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Wenn Ideen Flügel bekommen...

Das ehemalige spielbox-Spielerforum
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Peter Steinert

Wenn Ideen Flügel bekommen...

Beitragvon Peter Steinert » 3. Februar 2005, 14:26

Hallo Spieleautoren und solche, die es gern wären ;-)

Nach einigen Jahren der Sammelleidenschaft widerfuhr mir etwas ganz Normales: Ein eigenes Spiel musste her, gute Ideen gab es, Spieleverlage reichlich, also nachdedacht, gebastelt, gemalt, geklebt, getestet, Kontakte mit Verlagen aufgenommen und auch den einen oder anderen Prototypen abgeschickt.
Nun, so weit ja nichts Ungewöhnliches.
Was aber besonders in den letzten acht, vielleicht zehn Jahren immer wieder passierte, hätte gut und gerne zur einen oder anderen kahlen Stelle am Erfinderhaupt führen können.

Vor einigen Jahren geschah es zum ersten Mal. Mit meiner neuesten Idee war ich sicher, die Solitär-Puzzlewelt zu revolutionieren. Was Herr Rubik geschafft hatte, das würde ich locker toppen. Ein unsichtbares Labyrinth im Innern einer Röhre! Dort hindurch muss ein Stab navigiert werden, der an einem Ende einen Zapfen besitzt, welcher durch das Labyrinth navigiert werden muss, bis beide Teile sich auseinander nehmen lassen. Gesägt, tun getan :-D
Kaum war der erste Prototyp geplant, da entdeckte ich während meiner Ausbildung in einem Spielzeuggeschäft die Ultimative Neuheit, welche die Spielewelt revolutionieren wollte: Eine Röhre mit einem unsichtbaren Labyrinth im Innern, durch das ein Stab...

Macht ja nix, nur nicht entmutigen lassen, dacht ich mir. Als positive Erfahrung nahm ich aus diesem Schicksalsschlag immerhin mit, dass meine Idee einen Markt hatte und günstig sowie funktional umsetzbar war. Während meiner Arbeit an einem Spiel, welches räumliches Vorstellungsvermögen schulen sollte, vergaß ich das Röhrenlabyrinth allmählich (die Puzzlegemeinde übrigens auch).
Mein neuester Streich war also zur Versendung bereit, da traf mich ein Doppelschlag: Meine Idee, In Gedanken einen Würfel in verschiedene Richtungen zu drehen und möglichst schnell seine neue Position zu nennen, begegnete mir kurz vor Fertigstellung des Prototyps bei einem Kleinverlag in Essen. Konnte das sein? Bei meiner Recherche fand ich dann noch ganz nebenbei heraus, dass dieser Mechanismus bei der Ausbildung von Piloten den längsten aller Bärte hatte...

Hey, kein Problem, ich bin ja noch längst nicht am Horizont meiner Kreativität angelangt! So motiviert stürzte ich mich in mein bisher ambitioniertestes Projekt: Ein Tempel-Bauspiel, das ausschließlich mit Spielkarten funktioniert, welche die einzelnen Ebenen darstellen. Die ersten Testspiele verliefen sehr viel versprechend, so dass einer Weiterentwicklung nun wirklich nichts im Wege stand - bis zur Veröffentlichung von "Babel" bei Kosmos jedenfalls. Ich habe die Spielkarten aus meinem Prototyp dann als Notizzettel für Lebensmitteleinkäufe bei Aldi verwendet...

Was also geht hier vor? Habe ich das zweite Gesicht? Bin ich einfach nur zu langsam? Nein, ich denke, die Konkurrenz und Marktanalyse der Verlage hat eine neue Dimension erreicht. Hier werden nachts, während ich schlafe, heimlich Fotos meiner Prototypen gemacht. Größere Verlage der Szene beherrschen vielleicht auch schon das Scannen von Gehirnströmen.

Ging es Euch auch schon so wie mir? Wie geht Ihr damit um? Ist es vielleicht so, dass die Entwicklung von Spielen durch eine gewisse Sättigung und Routine mittlerweille oft vorhersehen lässt?

Forschende Grüße
Peter

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Peter Gustav Bartschat

Re: Wenn Ideen Flügel bekommen...

Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 3. Februar 2005, 15:10

Ich tippe mal:

- Alle Autoren und Erfinder sind Epigonen: Sie bauen auf Leistungen vergangener Generationen auf; für manche Leistungen müssen eine Menge Vorleistungen erbracht werden. (Der Film wurde Ende des 19. Jahrhunderts in mehreren Ländern fast gleichzeitig erfunden, als die Vorleistung "eine lichtempfindliche Kristallschicht auf Zelluloid auftragen" erbracht war.)
Frühestens dann, wenn eine bestimmte Vorleistung erbracht ist, kann man auf eine daraus folgende Idee überhaupt erst kommen - auf die kommen dann aber oft mehrere findige Köpfe gleichzeitig.

