Cinderia

Cinderia im Test – ein düsteres Märchen-Rogue-lite

Märchenadaptionen im Indie-Bereich erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit. Ob düstere Neuinterpretationen bekannter Volksmärchen oder kreative Genre-Mixe: Die Grundidee, klassische Geschichten in ein morbides oder actiongeladenes Gewand zu hüllen, ist nach wie vor reizvoll. Das chinesische Entwicklerteam MyACG Studio hat sich für sein neuestes Projekt Cinderia eine wohlbekannte Vorlage geschnappt denkt, liegt gewaltig daneben.


Darin schicken euch die Entwickler von MyACG Studio in ein düsteres Dark-Fantasy-Rogue-lite im 2,5D-Gewand. Das Spiel befindet sich auf Steam im Early Access und wurde für diesen Test auf Basis der Version Update 0.6.10 genau unter die Lupe genommen. Wir haben uns durch die verfallenen Korridore gekämpft, Raumentscheidungen getroffen und geprüft, ob sich der Einstieg in die Frühentwicklungsphase für euch bereits lohnt.

Cinderia schickt euch in eine zerstörte, verbrannte Welt, in der Asche nicht nur Deko ist, sondern das zentrale Spielelement. Dabei kommt das Rogue-Lite bei den Steam-Spielern gut an, denn 87 Prozent bewerten den Early-Access-Titel positiv. Das Spiel ist seit dem 30. März 2026 erhältlich und wird bis zur finalen Release-Version stetig durch neue Updates und Inhalte erweitert.

von Lilly Thiel

Die Geschichte von Cinderia: Der Untergang eines Reiches

Die Prämisse von „Cinderia” orientiert sich lediglich lose am bekannten Grimm’schen Märchen. Die Geschichte dreht sich um Cinder, eine Prinzessin, die nach einem katastrophalen Ritual in den Ruinen des Palasts erwacht. Der König ist tot, der Hofstaat wurde in mutierte Aschekreaturen verwandelt und die einst blühende Hauptstadt Caelum liegt unter einer dicken Schicht aus magischem Ruß begraben.

Was ist passiert? Das müsst ihr im Laufe der 20- bis 25-stündigen Kampagne selbst herausfinden. Die Erzählweise ist dabei angenehm unaufdringlich. Zwar gibt es vertonte Zwischensequenzen und Dialoge mit den wenigen Überlebenden, doch den Großteil der Hintergrundgeschichte erfahrt ihr über die Spielwelt selbst. Sei es die verbrannten Briefe in den Trümmern des Adelsviertels oder die melancholischen Erinnerungsfetzen, die ihr nach und nach freischaltet. Wer gerne tiefer in die Geschichte eintaucht, sollte also nichts verpassen.

Cinderia - Fähigkeiten

Die Fähigkeiten eurer Heldin wählt ihr zufällig aus und könnt sie dann nach und nach verbessern. Welche Kombination am besten ist, entscheidet jedoch der Zufall, da ihr nie wisst, welche Fähigkeiten zur Auswahl stehen werden.

2.5D-Optik trifft auf düsteren Märchenstil

Bereits in den ersten Minuten wird deutlich, worauf das Team den optischen Fokus gelegt hat: Atmosphäre. Die Spielwelt präsentiert sich in einer stilvollen 2,5-D-Optik. Die dreidimensional modellierten Charaktere und Kulissen werden aus einer seitlichen bis leicht schrägen Perspektive inszeniert. Die Ästhetik fängt den Verfall einer einst magischen Welt eindrucksvoll ein. Überall blicken euch rauchende Trümmer, düstere Wurzelgebilde, verwunschene Ruinen und unheimliche Ascheformationen entgegen. Die grafische Umsetzung kombiniert den Märchencharakter mit harten Dark-Fantasy-Anleihen.

Das Ergebnis ist ein visuell extrem eigenständiges Spiel, das nicht wie ein billiger Klon bekannter Genre-Größen wirkt, sondern eine eigene künstlerische Identität besitzt. Wer auf stimmungsvolle Umgebungen steht, in denen Lichteffekte, Glut und Nebel die Kulisse prägen, wird sich hier vom ersten Moment an heimisch fühlen. Die Präsentation zieht euch direkt in ihren Bann und lässt gleichzeitig auch den spielerischen Mechaniken, die ein Rogue-lite ausmachen, Raum.

Der Ablauf eines Runs in Cinderia

Der Ablauf einer Spielrunde folgt den klassischen Grundregeln des Rogue-Lite-Genres. Ihr startet euer Abenteuer in einer Ausgangsbasis bzw. am Anfang eines Abschnitts. Dann säubert die Räume von gegnerischen Kreaturen und entscheidet euch am Ende eines Gebiets, welchen Pfad ihr als Nächstes einschlagen wollt. Auf dem Bildschirm zur Wegauswahl seht ihr dabei lediglich verschiedene Symbole auf den Toren oder Pfaden. Was diese Symbole bedeuten, erfahrt ihr erst später. Diese Information gibt das Spiel vorerst nicht preis. Erklärende Textbeschreibungen oder Mouse-Over-Tooltips haben wir im Testverlauf (Patch 0.6.10) vergeblich gesucht. Diese werden jedoch früh im Spiel freigeschaltet, auch wenn ihr die Bedeutung der Symbole selbst ohne Erklärungen schnell erlernen würdet.

