Beitragvon Roman Pelek » 11. November 2005, 02:37
Hi Jeff,
Jeff Widderich schrieb:
> 1. Wie ist eure Reihenfolge wenn ihr ein neues Spiel
> ausprobiert?
> Regeln zuerst lesen (unabhaengig / alleine ein Tag vorher)
> oder Regeln und Spielmaterial anwenden um das Spiel zu
> verstehen moeglicherweise mit anderen Mitspieler anwesend? (
> was ist euch lieber ? )
Im Normalfall: Regeln in Ruhe vorher lesen, dann mit den Regeln griffbereit der Spielerunde das Spiel erklären. Der andere Fall kommt unter Zeitdruck auch vor (Spiel kurz vor dem Spieleabend noch gekauft o.ä.), endet aber eigentlich immer damit, dass die Regelerklärung langwierig wird und man die Spielanleitung danach eh nochmal in Ruhe lesen muss. Nichtsdestotrotz dürfte das wohl jedem Spieler bekannt vorkommen ;-)
> 2. Wie lange dauert es beim lesen der Regeln bis ihr eure
> Meinung macht ob das Spiel euch gefallen wird oder nicht? Und
> wie oft ist diese Vorentscheidung verkehrt wenn das Spiel
> endlich gespielt wird? (Beispiele)
Beim Regelstudium bin ich sehr vorsichtig geworden, was die Bildung eines Vorurteils angeht, manches hört sich banal und altbekannt an und ist dann doch sehr pfiffig (z. B. bei Ballon Cup ging's mir so), anderes klingt spannend und erweist sich am Spieltisch leider als nicht so prickelnd wie erwartet (z. B. Ins Innere Afrikas).
Wobei mein "Vorurteil" über ein Spiel in der Praxis meist eh schon viel früher greift: nämlich schlicht in der Überlegung, ob ich mir ein Spiel anschaffe oder nicht. Das Nachteilige daran ist: man weiß immer sicher, ob ein Spiel eine persönliche Fehlinvestition war, aber nie mit Sicherheit, ob ein nicht erworbenes einen lohnenden Zeitvertreib für einen selbst dargestellt hätte.
> 3. Ist die Muehe die in ein Regelwerk gesteckt wird sofort
> erkennbar?
In vielen Punkten durchaus, z. B. was Struktur, Begriffskonsistenz, Schlüssigkeit der Beispiele, nötige/unnötige Iteration an richtigen/falschen Stellen anbelangt, so finde ich, dass solche Belange durchaus beim ersten Regelstudium auffallen. Die Tücke liegt aber im wahrsten Sinne des Wortes im Detail: Ob mögliche Sonderfälle im Spielverlauf hinreichend und prägnant abgedeckt sind, merkt man erst beim Spielen, und manchmal entpuppt sich genau da eine vermeintlich sauber geschriebene Regel als "Ausgeburt der Hölle" ;-)
> 4. Wenn alle Spiele der Zukunft mit CD oder DVD erklaert
> wuerden, wuerde etwas verloren gehen?
Ja, definitiv - sofern nicht zusätzlich eine gute Printregel beiliegt.
Ich denke, dass eine sauber ausgearbeitete (und dementsprechend teure) multimediale Einführung in Spiele grade Nichtspieler viel leichter mit den Grundzügen eines Spiels vertraut machen kann. Für die Zugänglichkeit von Brettspielen kann so etwas eigentlich nur sehr positiv sein, sofern die Wirtschaftlichkeit einer solchen Präsentation gegeben ist (sonst steigt der Spielepreis, und keiner will ihn bezahlen).
Leider - sonst wäre es auch zu schön - gibt's da nach meinem Ermessen ganz große "Abers":
Für Zweifelsfragen im eigentlichen Spiel ist eine gut strukturierte Printregel, in der man schnell die Antwort auf die aktuelle Frage findet, m. E. unentbehrlich. Brettspiele sind nicht dazu gedacht, dass man sich einen Laptop beim Spielen daneben stellt. Zudem muss ein Brettspiel (wieder)erlern- und spielbar sein, ohne weiteres technisches Equipment vorauszusetzen, was macht man sonst, wenn der Computer streikt oder erst gar keiner verfügbar ist (z. B. im Urlaub, auf der Familienfeier? Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass es auch Menschen gibt, die keinen Bitknecht ihr eigen nennen).
Eine andere, eher langfristige und weniger kurzfristig marktwirtschaftlich (also quartalszahlenmäßig) gedachte Problematik ist natürlich die Schnelllebigkeit von Datenträgern von CD/DVD sowie der darauf gespeicherten Formate. Wer z. B. kann heute noch was mit einer "Hase und Igel"-Compactcassette anfangen? Und noch weniger könnten dies, hätte dem Spiel 6, 7 Jahre später eine 5 1/4 oder 3,5"-Diskette beigelegen (sofern die Dinger heute überhaupt noch lesbar und nicht verrauscht wären).
Und da sich das Karussell bei Medien und Formaten eher schneller als langsamer dreht, kann sowas zum echten Problem werden. Man schaue sich nur alleine mal die Kompatibilität älterer (d. h. >2 Jahre alt) CD/DVD-Recorder/Player mit aktuellen beschreibbaren CD-Rs bzw. und DVD+/-Rs mit höherer Geschwindigkeit (also anderen physikalischen Parametern) an, das nimmt langsam so realiter greifbare babylonische Ausmaße an, dass Skepsis in dieser Richtung kein reiner urdeutscher Kulturpessimismus mehr sein kann 8-)
Ciao,
Roman
P.S.: Zur Unterhaltung eine Anekdote aus der freien Wirtschaft, selbige natürlich ebenso frei erfunden :-) :
Durchatmender Chef im Abteilungsmeeting (in sanfter Selbstgefälligkeit suhlend): "Hach, was'n Glück haben wir die Daten vergangener Jahre für den Wirtschaftsprüfer noch als Backup auf Diskette, das mit der Datensicherung war damals wirklich 'ne gute Idee von mir"
Sarkastischer Informatiker, dem Unbill dräut (in panischer Polemik paraphrasierend): "Ein Backup auf Diskette für den Wirtschaftsprüfer? Ja, und wer soll die für ihn nach dem neuesten PC-Rollout hier noch auslesen? Schneewittchen? Oder soll die ich die unter Zuhilfenahme eines Lochers in einen der USB-Ports prügeln, die ich nach offizieller IT-Richtlinie des Unternehmens nichtmal für ihren eigentlichen Zweck benutzen darf?" :-))