Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 27. November 2004, 06:40
Gerhard Passler schrieb:
> Ebenfalls ziemlich unlogisch erscheint mir das "Zurückbeamen"
> ins Dorf nach erfolgter Wanderung.
Eíne Ellipse - literatisch, nicht mathematisch betrachtet - ist die Auslassung eines durch den Leser, Zuhörer oder Zuschauer aufgrund seiner Erfahrung oder pesönlichen Schlüsse frei ergänzbaren Teils.
"Was nun?" ist eine Ellipse, weil der vollständige Satz: "Was machen wir nun?" heißt.
"Sah ein Knab´ ein Röslein steh´n" ist eine Ellipse, weil das einleitende "Es" fehlt.
Ellipsen finden wir nicht nur in einzelnen Sätzen, sondern auch in umfangreichen Werken wie Romanen (In "Der Graf von Monte Christo" springt die Erzählung von dem Augenblick, da Edmond Dantes den Schatz findet, zu seinem mehrere Jahre später liegenden Auftauchen als "Graf" in Italien, wo er die Bekanntschaft des Sohnes eines seiner alten Feinde macht), Theaterstücken (In "Cyrano der Bergerac" wird nicht erzählt, wie Cyrano nach dem Kampf gegen die Spanier, in dem sein Freund Christian fiel, und seinem Besuch bei Christians Witwe Roxanne seine alte Tatkraft und Originalität verliert) und Filmen ("Papillon" lässt die sieben Jahre Einzelhaft nach Henri Charrieres zweitem Fluchtversuch aus).
Fehlt diesen Erzählungen etwas? In dem Sinne, dass es ein "Fehler" (oder "unlogisch") ist, diese Handlungsteile nicht genau so detailliert zu schildern, wie die davor und danach liegenden Ereignisse?
Meiner Meinung nach nicht, denn was in den ausgelassenen Zeiträumen passierte, ist eine logische Konsequenz des vorher Erzählten und entspricht weitest gehend dem, was man an weiterer Entwicklung zu diesem Zeitpunkt der Handlung erwarten sollte; zusätzliche Informationen gewinnt man aus der Situation, in der sich die handelnden Figuren befinden, wenn die Handlung wieder einsetzt, und gegebenen Falls auch aus eingestreuten "Rückblenden".
Tatsächlich wäre es anderenfalls in all diesen Fällen so, dass der Autor sein Publikum durch eine Handlungspassage führen würde, in der nichts interessantes passiert, weil die Weichen für die entsprechende Episode bereits gestellt sind. Eine richtig eingesetzte Ellipse ist also eine kreative Art, Spannung zu wahren, in dem man etwas NICHT erzählt.
Bei "Candamir" ist das Beamen vom Zielstein zurück ins Dorf so eine Ellipse: Der Spielcharakter hat ein Teilziel seiner Aufgabe erfüllt, seine Taschen sind (falls er sich nicht unerwartet dusselig angestellt hat) voll mit Rohstoffen und Naturalien - jetzt muss er ins Dorf zurück, um sie da zu investieren.
Es würde sich auf seinem Rückweg aber kaum noch etwas für das Spiel relevantes ereignen: Vermutlich würde er nur Kämpfe annehmen, die er sicher gewinnt, weil sich das Eingehen eines Risikos ohne Möglichkeit, die Belohnung noch zu verstauen, nicht mehr lohnt.
Wir hätten also nach jedem Zielsten-Besuch im Durchschnitt drei zusätzliche Züge zu absolvieren, die die "Handlung" des Spiels nicht voran bringen und auch an der Rangfolge der Spieler schwerlich etwas ändern könnten: Es müssten ja alle diese Züge absolvieren ... das Spiel würde also durch das "Ausspielen" dieser Passage nur länger und zäher.
Da ist Klaus Teubers Entscheidung, diesen in der Fantasie der Spieler frei ergänzbaren Rückweg durch eine "spielerische Ellipse" auszusparen, doch allemal für das Tempo und die Kurzweiligkeit des Spiels besser.
Mit einem lieben Gruß
Gustav