Mit The Blood of Dawnwalker hat das polnische Studio Rebel Wolves einen Raketenstart hingelegt. Bis zur Veröffentlichung am 3. September 2026 wurde das Spiel heiß im Internet diskutiert und sehnlich erwartet. Der Start lief so gut, dass die Entwickler bereits DLCs und eine Fortsetzung angekündigt haben.
Auf Metacritic erreicht das neue Rollenspiel 84 von 100 Punkten bei der Presse sowie 8,1 von 10 Punkten bei den Nutzerbewertungen. Auf Steam empfehlen 88 Prozent der Rezensenten das Spiel weiter. Die Hauptkritik am neuen Vampir-Abenteuer ist die begrenzte Zeit, die für die Erledigung von Quests und anderen Nebenaufgaben zur Verfügung steht. Ob das allerdings wirklich ein so großer Nachteil ist und wie sich The Blood of Dawnwalker in anderen Bereichen schlägt, erfahrt ihr hier im Test.
Die Story von The Blood of Dawnwalker
Das polnische Entwicklerstudio Rebel Wolves wurde von ehemaligen Entwicklern des äußerst erfolgreichen Rollenspiels „The Witcher 3” gegründet – und das ist in jeder Facette des neu erschienenen Titels spürbar. Dazu gehört auch die düstere und gut erzählte Geschichte von „The Blood of Dawnwalker”. Sie spielt im Tal von Sangora, einem gotischen Königreich im Europa des 14. Jahrhunderts. Die Welt ist von der Geschichte, den Mythen und der Folklore aus Ländern wie Ungarn und Rumänien inspiriert. Ihr schlüpft in die Rolle von Coen, der mit seinen Eltern und Geschwistern in Laslea lebt. Einst wurde seine kleine Schwester Lunka schwer krank, denn die Pest zog über das Land und dezimierte die Bevölkerung. Um die Krankheit einzudämmen, wurden Erkrankte getötet und verbrannt. Im Vorschau-Trailer, der vor dem Spielstart gezeigt wird, sehen wir, wie Coen verfolgt wird, da Soldaten seine erkrankte Schwester töten wollen.
Im letzten Moment greifen die Vampire – hier Vrakhiri genannt – ein: Der Obervampir Brencis rettet Lunka vor ihrer Ermordung und heilt sie von der Pest, indem er sie sein Blut trinken lässt. Der damalige Herrscher wurde daraufhin gestürzt und die Vrakhiri übernahmen die Herrschaft. Zwar terrorisieren sie die menschliche Bevölkerung und fordern bei monatlichen Messen eine brutale „Blutsteuer“, doch im Gegenzug nutzen sie ihr vampirisches Blut auch als medizinisches Tauschmittel, da es die Menschen von der Pest heilen kann. Einige Rebellen schließen sich zu den Manomiten zusammen, um gegen die Vrakhiri einen Aufstand in Laslea zu planen. Die Gruppe kämpft im Untergrund gegen die Herrschaft der Vrakhiri und schmuggelt unter anderem Silberwaffen und -pfeile, da Silber die größte Schwachstelle der Vampire ist.

Brencis hat eurer kleinen Schwester das Leben gerettet, aber er sollte nicht auf Coens ewige Dankbarkeit hoffen.
Das umstrittene Zeit-Feature
Der Plan, in der geschlossenen Silbermine reichlich Reserven abzubauen, schlug fehl, was zu einem Blutbad führte. Dabei durchsticht Brencis mit seinem Zahn das Herz von Coen, um ihn in einen Vrakhiri zu verwandeln. Doch sein Plan misslingt und Coen wird stattdessen zum Dawnwalker. Der Unterschied zu den Vrakhiri besteht darin, dass Coen am Tag ein Mensch ist und nur nachts zum Vampir wird. Alle Versuche von Brencis, Coen zu töten, misslingen. Deshalb nimmt er schließlich Coens Familie gefangen. Nun habt ihr 30 Tage Zeit, um eure Familie vor der „Blutmesse“ zu retten. Dieses Zeitlimit ist die zugleich umstrittenste und besondere Funktion im Spiel. Zunächst könnt ihr jedoch unbesorgt sein, dass euch die Zeit fehlt, um die Welt zu erkunden. Im Spiel vergeht nur dann Zeit, wenn ihr bestimmte Aktionen durchführt. Dazu zählen beispielsweise Quests, Nebenmissionen, optionale Dialoge, Soldatenlager und viele andere Points of Interest auf der Karte.
In Dialogen werdet ihr vorher auf die verbrauchte Zeit hingewiesen. Bei vielen Truhen könnt ihr zunächst hineinschauen und dann entscheiden, ob euch der Inhalt die Zeit wert ist. Manche Missionen verbrauchen jedoch auch Zeit, wenn ihr einen Gegner erledigt. In diesem Fall seht ihr den Zeitverbrauch, sobald ihr in der Nähe seid und könnt dann entscheiden, ob euch der Inhalt die Zeit wert ist. Durch regelmäßiges Speichern könnt ihr den Spielstand zuvor laden und einen unnützen Zeitverbrauch rückgängig machen. Am Anfang kann diese Funktion etwas störend sein, jedoch werdet ihr schnell bemerken, dass 30 Spieltage sehr viele Aktionen ermöglichen. Ihr könnt auch nach dem Durchspielen den letzten Speicherstand vor dem Endkampf laden und die Zeit ablaufen lassen. Aus eurer Rettungsaktion wird dann in der Geschichte ein Racheplot und ihr könnt ab hier die Zeit ignorieren.