- Ideen habe oft Auslöser: Etwas dass man gesehen hat, im Prinzip ganz interessant fand, aber selbst besser machen kann - mit dem im Hinterkopf man dann seines Weges geht und es brüten und reifen lässt, während dasselbe gleichzeitig auch in anderen Köpfen brüten und reifen mag.
Wer weiss, wieviele Leute von den Essener Spielertagen mit derselben neuen Spielidee heimfahren, weil sie alle beim Anblick desselben Sowiesos dieselbe Idee hatten.

Peter Steinert schrieb:
> Wie geht Ihr damit um?

Am allerbesten, denke ich, geht man damit genau so um, wie du es für dich schon beschlossen hast, lieber Peter:

> Macht ja nix, nur nicht entmutigen lassen

Mit einem lieben Gruß
Gustav

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Marc W.

Re: Wenn Ideen Flügel bekommen...

Beitragvon Marc W. » 3. Februar 2005, 16:02

Ich hatte mal vor x Jahren die Idee "auf Achse" für PBM aufzubereiten und dann hatte es schon einer (Matthias Sachs?) gemacht.

Lukrativer wäre bestimmt eine andere Idee gewesen:. Als UMTS frisch ins Gerede kam, suchten die Firmen nach einer Killer-Applikation. Ich, gerade eine kleine Kamera gekauft, stellte fest, dass es doch das Beste wäre, wenn ich die Bilder gleich auf einen Server schicken könnte. Nie mehr volle Filme oder volle Speicherkarten. Aber die Mobilfunkhersteller haben dann lieber Kameras in Handy integriert und nicht Handys in Kameras.

Marc

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Martin

Re: Wenn Ideen Flügel bekommen...

Beitragvon Martin » 3. Februar 2005, 16:59

Peter Steinert schrieb:
>
> Was also geht hier vor? Habe ich das zweite Gesicht? Bin ich
> einfach nur zu langsam? Nein, ich denke, die Konkurrenz und
> Marktanalyse der Verlage hat eine neue Dimension erreicht.

Nicht der Marktanalyse, sondern der Marktposition der Verlage kommt die entscheidende Bedeutung zu.
Es gab da z.B. mal jemand, der erfand ein Spiel mit Sechsecken, die als Landschaftsfelder einen variablen Spielplan bildeten.

Würde man heute bei Günther Jauch das Publikum befragen, bei welchem Spiel erstmalig dieses Prinzip angewandt wurde, würden sicherlich 90 % SvC angeben und der arme Kandidat wäre ausgeschieden.

Es soll ja sogar Leute geben, die glauben, dass Mattel mit UNO ein neues Spiel erfunden hat...

Also lieber Peter,
kümmere Dich nicht um die Ideen anderer, sondern such Dir einen großen Verlag
der Deine guten Ideen so perfekt vermarktet, dass jeder glaubt, Du hättest sie zuerst gehabt ;) .

Martin

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Finlaggan
Spielkamerad
Beiträge: 41

Re: Wenn Ideen Flügel bekommen...

Beitragvon Finlaggan » 3. Februar 2005, 18:23

Ich hatte diesen "Hättest du nur schneller..."-Effekt bisher nur einmal: Anfang der 80er dachte ich als leidenschaftlicher Panini-Fußball-Bundesliga-Sammelbild-Einkleber, man müsse doch mit den Bildern (insbesondere mit den doppelten, die man nicht ins Album klebt und auch nicht tauschen kann) auch ein Spiel aufziehen können, wenn man den Fußballern verschiedene Eigenschaften zuordnet und das Ganze in ein Regelwerk einbettet.

Leider war ich damals erst zehn und aus den hochfliegenden Ideen ist nichts geworden, bis schlauere Leute die Idee hatten, mit immensem Marketing-Getöse Spiele wie "MAGIC: The Gathering" auf den Markt zu werfen und sich damit eine goldene Nase zu verdienen, weil der Sammelaspekt für genügend Leute im Vordergrund stand und steht. Bei Panini konnte man fehlende Bilder wenigstens nachbestellen.

Gruß,

Finlaggan

(Okay, die Grafiken auf den Magic-Karten waren auch ansehnlicher als die Fußballer mit der Vokuhila-Frisur...)

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Roman Pelek

Re: Wenn Ideen Flügel bekommen...

