegsbild des Spiels – ein Boot in dichtem Nebel mit zwei kleinen Gestalten darin – verspricht pure Beklemmung.
Die visuelle Präsentation ist atemberaubend: Jede Szene wirkt wie ein handgemaltes Gemälde aus einem vergessenen Albtraum. Mit Reanimal hat Tarsier Studios ein Spiel entwickelt, das Horror und Schönheit auf unheimliche Weise vereint. Die Kameraeinstellung, die beide Charaktere stets im Bild zeigt, verstärkt das bedrückende Engegefühl und erinnert den Spieler ständig daran, dass sie nur gemeinsam aus diesem Alptraum entkommen können.

Das Leveldesign besticht durch seine Details, seine Atmosphäre und seine schaurige Schönheit.
Simples Horrorabenteuer mit Tiefgang
Die minimalistische und interpretative Erzählweise von Reanimal ist typisch für Tarsier Studios. Ihr schlüpft in die Rolle eines Jungen mit einem Sack über dem Kopf und eines Mädchens im weißen Nachthemd mit einer Hasenmaske. Beide sind Waisenkinder, die auf einer Insel aufwachen, die einst ihre Heimat war und nun ein Höllenloch voller mutierter Kreaturen darstellt. Drei Freunde sind verschwunden: Hood, Bandage und Bucket. Die Geschwister müssen sie nacheinander retten – aus einem Eiswagen, einem Leuchtturm und einem Waisenhaus mit einer achtbeinigen „Mutter“. Die Handlung entfaltet sich durch wortloses Storytelling, kurzes Flüstern und visuelle Metaphern. Lange Cutscenes gibt es nicht. Ihr seid fast immer voll und ganz gefordert und könnt euch nur selten zurücklehnen. Stattdessen sammelt ihr Hinweise auf vergangene Rituale, Blutopfer und eine dunkle Vergangenheit, die die Kinder selbst geprägt hat.
Thematisch geht es um Kindheitstraumata, das Wiedererleben schlimmster Momente und die Frage, ob man dem eigenen „Höllenloch“ entkommen kann. Die Geschichte fühlt sich persönlicher und nahbarer an als in Little Nightmares. Während die Welt dort surreal-allegorisch war, ist Reanimal psychologisch tiefergehend. Jede Rettung bringt für einen kurzen Moment Hoffnung – eine Umarmung, ein Flüstern –, doch ihr bleibt stets in der feindseligen Welt zurück. Offensichtlichere Sammelobjekte wie 18 Masken und 20 Poster bieten zusätzlich Motivation zur Erkundung. Die Kampagne dauert etwa vier bis fünf Stunden und fühlt sich dabei nie gehetzt an. Jedes Kapitel bietet eine neue Umgebung, zum Beispiel ein überflutetes Hotel, ein Militärbunker oder ein Schützengraben. Das offene Ende lädt zu Theorien ein. Außerdem ist der Wiederspielwert durch die sehr indirekte Erzählweise höher, da es beim ersten Durchspielen nahezu unmöglich ist, auf all die vielen Details zu achten.

In Reanimal sind Dialoge selten. Oftmals ist es ausreichend, die Szene schweigend ablaufen zu lassen.
Solide Steuerung in rudimentärem Gewand
Reanimal folgt mechanisch der altbekannten Little-Nightmares-Formel. Die Geschwister werden mit minimalistischem Input gesteuert: Laufen, Springen, Interagieren, Gegenstände tragen oder schleudern. Es gibt weder ein HUD noch eine Minimap, lediglich winzige weiße Punkte deuten Interaktionen an. Die geteilte Kamera sorgt dafür, dass beide Charaktere immer sichtbar sind. Das erzeugt bei engen Passagen oder Verfolgungsjagden puren Stress. Im Einzelspielermodus übernimmt die KI den zweiten Charakter relativ zuverlässig, doch der wahre Spaß entfaltet sich im lokalen oder Online-Koop. Hier muss man sich koordinieren: Einer hält den Hebel, während der andere durch einen Spalt kriecht. Einer lenkt ein Monster ab, während der andere einen Freund befreit. Das schafft echte Teamdynamik und Taktikberatungen nach Fehlschlägen. Die Erkundung erfolgt per Boot auf offenem Wasser und zu Fuß auf der Insel. Dadurch wird die Welt weniger geradlinig: Man kann Nebenpfade entdecken, Geheimnisse finden oder einfach die Atmosphäre „genießen“.
Die „Rätsel” sind eher simpel gestaltet. Hebel ziehen, Kisten stapeln, Codes entschlüsseln. Sie sind selten knifflig, dienen aber der Immersion und dem Tempo. Schleich-Abschnitte können dagegen ziemlich nervenaufreibend sein. Ihr schleicht an „Hauthüllen“ vorbei, das sind leere, schlabberige Hüllen ehemaliger Menschen, die plötzlich zuschnappen. Verfolgungsjagden mit riesigen Monstern, wie einem unheimlichen Vogel oder einem mutierten Lamm, erfordern präzises Timing und einen guten Orientierungssinn. Das Kampfsystem ist einfach, aber passend: Mit Messer oder Brecheisen könnt ihr schwache Feinde besiegen oder Barrieren aufbrechen. Es fühlt sich kindlich unbeholfen an – genau wie es soll. Technisch läuft das Spiel flüssig und ohne größere Schwierigkeiten. In wenigen Fällen war die Steuerung etwas hakelig, was manche Abschnitte erschwert hat. Kleinere Bugs zum Release wurden schnell behoben.

