Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 16. Dezember 2004, 06:30
Die Frage ist, was wir uns genau unter einem "Klassiker" vorstellen wollen.
Das Wort "Klassik" kann mehrere Bedeutungen haben. Sprachgeschichtlich beschreibt es ursprünglich eine beliebige Steuerklasse (auch da blieb es in diesem Sinne erhalten) zur Zeit der römischen Antike. Im Laufe der Zeit engte sich seine Bedeutung auf die oberste Steuerklasse, auf die kleine Elite der Reichen und Mächtigen, ein - auf Leute also, von denen wir heute sagen würden, dass sie "eine Klasse für sich" sind.
Im heutigen deutschen Sprachgebrauch kann "Klassik" bedeuten:
- die Zeit der von der griechischen und römischen Kultur dominierten Antike
- die deutsche Literatur- und Kunst-Epoche um die Wende von 18. zum 19. Jhdt., die sich die Antike zum Vorbild genommen hat
- eine Auswahl von kulturellen Werken, die die höchst mögliche Vollendung innerhalb der Kulturgeschichte eines Volkes oder Landes repräsentieren (in diesem Sinne sind z.B. die Werke der Herren Goethe und Schiller "Klassiker")
Vermutlich werden wir bei der Suche nach "Spiele-Klassikern" die dritte der genannten Bedeutungen anwenden.
In diesem Sinne gibt es aber keine Frage "wann" oder "wie lange", sondern nur "was" und "nach welchen Kriterien": Ein Werk, das in höchster Vollendung erschaffen wurde, ist in diesem Sinne ein "Klassiker" ab dem Augenblick seines Entstehens; es wird nicht durch sein Alter dazu. (Das, wozu ein Werk durch sein Alter wird, heißt "antik".)
Die Zeitfrage stellt sich erst in folgendem Zusammenhang: Menschen unterschiedlicher Zeiten definieren unterschiedliche Dinge als "Klassiker", weil sich Wertmaßstäbe im Laufe der Zeit ändern. Wir können also durchaus diskutieren, welche Spiele - auch von zeitgenössischen Autoren - wir heute als "Klassiker" begreifen wollen, zwei Dinge aber können wir nicht:
- Einigkeit in dieser Frage erreichen, weil die Wertmaßstäbe von Individuen unterschiedlich sind
- Voraussagen, welche Werke in Zukunft als Klassiker gelten werden, weil wir die Wertmaßstäbe noch ungeborener Generationen nicht im Voraus kennen können.
Mit einem lieben Gruß
Gustav