Während der Blutmesse spenden die Dorfbewohner den Vakhiri Blut und trinken im Gegenzug deren Blut, um sich vor der Pest zu schützen.
Zeit sinnvoll investieren
Auch wenn die Entwickler von „The Blood of Dawnwalker 2” bereits angekündigt haben, diese Funktion nicht erneut ins Spiel einzubauen, kommt sie insgesamt besser bei den Spielern an als zuvor befürchtet. Es stärkt zweifellos die Immersion im Spiel. Schließlich war es immer etwas seltsam, dass Geralt in „The Witcher” unbedingt seine Ziehtochter Ciri finden möchte, aber keine Mission auslässt, egal wie banal sie ist, und seine Zeit investiert, um Profi-Spieler in Gwent zu werden. In „The Blood of Dawnwalker” müsst ihr ständig Prioritäten abwägen, was den Fokus immer wieder auf das eigentliche Ziel zurücklenkt: eure Familie zu retten. Das steigert auch den Wiederspielwert. Allerdings ist dieser ohnehin hoch, denn es gibt Entscheidungen, die euch teilweise lange Questreihen komplett entgehen lassen.
Insgesamt zeigt das Spiel euch gut die Konsequenzen eurer Handlungen. So stellen euch beispielsweise drei Leute auf dem Weg zum Questziel in den Weg und ihr entscheidet euch, sie zu töten. Später kehrt ihr in das Haus zurück, wo die Angehörigen bereits auf euch warten, um ihr Familienmitglied zu betrauern und euch mit eurer Tat zu konfrontieren. Um mit der Ressource Zeit sinnvoll umzugehen, empfiehlt es sich, Questgebern niemals zu einem Ort zu folgen. Das verbraucht Zeitsegmente. Wählt hier einfach die Option, sich später vor Ort zu treffen, um keine Zeit zu verschwenden. Vor allem sollte die Funktion an den Schnellreisepunkten, Zeit im Spiel vergehen zu lassen, vermieden werden. Viele optionale Dialogoptionen verbrauchen Zeitsegmente, ohne wirklich neue Möglichkeiten freizuschalten. Auch das Ausmerzen von Soldatenlagern oder das Helfen von Personen in Not bietet nur wenig sinnvolle Beute.