Die leeren Haut- bzw. Menschenhüllen sind nur eine Abscheulichkeit, die euch bei Reanimal das Schaudern lehrt.
Reanimal versus Little Nightmares III
Tarsier Studios machen mit Reanimal vieles richtig, was einigen Spielern bei Little Nightmares III gefehlt hat. Auch wenn beide Spiele eine recht rudimentäre Steuerung haben und unterschiedliche Abschnitte bieten, fühlt sich Reanimal dennoch beklemmender und unheimlicher an. Das Kampfsystem von Reanimal kommt zwar häufiger zum Einsatz, bietet jedoch keine nennenswerten Koop-Elemente wie beim letzten Little-Nightmares-Titel. In letzterem hatte jeder seine eigene Waffe mit einer bestimmten Funktion im Kampf, die perfekt auf die anderen abgestimmt werden musste. Insgesamt fällt auf, dass die Rätsel in „Reanimal” deutlich leichter ausfallen und das gemeinsame Knobeln fast komplett wegfällt. Dafür hemmt der Titel von Tarsier Studios den Spielfluss weniger durch Rätsel, die nicht sonderlich intuitiv zu lösen sind. Wer Rätsel mag, für den ist Little Nightmares III die bessere Wahl. Wer ein kurzes, knackiges Spiel voller Atmosphäre bevorzugt, ist mit Reanimal besser bedient.
Einem Spiel, das von den Koop-Elementen lebt, würden generell etwas mehr kooperative Rätsel oder Lösungen zum Weiterkommen guttun. Ein wesentlicher Pluspunkt für „Reanimal” sind zweifellos die steuerbaren Fahrzeuge, die die Welt weniger linear wirken lassen und sich nicht so sehr nach einem Side-Scroller anfühlen. Beide Spiele folgen dem Try-&-Error-Prinzip. Das Scheitern bei manchen Verfolgungsjagden ist mehr oder weniger gewollt, um Stück für Stück zu einer Überlebensstrategie zu gelangen. Allerdings sind die Mechaniken und Strategien in Reanimal sehr viel intuitiver, sodass deutlich weniger Anläufe benötigt werden. Das verursacht weniger Frust und hemmt den Spielfluss nicht so stark. Mit knapp 40 Euro sind beide Spiele angesichts der Spielzeit kein Schnäppchen. Allerdings benötigt ihr das Spiel durch den Freundes-Pass nur einmal. Teilt ihr es also mit einem Freund, bleiben nur noch 20 Euro für jeden.

Um eure Freunde zu retten, bleibt ihr nicht trocken. Bereitet euch auf einen Tauchgang vor!
Anfängliche Kontroverse um den Freundes-Pass
Little Nightmares III konnte bereits zu Beginn im Koop mit nur einer erworbenen Spiellizenz gespielt werden. Hierzu lädt sich der Käufer den Standard-Client herunter und der Mitspieler, der theoretisch auch wechseln kann, den Freundes-Pass-Client. Dieser kann allerdings nicht solo oder mit anderen spielen, wenn der Käufer nicht dabei ist. Aufgrund vieler Nachfragen kündigte Tarsier Studios den Freundes-Pass an, versprach jedoch nicht, dass dieser noch zur Veröffentlichung erscheinen würde. Trotz dieser Warnung im Voraus wurden die Steam-Bewertungen aufgrund des Preises ohne Freundes-Pass mit negativen Rezensionen überflutet. Kurzerhand lieferten die Entwickler die Funktion nach und sind ihrem Konkurrenten damit nun gleichgestellt.

Eine Mine versperrt euch den Weg und ihr habt gerade eine Harpune für euer Boot erhalten. Hmm…
Fazit: Reanimal
Reanimal ist ein Erlebnis, das sich Horror-Fans, Adventure-Liebhaber und alle, die Little Nightmares mochten, nicht entgehen lassen sollten. Tarsier Studios beweisen erneut ihr Können im Erzeugen von Atmosphäre, allen voran mit dem etwas surrealen und abscheulichen Leveldesign, welches die Stimmung erzeugt, die sich viele Spieler des Genres wünschen. Aber auch die emotionale Tiefe kommt in Reanimal nicht zu kurz. Ein bis zwei Kapitel mehr hätten dem Spiel insgesamt vermutlich nicht geschadet. Dennoch wirkt es zu keiner Zeit langweilig oder eintönig. Ob Reanimal oder Little Nightmares III die bessere Wahl ist, ist sicherlich Geschmackssache. Wenn man der Stimmung auf den Kritikerplattformen glaubt, konnte sich Reanimal hier jedoch gegen seinen Konkurrenten durchsetzen.
Der größte Kritikpunkt bleibt letztendlich wohl der Preis im Vergleich zur recht kurzen Spielzeit. Fairerweise muss man jedoch klarstellen, dass auch Little Nightmares mit einer Spielzeit von 5 bis 7 Stunden recht kurz ausfiel. Dafür gibt es deutlich mehr Try-&-Error-Momente und kniffligere, teils frustrierende Rätsel, die für die längere Gesamtspielzeit verantwortlich sind. Wer aktuell von Reanimal nicht genug bekommen kann, sollte sich auf den Sommer 2026 freuen, in dem der erste Story-DLC „The Expanded World” erscheinen soll. Bis März 2027 sollen zwei weitere folgen. Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass hierfür noch einmal 24,99 Euro für den Season Pass fällig werden. Letztendlich hinterlässt Reanimal bei den meisten Spielern einen sehr guten Eindruck und kann euch an mehreren kurzen Abenden nach der Arbeit auf seine ganz eigene, schaurige Art den Tag versüßen.
Transparenzhinweis: Das PC-Spiel „Reanimal“ wurde für diesen Test kostenlos von THQ Nordic zur Verfügung gestellt.