Beitragvon Roman Pelek » 27. Juli 2001, 04:23
Hi Frank,
>Nichtspieler bekehren ist echte Basisarbeit und manchmal komme ich mir vor wie ein Vertreter von dem Spieleverlag XY.<
Von "bekehren" würde ich nicht reden. Es geht hier nicht um einen Glauben, sondern um einen Spass jenseits üblicher vorherrschender zeitgenössischer Spasskonventionen. Aber bleiben wir mal beim Terminus "bekehren", schon alleine um der Selbstironie willen ;-) "Bekehren" zum Spiel lassen sich die meisten Menschen, indem man ihnen angemessene Kost serviert, und sie weder unter- noch überfordert. Der Rest kommt von alleine, auch der anfangs anspruchlose Spieler wird evtl. später zum knallharten Strategiespieler, wenn ihm (okay, ich kann auch "ihr" sagen, aber diese stete, explitzite Trennung der Geschlechter ist genauso albern und ich verzichte der Einfachheit halber deshalb darauf) nur der Weg geebnet wird, der Spass vermittelt.
>Um es deutlich zu sagen, du kauftst (ok, Du vielleicht nicht :o)), liest die Regel, probierst es gegebenenfalls alleine aus (damit ja keine von diesen Fragen kommt wo man dicke Backen macht)und gibst natürlich (unbewusst) eine entsprechende Kaufempfehlung wenn das Spiel einschlägt. Der Vielspieler in Spee gibt seine Erfahrung weiter und der Ball läuft.<
Nur - wie weit läuft dieser Ball? Über die Mittellinie? In den Elfmeterraum? Ins Tor gar? Natürlich geben wir Erfahrung weiter, und viele engagierte Spieler und Spieleläden tun dies. Nur lohnt sich das, erreicht es genug Kunden? Ein "Wer wird Millionär" verkauft sich von alleine 750.000 Mal, und ein "Medina" selbst durch Mund-zu-Mund-Propaganda vergleichsweise kaum.
Engagierte Spieler können viel tun, aber hier geht es auch um Werbewirksamkeit. Das Spiel an sich braucht mehr Präsenz in den Medien. Vielspieler sind wichtig als Erstkäufer, als Kritiker/Tester, als Multiplikatoren in neuralgischen Punkten (Kindergärten, Tageszeitungskritiken, Jugendzentren), aber sie machen _nicht_ das Gros der Käufer aus. Hier muss mehr getan werden, und dies ist auch eine der Hauptaufgaben, die ich der SdJJ zuweisen würde.
>Mich würde es interessieren ob wir Vielspieler/innen, die den Verlagen quasi Kunden zuarbeiten, bei den Verlagen (außer als Kunden) eine Rolle spielen.<
Als Kritiker: ja. Als Erstkäufer: auch. Als Wirtschaftsfaktor: nein. Wir leisten vielleicht viel Basisarbeit, aber diese genügt nicht. Interessant wird es erst, wenn Multiplikatoren weitere Multiplikatoren erzeugen, und sich der Effekt potenziert. Wir brauchen viel mehr Aussenwirkung, die die geeigneten Stellen leisten müssen. Oder, notfalls, Verlage, Autoren und Spieler selbst in verstärktem Masse - all dies erfolgt jedoch bisher nicht. Im Detail:
Wünschenswert in aller Sinne wäre jedoch ein Kritikerpreis, der sich im öffentlichen Bewusstsein als Massstab manifestiert und die Gratwanderung zwischen Viel- und Seltenspieler schafft. Den gibt's schon? Das SdJ? Ja, seit diesem Jahr wieder. Denn dieses Mal hat die SdJJ zum ersten Mal wieder die Wende zum massentauglichen Kulturgut Spiel geschafft. Ich hoffe, dass es so bleibt. Denn ohne Massentauglichkeit gibt es auch keine anspruchsvollen Spiele, keine Kultur mehr.
Alles Jammern um Verfall von Werten ist nämlich m.E. gänzlich obsolet, sollte die wirtschaftliche Basis fehlen. Alleinig Finanz erlaubt die Extravaganz, die Spieler sich so gerne leisten. Und parallel zum SdJ gibt's ja auch noch den DSP, die eigentliche Richtschnur für Vielspieler. *Der* sollte m.E. die wirklich exzellenten Spiele auszeichnen, nicht das SdJ, nicht die Auswahlliste. Diese haben als Aufgabe die Kommunikation, den Zugang zur Öffentlichkeit. Gute, einfache Spiele, verbunden mit der entsprechenden Werbung. Die Arroganz, die besten Vertreter des aktuellen Jahrgangs zu küren, nutzt leider niemandem jenseits angenehmer Selbstbeweihräucherung. Wenn "Kultur" zu etwas wird, was fernab der normal arbeitenden Bevölkerung geschieht, dann ist es nicht Kultur, sondern "Underground". Vielleicht lobenswert, innovativ, genial - aber unbeachtet. Damit keine Missverständnisse aufkommen: absurde, geniale, nutzlose, ausufernde Ideen sind verdammt nötig, um die Entwicklung voranzutreiben, sie sind sicherlich die Krone des Ganzen. Aber ohne eine Basis sind sie schlichtweg nicht zu finanzieren!
Ich denke, wir sollten einmal so ehrlich sein und eingestehen, dass unser Anspruch nicht Massstab ist. Und jeder von uns hat auch den Zugang zu anspruchsvollen Spielen nur durch die einfachen Vertreter gefunden. Und letztere haben wir eigentlich schon und müssen sie nur entsprechend vermarkten.
Was wir dazu brauchen? Eine SdJJ mit zusätzlichen neuen, frischen und kritischen Gesichtern, mit einer Entflechtung der finanziellen Zweideutigkeiten, mit gutem Marketing, mit für jeden zugänglichen Kritiken, mit dem Gespür für die Gratwanderung zwischen Anspruch und Massentauglichkeit. Ich hoffe, dass dieser Weg gegangen wird, denn jenseits liegt eine finanzielle Brache, die niemandem Spass bereiten wird.
Es wird sicherlich ein steiniger Weg, und einige unschöne Worte werden in der Zukunft noch fallen. Aber ein Verzicht auf solche Massnahmen wird unweigerlich ein Zurückstehen des Brettspiels in bezug auf Computerspiele, DVDs und andere Unterhaltungsmedien als Folge nach sich ziehen. Und das will niemand hier wirklich.
So gesehen sind ein paar kritische Worte sicherlich harmloser als die bevorstehenden Konsequenzen unveränderten Handelns.
Ciao,
Roman