An einem Bildstock könnt ihr schnellreisen, Talentpunkte verteilen und erhaltet Zugriff auf eine riesige Truhe.
Die lebendige Welt von The Blood of Dawnwalker
Es kostet viele Zeitsegmente, die Wutanzeige der Bojaren zu füllen. Das sind die drei Gefolgsleute von Brencis. Ambrus, Bakir und Xanthe könnt ihr provozieren, indem ihr kleine Missionen auf der Karte abschließt, bis sie euch zum Kampf herausfordern. Teilweise könnt ihr sie auch ohne vorherige Provokation finden oder sogar ohne Kampf erledigen. Ihr könnt sie auch nicht töten und für eure eigenen Zwecke nutzen. Eure Entscheidungen haben enormen Einfluss darauf, wie der Kampf gegen Brencis ablaufen wird und wie leicht ihr zu ihm gelangt. Wenn ihr die Bojaren beispielsweise ignoriert, tauchen sie am Ende als Minibosse auf. Viele andere Missionen bieten euch die Möglichkeit, den Kampf oder den Weg zum Boss zu erleichtern. Ihr könnt auch eure Zeit darauf verwenden, möglichst gute Ausrüstung zu finden und eure Fähigkeiten stark aufzuleveln, sodass ihr gar nicht auf Hilfe angewiesen seid.
Insgesamt wirkt die Welt sehr lebendig. Eure Entscheidungen beeinflussen, wie andere auf euch reagieren. Während ihr anfangs noch relativ unerkannt durch die Stadt laufen könnt, kennen euch nach und nach immer mehr Menschen. Je höher eure Wutstufe ist, desto mehr Wachen werden eingesetzt und desto höher werden eure Preise bei Händlern. Es gibt auch einige Missionen, die ihr innerhalb einer bestimmten Zeit erledigen müsst, da sie sonst scheitern. Wenn ihr also jemandem versprecht, in der nächsten Nacht zurückzukommen, dann aber die Zeit mit etwas anderem vertrödelt, wird das Konsequenzen haben. Letztendlich könnt ihr an einem starken Mix aus guter Ausrüstung, hohem Level und vielen Verbündeten arbeiten. Allerdings funktionieren nicht alle diese Faktoren gleichzeitig zu 100 Prozent. Das ist jedoch auch gar nicht notwendig. Theoretisch könnt ihr nach dem Prolog, ähnlich wie bei „Zelda: Breath of the Wild”, direkt zum Endboss gehen und ihn besiegen.

Mithilfe des Zaubers „Seelenzwang” könnt ihr mit manchen Toten sprechen und ihre letzten Erinnerungen für euch nutzen.
Grafisch etwas aus der Zeit gefallen
„The Blood of Dawnwalker“ überzeugt mit einer starken Geschichte, Erzählung und Atmosphäre, hat aber auch einige Schwächen. Die Grafik ist zweifellos akzeptabel und stört nicht. Sie erreicht jedoch nicht das Niveau, das viele andere Rollenspiele heute schon erreichen. Insbesondere die Mimik und Gestik der Charaktere wirken nicht mehr zeitgemäß. Davon können auch die großartige deutsche Synchronisation und die epische musikalische Untermalung nicht ablenken. Aktuell gibt es zudem vermehrt Clippingfehler und flackernde Licht- und Schatteneffekte, die das Gefühl vermitteln, lediglich ein Videospiel zu spielen.
Das Kampfsystem muss sich zwar nicht verstecken, gehört aber auch zu den Schwächen des Titels. Um Angriffe zu blocken, müsst ihr nicht nur im richtigen Moment die passende Taste drücken, sondern auch in die Richtung lenken, in die der Gegner schlägt. Diese Mechanik ist bereits aus Kingdom Come: Deliverance oder For Honor bekannt. Gerade am Anfang braucht es bei vier bis sechs Gegnern etwas Übung. Teilweise wird es aber auch später noch schnell unübersichtlich und hektisch. Hinzu kommt der Nachteil, dass die Gegnervielfalt gering ist. Im Spielverlauf kommt nichts Neues hinzu. Zwar ist das Timing der Angriffe unterschiedlich, aber es macht keinen großen Unterschied, ob ihr es mit einem Wolf oder einem Soldaten zu tun habt.

The Blood of Dawnwalker hat aktuell noch kleinere technische Probleme, die durch künftige Patches behoben werden müssen.
Fazit zu The Blood of Dawnwalker
Mit „The Blood of Dawnwalker” hat Rebel Wolves zweifellos einen neuen Titel auf den Markt gebracht, der uns mit DLCs und Fortsetzungen noch lange begleiten wird. Die Ähnlichkeit zu The Witcher in Bezug auf die Erzählweise, den epischen Soundtrack und die Missionen spricht eine große Fangemeinde an, die diesen Ableger dankend annimmt. Auch wenn das Rollenspiel in puncto Kampfsystem, Grafik und Feintuning des Zeitsystems noch Schwächen aufweist, sind die Stärken umso spürbarer. Nur wenige Titel schaffen es, die Spieler so sehr in die virtuelle Welt zu ziehen, dass sie sich wie ein Teil dieser fühlen, was The Blood of Dawnwalker durch viele Entscheidungen und spürbare Konsequenzen zu einem echten Rollenspiel macht. Für alle Rollenspiel- und vor allem Witcher-Fans ist das Vampir-Abenteuer der wichtigste Spielekauf des Jahres 2026.