Seelenfeuer-Wusch

Mit dem Seelenfeuer-Wunsch könnt ihr dauerhaft verschiedene Fähigkeiten verbessern oder eure Lebenspunkte dauerhaft erhöhen.

Die Zufallselemente: Kapuzengestalten und Angelabenteuer

Die vielseitigen Zufallsräume beweisen, dass es sich lohnt, auch mal das Risiko einzugehen und unbekannte Wege einzuschlagen. Rogue-lites leben von der Dynamik zwischen Belohnung, Überraschung und Gefahr – und Cinderia bildet da keine Ausnahme. Bei einem unserer ersten Durchläufe entschieden wir uns für ein Areal mit einem mysteriösen Fragezeichen-Symbol. Anstatt in eine fiese Falle zu tappen oder direkt von einer Horde verfallener Monster eingekreist zu werden, landeten wir in einem überraschend friedlichen Raum. Vor uns erstreckte sich ein ruhiges Gewässer mit einem hölzernen Steg. Darauf saß eine dunkle Kapuzengestalt, die völlig entspannt ihre Angel ins Wasser hielt.

Solche Entdeckungen sind das Salz in der Suppe. Das Spiel reißt euch durch diese Zufallsbegegnungen immer wieder aus dem reinen Zahlen- und Statistikdenken heraus. Anstatt nur Gegenstände zu vergleichen oder Angriffs-Buttons zu hämmern, haltet ihr für einen Moment inne. Ihr beobachtet die Szenerie und fragt euch, was das Spiel als Nächstes für euch bereithält. Genau diese atmosphärischen Atempausen sorgen dafür, dass sich die Welt lebendig und geheimnisvoll anfühlt. Natürlich sind diese Zufallsbegegnungen in den Fragezeichen-Räumen nicht nur atmosphärisch. Ihr könnt beispielsweise Vorteile erkaufen oder durch Handel erlangen. Manchmal müsst ihr auch entscheiden, ob ihr kämpfen wollt oder einen Nachteil in Kauf nehmt, um einen anderen Vorteil zu erlangen. Meist gibt es bei allen Entscheidungen eine gewisse Unsicherheit, die das Spiel spannend macht.

Maulwurfjagd (Minispiel)

Zwischendurch lockern kleine Zufallsbegegnungen und Minispiele wie die Maulwurfjagd die düstere Stimmung immer wieder auf.

Das Kampfsystem in Cinderia und die vier Heldinnen

Kommen wir nun zum Herzstück eines jeden Action-Rogue-lites: dem Kampfsystem und der Charakterauswahl. Wenn diese Mechanik nicht funktioniert, hilft auch die schönste Grafik nichts. Glücklicherweise überzeugt Cinderia in diesen Bereichen auf ganzer Linie. Damit kommen wir zu den aktuell vier spielbaren Charakteren, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da wäre zum einen Rue, eine agile Nahkämpferin mit rotem Kapuzenumhang, die die gegnerischen Reihen zusätzlich mit geworfenen Dolchen ausdünnt. Ihr zur Seite steht die blondhaarige Kanonenschützin Rivet, die auf Distanz für ordentlich Feuerkraft sorgt. Wer es lieber defensiver und wuchtiger mag, greift zu Isdra, der Eisdrachen-Wächterin mit Schwert und Schild. Abgerundet wird das Quartett von Uma, die das Schlachtfeld mit ihren druidischen Kräften beherrscht.

Die verschiedenen Charakteren unterscheiden sich dabei enorm:

Unterschiedliche Waffengattungen: Jede Heldenfigur führt ihre ganz eigenen Waffen ins Feld – von schnellen Nahkampfklingen über magische Fernkampf-Utensilien bis hin zu flächenwirksamen Angriffen.
Völlig eigene Spielstile: Spielt ihr die Nahkämpferin, müsst ihr nah an den Feind heran, Angriffe abpassen und gegnerische Schläge präzise parieren. Entscheidet ihr euch für die Fernkämpferin, wandelt sich Cinderia zu einem taktischen Positions-Shooter, bei dem ihr die Arena lesen und Distanz halten müsst.
Umfangreiches Fähigkeiten-Arsenal: Laut den offiziellen Angaben des Entwicklerteams umfasst der aktuelle Early-Access-Stand bereits über 180 verschiedene Fähigkeiten.

Kein Durchgang wie der andere

Das Zusammenspiel der gewählten Heldenklasse, der ergatterten Relikte und der stetig freischaltbaren Fähigkeiten sorgt für einen hohen Wiederspielwert. Ihr könnt in jedem Durchlauf völlig neue Synergien ausprobieren. Wenn ihr im ersten Durchgang beispielsweise eine blitzschnelle Meuchelmörderin gespielt habt, könnt ihr im nächsten Versuch eure Heldin vielleicht in eine magische Naturgewalt verwandeln, die ganze Gegnergruppen mit Flächenschaden eindeckt.

