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Konsumgut Spiel

Das ehemalige spielbox-Spielerforum
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Bernd

Konsumgut Spiel

Beitragvon Bernd » 19. Juli 2005, 08:40

Hallo,

mir ist in letzter Zeit (auch bei mir) aufgefallen, dass das "Spiel" immer mehr zum Konsumgut wird. Ein, zweimal gespielt und dann weg (eBay &Co.).
Bei mir gab es früher "ein paar" Spiele, die immer wieder auf dem Tisch kamen (bis sie ausernandergefallen sind).

Ist euch ähnliches bei euch oder anderen auch aufgefallen?
War es früher wirklich anders? Und wenn, war es früher besser?

Mein Verhalten ist wohl dadurch zu begründen, dass immer mehr Spiele auf den Markt kommen bzw. ich besser über einzelne Spiele informiert bin (Internet). Wenn ich höre "Die Spiele X,Y und Z" sind toll, will ich sie auf alle Fälle einmal ausprobieren. Selbst bei manchen Spielen die superschlecht sein sollen, will ich mir lieber selbst meine eigene Meinung bilden.

Früher war ich auf den Bestand des Spielwarenhändlers meines Vertrauens angewiesen. Bestellt habe ich Spiele eigentlich nie. Ich mußte die Packung in der Hand halten, den Text lesen und mit mir ringen, ob ich wirklich so viel Geld für ein Spiel ausgeben will.
Heute ist im Internet fast jedes Spiel zu bekommen, die Auswahl ist riesig und dank eBay & Co. ist auch jedes ausverkaufte Spiel kein Wunschtraum mehr.
Früher mußte ich auf den Flohmärkten in meiner Umgebung Glück haben, einmal auf eine ausverkaufte Spielperle zu stoßen.

War früher wirklich alles besser oder bin ich gerade in einer "Verganenheitsglorifizierenden" Phase?

Gruß

Bernd

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Peter Gustav Bartschat

Re: Konsumgut Spiel

Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 19. Juli 2005, 09:53

Bernd schrieb:
> War früher wirklich alles besser oder bin ich gerade in einer
> "Verganenheitsglorifizierenden" Phase?

Die Antwort auf diese Frage hängt vermutlich in erster Linie davon ab, wie jeder persönlich sich die Welt wünscht.

Wünscht man sich weniger Auswahlmöglichkeiten, weil man es besser findet, dass ein beengtes Angebot sozusagen die Vorauswahl dessen trifft, was man spielen kann - mit dem Ergebnis, das man nur wenig verschiedene Spiele kennt, die meisten davon aber jeweils häufiger spielt? (Und mit der vorgefertigten Ausrede: "Wie soll man bei diesem mickrigen Angebot ein richtig gutes Spiel finden!")

Oder wünscht man sich eine Vielfalt an Auswahlmöglichkeiten, aus der man nach seinen persönlichen Kriterien das wählen kann, was man kennen, besitzen oder spielen möchte - mit dem Ergebnis, dass man sehr viele verschiedene Spiel kennt, die meisten davon aber selten spielt? (Und mit der vorgefertigten Ausrede: "Wie soll man bei diesem unüberschaubaren Angebot ein richtig gutes Spiel finden!")

Ob die Vergangenheit oder die Gegenwart besser ist, hängt also davon ab, welche der Zeiten am ehesten unserer Vorstellung entspricht, wie die Welt eigentlich sein sollte.

Ich persönlich bevorzuge Variante zwei, bei der ich mehr Wahlmöglichkeiten habe. Wenn ich mich entscheide, bestimmte Spiele zugunsten von anderen Spielen selten zu spielen, dann schiebe ich das eher auf eine Lücke zwischen meinem persönlichen Geschmack und diesen Spielen, als darauf, dass früher alles (oder auch nur einiges) besser gewesen wäre.

Mit einem lieben Gruß
Gustav

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peer

Re: Konsumgut Spiel

Beitragvon peer » 19. Juli 2005, 09:53

Hi,
Bernd schrieb:
> Bei mir gab es früher "ein paar" Spiele, die immer wieder auf
> dem Tisch kamen (bis sie ausernandergefallen sind).
>
> Ist euch ähnliches bei euch oder anderen auch aufgefallen?
> War es früher wirklich anders? Und wenn, war es früher besser?

Nun, es war simple Mathematik: Früher hatten wir (und damit meine ich mich und meine Familie) einfach noch nicht viele Spiele. Da wurde das einzelne deutlich öfter gespielt. Heutzutage verteilt es sich mehr auf mehrere. Dennoch gibt es das eine oder andere, dass schon sehr viele Partien hinter sich hat.

Früher war ich auch ein Kind und hatte mehr Zeit, heutzutage muss ich Spielrunden organisieren - da kann ich nicht einfach drauflosspielen (zumindest nix mit mehr als 2 Leuten), daher kann ein neues Spiel nicht sofort gespielt werden.
Tja, wer bezahlt mich und 3-5 andere, um jeden Wochentag ordentlich zu spielen? :-)


> War früher wirklich alles besser oder bin ich gerade in einer
> "Verganenheitsglorifizierenden" Phase?

