Beitragvon Dirk Remmecke » 18. Oktober 2000, 12:36
Selbst unter Rollenspielern ist das eine Art von Glaubensfrage...
Mir selbst machen sogenannte "Eins-zu-Eins" Abenteuer keinen Spaß. Für mich lebt das Rollenspiel von der Interaktion der Spieler - als Spielleiter liebe ich es, die Spieler in Situationen zu werfen und mich dann zurückzulehnen und zu beobachten, wie sie *untereinander* reagieren. (Etwa so wie in dem neuen Herr der Ringe-Brettspiel, obwohl sich die Reaktionen dort eher auf abstrakt-taktische Fragen beziehen als auf charakterlich und Geschichten-orientierte.)
Aber das ist nur meine Meinung.
Ich kenne auch *sehr* viele Rollenspieler, die das "Eins-zu-Eins"-Spiel für die intensivste Rollenspielerfahrung überhaupt halten, weil der Spielleiter sich zu 100% auf den einen Spieler konzentrieren kann und *dieser* Spieler garantiert der Held der Geschichte sein wird. Im Gruppenspiel wird der Spielleiter seine Aufmerksamkeit auf mehrere Leute aufspalten müssen und in einem Abenteuer gibt es so Momente, in denen die Rolle eines Spielers nicht gefragt ist, es nichts zu tun gibt oder die Gruppe sich gar an zwei verschiedenen Orten aufhält. Im "Eins-zu-Eins" geschieht das nicht.
Im "Eins-zu-Eins" sind aber auch Geschichten möglich, die man als Gruppenspiel gar nicht spielen kann. Eine James Bond-artige Geschichte von einem Helden, der sich undercover bewegt und detektivisch arbeitet, ist mit einer Gruppe eher schwierig umzusetzen. Eine Entwicklungsgeschichte wie Hans Bemmanns "Stein und Flöte" ist als Gruppenspiel kaum möglich. Wie würde Michael Endes "Momo" als Gruppenabenteuer aussehen, "Die unendliche Geschichte", oder Stephen Kings "Augen des Drachen"?
"Eins-zu-Eins" ist eher etwas für Leute, die gerne charakter-getriebene Geschichten spielen (im Gegensatz zu plot- oder situations-getriebenen Abenteuern). Wer lieber des Wesens einer fiktiven Figur ausloten und ausspielen will, ist mit "Eins-zu-Eins" besser bedient als mit Gruppenspiel, wo der Charakter in mitunter konkurrierenden Interessen untergehen kann - oder sich manche Spieler gar nicht zum Ausspielen ihrer Figur trauen, weil sie fürchten, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, wenn sie konsequent mit verstellter Stimme sprechen usw.
"Vampire" ist für mich das Paradebeispiel eines Rollenspieles, das seine Stärke erst im "Eins-zu-Eins"-Spiel zeigt. (Wenn wie in Anne Rices "Gespräch mit dem Vampir" *ein* Vampir in Selbstmitleid schwelgt und sein Schicksal beweint, ist es bewegendes Drama - wenn das im Rollenspiel fünf Leute an einem Tisch machen, wirkt es einfach nur lächerlich...)
Dirk