Der eigentliche Kampffluss fühlt sich dabei extrem flüssig, griffig und direkt an. Die Ausweichmanöver reagieren punktgenau, die Animationen sind dynamisch und das Trefferfeedback vermittelt ein gutes Gefühl von Wucht. Wer in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt und seine Ausweichrollen richtig timt, wird mit einem fantastischen Flow belohnt.

Cinderia - Boss

Nach jedem Levelabschnitt bzw. Biom trefft ihr einen Boss. Aber Vorsicht: Die haben es in sich!

Das Sprach- und Textproblem

In den Einstellungen bietet Cinderia zwar eine deutsche Sprachauswahl an, diese ist jedoch noch weit von einem sauberen Zustand entfernt. In mehreren Menüs und Dialogfenstern überlappt der deutsche Text unschön die vorgesehenen Rahmen oder wird abgeschnitten. Zudem fehlen an manchen Stellen Übersetzungen komplett oder sie wirken holprig. Wer das Spiel ohne optische Schönheitsfehler genießen möchte, schaltet am besten vorerst auf die englische Sprachausgabe um, denn dort passt die Textformatierung tadellos.

Ein Blick in die Audio-Optionen lässt zunächst hoffen. Dort existiert bereits der Regler für „Sprachlautstärke“. Wer jedoch versucht, den Regler zu verstellen, wird feststellen, dass dieser im aktuellen Build ausgegraut ist. Eine Vertonung gibt es derzeit noch nicht. Die Existenz der Audio-Option lässt jedoch vermuten, dass das Team eine Vertonung für spätere Updates plant.

Soundkulisse und Balancing

Die Hintergrundmusik und die Umgebungsgeräusche – wie das Pfeifen des Windes oder das Knistern der Glut – fangen die düstere Grundstimmung perfekt ein. In hektischen Kämpfen fehlt es den Soundeffekten jedoch noch etwas an Durchschlagskraft. Wenn gewaltige Explosionen oder schwere Treffer der Bosse erfolgen, wirkt das akustische Feedback stellenweise noch etwas dünn. Zudem schwankt das Balancing der Fähigkeiten derzeit noch spürbar: Einige Skill-Kombinationen machen euch fast unsterblich, während andere Builds im späteren Verlauf kaum Schaden anrichten.

Entscheidungen

In Cinderia werdet ihr vor Entscheidungen gestellt, die selten nur Vorteile haben. Es gibt kein Falsch oder Richtig, sondern nur die für euren Spielstil und eure Situation beste Entscheidung.

Fazit Cinderia: Ein Rohdiamant mit echtem Potenzial!

Lohnt sich der Einstieg in Cinderia für euch bereits zum jetzigen Zeitpunkt? Die Antwort hängt ganz davon ab, was ihr von einem Spiel im Early Access erwartet.

Wenn ihr ein durchgestyltes, lückenlos poliertes Gesamtpaket erwartet, bei dem jede Menüzeile auf Deutsch perfekt sitzt und die Dialoge professionell eingesprochen sind, solltet ihr Cinderia erst einmal auf eure Steam-Wunschliste setzen und spätere Update-Patches abwarten. Seid ihr jedoch Fans von Dark-Fantasy-Roguelites, schätzt ein flüssiges Kampfsystem und habt keine Probleme damit, das Spiel vorübergehend auf Englisch zu stellen oder über kleine Textfehler hinwegzusehen, dann bekommt ihr schon jetzt verdammt viel Spielspaß geboten. Das spielerische Fundament, welches MyACG Studio mit den vier einzigartigen Heldinnen, den über 180 Fähigkeiten und den knackigen Kämpfen gelegt hat, ist extrem stark.

Wenn die Entwickler die verbleibende Zeit im Early Access nutzen, um die Lokalisierung aufzupolieren, den Symbolen im Wegauswahl-Menü Beschreibungen zu spendieren und am Sound-Balancing zu feilen, könnte uns zum finalen Launch ein echtes Highlight im 2.5D-Roguelite-Bereich bevorstehen.

Transparenzhinweis: Das PC-Spiel „Cinderia“ wurde für diesen Test kostenlos von MyACG Studio zur Verfügung gestellt.

Editorial Score:
Based on 5 categories.
7.8
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Testurteil: Cinderia

Für Liebhaber des Rogue-lite-Genres im Dark-Fantasy-Stil ist Cinderia schon jetzt im Early Access ein vielversprechendes Abenteuer.
Cinderia im Test
Präsentation 9
Spieldesign 8
Atmosphäre/Story 7
Balance 6
Umfang 9

PROS

  • flüssiges Kampfsystem
  • spannende Zufallsbegegnungen
  • viele Builds durch 180 Fähigkeiten
  • düstere, stimmungsvolle Atmosphäre
  • vielfältige Spielweise dank vier Helden

CONS

  • fehlende Sprachausgabe
  • Balancing noch unzureichend
  • Story noch unzureichend erzählt
  • deutsche Lokalisierung noch unvollständig