Hallo, liebe Diskutanten,
als Autor und Verleger sind eure Wünsche und Ideen natürlich Musik in meinen Ohren. Die Botschaft hör' ich wohl, allein der Glaube will mir fehlen. Der Glaube daran nämlich, dass derartige "Wunschspiele", würden sie denn veröffentlicht, auch tatsächlich gekauft würden.
Was möchte die breite Masse der Spielekäufer kaufen? Hat sie eine eigene Meinung? Wie artikuliert sie ihre Wünsche, durch Nichtkaufen? Sehen wir es realistisch: Die grossen Verlage produzieren nur noch das, was die breite Masse kaufen soll. Und die Masse kauft das, wozu sie durch das Marketing zum Kaufen aufgefordert wird. Dazu bei trägt z.B. dass Spiele heute angepriesen werden, wie früher nur Bücher: Der neue Grisham, der neue Stephen King, der neue Knizia... Der Name muss ziehen. Der Inhalt, das Thema, im wahrsten Wortsinne: das Spiel, das zählt nicht mehr.
Oder sollte sich jetzt eine Wandlung anbahnen? Haben wir inzwischen gemerkt, dass Thema und Inhalt manch eines Spiels nicht zusammen passen? Dass vieles, aber nicht alles, was da so produziert wurde, eigentlich viel Lärm um Nichts war?
Ich habe vor einigen Monaten aufgrund ähnlicher Überlegungen das Spielbrett Teatro und ein Spielekonzept dazu entwickelt. Teatro ist ein quadratisches, massives Stück Holz, in das 81 Fächer in einer 9 x 9 Matrix eingefräst sind. Das Konzept sieht vor, mit ein und demselben Spielbrett beliebig viele Spiele spielen zu können. In der Beschränkung liegt die Stärke, sagte ich mir. Aber damit nicht genug: Die Basisausstattung eines jeden Spiels ist so angelegt, dass mehrere Spiele mit dem gleichen Material gespielt werden können. So wird aus einem Gesellschaftsspiel für Vier im Handumdrehen ein taktisch-strategisches Spiel für Zwei oder Drei. Das erste dieser Spiele, Landwehr 1438, hat die Lüneburger Stadtgeschichte zum Thema. Und mit diesem Spiel können heute vier gänzlich unterschiedliche Spiele (keine Varianten) gespielt werden.
http://www.terra-authentica.com/teatro/1438/1438-de-0.htm
Was will ich mit diesem Beispiel verdeutlichen? Ein Spiel muss glaubhaft sein. Konzept und Thema müssen eine harmonische Einheit bilden. Ein Spiel sollte für den Spieler authentisch und nachvollziehbar sein. Er sollte auch das Gefühl haben, dass die Welt, in der er im Spiel eintaucht, so und nicht anders existiert.
Ich kann Günter Cornett's Meinung partout nicht zustimmen, neue Themen wären immer schwerer zu finden. Unsere Welt ist voll von spannenden, unterhaltsamen Themen, die sich für Spiele eignen (siehe auch http://www.terra-authentica.com/litera/lit-de-0.htm).
Selbst altbekannte Themen bieten reichlich Spielestoff, wenn sie neuartig aufbereitet, interessant gestaltet und spielerische Herausforderungen bringen. So schwebt mir ein Spiel im Kopf herum, das sich auf zwei mentalen Ebenen abspielt und dabei zwei Geschichten spielerisch gleichzeitig behandelt. Es ist Shakespeare's Drama "Antonius und Cleopatra". Dahinter verbergen sich sowohl der Erorberungsfelzug von Rom gegen Ägypten als auch die Liebesgeschichte zwischen den Protagonisten Antonius und Cleopatra sowie Cäsar. Ob der Spieler da mitspielt?
Ich muss jetzt unterbrechen. It's tea time, now.
Viele Grüsse
Joachim Zischke