Beitragvon Heinrich Tegethoff » 10. April 2005, 16:14
Lorion schrieb:
> Regeln sind natürlich Sinnvoll und eure Beispiele würden die
> Spiele auch nicht grundlegend ändern.
Das einzelne Beispiel ja nicht, aber es waren ja nur wenige von
vielen - pro Spiel, versteht sich.
> Was mich aber irgendwie stört, ist, dass man bei vielen
> aktuellen Spielen nicht wie beim Schach aus einer Vielzahl
> von Möglichkeiten auswählen kann, sondern immer nur ein paar
> Zufällige zur Auswahl hat.
Eine wesentliches Spielelement kann sein, aus der gegebenen
Situation jeweils das beste für sich selbst zu machen. Bei vielen
guten Spielen gibt es ein Zufallselement, aber der Zufall bestimmt
nicht das Spiel, sondern die Spieler beziehen ihn ein.
Insofern spiegeln Spiele eher den Alltag (reale Welt) wieder; denn
das "starre", zufallslose Schach gibt es real kaum. Die nächste
verpasste U-Bahn kann Dein Arbeitsleben verändern oder aber auch
nicht.
> SanJuan ist sehr gut daraufhin
> ausgelegt: Es gibt Gebäude, die den Zufall weiter
> einschränken und man muss immer überlegen, was in der
> jetzigen Situation am besten ist.
Genau dies bieten St. Petersburg und Louis XIV auch - wie Du
aus der Regel das Spielgefühl entnimmst, ist mir aber unklar.
Denn immer wieder machen bei Spielregeln ein paar wichtige
Sätze das Spiel aus, während viele Details und Zufallskomponenten
nur Nuancen, Abwechselung und Spielspaß hineinbringen.
> Nur wieso hat sich das
> Prinzip "aus zufälligen Möglichkeiten die beste Auswählen" so
> sehr durchgesetzt?
Wenn es sich wirklich durchgesetzt hat, dann liegt es mE an der
damit einhergehenden Abwechselung. Alternativen dazu sind ja
zB Versteigerungen sowie "hin- und rücklaufende" Auswahl wie
beim Siedler, also einmal vorne und dann hinten sitzen, um bei der
Auswahl der besten Möglichkeit "aus allen" die Chancen aller
einigermassen zu wahren. Tatsächlich ist der Zufall "Start-/Schlußspieler"
dann aber häufig ein prägendes Element. Wäre Schach nicht PSPACE-
vollständig und somit in brauchbarer Zeit auf Sieg spielbar, dann würde
der Zufall des Start- oder Gegenspielers über den Sieg entscheiden. Aber
weil eine Siegstrategie für Menschen zu viel Zeit braucht kann man noch
immer Schach spielen.
Zudem grundsätzlich: ich spiele durch Spieletreffs eher viele verschiedene
Spiele und nur wenige häufig. Alle diese "Du hast die volle Auswahl, aber
auch bei Deiner ersten Partie bist Du durch Versteigerung zur optimalen
Entscheidung gezwungen"-Spiele gehen mir eher auf den Wecker, da
eine falsche Wahl am Anfang sich tief ins Spiel hineinzieht. Anders kann
ich mit dem Spiel wachsen und vielleicht schon bei der ersten Partie aufholen.
> Was ich bis jetzt über meine beiden Beispielspiele gelesen
> habe, erweckt in mich den Eindruck, dass es hier auch
> funktionieren könnte, wenn man z.B. bei Sankt Petersburg
> nicht nur 8 sondern sämtliche Handwerker/Gebäude/Adelige zur
> Auswahl hat...
Du hast leider das zentrale Element dieses Spiels missverstanden.
Wäre dem so, so würde die Spielerreihenfolge das Spiel entscheiden,
und nicht die eigene Entscheidung für oder gegen eine ausliegende Karte.
> Bei Louis XIV ist es noch schlimmer, da ich hier den Eindruck
> habe, dass man selbst auf den Spielverlauf nur ganz wenig
> Einfluss hat: Man bekommt zufällige Aufträge und zufällige
> Einflusskarten - wie kann man da eine "Strategie" entwickeln?
Gute Strategien setzen nicht den Sieg voraus sondern bauen
starke Reaktionsmöglichkeiten bei interaktiven Spielen ein.
Von Spiel zu Spiel fiel mir zB bei L14 mehr auf, was meine
Mitspieler [i]nicht[/i] (mehr) spielen können und wie ich somit eine
starke Position bekomme, unabhängig von jedem Zufall.
> Was für einen Vorteil bringt es, in seiner Entscheidung so
> stark eingeschränkt zu sein? Und denkt ihr, dass z.B. Sankt
> Petersburg auch ohne diese Einschränkung funktionieren würde?
> Oder sind die Karten dazu zu unausgeglichen?
Eine breite Zustimming zu einem Spiel wird es nicht geben, wenn ein
Spiel unausgeglichen ist. Und es gibt immer wieder einmal einen Durchgang,
bei dem ein Glücklicher eine geniale Kombination vorfindet und nur
noch niederspielen braucht. Wenn's alle 30 Mal ist: freu dich oder
bring's hinter dich. Schlechte Spiele werden auch schnell als solche
gebrandmarkt, bei denen dieses Element dann zu häufig ist.
> Ich hoffe ihr versteht jetzt meine Frage und ich bekomme
> nicht nur Antworten wie: Wenn du Strategien entwickeln
> willst, dann spiel halt nur noch Schach und Diplomacy... Ich
> weiß ja noch nichtmal ob mir Louis XIV nicht sogar gefallen
> könnte, da ich es noch nicht gespielt habe. Ich versuche das
> nur vorher rauszufinden *g*
Servus,
Heinz