Beitragvon Christian Hildenbrand » 12. Juli 2005, 14:10
Hallo,
ich habe Wolframs Eröffnungsposting nicht im geringsten so verstanden, daß er das Spiel des Jahres ablehnen würde, er für sich lässt sich einfach nur nicht mehr davon beeinflussen. Das ist sein gutes Recht, denn ich denke, daß ein einzelnes Spiel niemals die Meinung aller wird abdecken können. Das war in der Vergangenheit nicht so, und das wird auch in Zukunft niemals so sein. Und das ist gut, denn das sichert in meinen Augen die Rechtfertigung für die Vielzahl an verschiedenen Spieleverlagen mit verschiedenen Verlagsprogrammen.
In diesem Forum tummeln sich viele Spieler (mich mit eingeschlossen), die sich nicht an dem aufgedruckten roten Pöppel orientieren beim Einkaufen. Dazu kennen wir alle zu viele veröffentlichte Spiele des letzten und auch der vorhergehenden Jahrgänge. Jedoch sind wir eine Minderheit unter den potentiellen Spielern. Der Löwenanteil dieser befindet sich außerhalb dieses illustren Kreises hier in den Familien - die Eltern mit ihren Kindern. Dazu Einrichtungen wie Kindergärten, Horts und ähnliche. Diese sind in den seltensten Fällen so gut informiert über Spiele wie wir es sind. Und eben an diese denkt die Jury mit dem Spiel des Jahres.
Ich wurde neben den Klassikern Monopoly und Risiko über die Spiele des Jahres von 1983 (Sagaland) bis 1990 (Adel verpflichtet) zum Spielen gebracht - so wie der der Rest meiner Familie zuhause auch. Wir haben jedes Jahr das Spiel des Jahres zu Weihnachten bekommen von den Arbeitgebern meiner Mutter, und meine Geschwister und ich haben diese Spiele mit Begeisterung gespielt. Zu dem Zeitpunkt kannte ich den Verlag Ravensburger und SchmidtSpiele ... und das wars. Verlage waren aber nicht wichtig, ebenso wenig Autoren, denn mich haben die Spiele an sich mit ihrer Abwechslung und ihrem "Familienanspruch" regelmäßig zu Würfel und Pöppel greifen lassen. Und das habe ich versucht als Jugendgruppenleiter an meine Schützlinge weiterzugeben. Inspiriert von den Spielen des Jahres habe ich "das Spielen" weitergetragen. Somit haben die SdJ-Spiele in der Zeit ihren Zweck exakt erfüllt: sie haben zum Spielen bewegt. Und zwar nicht diejenigen, die mehr oder weniger tief in der Szene stecken, sondern die Familien - mich und meine Geschwister (inkl. von Zeit zu Zeit meinen Eltern).
Für mich ist in dieser Hinsicht das "Spiel des Jahres" heute nicht mehr so wichtig, weil ich denke, daß ich den Überblick auch so problemlos habe. So kann ich regelmäßig bei Spieleabenden bei Heimatbesuchen das ein oder andere auf den Tisch bringen, von dem ich weiß, daß meine Eltern und meine Geschwister es auch mögen werden - auch wenn kein roter Pöppel drauf prangt. Das ist aber ein Ausnahmefall. Denn die meisten der Hauptkundschaft, die meisten derjenigen, die über Spielen zum "etwas gemeinsam tun in der Familie und im Freundeskreis" bewegt werden sollen, haben keinen Tutor, der ihnen etwas vorlegen kann. Für diese Gruppe ist es wichtig, daß es ein Erkennungszeichen gibt. Und eben jenes Zeichen wird nun seit 1979 von der Jury auf Spiele gepackt, die ihrer Meinung nach genau den Zweck erfüllen sollen wie es damals bei mir der Fall war: zum Spielen bewegen.
Wir hier, die nicht mehr zum Spielen bewegt werden müssen, haben andere Ansprüche über die Jahre entwickelt. Für uns scheint ein Alhambra oder ein Niagara zu banal, ein Carcassonne ohne Erweiterungen auf Dauer langweilig, ein Zug um Zug "abgekupfert von anderen Spielen". Wir sind aber nicht die Familie oder der Freundeskreis, der einmal im Monat sich zusammensetzt, der bei schlechtem Wetter eine Beschäftigung drinnen sucht, der mal zur Abwechslung einen ruhigen Abend in netter Gesellschaft verbringen will ohne gleich in die Kneipe zu sitzen.
Das Spiel des Jahres soll dazu animieren auch anderes mal auszuprobieren an Spielen. Das zumindest denke ich von der Auszeichung. Und das macht sie mit genau der Art von Spielen, die von der Jury Jahr für Jahr ausgezeichnet werden. Zugegeben, seit ich mehr spiele konnte ich auch die ein oder andere Entscheidung nicht nachvollziehen, weil es ein Spiel in dem entsprechenden Jahrgang gab, das ich lieber oben gesehen hätte, weil es mir besser gefallen hat. Jedoch zeigen mir Reaktionen aus meinem Umfeld der Gelegenheitsspieler immer wieder, daß die Entscheidungen richtig gewesen sein müssen, weil die Spiele des Jahres namentlich recht bekannt sind und immer wieder gerne gespielt werden - auch wenn dieses "immer wieder" vielleicht nur 4-5 Mal im Jahr ist. Das ist meines Erachtens aber schon ausreichend, denn wie gesagt: wir sind nicht der Maßstab!
Ein Spiel wie Puerto Rico - das ich selbst als eines der besten der letzten Jahre sehe als Spieler - mit der Auszeichnung zu "belasten", wäre meines Erachtens ein schwerer Schlag in die eigenen Kniekehlen. Man stelle sich die Situation vor, wie 1000e von Familien an Weihnachten das Spiel unter dem Christbaum liegen haben und nach dem Essen "mal schnell" eine Runde spielen wollen. Ich denke daß es in den seltensten Fällen wirklich zu einer Partie kommt, weil viele der Gelegenheitsspieler überfordert sein würden mit solch einer ausführlichen Spielregel, mit solch vielfältigen strategischen Möglichkeiten in einem Spiel. Die Spiele des Jahres zeichnen sich - mit wenigen Ausnahmen - dadurch aus, daß sie einen schnellen Einstieg liefern, daß man recht schnell drauf los spielen kann. Und das ist ihre große Stärke. Ein Spiel wie Puerto Rico würde eher abschrecken als motivieren - in meinen Augen.
Das "Spiel des Jahres" trägt eine Verantwortung, nämlich die möglichst viele Menschen groß und klein zum Spielen zu motivieren. Und das machen sie - so zumindest meine Erfahrungen draußen in der Welt außerhalb der Spieleforen ...
Nachdenkliche Grüße,
Christian