Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 4. Juni 2005, 08:38
Tim Heinzen schrieb:
> Das Problem ist, glaube ich, dass
> Geschichte eben schon abgeschlossn ist und so natürlich der
> Spielverlauf nur in sehr engen Bahnen verlaufen kann.
Darin würde ich nur für den ein Poblem sehen, der für sich selbst eins daraus macht.
Um den konkreten Verlauf historischer Ereignisse abzubilden, ist ein Spiel ohnehin ein ungeeignetes Medium: Zum Spiel gehört die Entscheidungsfreiheit des Spielers in seinem eigenen Zug. Müsste also ein Spieler, der zum Beispiel den "Hannibal" in "Hannibal" führt, immer nur genau das tun, was der historische Hannibal auch getan hat, so hörte das Spiel auf, ein Spiel zu sein.
Wer das erreichen will, der wende sich anderen Medien zu: Umfangreiche, langweilige Fachbücher, die in Universitätsbibliotheken verstauben, scheinen mir da am ehesten geeignet zu sein. Schon bei Romanen, stärker noch bei Filmen kommt man um Zugeständnisse an die Authentizität nicht mehr herum.
Da zum Spiel die Entscheidungsfreiheit des Spielers gehört, können historische Situationen sich - beginnend bei einer vorgegebenen Ausgangslage - völlig anders entwickeln, als es die Ereignisse selbst taten. Ein historisches Spiel zu spielen bedeutet also auch, in einem Teilaspekt "experimentelle Archäologie" zu betreiben.
Aus der Sicht der an den historischen Ereignissen teilnehmenden Personen ist die zukünftige Entwicklung ja keineswegs determiniert, somit sind alle Entscheidungen und alle sich daraus ergebenden Entwicklungen möglich.
Historisch korrekt sein können aber sehr wohl das Umfeld, die Optionen der am Spiel beteiligten Seiten (Hannibal hätte sich entscheiden können, sich auf Norditalien zu konzentrieren und dort eine punische Kolonie zu etablieren; er hätte sich nicht entscheiden können, Rom aus der Luft zu bombardieren.) und das Lokalkolorit.
Wenn man die Tatsache, dass ein Spiel nicht nach den Kriterien eines Fachbuchs beurteilt werden kann, nicht als Fehler, sondern als Eigenschaft aller historischen Spiele begreift, gibt es eigentlich kein Problem damit, dass aus UNSERER Sicht die Vergangenheit vergangen ist, und die Seiten der "engen Bahn" weiten sich zu einem unendlichen Spielfeld.
Somit können Weinhändler innerhalb eines historischen Spiels ohne weiteres eine Stadt am Bosporus errichten, wenn das Spiel in einer Zeit und einer Gesellschaftsschicht angesiedelt ist, in denen es Wein, Händler, Städte und den Bosporus gibt und die Spielfiguren Kontrolle über die Faktoren besitzen, die man braucht, um solche Entscheidungen umzusetzen.
Mit einem lieben Gruß
Gustav