Beitragvon Roman Pelek » 4. Februar 2005, 22:14

Hi Peter,

Peter Steinert schrieb:

> Was also geht hier vor? Habe ich das zweite Gesicht? Bin ich
> einfach nur zu langsam? Nein, ich denke, die Konkurrenz und
> Marktanalyse der Verlage hat eine neue Dimension erreicht.
> Hier werden nachts, während ich schlafe, heimlich Fotos
> meiner Prototypen gemacht. Größere Verlage der Szene
> beherrschen vielleicht auch schon das Scannen von
> Gehirnströmen.

Ganz falsche, verstiegene Weltverschwörungstheorie. Du solltest Dich mal auf Paranoia untersuchen lassen. Denn die Erklärung ist so einfach wie rational: SIE sind Borg. SIE haben uns assimiliert, ohne dass wir es mitgekriegt haben und saugen unsere Persönlichkeit, unsere Kreativität ins Kollektiv auf :-))

> Ging es Euch auch schon so wie mir? Wie geht Ihr damit um?

Sicherlich geht's den anderen auch so. Egal, was man macht, man rennt erstmal gegen 99 Wände, bevor man die 100. mit dem Ausgang findet. Nuja, wie geht man damit um? Mein Tipp: Kiefernholz ist weich genug, um das Gebiss nicht nachhaltig zu schädigen, wenn man vor Frust mal in die Tischkante beißen möchte ;-) Nein, um mal ernst zu sein: Deine Schilderungen sind wahrlich nicht untypisch, diesen Frust kennen allzu viele in der Spieleszene nur allzu gut.

Ciao,
Roman

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RoGo

Re: Wenn Ideen Flügel bekommen...

Beitragvon RoGo » 5. Februar 2005, 00:24

Hallo Peter,
als wir auf die Idee mit den Rauten kamen, habe ich Nächte lang schlecht geschlafen. So etwas Einfaches mußte es schon geben. Und tatsächlich Reinhold Wittig hatte schon mehrere Spiele veröffentlicht, die ich mir sofort über ebay besorgt habe und dank des Puzzle-Characters wieder etwas beruhigt war.
Der ökonomisch viel erfolgreichere Geomag-Mensch hat sicher auch Blut und Wasser geschwitzt und zuletzt würde ich bei Thorsten Gimmler mit seinem geschenkt-Mechanismus auf schwerste Adrenalinstöße tippen.
Fröhliche Grüße
Roland

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Roman Pelek

Re: Wenn Ideen Flügel bekommen - Nachtrag...

Beitragvon Roman Pelek » 5. Februar 2005, 02:06

Hi Peter,

eine nette Anektdote hätte ich dann doch noch zu später Stunde, nämlich einen Ausspruch des Architekten Helmut Jahn, der sinngemäß lautete: "Die Kunst besteht nicht darin, Neues zu erfinden, sondern Unwesentliches wegzulassen."

Ciao,
Roman

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Heinrich Glumpler

OT: Sprüche

Beitragvon Heinrich Glumpler » 5. Februar 2005, 09:28

Hi,

Kunst und Schönheit haben wohl irgendwo was gemeinsam, denn...

"Beauty is the purgation of superfluities."
- Michelangelo

Grüße

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Peter Gustav Bartschat

Re: OT: Sprüche

Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 5. Februar 2005, 09:55

Heinrich Glumpler schrieb:
> "Beauty is the purgation of superfluities."
> - Michelangelo

Wenn er das auf englisch gesagt hat, dann war´s vermutlich nicht dieser Michelangelo ...

http://www.jimpoz.com/quotes/images/speakers/michelangelo.jpg

... sondern jener:

http://charltonhestonworld2.homestead.com/files/CH-Agony9.JPG

;-)

Mit einem lieben Gruß
Gustav

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Steffen Brückner
Kennerspieler
Beiträge: 116

Re: Wenn Ideen Flügel bekommen...

Beitragvon Steffen Brückner » 5. Februar 2005, 22:21

Hallo Peter,

die emotionale Ebene deiner Schilderung kommt mir auch irgendwie bekannt vor, wobei ich sagen muss, dass die erste schockartige Adrenalinlast bei mir sich dann nach näherer Betrachtung der jeweiligen Auslöser (d.h. der soeben erspähten neu veröffentlichten Spiele) doch immer wieder gelegt hat, da sie sich dann letztlich - zumindest für mein persönliches Empfinden - doch noch genügend von meinem Projekt unterschieden.

Allerdings veröffentlicht sind die trotzdem noch nicht ;-)

Als denn...mitbibbernde Grüße
STB


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