Beitragvon Roman Pelek » 31. März 2001, 02:25
Hi Heinrich,
[Kreativität]
>Ich stimme vorbehaltlos zu, dass bestimmte Spiele die Kreativität tatsächlich fördern, habe aber gerade bei den im letzten und diesem Jahr erschienenen Spielen doch den Eindruck, dass sie gerade die Kreativität in keiner Weise fördern - es handelt es sich oft genug um Regelwerke, die verschiedene Taktiken zulassen und eher den "Problemlöser" bevorteilen als den "Kreativen".<
Hm, da kann man sich vortrefflich darüber streiten. Auch für mich ist Kreativität mehr als Problemlösen, für mich ist Kreativität etwas wie ein Synonym für "man setzt sich seine eigenen Regeln, um ein Problem zu lösen". Manche spielen engen den Freiraum dafür durch restriktive Regeln natürlich soweit ein, dass da kaum Platz übrig ist. Andererseits eröffnen viele andere ungenaue Regeln mehr als nötigen Platz für "Kreativität".
>Kreativität kann sich meines Erachtens nur dort entfalten, wo ein gewisser Freiraum vorhanden ist - und der fehlt mir bei (ich tippe mal auf) 80% der Neuheiten.<
Wieder auf Werbetournee für "1001 Nacht", hm? ;-)
Aber mal Scherz beiseite: was ist denn an Kreativität soviel besser als am logischen Problemlösen oder umgekehrt? Und, zudem, erfüllen meines Erachtens viele Strategiespiele ihre Aufgabe besser als die sog. kreativen Spiele ("Wie, Dir fallen nur 29 Begriffe mit 'B' am Anfang ein, die die Kopulationsfähigkeiten siamesischer Tempelaffen am besten beschreiben?").
Ich finde Spielen an sich schon "kreativ", weil man sich gemäß Regeln meist ein "Reich" erschafft, in dem man zu herrschen versucht. Dabei spielt aber auch die Fantasie eine Rolle, und nicht nur das blanke Spielgeschehen. Je mehr Möglichkeiten die Regeln zulassen, desto kreativer ist meist das Spiel. Wohingegen die sog. "kreativen Spiele" meist nur simple "wer findet die meisten Wörter"-Spiele sind. Rühmliche Ausnahme ist da z.B. "Tabu", das finde ich wirklich kreativ und spassig.
Langer Rede, kurzer Sinn: Kreativität heisst für mich, sich in _grossen_ Freiräumen sinnvolle eigene Regeln zu setzen, die bei der Verwirklichung eines Ziels helfen. Deshalb liebe ich Spiele mit einfachen Regeln, die viele Möglichkeiten bieten - primär Strategiespiele, aber sehr gerne auch gelungene Sprach- oder Erzählspiele. Simple Quizspiele hingegen finde ich öde.
>Ich denke, ich werde nicht auf Widerspruch stossen, wenn ich behaupte, dass viele Spiele die Kreativität nicht fördern - aber interessanter dürfte doch sein, wie hoch der Prozentsatz von "un-kreativen" Spielen ist - und ob mein Tipp (80%) bezüglich neuer Spiele auch nur entfernt stimmen kann - wie seht ihr es?<
Hm, könnte hinkommen. Ein meines Erachtens ganz netter Hinweis auf die Kreativität eines Spiels ist die Unterschiedlichkeit der Spielverläufe. Je öfter ein Spiel anders verläuft, desto kreativer scheint es m.E. zu sein, weil die Spieler entsprechenden Einfluss haben. Was denkt Ihr darüber?
>Die Antworten auf diese Fragen können meiner Meinung nach auch beleuchten, welche Leute sich mit Spielen beschäftigen. Es gibt eine Menge Leute, die einen klaren Strich ziehen zwischen Naturwissenschaftlern und Künstlern, oder, wie ich es vielleicht andeuten möchte - zwischen "Problemlösern", die sich gerne in strikten, aber komplexen Regelwerken bewegen, und "Kreativen", die eine eher freiere Strukturen und die Kommunikation (Verhandlungsspiele, Scharaden, ...) bevorzugen.<
Die Übergänge sind fliessend, das wird arg heikel. Den "klaren Strich" gibt es nicht, im Gegenteil gibt es arge Widersprüche. Viele Mathematiker, die ich kenne, sind talentierte Musiker. Im Gegenzug können aber viele Germanisten nix mit Mathe anfangen. Und ich löse für mein Leben gerne logische Probleme, spiele Strategiespiele, verfasse aber auch mit Spass am Umgang mit Sprache Artikel. Wie passt das zusammen?
>Welche (der neuen) Spiele fördern Eurer Meinung nach die Kreativität und welche stellen "nur" schöne Denkaufgaben? Oder liege ich mit dieser Einteilung völlig schief?<
Meines Erachtens erfordert jedes Spiel, das über lineare Aufgabenlösung hinausgeht, Kreativität. Und selbst bei erstgenanntem bin ich mir nicht sicher, ob sich ein Lösungserfolg nicht auch intuitiv gut erreichen lässt. Manche Leute lösen Puzzles so intuitiv und spontan, dass es schon kreativ ist. Sie finden da scheinbar eine Denkstruktur jenseits des Normalen, die eine bessere Erfassung des Sachverhalts ermöglicht - und das ist auch kreativ.
>Dies alles - wie gesagt - vor dem Hintergrund der neu erschienenen Spiele, oder mit anderen Worten: sehr Ihr (auch) einen Trend zu einem der beiden Lager?<
Ich glaube, dass wir schon an der Frage "was ist kreativ" scheitern. Aber wo Du schon fragst, den Stempel des "besonders kreativ" würde ich keinem der Neuheiten aufdrücken. Fast neige ich dazu, dem Taktikoberhammer "Medina" noch diesen Titel zu verleihen, weil da wirklich "aus nichts" etwas entsteht, was allein die Spieler beeinflussen. Und das ist wirklich ein Logikspiel!
Bei diesem Thema werden wir noch auf so manche Sandbank laufen...
...fürchtet
Roman