Nur weil man früher einzelne Spiele häufiger gespielt hat, wars doch nicht besser!
Die Spiele heutzutage sind grösstenteils besser und orginieller (eines der Spiele, die ich kaputt gespielt habe war "Spiel des Lebens" - das haben mein Bruder und ich dauernd gespielt, war so schön einfach...)
Heutzutage hat man mehr Auswahl - das ist grundsätzlich wohl eher positiv!
Wie du selbst schreibst ist es nun einfacher sich über Spiele zu informieren (meine Fehlkaufquote ist signifikant gesunken) und diese zu bekommen - auch das sehe ich durchweg positiv! ((Das es früher -so im Mittelalter z.B. - schwieriger war Deutschland zu bereisen heisst ja auch nicht, dass die Leute es deswegen mehr genossen hätten und es ergo besser war :-) )

ciao
peer (wartet immer noch auf ein Paket von DHL dass am Freitag in Deutschland abgeschickt wurde)

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Franz-Benno Delonge
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Beiträge: 277

Re: Konsumgut Spiel

Beitragvon Franz-Benno Delonge » 19. Juli 2005, 10:37

Liebe Konsumkritiker,
einerseits kann ich Bernds Melancholie gut nachvollziehen: Bei den allermeisten Spielen entsteht heute keine intensive Beziehung mehr. Sie werden tatsächlich "verkonsumiert".
Aber in ein paar wenigen Fällen entwickelt sich ein bestimmtes Spiel dann doch zum Dauertischgast. In diesen Fällen baut man so wie früher eine enge Beziehung zu dem Spiel auf, erkundet die Verästelungen, erprobt verschiedene Spieltaktiken usw. Ich glaube, daß das in etwa so viele Spiele sind, wie man früher insgesamt gekauft oder gespielt hätte.
Per Saldo heißt das: Man kann pro Jahr vielleicht zwei oder drei Spiele "lieben" lernen. Heute wählt man sie aus dreißig Spielen aus, die man pro Jahr ausprobiert. Früher waren es stattdessen genau die zwei oder drei Spiele, die man überhaupt zu sehen bekam.
Für mich als Spieleautor ist dieser Zustand natürlich schöner als der frühere. Wenn - sagen wir - 50 Leute gute Spiele erfinden, und wenn die großen Verlage pro Jahr 50 Spiele herausbringen, dann kommt rein rechnerisch jeder einmal pro Jahr zum Zuge. Wenn es nur fünf Spiele pro Jahr sind, dann kommt man stattdessen nur alle zehn Jahre einmal dran...
Schönen Gruß
Benno

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Martin

Re: Konsumgut Spiel

Beitragvon Martin » 19. Juli 2005, 10:50

Ich stimme mit Dir überein, daß ich früher weniger Spiele hatte und die dann öfter gespielt habe. Das lag vor allem daran, daß ich viel weniger Geld hatte und mir nicht alle kaufen konnte (es gab in der Regel nur zu Weihnachten das Spiel des Jahres unterm Weihnachtsbaum). Aber natürlich auch an der geringeren Auswahl und wie bei peer an der Zeit, die ich zur Verfügung hatte.
Wie ich das finde? Ich habe vor kurzem eines meiner früheren Lieblingsspiele auf ebay ersteigert: Metropolis. Mit großer Vorfreude habe ich es meiner nun erwachsenen Spielerrunde vorgestellt - und es gab eine große Enttäuschung. Nicht nur ich fand das Spiel zu simpel und zu glücksabhängig, sondern auch meine Mitspieler, die ich bisher nur an Perlen wie Puerto Rico, Funkenschlag oder Goa herangeführt hatte. Nun überlege ich, ob ich es zumindest aufhebe, bis mein Sohn alt genug ist, es zu spielen - aber andererseits gibt es schon heute so viele bessere Spiele, die auch 8-Jährige mitspielen können, daß ich bezweifle, ob Metropolis je wieder auf meinem Tisch landen wird. Ähnlich geht es mir mit weiteren Spielen aus jener Ära: Marnon, Risiko, Karriere, Zahltag, Spiel der Nationen, Teufelsdreieck.
Mit der Auswahl der heutigen Zeit gehe ich so um, daß ich den Ehrgeiz entwickelt habe, eine Spielesammlung aufzubauen, in der es für jede Runde, Uhrzeit, Zeitspanne und Laune das richtige Spiel gibt. Dank den Neuentwicklungen kann ich jetzt mit meinen alten Veteranen ein ganzes Wochenende Twilight Imperium III oder Seven Ages spielen, an einem Abend mit "neugewonnenen" Spielern Funkenschlag oder Wallenstein, mit meiner Frau und meiner 16-jährigen Nichte Carcassonne oder Fische Fluppen Frikadellen, und hoffentlich irgendwann mit meinem Jüngsten das Waldschattenspiel oder Squad Seven ausprobieren.
Mein Fazit also: Durch das größere Angebot werden mehr Leute erreicht. Vor 20 Jahren hätte ich mit meiner Frau kein einziges der oben genannten Spiele spielen können, heute aber kann ich sie durchaus einmal überreden. Wäre meine Nichte nur mit den alten Kamellen und nicht mit Siedler von Catan aufgewachsen, wer weiß, ob sie dann eine begeisterte Spielerin geworden wäre. Und: Könnte ich meine anspruchsvollen Kollegen mit Altbackenem wie Monopoly zum Spieleabend bewegen?


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